Brunnen-Debatte III: Die Inschriften dokumentieren die Geschichte der Stadt. Doch der Zahn der Zeit nagte am Brunnen, so dass die Texte kaum noch zu lesen waren. Aber hier!

Abbau des Tisa-Brunnens 2020; Foto: DZ entnommen

Von Wolf Stegemann

Um den Tisa-Brunnen am Marktplatz, den die Stadt entfernen ließ, entstand vor Wochen eine öffentlich hart geführte Debatte über den Sinn dieses Brunnenkunstwerks der Dorstener Künstlerin Tisa von der Schulenburg (Foto), die als S. Paula im Ursulinenkloster lebte. Die Meinung der Verwaltung und Politik, den Brunnen nicht als ganzheitliches Kunstwerk zu sehen und es daher auseinanderzunehmen, stieß auf großen Widerstand in der Bevölkerung und auch von Kunstkennern, nicht aber beim Kunstbeirat der Stadt und im Stadtrat. Doch die anhaltende Kritik auch am Kunstverstand der Gremien in diesem Falle wird die Lokalpolitiker hoffentlich zur Einsicht bringen, den Brunnen, der in den 60 Jahren seines Bestehens am Ende einer umfassenden Restaurierung bedarf, wieder aufzustellen. Zu hoffen ist aus Sicht der meisten Dorstener, die sich geäußert haben, dass zumindest eine Replik des originalen Tisa-Brunnens wieder aufgestellt wird.
Immer wieder tauchte in den Debatten der Hinweis auf, dass der Brunnen über die Geschichte der Stadt und ihrer Menschen berichtet. Doch lesbar waren etliche Texte wegen seines Verfalls kaum noch. Daher veröffentlichen wir hier die Texte von Sr. Paula, die, in Stein graviert zusammen mit bildnerischen Darstellungen den Brunnen zum Kunstwerk machen. Die auf dem Brunnenrand in Beton eingeritzten chronologisch angeordneten Texte sind hier in der originalen Schreibweise mit Punkt, Komma und Abkürzungen wiedergegeben. Wie der gesamte Brunnen, so ist auch in den Texten als Ganzes Sr. Paulas „Handschrift“ erkennbar, ihr Denken und ihr Fühlen für die Stadt, in der sie 51 Jahre lang lebte. Das kommt besonders in den Texten über die Zeit des Nationalsozialismus, über den Widerstand und den Wiederaufbau danach zum Ausdruck. Dazu äußerte sich Sr. Paula 1963:

„Gerne hätte ich neben die Namen von Brüning und Klausener und Galen noch andere gesetzt. Sie müssen für die Vielzahl derer stehen, die untergingen, um uns ein freieres Dasein zu ermöglichen. Darum stehen auf dem Brunnenrand die Zahlen derer, die aus dieser Stadt im Kriege ihr Leben ließen.“  

Die Texte:
Von den Römern bis zur Rückkehr des letzten Dorstener Kriegsgefangenen

Römerlager in Holsterhausen. Zeit um Christi Geburt Kaiser Augustus. Durstina Gruppensiedlung nördlich der Lippe von ca. 100 bis 1000. Wahrsch. Fränk. Chamaven. Durstinion. Einzelhofsiedlung südlich der Lippe.

Dorsten führt das alte Kur-Cölner Wappen. Der goldene Schlüssel ist das Zeichen d. Hl. Petrus, Patrons d. Cölner Doms.

Landeshoheit der Cölner Kurf. erlischt 1802. Französisch unter Louis Bonaparte 1809 bis 1813. Preußisch 1815 bis 1945. Bistum Münster eingegliedert 1823, eingemeindet Dorsten-Hardt 1929 von Hervest-Dorsten 1943.

Wer aus dem Felde flüchtig wurde, wenn der Rat beschlossen hatte, mit dem Feinde zu streiten, verwirkte all sein Gut und durfte niemals wieder nach Dorsten kommen.

Jeden, der von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten, wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird nicht mehr dürsten in Ewigkeit. Vielmehr das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einem Quell von Wasser werden, der sprudelt ins ewige Leben.

Am 1. Juni 1251 verlieh Conrad v. Hochstaden Erzb. v. Cöln der „Villa Durstine“ Stadtrechte. Aus Hofeshörigen wurden freie Bürger mit dem Recht, die Stadt zu befestigen und Waffen zu tragen. Eingliederung der Stadt Dorsten in Amtsverband Hervest-Dorsten 1937.

1588 Sieg über Philipp v. Oberstein, obschon die Kriegsvölker das Essener Tor bereits innegehabt, des Feindes Tambour schon auf der Mauer Viktoria geschlagen und die Bürger nicht mehr als sie inwendige Pforte, das Fallthor mit einem nächst der Pforte stehenden Düngerwagen für sich gehabt – thaten dieselben doch durch Gottes Gnade, männlich und ritterlich Widerstand, schafften Männer und Frauen, Knechte und Kinder aus den Brauhäusern heißes Wasser auf das Tor, Steine und Öl und setzten mit starker Defension dem Feinde dergestalt zu, daß er zurück weichen mußte. 1583 waren die Holländer zweimal besiegt worden.

Anno 1641 den 20. September, ist diese Stadt Dursten, welche der Landgraf von Hessen an die neun Jahre innegehabt, bei der Regierung Ferdinandi d. III. röm. Kaiser und Ferdinand Erzbischof zu Cöln, durch Ihro Kais. Majestät Feldmarschall Grafen v, Hatzfeld nach langweiliger und starker Belagerung erobert und wiedergewonnen worden. Gegen 30 Kanonen waren in Tätigkeit gewesen, 900 Granaten von 120 oder gar 180 Pfund eingeworfen worden. Der jämmerliche Ruin läßt sich ermessen.

1260 Festung Wall und Graben. 1301 zerstört worden. Die Muyren weder afgebroken. 1306 neu erbaut. Schlüssel zu den Hochstiften Münster und Cöln. Vornehmster Lippepaß. Hauptbollwerk  der Macht der Hessen in Dreißigjährigen Krieg. 1674 Festung geschleift.

St. Johannes der Täufer. St. Agatha –Patrone der Pfarrkirche. St. Nikolaus Patron der Schiffahrt und der Hanse. Nach der Legende erweckte er drei Knaben aus einem Faß.

Von den Strytvydage. Streitfeier zur Erinnerung an herrl. Sieg. In Fehde mit Adel 1382. Nach 1588 wurden beide Siege mit hergebrachten Solemnitäten  an einem Tage gefeiert. 1771 wegen Mißbräuchen verb.

Alte Gilden: Fleischhauer, Wullenwewer, Tymerlude, Schiffbauer, Schneider, Kaufleute, Peiser, Leineweber, Bäcker, Schumacher, Schmiede, Wagner, Sieche und Aussätzige mußten vor der Stadt in Seikenkotten wohnen.

Mesterschole 1337, Hospital um 1350, Seikenkotten um 1400, Beghinenhof um 1400, Witwenhaus 1484, Franziskaner 1488, Armenhaus 1570, Gymnasium Petrinum 1642, Ursulinen Mädchenschule 1699, Franziskanerinnen St. Elisabeth-Hospital 1850.
Diakonissen in Gemeindedienst und Kinderheimat 1912. Franziskus-Schwestern v. d. Familienpflege.  1923 St. Anna-Stift. Hiltruper Missions-Schwestern 1924.

Nicht in Kleinmut verzagen, sondern vertrauen. Prymundus Dem.

Dorsten ist wieder da! Fleiß und Lebenswille, Treue und Heimatliebe haben die zerstörte Stadt wieder aufgebaut. Bürgermeister P. Schürholz.

Zeche Fürst Leopold Baldur abgeteuft 1910 bis 1913. Heute Abbau bis 990 Meter tief. Groß-Dorsten und Herrlichkeit stellt den alten Stamm der Belegschaft. Noch gilt heute das Kameradschaftsgedinge, d. nur Leistung der Gemeinschaft bewertet.

Bedeutender Handel geht über die Lippebrücke. Für alle durchpassierenden Fremden Wagen muß Brücken- und Wegegeld bezahlt werden. Schiffe und Flöße fuhren von Ost nach West und mußten Zoll zahlen. Wochenmärkte belebten Handel und Verkehr. Montags-, Katharinen-, Johannes- u. Nikolaus altberühmt.

Dorstener Daten: Evang. Kirche 1854; Kreissparkasse 1855; Kolping 1861; erste Eisenbahn 1874; evang. Schule 1887; KAB Hervest 1901; Gewerkschaft 1910; Zeche Fürst Leopold Baldur 1913; Steinkohlengas AG 1955.

Am 30. August 1761 wurde die Stadt, die von den Franzosen besetzt war, von 9 Uhr früh bis 3 Uhr nachmittags mit zwölf schweren Kanonen beschossen und von Obrist Huth mit 4000 Hannoveranern im Sturm genommen. 30 Häuser und neun Scheunen gingen in Flammen auf. 300 Dorstener gefangen.

Gegen Ende des zweiten Weltkrieges, der zur Ausbreitung der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft über Europa entfesselt worden war, am 22. März 1945, zwischen 14.15 und 14.30 Uhr, wurde die Stadt von engl. Bombern zerstört, Feuer und Schwefel fielen vom Himmel. 324 Zivilisten, 49 Fremde kamen ums Leben.

Die den Greuel der Verwüstung überlebten, schlugen an ihre Brust, widersagten für alle Zukunft der Überhebung und Gewalttat, bekannten sich zu einem armen dun bußfertigen Leben und erflehten für sich, ihr Volk und die Menschheit die Gnade der Umkehr und des Friedens. H. Spaemann

Zweiter Weltkrieg gefallen und gestorben: 870 Soldaten.
Im Lazarett und Luftangriff 204 ausw. Soldaten. Vermißt 667 Soldaten, 79 Zivilisten. Es wurden vertrieben 45 jüd. Bürger der Stadt. Gest. 634 engl. Gefangene und Zivilisten. 614 Russen.

Im Roten Meer ertrunkene Ägypter: Sinnbild des Untergangs, Durchzug der befreiten Israeliten. Sinnbild der Erlösung.

Lasset uns singen dem Herrn, denn herrlich tat seine Größe er kund. Roß und Reiter warf er ins Meer. Als Helfer und Schützer ward er mein Heil. Mein Schutzgott er. Ich rühme ihn, meines Vaters Gott. Ich erheb ihn.

Durch das lodernde Feuer wurde die Stadt vernichtet. Durch das Feuer der Herzen erstand Dorsten zu neuem Leben. P. Gerold

Kriege zerschmettert er Herr. Sein Name ist: Herr. Wer ist Dir gleich, der so mächtig, so heilig? Du hast geleitet durch Deine Barmherzigkeit Dein Volk, das Du erlöst, und hast sie geführt durch Deine Stärke.

Vogelplakette d. alten St.-Nikolaus-Schützen. Schützen-Gilden seit 1551.

Ungebetene Gäste: Dietrich v. Cleve 1301 zerstört, Ludolf v, Steinfurt plündert 1303. Clevisches Corps führt100 Bürger gefangen ab. Die Pest 1587, 1589, 1599.

Spanier Franz de Velasco erzwingt Einquartierung 1598. 1622 der tolle Christian. 1629 Obrist v. Erwitte zur größten Belästigung. 1633 Hessen durch Verrat.

Schweden Obrist Ställhandske kaiserl. Besatzung – 1650. Contribution, drückende Not, 1699 ein Menschenfresser. 1673 franz. Corps v. Turenne 1735 Preusse, Franz. 1741 bis 1743, 1758 Franz, 1759 Hessen, Albizy: Kaiserl. Winter, Kälte, Hunger. Franz. Durchmärsche 1806 bis 1812.

Dorstener, zu den Waffen gepresst, mit nach Russland, Napoleon rastet auf Flucht. 1813 im Kohlhaus. 1923 bis 1925 belgische Besatzung. Inflation 1923 bis 1925, 1933 bis 1945 (Hakenkreuz). 1945 bis 1947 Hunger – Elend.

Gästebuch der Stadt: Gebetene Gäste: Heiliger Suitbert nach Legende. Conrad v. Hochstaden. Kurfürst Clemens August stiftet Dorstens Glocken 1750 Schlaun, Architekt erbaut Haus Beck. Prinz Ferdinand inspiziert Truppen, Goethe genießt „Eines Glases“ Wein auf Durchfahrt durch Münster. Kurfürst Maximilian. Franz auf Flucht. Erich Klausener Landrat 1919 bis 1924. Reichkanzler Brüning warnt 1932 vor d. Nazis. Auf Priesterkonferenz Kardinal v. Galen, Clemens August, Bischof v. Münster, letzter Besuch 1945. Dorstens Glocken kehren wieder 1945.

Nebst vielen anderen aus dem KZ zurück August 1945 H. H. Laurenz Schmedding, Rektor v. St. Ursula. Als letzter Spätheimkehrer Paul Gnotzowski aus russ. Gefangenschaft 19. 12. 1955. 7094 Flüchtlinge.

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Anmerkung: Zur Stadtgeschichte sind meist nur Stichworte und Namen angegeben. Wer über die Ereignisse, die hinter den Stichworten und Namen stehen, könnte versuchen, die jeweiligen Geschichten im Dorsten-Lexikon zu finden. Dort sind aktuell 3493 Artikel bzw. Eintragungen nachzulesen. www.dorsten-lexikon.de.  Dann einfach nur  den Begriff als Suchwort eingeben. – Quelle: „Eine Sparkasse bauteihrer Stadt einen Brunnen“, hg. vonLudwig Poullain, o. J. (vermutl. 1962).
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