Bauer Aloys Große Boes stritt dickköpfig gegen Stadt und Behörden und verlor dabei Haus und Hof

Von Wolf Stegemann

Aloys Große Boes hatte seinen Bauernhof von den Eltern geerbt. Er lag im Grenzgebiet Lembeck-Wulfen, Flur Wittenberg. Von dort aus lief der streitbare Bauer mit oder ohne Recht, aber immer mit westfälischem Dickschädel, gegen Behörden und Institutionen Sturm. Hier lagen die Schwierigkeiten, die er bekam, weil er nicht aufhörte, gegen den Rest der Welt auf seine Art zu kämpfen.

Aloys Große Boes sperrte einen öffentlichen Weg mit einem Erdwall und legte sich darauf, um die behördlich angeordnete Beseitigung zu verhindern.

Aloys Große Boes, geboren 1931 in Lembeck, gestorben 1997 in Dorsten, missachtete dabei jegliche (verwaltungs-)rechtlichen Spielregeln. Denn sein Vieh zu versorgen, das er am Ende allerdings verlor, war ihm wichtiger als Rechtsmittel gegen die vielen Verfügungen einzulegen, die gegen ihn ergangen waren. Dass er sich mit dieser Einstellung Tausende von Mark hatte pfänden lassen müssen, gehörte bei ihm zur Tagesordnung. Er glaubte, sich im moralischen Recht zu befinden, von dem aus er das juristische Recht für sich ableitete. An Große Boes prallte so gut wie alles ab, was die Stadt Dorsten, die Entwicklungsgesellschaft Wulfen, die Bäuerliche Bezugsgenossenschaft, die Landwirtschaftskammer, Versicherungen u. a. durch Erlasse, Ordnungsverfügungen, Zwangsgelder, Mahnbescheide und Pfändungen in den 1980er Jahren an ihn herantrugen. Doch das war nicht immer so.

In Behörden und Gesellschaften sah er seine Feinde

Geschäftsführer der EW Eberhard Auras

Sein Bauernkrieg gegen die Obrigkeit fing etwa 1958 an, als er mit einem Anhänger voller Kartoffeln auf den Hof fuhr, der noch seinen Eltern gehörte. Diese saßen an jenem Tag verstört am Tisch, seine Mutter weinte. Vertreter der Entwicklungsgesellschaft Wulfen (EW), allen voran Geschäftsführer Auras (1914-2012), hatten seine Eltern vor die Wahl gestellt, entweder Hof und Grund an die EW freiwillig zu verkaufen oder enteignet zu werden. Für die Neue Stadt Wulfen brauchte die Entwicklungsgesellschaft Bauflächen. Der Wittenberger Damm sollte durch seinen Besitz geführt werden. Dass die Verantwortlichen der Entwicklungsgesellschaft nicht gerade zimperlich mit Bauern umgingen, die ihren Hof behalten wollten, war landauf  landab bekannt. „Freiwillig verkaufen“ und „Zwangsenteignung“ waren für den damaligen Jungbauern Aloys das Schlüsselerebnis. Von da an sah er Behörden und Gesellschaften als seine Feinde an, zuerst noch mit wachem Blick, der dann immer trüber wurde. Weder damals noch später gab er Boden als Bauland her. „Jeder hat Brot nötig“, sagte er damals, „aber dem Landwirt wird Stück für Stück Boden abgenommen, auf dem das tägliche Brot gedeiht.“

In seinem Kleinkrieg bekam auch die Kirche was ab: „Unser täglich Brot gib uns heute. So beten wir. Doch wie sieht es in der Praxis aus?“ Er kritisierte, dass die Antoniusgemeinde in Holsterhausen zwei Morgen Land mit Gestrüpp an die Entwicklungsgesellschaft abgegeben hatte und dafür 14 Morgen Weideland und „eine Schubkarre Geld“ erhalten hätte. Die Streitfälle waren mannigfach und kaum noch zu überblicken. Hauptgegner seines Zorns waren die Stadt Dorsten und die Entwicklungsgesellschaft Wulfen, von denen er sich „vorsätzlich betrogen“ fühlte.

Erläuterung: Die Karte stammt aus dem Besitz des Bauern Aloys Große Boes, die er als Kopien verteilte. Links im Bild (1) ist die Häuseranordnung des Bauernhofs Große Boes zu sehen. – Die dick umrandeten Flächen gehören zum Hof Große Boes. Die Fläche „Wittenberg“ in der Bildmitte (2) ist der Zankapfel zwischen Große Boes und der Entwicklungsgesellschaft Wulfen gewesen, da durch dieses Feld die Verlängerung des „Wittenberger Damms“ (3) geführt werden sollte (rechts schräg nach oben führend). Aloys Große Boes schrieb protestierend dazu: „Führt mitten durch das / tägliche Brot“. Offensichtlich hat Große Boes mit der EW 1981 eine Ersatzstrecke verhandelt, die rechts außerhalb seines Wittenberg-Feldes vorbeiführt (4). Dazu schrieb er auf den Plan: „20. 3. 1981 fest verhandelt (Unterschrift) A. Gr. Boes“. – Die Karte stellte für diese Veröffentlichung freundlicherweise Wulfen-Wiki zur Verfügung.

Der streitbare Bauer hätte professionelle Hilfe und Nachsicht gebraucht 

Aloys Große Boes verstrickte sich immer mehr in spektakuläre Aktionen und kannte keine Grenzen mehr. Er verlor die Kontrolle über sich selbst und sein Tun. 1983 ließ er 15 Morgen Wald östlich des Middlicher Mühlenbachs roden, um mit den Baumstümpfen die Wege beiderseits der gerodeten Waldfläche zu blockieren. Für die Umwandlung von Wald- in Nutzflächen (Acker-, Bau- oder Weideland) hätte er nach dem Landesforstgesetz eine Genehmigung gebraucht. Dass er keine hatte, störte den Landwirt nicht, auch nicht, dass ihm die gesamte Waldfläche gar nicht gehörte, sondern der Entwicklungsgesellschaft Wulfen. Damit hatte der Landwirt ein neues Kapitel in seiner Auseinandersetzung mit der Entwicklungsgesellschaft aufgeschlagen. Diese erstattete Anzeige wegen Schädigung fremden Eigentums und Diebstahls und verklagte den streitbaren Bauern auch zivilrechtlich.

Bereits Jahre zuvor hatte Große Boes in diesem Bereich widerrechtlich einen Baumbestand aus Fichten und Eichen-Birken-Niederwald abschlagen lassen. Er gab an, das Holz für Heizzwecke verwendet zu haben. Damals war er aufgefordert worden, mit staatlichen Zuschüssen Neuanpflanzungen vorzunehmen. Große Boes sagte den Behörden, dass er den Wald natürlich und ohne seine Hilfe aufwachsen lassen wolle. Die Behörden vermuteten, dass er die erneute Rodung eines etwa sechs Fußballfelder großen Waldes vornahm, um landwirtschaftliche Nutzfläche zu erhalten, denn er ließ auch die Baumstümpfe und das Wurzelwerk entfernen.

Nach seiner Androhung, das über sein Anwesen verlegte Telefonkabel zu zerhacken, wenn ihm sein wegen Zahlungsrückständen gesperrtes Telefon nicht wieder angeschlossen werde, weitete sich der „Behördenkrieg“ des Lembecker Landwirts verschärft aus. Einen von ihm durch einen Erdwall widerrechtlich versperrten öffentlichen Weg (öffentliches Wegerecht), der durch seinen Besitz führte, wollte er trotz Verfügung des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen nicht wieder beseitigen. Eine daraufhin am 22. März 1983 von Amts wegen angerückte Arbeitertruppe musste unverrichteter Dinge wieder abziehen, weil Große Boes durch neue Sperranlagen eine Beseitigung des Erdwalls unmöglich machte und sich auf den Wall legte.

Er kam aus seiner Situation nicht mehr heraus

Ignatz Bubis hörte sich die Beschwerden an.

Große Boes forderte auf allen Versammlungen und Veranstalungen zwischen Altendorf-Ulfkotte und Rhade, ob städtische oder private, Rederecht, um auf seinen Kampf Bauernscholle gegen Kapitalisten-Baugrund aufmerksam zu machen, in den er auch den Bundespräsidenten, den Ministerpräsidenten, den Münsterschen Bischof und andere mit hineinzog und sie manchmal auch beleidigte. Verfassungsschutz, Landes- und Bundeskriminalamt kamen des Öfteren, um zu ermitteln, wer Große Boes sei, und ob von ihm eine Gefahr ausgehe. So mancher Versammlungsleiter ließ ihn von der Polizei aus Sälen entfernen. Als bei den „Dorstener Herbstgesprächen“ 1994 der Vorsitzende des Jüdischen Zentralrats, Ignatz Bubis, in Dorsten anwesend war, erbat Große Boes, Bubis sein Anliegen darstellen zu dürfen. Die Erlaubnis bekam er. Beim Gespräch stand auf Tuchfühlung ein Personenschützer vom Landeskriminalamt neben Große Boes und ließ ihn keinen Moment aus den Augen.

Schon mal Prügel angedroht: Bernhard Loick

Sein Intimfeind war der Dorstener Politiker und Lembecks Ex-Bürgermeister Bernhard Loick, der dem Bauern Große Boes auch mal Prügel androhte. Daraufhin beantragte Große Boes Polizeischutz. Zum jährlichen traditionellen Bauernreffen in Dorsten kam Große Boes verspätet, fand keinen Platz und setzte sich in der ersten Reihe auf den freien Stuhl des gerade auf dem Podium befindlichen Redners. Als der Redner, der stämmige Bauernfunktionär Overbeck, auf seinen Sitzplatz zurück wollte, er Große Boes aufforderte, den Platz zu räumen, dieser mit den Worten „aufgestanden, Platz vergangen“ sitzen blieb, packte ihn der von seiner Statur her dem Große Boes überragende Bauernführer, nahm ihn in den Schwitzkasten und zog ihn nach draußen.

Auch Stadtdirektor Dr. Zahn war Ziel der Attacken

Im Büro des Stadtdirektors Dr. Zahn warf Große Boes einen schweren Kristallaschenbecher durch das geschlossene Fenster und in der Lembecker Kirche schüttete er einen Sack Korn zwischen die Stuhlreihen, um aufmerksam zu machen, dass es der Bauer sei, der das Volk ernähre und nicht die Pfarrer. Solche Aufzählungen ließen sich fortsetzen.

Anfang der 1980er Jahre sollte er eine baufällige Hütte auf seinem Grund wegen aufgehobenem Bestandsschutz abreißen. Er tat es nicht, weil seine Eltern diese nunmehr alte Hütte 1945 für schlesische Flüchtlinge ohne Baugenehmigung – aber mit zwischenzeitlicher Duldung – errichtet hatten. 40 Jahre später schickte ihm die Stadt eine Ordnungsverfügung mit Androhung von Zwangsgeld. Da er weder Rechtsmittel einlegte noch das Zwangsgeld zahlte, pfändete ihm die Stadt das Milchgeld bei der Molkerei. Die Liste der Vorfälle und gegenseitigen Sticheleien ist lang. Große Boes, verheiratet, drei Kinder, verlor sich immer tiefer im Strudel von Paragrafengestrüpp und Selbstzerstörung.

In der Bevölkerung regten sich vereinzelt auch Stimmen für ihn. Menschen, darunter der Rhader Dirk Hartwich und seine Freunde, wollten ihm und seiner Familie helfen, aus dem Strudel, in den er hineingeraten war, wieder herauszukommen.  Letztendlich ließ Aloys Große Boes sich nicht helfen.

Der Grabstein auf dem Friedhof in Wulfen; Foto: Christian Gruber

Feuer vernichtete den Hof – Angst, man wolle ihn vergiften

Wegen Überschuldung wurde sein Hof zwangsversteigert, die Entwicklungsgesellschaft Wulfen bekam ihn so doch noch. Danach brannte das Anwesen 1984 ab. Große Boes und seine Frau wurden in eine Hochhaus-Wohnung in Barkenberg eingewiesen. Es wurde still um ihn. Nur einmal noch meldete er sich bei einem Redakteur der örtlichen „Ruhr Nachrichten“. Da kam er gerade von seinem Anwalt. Die verbale Auseinandersetzung im Büro des Anwalts war entgleist. Nach seinen Angaben hätte ihn der Anwalt mit einer Blumenvase abgewehrt. Blutüberströmt kam Aloys Große Boes in die Redaktion, um sich zum Beweis ablichten lassen zu wollen. Anderntags rief er aus dem Sixtus-Krankenhaus in Dorstens Nachbarstadt Haltern an. Im Dorstener Krankenhaus wollte er sich nicht behandeln lassen, weil er glaube, man würde ihn dort vergiften. – Aloys Große Boes starb 1997.

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  • Entnommen dem in Kürze erscheinenden „Dorsten-Lexikon“.

 

 

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3 Kommentare zu Bauer Aloys Große Boes stritt dickköpfig gegen Stadt und Behörden und verlor dabei Haus und Hof

  1. DaWae sagt:

    Der Artikel ist gut gelungen (wird dem Andenken an Große Boes wirklich gerecht). Ich würde gerne hinzufügen, dass die EW einen Elektriker aus Marl beauftragte, die Stomleitung zum Hof durchzutrennen, was natürlich nicht legal war, da diese der VEW gehörte und die Stromrechnung laut Hauptbetriebsstelle in Bochum auch bezahlt war. Die VEW stellte hierauf Strafanzeige. Auch erlitt Herr Große Boes einen Herzinfarkt, während er wiederholt seinen Hof verteidigte (nach eigener Aussage vertrieb er sogar Polizisten mit einer Mistgabel von seinem Hof). Nur um die Herangehensweise der EW noch einmal zu unterstreichen. Ein weitere Grund für die Ablehnung eines Ausgleichs zwischen Große Boes und der EW war, dass der Bauer Sz. zuvor mehr Land von der EW zugesprochen bekam als Große Boes.

  2. Bürger sagt:

    Tragisch, dieses Schicksal eines Mannes, der nun einmal nicht „mainstream“ war und nicht so handelte, wie es die Behörden verlangten. Keine Hand, die sich ihm hilfreich entgegenstreckte, nur Häme. Wer hat denn letztlich davon profitiert?

  3. M. Ch.Neuhaus sagt:

    Obgleich ich den Fall Große Boes noch gut in Erinnerung habe, waren mir viele Details nicht bekannt. Auch nach so vielen Jahren den Fall nachzulesen, ist für mich erschütternd. Die Behörden und Politiker hätten durchaus diesem Mann, der sich so verstrickt hatte, helfen können. Stattdessen kommt bei mir der Verdacht auf, dass „man“ ihn durch Gewährung von Krediten bewusst „ins Messer hat laufen lassen“, um doch noch in den Besitz des dann überschuldeten Hofes zu gelangen. Ein trauriges Schicksal für ihn und seine Familie – und traurig für unsere Ellenbogen-Gesellschaft.

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