Tagelang stinkendes Dieselöl auf dem Kanal: Behörden gehen Hinweis aus der Bevölkerung nicht nach – eine Schilderung

Sichtbare Ölschlieren auf dem Kanal; Foto: Wolf Stegemann

Von Wolf Stegemann

Nachdem das Sturmtief „Ulli“ am 3. Januar 2012 in der Nähe der Östricher Brücke das Tankschiff „Rita“ gegen die Spundwand des Kanals krachen ließ, lief der Dorstener Mario Ballin per Telefon und E-Mails Sturm bei den Behören, weil er auf dem Kanal zwischen Hardtbrücke und der Hochstadenbrücke einen riesigen Ölfilm schwimmen sah. Denn die Kollision mit der Spundwand hatte ein Leck in das Schiff geschlagen, aus dem – wie die Feuerwehr gegenüber dem WDR schätzte – rund 1.000 Liter Dieselöl ausgelaufen waren.

Keine Folgen hatten allerdings die Telefonate Mario Ballins mit der Dorstener Polizei und ein Anruf am 5. Januar beim zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamt in Duisburg-Meiderich. Der erste Anruf bei der Polizei ging dort wohl unter, beim zweiten Anruf wurde dem Dorstener versprochen, die Dorstener Feuerwehr zu benachrichtigen. Ob dies geschah, konnte bislang nicht geklärt werden. Fest steht nach Aussagen der Feuerwehr, dass diese erst am 10. Januar informiert wurde. Nicht von der Polizei, sondern von dem Mitglied des Yachtclubs am Kanal, Eberhard Hasse.

Dieser gab der clubeigenen Toilette einen neuen Anstrich, als zwei Mitarbeiter von DORSTEN-transparent sich am Yachthafen davon überzeugen wollten, ob der Ölfilm noch zu sehen war, den der anhaltende Westwind von der Innenstadt Richtung Schleuse gedrückt hatte. Es schillerte und schimmerte und roch auch leicht übel. Eberhard Hasse rief, als er merkte, hier geschieht was Öffentliches, nicht nur seinen Vorsitzenden an, sondern auch die Feuerwehr, was finanzielle Folgen für den Yachtclub haben könnte. Bereits für den Nachmittag des Tages meldete sich bei Mario Ballin ein Kamerateam des WDR-Studios Münsterland an, um über das Öl auf dem Kanal und das mangelnde Interesse der Behörden in „Lokalzeit“ zu berichten.

Mario Ballin hatte nicht nur den WDR in Münster informiert, der sich der Sache annahm, sondern auch die Bild-Zeitung und die Dorstener Zeitung. Die Dorstener Zeitung berichtete am 10. Januar über das schwimmende Dieselöl, WDR-2 ebenfalls an diesem Tag in den 8.30 Uhr-Nachrichten. Daraufhin informierte Ballin auch DORSTEN-transparent.

Fernsehen da: Plötzlich kamen sie alle

Aufgeschreckt durch Anrufe der WDR-Journalistin Nora Abu-Oun, die sich mit ihrem Kameramann und O-Tonmann anmeldete und Fragen stellte, rückten im Laufe des Nachmittags aus allen Himmelsrichtungen Behördenleiter, Dienstleiter, Amtsleiter aller möglichen zuständigen Stellen an, um ihrerseits interessiert nachzufragen, was denn hier los sei. Wasserschutzpolizei, Untere Wasserbehörde Recklinghausen, Wasser- und Schifffahrtsamt Duisburg-Meiderich, Ordnungsamtsleiter Köllmann und Pressesprecherin Bauckhorn sowie viele Feuerwehrleute gaben sich ein Stelldichein am Yachthafen. Alle waren höchst erstaunt über die tagelang von ihnen unbemerkte Verunreinigung des Kanals durch Dieselöl. Aber das war es denn auch schon!

Alle nahmen es zu Kenntnis, was sichtbar war und übel roch, doch keiner wollte vor der WDR-Kamera eine Aussage machen, warum welche Behörde die Meldung Mario Ballins nicht ernst genommen hatte und beizeiten tätig geworden war. Schulterzucken. Das Deuten von einer Behörde auf die andere, es waren ja viele beteiligt und anwesend, und dann das beredte Schweigen, das Nichtssagenwollen und -können, das Achselzucken. Als die WDR-Journalistin den Dorstener Ordnungsamtleiter fragte, woran es den liegen könnte, dass keine Behörde tätig wurde, sagte dieser, darüber könne und wolle er nichts sagen. Die TV-Journalistin: „Dann sagen wir im Film, dass vor der Kamera von Ihnen keine Auskunft zu erhalten war“. Diesen journalistisch üblichen Hinweis nahm die daneben stehende Pressesprecherin zum Anlass, der WDR-Journalistin „Nötigung“ vorzuhalten.

Die Feuerwehr sagte auch nichts. Sie verwies auf irgendeinen Pressesprecher, nur der dürfe was sagen. Der sei aber nicht da. Obgleich die anwesende und ebenfalls nichts sagende städtische Pressesprecherin der WDR-Journalistin bei deren Anruf erklärt hatte, sie sei auch Pressesprecherin der städtischen Feuerwehr.

Der leitende Vertreter des Wasser- und Schifffahrtsamtes durfte wohl gefilmt werden, Tonaufnahmen hatte er untersagt, was eigentlich ohne Bedeutung war, denn er sagte sowieso nichts. Auch ein Beamter der Wasserschutzpolizei, der als letzter dazukam, sagte etwas ungehalten lediglich, dass er nichts sagt. Als sich etliche Behördenvertreter hinter Bäumen zu ihren Fahrzeugen zurückzogen und augenscheinlich miteinander Gespräche führten, bei denen die Presse nicht dabei sein sollte, erinnerte dieser Anblick der tuschelnden Behördenvertreter in ihren signalgelben und gelbroten und grünen Jacken an ein scheinbar konspiratives Treffen hinter Bäumen.

Schließlich sagte doch einer mehr als die anderen. Götz Fischer, Leiter der Unteren Wasserbehörde beim Kreis Recklinghausen, der von der Schiffshavarie und dem Auslaufen des Dieselöls ebenfalls nicht informiert worden war, obgleich er hätte informiert werden müssen, erklärte den vorgeschriebenen Informationsweg unter den Behörden. Auf die Frage, warum denn dieser nicht eingehalten wurde, antwortete Fischer: „Dazu kann ich nichts sagen!“

Bert Brecht: „Die Nichtssager“

Natürlich kann und will er nichts sagen, denn dann würde man schnell herausfinden, von welcher Behörde die Informationskette, die bei solchen Anlässen vorgeschrieben ist, unterbrochen wurde. Der Eindruck, dass die anwesenden Behördenvertreter wussten, welche Behörde geschlampt hat, verstärkte sich immer mehr. Nicht auszudenken, wenn ein größerer Schaden für Natur und Tierwelt entstanden wäre und die Behörden davon tagelang nichts gewusst hätten. Zwischen dem 3. Januar, als das Dieselöl auslief, und dem 10. Januar, als die Behörden den Kanal erstmalig in Augenschein nahmen, lagen sieben Tage. In dieser Zeit hatte sich der größte Teil des breiten Ölfilms bereits durch Wärmeverdampfung aufgelöst.

Brecht schrieb „Die Ja-Sager und die Nein-Sager“. Hätte er die nichts sagenden Gespräche miterlebt, er wäre für ein neues Stück inspiriert worden: „Die Nichtssager“ Das hätte ihm gefallen.

Nicht gefallen wird dem Vorsitzenden des Yachtclubs, wenn er jetzt zur Kasse gebeten wird, und somit vielleicht der Einzige ist, der materiellen Schaden davontragen wird. Denn der Einsatz der vielen städtischen Feuerwehrwagen, die an jenem sonnigen Nachmittag am Yachthafen erschienen sind, muss nach dem Motto „Wer die Musik bestellt, der zahlt!“ auch berappt werden – auch wenn die Feuerwehr nicht tätig geworden ist. Der Yachthafen, in den der Wind das Öl vom Kanal hinein blies, ist nämlich privates Areal. Doch der Vorsitzende hofft, dass Bürgermeister Lambert Lütkenhorst dem Yachtclub die bereits vor Ort angekündigte Gebührenzahlung erlassen wird.
________________________________

Der Beitrag von WDR 3 Lokalzeit vom 11. Jan. 2012 zum gleichen Thema kann unter www.wdr.de aufgerufen werden.

Dieser Beitrag wurde unter Umwelt abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Tagelang stinkendes Dieselöl auf dem Kanal: Behörden gehen Hinweis aus der Bevölkerung nicht nach – eine Schilderung

  1. W. v. Schaum sagt:

    Endlich eine Quelle, bei der der Leser wirklich Informationen über die triste Stadt Dorsten und deren Stadtverwaltung, bei der Bürgerferne groß geschrieben wird, erhält. Das hilflose Gestammel seitens des Ordnungsamtes, der Feuerwehr und der Unteren Wasserbehörde in der Lokalzeit bei WDR 3 waren wieder einmal ein Paradebeispiel dafür, wie die Behörden reagieren, wenn sie eigentlich zum sofortigen Agieren aufgerufen werden. Der Bürger hat das Recht auf Information und die Behörden die Informationspflicht.
    Die zwei Zeitungen gerieren sich mehr und mehr zu Jubelblättchen, die als wohlfeile Claquere bis auf wenige Ausnahmen alles bejubeln, was die Stadt beschließt. Kritisches seitens der Presse hat man ewig lange nicht mehr gelesen. Vielleicht ist diese Webseite ja ein Ansporn. Ich werde auf jeden Fall täglich auf die Seite „Dorsten-transparent“ schauen.

  2. Mario Ballin sagt:

    An dieser Stelle möchte ich mich von daher offiziell bei der Dorstener Zeitung entschuldigen. Mein Fehler lag darin, dass ich die Printmedien der Dorstener Zeitung nicht gelesen hatte, sondern das online Angebot verfolgte. Allerdings bekam ich auf meine Anfrage kein Feedback, was mir in diesem Zusammenhang sehr entgegen gekommen wäre, denn darauf wartete ich. Die Mitarbeiter der Dorstener Zeitung machen einen guten Job.

  3. Michael Klein sagt:

    Laut Artikel hatte Mario Ballin „nicht nur den WDR in Münster informiert, der sich der Sache annahm, sondern auch die Bild-Zeitung und die Dorstener Zeitung. Ohne Resonanz, obwohl der Rundfunk WDR-2 das schwimmende Dieselöl auf dem Kanal bereits in den 8.30 Uhr-Nachrichten gebracht hatte. Daraufhin informierte er auch DORSTEN-transparent“. Das stimmt so nicht: Die Dorstener Zeitung hatte sich bereits am Montag (9.) des Themas angenommen und in ihrer Ausgabe am Dienstag, 10. Januar, über den Dieselfilm berichtet – und damit einen Tag vor diesem Blog.

    Anmerkung von W. St.: Entschuldigung, wir haben die Textpassage geändert.

  4. Josef Brüninghoff sagt:

    Man sollte in dem Schweigen der zuständigen Behörden nun wirklich keine Konspiration vermuten. Entlastend ist doch eher zu vermuten, dass nach der alten Bauernregel verfahren wurde: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten..“ Was es allerdings nicht besser macht, sagt der Vorgang doch einmal mehr etwas über die Kompetenz der Behörden Mitarbeiter aus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.