Karneval in Dorsten – Vor dem Amtsgericht: Narren-Prinz wollte die Kette nicht mehr herausgeben

Von Wolf Stegemann

In den Tagen vor Fastnacht, zumeist am Rosenmontag und Fastnachtsdienstag war es in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts im Vest üblich, dass die heiratsfähigen jungen Männer einer Bauer- oder Nachbarschaft sich verkleideten und maskierten. Sie zogen von Haus zu Haus und bekamen Eier, Würste und Lebensmittel. In Gahlen und Üfte nennt man das heute noch „Wurstjagen“. Die Behörden verboten diesen Brauch mehrmals, weil er als Bettelei und somit als Verstoß gegen die guten Sitten und als ruhestörender Lärm angesehen wurde.

Straßenkarneval 1964

Am Fastnachtssonntag hatte der kurfürstliche Richter die Ratsherren und Gildemeister zum traditionellen Hühneressen eingeladen, zu dem die Stadt einen Beitrag stiftete. Am Fastnachtsdienstag wurde eine Strohpuppe an der Lippebrücke angezündet und in den Fluss geworfen. Aschermittwoch gaben die beiden Bürgermeister den Ratsherren und Gildemeistern ein „Aschedagessen“, für das die Stadt zehn Taler zur Verfügung stellte. Durch die Einführung des 40-stündigen Gebets an der Wende des 19.  zum 20. Jahrhundert wurden auch die letzten noch erhaltenen Fastnachtsbräuche unterbunden und waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts fast überall im Münsterland ausgestorben. Neue Impulse kamen am Ende des 19. Jahrhunderts auf, als in den Städten Karnevalsvereine gegründet und Rosenmontagszüge durchgeführt wurden, auch entwickelte sich der Vereinskarneval in den Bauerschaften.

Zu Karneval 1937 hatte die örtliche Parteileitung der NSDAP auf Anordnung der Kreisleitung allen politischen Leitern und Parteigenossen das Tragen des Dienstanzuges (Uniform) sowie des Parteiabzeichens während des Karnevals in der Zeit vom 5. bis 9. Februar verboten. Ausnahmen mussten bei der NSDAP-Ortsgruppe beantragt werden.

„Durch die Kreisleitung werden die politischen Leiter und Parteigenossen darauf hingewiesen, dass das Tragen des Dienstanzuges (Uniform) sowie das Tragen des Parteiabzeichens auf allen karnevalistischen Veranstaltungen untersagt ist“ (Dorstener Volkszeitung vom 5. Februar 1937). Weiterlesen

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Inklusion I: Dorstener Politik will an einem Strang ziehen

W. St. – In Sachen „Inklusion“ wollen in Dorsten die Grünen, die SPD und die CDU an einem Strang ziehen, obgleich das Thema von Politikern, Wissenschaftlern, Lehrern und Eltern bundesweit kontrovers behandelt wird. Über Inklusion (inklusive Pädagogik) wird derzeit viel geredet und nach Wegen gesucht, sie im Schulbetrieb zu realisieren. Unter Inklusion versteht man “im Bildungsbereich den uneingeschränkten Zugang und die unbedingte Zugehörigkeit zu allgemeinen Kindergärten und Schulen des sozialen Umfeldes, die vor der Aufgabe stehen, den individuellen Bedürfnissen aller zu entsprechen – und damit wird dem Verständnis der Inklusion entsprechend jeder Mensch als selbstverständliches Mitglied der Gemeinschaft anerkannt“ (Handlexikon der Behindertenpädagogik).

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Inklusion III: Gesellschaftliche Teilhabe Behinderter stärken, doch: Das Gleiche ist nicht für alle gleich gut

Ministerin von der Leyen: "Inklusion einfach machen" - wenn das nur so einfach wäre, wie Politiker sich das vorstellen

W. St. – Die Inklusion sei ein wichtiges Thema, das alle Schulformen betreffe, meinte Dorstens Beigeordneter Gerhard Baumeister beim Aschermittwoch-Heringstreff der Altendorfer CDU. “Es ist nicht die Frage, ob wir sie einführen, sondern wie das geht und in welchem Tempo.” – Dem hinzuzufügen wäre allerdings die noch weitgehend unbeantwortete Frage, ob und wie Inklusion zielführend realisierbar ist. Hierzu gibt es gegensätzliche wissenschaftliche und praxisorientierte Meinungen und Erkenntnisse. Gerne stellen wir Dorstener Lehrerinnen und Lehrern diesen Platz zur Veröffentlichung ihrer Meinung zur Verfügung und würden uns über eine anregende Diskussion freuen.

Befürwortern gehe es erst in zweiter Linie um die Einführung der Inklusionsschule, denn mit der UN-Konvention über die Rechte Behinderter versuchten sie, ihre schulpolitischen Forderungen nach der Einheitsschule durchzusetzen. Diese These vertritt der Rehabilitationswissenschaftler mit Schwerpunkt Verhaltensgestörtenpädagogik der Humboldt-Universität zu Berlin, Prof. Dr. Bernd Ahrbeck. Er merkt in einem Artikel in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” an, dass durch die Unterzeichnung der UN-Konvention in Deutschland eine heftige Diskussion über das gegliederte Schulsystem entbrannt sei. Er zitiert dabei Brigitte Schuhmann aus ihrem 2009 erschienenen Buch „Inklusion statt Integration – eine Verpflichtung zum Systemwechsel“: „Von radikaler Seite wird dabei eine grundsätzliche Unvereinbarkeit unseres ausgrenzenden und aussondernden Regel- und Sonderschulsystems mit dem Anspruch der Konvention auf vollständige Inklusion konstatiert.“ Somit sei ein Systemwechsel unabdingbar und die Auflösung aller Sonderschulen und spezieller schulischer Einrichtung unumgänglich. Weiterlesen

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Prof. Matthias Kirschnereit: Im Pass des führenden deutschen Pianisten von Weltrang steht Dorsten als Geburtsort

Matthias Kirschnereit

Von Wolf Stegemann

Was verbindet den großen Mendelssohn-Interpreten Matthias Kirschnereit mit dem großen Dichter Goethe? Nicht nur, dass beide Dorsten flüchtig kannten bzw. kennen, der eine, weil er 1962 hier geboren wurde, der andere, weil er bei der Durchreise 1792 ein paar Stunden am Marktplatz saß und Rotwein getrunken hatte. Beide verbindet vor allem die Frage: wo waren sie nicht? Liest man die Einsatzorte von Matthias Kirschnereit, müsste man gute Kenntnisse in Geographie aufweisen. Und Goethe? Auch der war überall und die Liste, wo er nicht war, wäre kurz abgefasst. Weiterlesen

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Was macht eigentlich Rolf-Dieter Prahl? Früherer Rechtsamtsleiter stolperte als Stadtdirektor von Geseke über Selbstgetöpfertes

Getöpfertes; Symbolbild

Von Wolf Stegemann

Ältere Dorstener und vor allem die, die im Rathaus saßen oder dort Politik machten, werden sich noch an ihn erinnern. Damals hatte er noch dunkle Haare, heute ist er angegraut – wie viele seines Alters. Bevor er 1975 Stadtdirektor im ostwestfälischen Geseke wurde, war Prahl in Dorsten zwei Jahre lang die rechte Hand von Stadtdirektor Dr. Zahn. Als Hilfsdezernent war er zuständig für die Finanzen und leitete das Rechtsamt. Seine Ehefrau Margrit (Jahrgang 1944) war etlichen Dorstenern als Hobby-Künstlerin durch ihre Ausstellungen von Getöpfertem und Ölbildern bei Antonio Filippin am Markt und die Teilnahme am dort stattfindenden Künstlertreff bekannt.

Im Zusammenhang mit dem Hobby seiner Frau geriet Gesekes Stadtdirektor Rolf-Dieter Prahl im September 1983 in keine guten Schlagzeilen. Denn es bestätigte sich, was monatelang in Geseke ein blamables Gerücht war, dass der Stadtdirektor offizielle von der Stadt bezahlte Jubiläumsgeschenke nicht an die Jubilare weitergab. Sie verblieben im Hause des Verwaltungschefs. Statt der gekauften Trinkgläser packte Ehefrau Margrit Produkte aus ihrer Hobby-Werkstatt ein, die ihr Mann dann als Stadtdirektor den Jubilaren überreichte. Die auf städtische Kosten gekauften Gläser indes bereicherten die  Wohnzimmervitrine der Prahls.

Auf die Geschenk-Verfälschungen hingewiesen, zeigte sich der Stadtdirektor überrascht, denn er habe die Geschenke, die er überreichte, nicht ausgepackt. Zudem, so Prahl, sei diese Tausch-Aktion rechtens, denn sonst hätte er gegen sich ein Disziplinarverfahren beantragt. Er hätte auch nur Gutes getan, wenn er „Kunst unter das Volk“ gebracht habe.

Rolf-Dieter Prahl 1974 in Dorsten; Foto: RN-Bild

Die Geschichte entwickelte sich zum Dauerskandal

Gesekes Bürger und Bürgermeister Heinrichmeier sahen die Angelegenheit in einem ganz anderen Licht. Einen Tag später änderte Prahl seine Rechtsauffassung und beantragte doch das Disziplinarverfahren, was Oberkreisdirektor Harlin (Soest) als den richtigen Weg ansah, um „die Sauberkeit des Berufsstandes“ zu wahren. Die Staatsanwaltschaft Paderborn leitete ein Ermittlungsverfahren gegen das Ehepaar Prahl ein, das „im Sande verlief“.

Politisch und in der Bevölkerung blieb der Unmut präsent und entwickelte sich zu einem Dauerskandal. Man sprach in Geseke vom „Skandaldirektor“ Prahl. „Stets sorgte er mit Unregelmäßigkeiten und dienstlichen Missbräuchen für Ärger und Unmut auch in der eigenen Partei“ (Ruhr-Nachrichten am 9. Januar 1987). Das Fass zum Überlaufen brachte, dass Prahl trotz ärztlicher Bescheinigung der dauernden „Dienstunfähigkeit“ aus gesundheitlichen Gründen ein Aufnahmegesuch in die Rechtsanwaltskammer stellte. Ein Rechtsanwalt wurde daraufhin in der „Geseker Zeitung“ zitiert: „Solche Juristen wie der herzkranke, dienstunfähige Stadtdirektor Prahl haben der Anwaltschaft gerade noch gefehlt! Sie sind als Anwalt unerwünscht, Herr Prahl!“

Schließlich wurde Prahl im November 1986 vom Rat der Stadt mit knapper Mehrheit in den Ruhestand versetzt. Die „Geseker Zeitung“ am 22. November 1986: „Damit hat ein leidiges Thema der Stadt Geseke ein Ende gefunden. Ehe es jedoch zu der Versetzung in den Ruhestand auf Grund eines SPD-Antrages kam, gab es noch einige turbulente Szenen, teils in öffentlicher teils in nicht öffentlicher Sitzung.“ Denn die Abwahl des Verwaltungschefs kostete die Stadt rund eine Million DM. Monatlich musste die Stadt bis zum 65. Lebensjahr ihres geschassten Stadtdirektors rund 5.000 DM Ruhestandbezüge zahlen. Rolf-Dieter Prahl wurde während seines „Ruhestandes“ Tischtennisspieler, Fachanwalt  für Verwaltungsrecht und Anwalt für Arbeitsrecht.

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Was macht eigentlich Michael Grau? Bogotá, Algier, Paris, New York, Nowosibirsk, Panama, Almaty – Ein Lebenslauf im Drei-Jahres-Rhythmus

Michael Grau am Schreibtisch in seiner Botschaft in Panama; Fotos: privat

Von Wolf Stegemann

Seine Schulkameraden des Abiturjahrgangs 1974 kennen ihn noch gut, außerdem die Ruderriege des Gymnasium Petrinum. Noch heute besucht er ein- bis zweimal jährlich seine Geburtsstadt. Dann ist er Gast im Hause seiner Eltern. Die könnten ihn mit Janosch fragen: „Panama, kennst du Panama…“, und der Sohn würde mit Ja antworten. Denn der Dorstener Michael Grau vertritt in Panama als Botschafter die Bundesrepublik Deutschland.

Geboren 1955 in Dorsten, aufgewachsen an der Marler Straße, ist er ein echter Feldmärker. Er  besuchte die Martin-Luther-Volksschule und danach den altsprachlichen Zweig des Gymnasium Petrinum und verzog mit seinen Eltern in die Miere, Feldmark II. Nach dem Abitur 1974 war er Soldat auf Zeit in Borken und in Rendsburg, studierte von 1976 bis 1979 Rechtswissenschaft in Tübingen, setzte danach sein Studium des Europa- und Völkerrechts in Freiburg fort, schloss es mit dem Ersten Juristischen Staatsexamen ab und entschied sich 1982 für den Staatsdienst im Auswärtigen Amt in Bonn. Seine „Lehrzeit“ verbrachte er in der Abteilung für Auswärtige Beziehungen des Bundeskanzleramts, bevor er 1985 an die Botschaft nach Bogotá kam. In der Folgezeit sollte sich sein Leben, ähnlich wie das eines Berufssoldaten, in einen Drei-Jahres-Rhythmus einpendeln. Drei Jahre da, drei Jahre dort, drei Jahre dies. Weiterlesen

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Was macht eigentlich Antonio Filippin? – Von der Dorstener Eismaschine ins sonnige Paradies der Seychellen

Antonio Filippin2007

Von Wolf Stegemann

Generationen von Schülern und Schülerinnen der beiden Gymnasien und viele Dorstener aus der Kunst- und Literaturszene der 1970/80er-Jahre dürfte der 1993 in den Inselstaat Seychellen ausgewanderte Künstler und Eiskonditor Antonio Filippin (70) mit seinem Eiscafé am Markt noch bestens in Erinnerung sein. Auch erinnern an ihn noch zwei Betonskulpturen im öffentlichen Raum (Freiheitsstraße und Bismarckstraße), die er bei seiner Auswanderung der Stadt hinterlassen hatte. Ende der 1970er-Jahre gründete er zusammen mit dem Journalisten Rudolf Boden den „Künstlertreff Dorsten“, beteiligte sich an Workshops, Openair-Kunstveranstaltungen und Ausstellungen. Weiterlesen

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