Was macht eigentlich Antonio Filippin? – Von der Dorstener Eismaschine ins sonnige Paradies der Seychellen

Antonio Filippin2007

Von Wolf Stegemann

Generationen von Schülern und Schülerinnen der beiden Gymnasien und viele Dorstener aus der Kunst- und Literaturszene der 1970/80er-Jahre dürfte der 1993 in den Inselstaat Seychellen ausgewanderte Künstler und Eiskonditor Antonio Filippin (70) mit seinem Eiscafé am Markt noch bestens in Erinnerung sein. Auch erinnern an ihn noch zwei Betonskulpturen im öffentlichen Raum (Freiheitsstraße und Bismarckstraße), die er bei seiner Auswanderung der Stadt hinterlassen hatte. Ende der 1970er-Jahre gründete er zusammen mit dem Journalisten Rudolf Boden den „Künstlertreff Dorsten“, beteiligte sich an Workshops, Openair-Kunstveranstaltungen und Ausstellungen.

Sein Haus, sein Berg, sein Pool

Nach einer fast lebenslangen Suche zwischen Dolomiten und Lippe, zwischen Speiseeis- und Kunst, hat er seit fast 20 Jahren auf den Seychellen sein Paradies gefunden. „Antonio in paradise“ meldet er sich, wenn das Telefon klingelt. Von seiner Kunst lebt Filippin gut. Denn sonst hätte er sich das schöne Haus über der Bucht von Beau Vallon auf der Hauptinsel Mahé nicht leisten können und seit dem Jahre 2000 ein noch größeres Anwesen mit Plantagenhaus im südafrikanischen Stil mit eigenem Berg und Schwimmbad im Süden der Insel schon gar nicht. Es gibt keinen Reiseführer und keinen Bildband, die nicht auf ihn als Künstler, auf seine Galerie und das Künstlercafé seiner Lebensgefährtin Marie, einer Seychelloise, hinweisen.

Hier gestaltet er, der vor 70 Jahren in den eisigen und karstigen Hochdolomiten geboren wurde, unter Palmen, bei 30 Grad steter Temperatur und 90-prozentiger Luftfeuchtigkeit sein Leben als Bildhauer und kreativer Immer-wieder-was Neues-Erfinder (Spielsachen, Masken, Verkleidungen). Und wenn seine Zeit kommt, dieses sonnige Eiland endgültig zu verlassen, dann will er in seinem vorbereiteten Höhlengrab unter riesigen Granitsteinen auf luftiger Höhe über Anse la Liberté im Südwesten von Mahé Einzug in sein endgültiges Paradies finden.

Sonnenparadies unter Palmen, mit Mafiosi, Geldwäschern und Korrupten

Malerische Idylle auf den Seychellen; Foto: Stegemann

Antonio Filippin, um den sich ein Kreis deutscher Freunde geschart hat, ist ein bemerkenswerter Mann. Nicht, weil er sein politisch und wirtschaftlich stark beflecktes Seychellen-Paradies ohne Makel sieht, wo Korruption der Staatspartei vorherrscht, die Russenmafia und arabische Prinzen sich aufführen, als gehöre der Staat ihnen, sondern weil er sich nach Überschrei- ten seines Lebenszenits für ein anderes Leben entschieden hat, von dem die ihn besuchenden Urlauber wohl träumen, sie aber nie den Mut finden, in dieses andere Leben „umzusteigen“. Antonio Filippin hatte den Mut. Er ist inzwischen Staatsbürger der Seychellen geworden. Bemerkenswert ist er auch deshalb, weil er ein guter Erzähler ist, der die Resultate seines bislang gelebten Lebens in eine zugegeben auf ihn maßgeschneiderte Philosophie gießt, die unwillkürlich an Paul Gauguins Bilder erinnert.

Er wird beachtet auf den Seychellen. Botschafter und Regierungsvertreter besuchen ihn. Für die Regierung schuf er aus Waschbeton den Kopf des  französischen Gouverneurs der Insel, Pierre Poivre, der 1772 die ersten Zimt- und Gewürzplantagen auf der Insel anlegen ließ. Die Skulptur steht im Park des Präsidentenpalastes. Sie ist den Blicken der Touristen, Einheimischen und selbst des Künstlers hinter einer Mauer verborgen, vor der höchstes Zutrittsverbot gilt. Mit dem Presseausweis des Autors dieses Artikels konnte Filippin erstmals sein Kunstwerk im Präsidenten-Palast sehen.

Antonio Filippin ist ein Mann, der sich mit den unsozialen Verhältnissen im Staat arrangiert. Wochenlang kein Wasser? Er zuckt mit den Schultern! Keine Zigaretten? Was soll’s! Kein Zement? Irgendwann gibt es wieder Zement! Und wer braucht schon Zement, wenn man Holz zum Bauen hat! Kein Holz da? Na egal! Die teuren Lebensmittel und Getränke? Fisch und Reis sind billig, sagt er. Übrigens stehen die Seychellen an vierter Stelle im Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol in der Welt. Teure Privatschulen? Filippin winkt ab. Das im Post-Sozialismus verankerte öffentliche Schulsystem reicht aus! Und der Gesundheitsdienst ist kostenlos!

Antonio Filippin bei der Bildhauerarbeit

Antonio und seine Lebensgefährtin Marie auf Mahé; Fotos: Wolf Stegemann

Und dann die Kleinheit der Insel

Antonio Filippin hat sich seinem Paradies angepasst. Nur so kann er es als Paradies  bezeichnen. Er stellt nichts in Frage, was in Frage gestellt werden müsste. Rechtssicherheit der Bürger? Er schüttelt den Kopf so, als wolle er sagen, dass er niemals in die Lage kommen werde, in der Rechtssicherheit für ihn wichtig werden könnte. Antonio Filippin kann sich auch mit der Mentalität der Seychellois, Abkömmlinge früherer schwarzafrikanischer Sklaven, Inder und wenig Weiße, weit besser arrangieren als seine Freunde, ein Dutzend Deutsche, von denen die meisten den berüchtigten Inselkoller entweder gerade haben, ihn hinter sich gebracht oder ihn noch vor sich haben – immer wieder.

Es heißt, auf den Seychellen leben etwa 60 Deutsche. Man trifft nur einige von ihnen, denn ihre sozialen Ebenen sind höchst unterschiedlich. Da gibt es dollarschwere Großunternehmer und wohlhabende Geschäftsleute, Techniker und Manager wie woanders auch. Und doch sind sie alle irgendwie anders als anderswo. Es gibt Deutsche, junge und alte, die sich durchs Leben schlagen und von der Hand in den Mund leben. Man trifft sie in einem der beiden Cafés in der Hauptstadt Victoria immer an, vormittags, mittags, nachmittags. Dann wird über das Leben und die Verhältnisse auf der Insel geklagt.

Auf höchst unterschiedliche Weise findet jeder unter Palmen das ganz persönliche Paradies, und jeder hat ein anderes, das auch schnell zur Hölle werden kann, wenn man in seiner Haltung nicht gleitfähig genug ist, um nach dem Motto „leben und leben lassen“ leben zu können.

Dann bringt ihn das Licht zum Stern

Antonio Filippin will in seinem Paradies sterben und wirkt etwas abgehoben, wenn er seine Lebensgeschichte im Gespräch vorausschauend vollendet: Sobald er fühlen wird, dass seine Zeit gekommen ist, sein Paradies zu verlassen, dann wird er sich auf einen großen vorbereiteten Granitstein legen, der auf der Spitze seines Berges liegt. Von dort hat er einen Ausblick auf das türkisblaue Meer des Indischen Ozeans. Dann wartet er auf das Licht, das ihn – so hofft er – auf einen Stern in das endgültige Paradies bringt.

 

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Ein Kommentar zu Was macht eigentlich Antonio Filippin? – Von der Dorstener Eismaschine ins sonnige Paradies der Seychellen

  1. markus vogt sagt:

    Ich habe ein Kunstwerk / eine Holzskulptur von Antiono Fillipin zu verkaufen.
    Hat jemand Interesse daran? Ein Holzgesicht 25 cm hoch und ca. 15 cm breit.
    Markus Vogt

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