Ein freier Arbeitstag – des Bürgermeisters „Anerkennungsgeschenk“ an Mitarbeiter. Das gab es schon in Ratzeburg, wo der Bürgermeister dann diesen Tag selber zahlen musste

Von Wolf Stegemann

Mit Stand Januar 2020 haben sich auf dem Arbeitszeitkonto der städtischen Mitarbeiter in Dorsten 28.158 Überstunden angesammelt. Die Zahl ist seit Jahren ziemlich konstant, so Stadtsprecher Ludger Böhne auf Anfrage der „Dorstener Zeitung“. Diese rund 28.000 Überstunden betreffen allerdings nur 570 Mitarbeiter im Rathaus, die ihre Arbeitszeit elektronisch erfassen. Die Überstunden der Mitarbeiter aus gewerblichen Bereichen und der Kindergärten sind da nicht mit eingerechnet. Der Abbau von Überstunden ist sowohl durch Freizeitausgleich wie auch die Auszahlung der Überstunden möglich. Die Stadtkämmerei ist verpflichtet, für angefallene Überstunden Rückstellungen in der Bilanz zu bilden, und das hat sie auch getan. Im Jahresabschluss 2018 steht in der Anlage Nr. 3 auf Seite 173  (kleiner Hinweis an den Bürgermeister: wie einfach für den Bürger, dies zu finden!), dass für Überstunden  738.000 Euro als Aufwand eingestellt sind. Dieser Betrag ist im Ergebnis der Stadt also längst berücksichtigt, aber eben noch nicht gezahlt. Warum das Geld nicht ausgezahlt wird, wenn man die Überstunden wegen Personalmangels nicht in Freizeit abgelten kann, ist ein Rätsel. Die Auszahlung und damit die Bereinigung dieses Bilanzpostens muss man als einen Bestandteil der Haushaltssanierung begreifen. Wann, wenn nicht in Zeiten hoher Haushaltsüberschüsse, soll das denn geschehen? Im November 2019 hat der Stadtrat im Zuge der Verabschiedung des Haushalts 2020 im Gegenteil beschlossen, zur Einsparung von Kosten 15 bis 20 Stellen temporär oder dauerhaft nicht wieder zu besetzen. Diese Maßnahme wird die Überstundenkonten des Personals weiter erhöhen. Ist wirklich keine Lösung in Sicht, wie das immer verkündet wird?

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Der Weg nach Auschwitz, Synonym für Vernichtung und Ermordung jüdischer Menschen, begann auch in Dorsten – Wege zurück gab es nach1945 kaum; wenn, dann nur besuchsweise

Ernst Metzger zwischen Dirk Hartwich (r.) und Wolf Stegemann

Erinnerungen von Wolf Stegemann

2. Februar 2020. – Am 27. Januar 2020 jährte sich zum 75. Mal die Befreiung des größten Vernichtungslagers des nationalsozialistischen Deutschlands. Über eine Million Menschen verloren in Auschwitz auf grausame Weise ihre Würde und ihr Leben. Seit 1996 ist der 27. Januar offizieller deutscher Gedenktag, 2005 erklärten ihn die Vereinten Nationen zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“. Doch in diesem Jahr waren Politik und vor allem auch die Medien besonders rührig. Denn es gibt nur noch wenige Menschen, die Auschwitz überlebt haben und noch leben. Im Kreis Recklinghausen ist es Rolf Abrahamsohn, der als überlebender Jude seine persönlichen Erinnerungen all die Jahrzehnte wach gehalten und an die folgenden Generationen weitergegeben hat. Dafür hat er vor Wochen den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen erhalten. Auch Dorstener Bürger jüdischen Glaubens wurden in Auschwitz und in anderen Todeslagern ermordet. Das waren Angehörige der Familien Bendix, Cohn, Joseph, Lebenstein, Metzger, Minkel, Neuberg, Perlstein, Reifeisen, Schöndorf. Es gab auch Juden, die Auschwitz überlebt haben. Dazu gehörte Ernst Metzger, geboren 1912, ein Dorstener Jude, der nach seiner Befreiung in die USA auswanderte und vor wenigen Jahren verstarb. Weiterlesen

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Blick in den Ratssaal – Wird Dorstener Politik noch vom Stadtrat gemacht oder vom allgegenwärtigen Bürgermeister? Ein Plädoyer für die Wiederbelebung der kommunalen Demokratie

Dorstener Rathaus. Hier wird die Stadtpolitik gemacht; Foto: Frenzel Rathaus

Von Helmut Frenzel

23. Januar 2020. – Im September dieses Jahres finden in Nordrhein-Westfalen Kommunalwahlen statt. Bürgermeister und Stadtrat sind neu zu wählen. Obwohl die Ausübung des Stimmrechts in einer repräsentativen Demokratie für die Bürger die einzige Gelegenheit ist, auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen, ist ihr Interesse im Falle der Kommunalwahlen erfahrungsgemäß gering, auch in Dorsten. 2014 lag die Wahlbeteiligung bei 51 Prozent. Tobias Stockhoff, der erstmals für das Amt des Bürgermeisters kandidierte, verfehlte im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit und musste sich einem zweiten Wahlgang stellen, an dem nur noch 35 Prozent der Wahlberechtigten teilnahmen. Von denen stimmten zwar 62 Prozent für Stockhoff. Aber die bittere Wahrheit ist, dass Tobias Stockhoff mit den Stimmen von gerade mal 22 Prozent aller Wahlberechtigten ins Amt gewählt wurde. Das sind lausige Ergebnisse, für den Bürgermeister und für den Rat. Aber während der Rat als Ganzes sich noch auf ein Mandat der Hälfte der Wahlberechtigten berufen kann, muss der Bürgermeister damit leben, von weniger als einem Viertel der Wahlberechtigten legitimiert zu sein. Weiterlesen

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Blick in die britische Partnerstadt Crawley: Etliche Bürger aus Crawley, dort geboren oder aufgewachsen, sind international bekannt geworden – Sportler, Musiker, Medienleute

Dorsten Partnerstadt Crawley; Foto: Rotarier Crawley

Von Wolf Stegemann

18. Januar 2020. – Eigentlich sind es Orte wie Los Angeles, Rom, New York und London, wenn man Weltprominenz vermutet und sucht, sei es in der Musik-, Sport-, Literatur- oder Künstlerszene. Wir sehen sie im Fernsehen, hören sie im Radio und lesen über sie in der Zeitung. Die Anfänge ihrer Prominenz bleiben uns oft verborgen. Und doch haben sie irgendwo, natürlich auch in der Provinz, „ihr Handwerkszeug“ mitbekommen. Beispielsweise Cornelia Funke als Schriftstellerin in Dorsten, die heute in den USA lebt. Auffallend ist Dorstens englische Partnerstadt Crawley, der hier unsere Aufmerksamkeit gilt. Crawley hat rund 70.000 Einwohner und liegt in West-Sussex. Seit 1973 gibt es die Städtepartnerschaft mit Dorsten, die  von vielen Bürgern der beiden Städte engagiert getragen und gelebt wird. Mit Crawley sind einige Prominente in Verbindung zu bringen: aus der Musikszene Robert Smith (The Cure), Niomi Arleen McLean-Daley (bekannt als Ms Dynamite), aus der Sportszene der Fußballer Gareth Southgate, Alan Minter  (Mittelgewichtboxer mit dem Kampfnamen Boom Boom), Chico (eigentlich Yousseph Slimani, Sänger), Daley Thompson (Zehnkämpfer und Olympiasportler) und aus der Medien-Szene Dan Walker. Weiterlesen

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Auch 2019 hoher Millionenüberschuss im städtischen Haushalt. Wann wird die Grundsteuer endlich wieder gesenkt?

Kommentar von Helmut Frenzel

10. Januar 2020 – Ende November des vergangenen Jahres erschien auf dieser Seite ein Bericht über die Millionenüberschüsse, die die Stadt 2016, 2017 und 2018 erzielte. Sie entlarvten die Ergebnisplanungen des Kämmerers als bewusste Täuschung von Rat und Bürgerschaft. Die extrem positive Haushaltsentwicklung war ein gut gehütetes Geheimnis. Die Bürger bekamen von den Millionen nichts mit – im doppelten Wortsinne. Bürgermeister und Kämmerer reagierten auf die Veröffentlichung nicht und auch die Ratsfraktionen sahen keinen Anlass für eine Erklärung gegenüber den Bürgern. Doch schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war klar, dass im Haushaltsjahr 2019 ein wiederum hoher Überschuss zu erwarten war. Wie in den vorangegangenen Jahren wird er das geplante Ergebnis von 393.000 Euro als gezielte Irreführung in Richtung Rat und Bürger erscheinen lassen. Doch es war nur eine Frage der Zeit, wann die Stunde der Wahrheit kommen würde. Sie kam schneller als erwartet. Weiterlesen

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Rückblick in die Wirren des Jahres 1920: Vor hundert Jahren besetzte die Rote Armee Dorsten, schoss das Freikorps und die Witwe Fallböhmer starb in der Kirche, als es knallte

Militärwagen des Freikorps auf dem Marktplatz

Von Wolf Stegemann

3. Januar 2020. – Vor wenigen Tagen hatte das Jahr 2020 und somit das neue Jahrzehnt begonnen. Hat es wirklich begonnen? Umgangssprachlich ja. Da beginnt das Jahrzehnt mit der Null und endet mit einer 9. Doch ein Jahrzehnt hat nie mit einer 0 begonnen, sondern mit einer 1 und endet(e) mit einer 0. Denn Jesus Geburt ist der Beginn der Zeitrechnung. Und die Dekade fängt mit einer 1 n. Chr. Geburt an. Verstanden? Bleiben wir hier beim umgangssprachlichen Jahrzehnt. Auch der Duden bezeichnet die Zwanziger Jahre als „die Jahre 20 bis 29 eines bestimmten Jahrhunderts umfassendes Jahrzehnt“.
In den Medien ist derzeit zu lesen, dass bei immer mehr Menschen wegen den angestauten unguten sozialen Verhältnissen in vielen Bereichen des Lebens eine große Verunsicherung herrsche. Auch in Dorsten sind die sozialen Verhältnisse nicht zum Guten ausgerichtet. Viele Bürger verunsichere es u. a., dass die Stadt wegen ihrer Verschuldung immer wieder die Bürger zur Kasse bittet. Insgesamt keine gute Ausgangslage für das neue Jahrzehnt. Der Blick zurück zeigt, dass es vor 100 Jahren auch nicht besser war. Das Jahr 1920 läutete ein Jahrzehnt ein, das am Ende knapp vor dem Beginn des Nationalsozialismus stand. Die Situation 1920, also vor hundert Jahren, war in Deutschland sowie in Dorsten in hohem Maße politisch unübersichtlich und sozial stark angeknackst. Was heute, hundert Jahre später „Tafeln“ und „Mittagstisch“ heißt, wo Mittellose eine warme Mahlzeit bekommen, das nannte man vor hundert Jahren Suppenküchen. Und was heute Harz IV heißt, hieß damals Wohlfahrt. Ab Mitte der 1920er-Jahre entwickelte sich der Begriff von den „Goldenen Zwanzigern“. Dieser Begriff war allerdings eine maßlose Übertreibung, Irreführung und entsprach wohl kaum den tatsächlichen Verhältnissen, abgesehen von den Superreichen, die es immer gibt – heute mehr denn je, auch bei steigenden prekären Verhältnissen. Beendet wurden die „Goldenen Zwanziger“ von der Weltwirtschaftskrise 1929, ausgehend vom Börsenkrach am Schwarzen Donnerstag der Wallstreet in New York. Soziale Spannungen brachen wieder auf und resultierten in politischer Radikalisierung und im Aufstieg des Nationalsozialismus. Weiterlesen

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Ludwig Heming – Pfarrer an St. Agatha. Hinter glühendem Eifer blieb oft pastorale Klugheit zurück. Seine Neujahrspredigt 1934: Zweifel an der Regierung wäre eine Beschimpfung des Führers

Grabplatte Ludwig Hemings auf dem Friedhof Gladbecker Straße; Foto: Stegemann

Von Wolf Stegemann

27. Dezember 2019. – Es gibt eine über 200 Seiten starke Chronik des einstigen Pfarrers an St. Agatha, Ludwig Heming, der von 1913 bis 1940 im Amt war. Im Mai 2020 jährt sich sein 80. Todestag. In diese Chronik, die 1913 anfing und nach seinem Tod einige Jahre weitergeführt wurde, trug  Heming nicht nur Fakten der Geschehnisse ein, sondern schildert die Ereignisse fast minutiös. So entstand eine „Stadtchronik“ dieser Jahre aus der Sicht eines sehr katholisch-klerikalen und deutschnationalen Mannes. Er veröffentlichte darin auch den Text seiner heute sehr aufschlussreichen Neujahrspredigt des Jahres 1933 auf 1934, in der er Stellung genommen hatte zu den politischen Ereignissen nach der demokratischen Wahl Adolf Hitlers zum Reichskanzler und dem dann folgenden Reichskonkordat des NS-Staats mit der Kirche. Ludwig Heming gehörte zu den damals noch vorherrschenden katholischen Geistlichen, die ihre katholische Moral- und Glaubensanschauung für alle bindend in die Politik hineinzutragen versuchten, als hätte es den preußischen Kulturkampf nicht gegeben. Den damals in Dorsten noch nicht so zahlreichen Protestanten stand er ablehnend, manchmal sogar feindlich gegenüber. Beispielweise kritisierte er heftig und öffentlich von der Kanzel Dorstener katholische Geschäftsleute, die ihre Schaufenster mit einem Lutherbild schmückten, als die evangelische Gemeinde den 450. Geburtstag Martin Luthers mit einem Umzug zum Marktplatz feierte, und das direkt vor seiner Agathakirche. Über die Verfolgung der Dorstener Juden in nationalsozialistischer Zeit, von der Zerstörung der Synagoge in der Wiesenstraße und dem Verbrennen der Synagogengegenstände 1939 auf dem Marktplatz vor seiner Agathakirche steht in seiner Chronik kein Wort. Weiterlesen

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