Gedanken über fehlende städtische Kulturangebote in den Stadtteilen. Ein mit Kulturverantwortlichen im Rathaus diskutiertes Positionspapier – bislang ohne weitere Reaktion

Ortskern des Dorstener Stadtteils und Dorfes Rhade; Foto: Wikipedia

Gastbeitrag von Dirk Hartwich

26. November 2020. – Das städtische Kultur- und Weiterbildungsangebot in Dorsten ist vielfältig. Es deckt mit dem VHS-, dem Bücherei- und dem Theaterprogramm den Grundbedarf, angepasst den Mindestempfehlungen für Städte dieser Größenordnung, sicherlich ab. Kultur und (Weiter-)Bildung sind wichtige Standortfaktoren für eine Stadt. Erkenntnisse, die zwar nicht neu sind, aber an die immer wieder aktuell erinnert werden muss. Eine wichtige Ergänzung zum städtischen Kultur- und Weiterbildungsprogramm leisten u. a. unsere Vereine, Kirchen und Privatinitiativen. Hier soll aber vorrangig der städtische Beitrag behandelt werden. Und dieser ist aus meiner Sicht verbesserungswürdig. Was ist und was will Kultur? Einer, der bundesweit Kultur so definiert hat, dass er überall gehört und verstanden wurde, ist Hilmar Hoffmann (1925-2018). Ein Kulturpolitiker, der mit dem Bestseller „Kultur für alle“ (1979) überall Maßstäbe für die „Kulturmanager“ in den Städten gesetzt hat. Sie sind immer noch hochaktuell. Im Kulturausschuss der Stadt Dorsten spielten seine Anmerkungen und Anregungen zumindest in den Jahren zwischen 1975 und 1984 eine wesentliche Rolle. Im Klappentext des im S. Fischer-Verlag erschienenen Buches steht (Auszug):

„Kultur war lange ein Privileg für wenige, die über eine entsprechende Vorbildung, über genügend Muße und Geld verfügten. Die große Mehrheit stand über Jahrhunderte abseits … An dieser Ungerechtigkeit … hatte sich bis vor wenigen Jahren kaum viel verändert. … Nur in einer wirklich demokratischen Kultur besteht die Chance, den Fortbestand der Gesellschaft zu sichern, vor allem angesichts der Entwicklungen, die in immer stärkerem Maße von Technologie, Effizienzdenken, Wirtschaftswachstum und Rationalisierung geprägt werden …“

Nur ein Bruchteil der Dorstener wird von der städtischen Kultur erreicht

Wer konsumiert in Dorsten Kultur und Weiterbildung? Wer nimmt das heimische Kultur- und Weiterbildungsangebot an? Abonnenten und „Tagesbesucher“ treffen in der Regel auf Gleichgesinnte und Bekannte. Das VHS- Programm stellt sich fast von allein auf. Sogar Weiterbildung auf Bestellung war/ist möglich. Genutzt von denen, die informiert sind, von denen, die den Zugang zur Kultur/Bildung gefunden haben. Das heißt im Umkehrschluss, dass das, was angeboten wird, gerne konsumiert wird. Das heißt aber auch, dass der Großteil der Dorstener Bevölkerung außen vor bleibt. Das beschlossene Finanzbudget kann auch nicht unbegrenzt ausgeweitet werden. Kann oder darf das die städtischen Kulturmacher auf Dauer zufriedenstellen, dass eigentlich nur ein Bruchteil der Dorstener erreicht wird, bzw. sich selbst ins Spiel bringt? Diese wichtigen Fragen muss sich stellen, wer Kultur und Bildung als gleichwertige Standortfaktoren neben der Wirtschaftsförderung, dem Verkehr, der Steuerlast und anderen verankert wissen will. Antworten, die vom Kulturdezernenten und seinem Team zu geben sind, ebenso wie von Kommunalpolitikern aller Parteien und interessierten Bürgern.

In Rhade und Lembeck gibt es seit Jahren kein Kultur-Angebot

Wo werden Kultur und Weiterbildung in Dorsten angeboten – und wo nicht? Das Motiv, ein unzureichendes und ungerechtes städtisches Kultur- und Weiterbildungsangebot in unserer Stadt zu beklagen, hat auch mit den vielen Stadtteilen zu tun, die sich fast ringförmig um den Stadtkern Dorsten gruppieren. Eine besondere Herausforderung, flächendeckend zu agieren. Bleiben wir beim Beispiel Rhade und nehmen partnerschaftlich Lembeck mit ins Boot. 10.000 Einwohner von 76.000, mehr als 13 Prozent. In beiden Stadtteilen gibt es seit Jahren kein VHS-Angebot, kein Theater, keine Lesung, keine besonderen Musikveranstaltungen oder anderes, was unter dem weiten Begriff städtische Kultur und Bildung bilanziert werden müsste. Ausnahmen gab es sicherlich, aber beklagt wird ein fehlendes Gesamtkonzept, das neben gleichwertiger Angebotsverteilung auch die unterschiedlichen Altersgruppen berücksichtigen muss. Weder ist aus Sicht der Verwaltung eine oberflächlich festgestellte fehlende Nachfrage im Stadtteil richtig, noch trifft die Aussage zu, keine passenden oder vorhandenen Aufführungsorte zur Verfügung zu haben. Für eine Stadt und ihre Kulturmacher muss es eine besondere Herausforderung und auch Verpflichtung sein, Nachfrage durch Ausprobieren zu wecken und vorhandene Räume zu nutzen. Was muss sich in Dorsten ändern, um „alle“ an Kultur und Weiterbildung teilnehmen zu lassen? Die Forderung nach Kultur für alle darf nicht missverstanden werden, von jetzt auf gleich über 70.000 neue „Kunden“ für ein Kultur- und Weiterbildungsangebot in allen Stadtteilen werben zu müssen. Die Forderung lautet aber, in allen Stadtteilen gleichberechtigt Schritt für Schritt kreativ etwas aufzubauen, was nachhaltig wirkt und besonders die riesige Gruppe der bisherigen Nichtteilnehmer in den Blick nimmt. Man vergleiche hierzu den obigen Hinweis auf die wichtigen Standortfaktoren einer Stadt.

Menschen im Mittelalter ihres Lebens „hinterm Ofen hervorholen“

Ein erster Schritt wäre, den Kulturausschuss nacheinander in den Stadtteilen öffentlich tagen zu lassen und das erstellte gesamtstädtische neue Konzept unter Berücksichtigung des „gastgebenden Stadtteils“ vorzustellen. Anschließend wäre eine Bürgerfragestunde zum Thema sicherlich ein Stück gewünschte aktive Bürgerbeteiligung. Übrigens unabhängig vom installierten Bürgerforum, das am neuen Prozess beteiligt werden sollte. Betrachten wir die Rhader Zielgruppen. Ein besonderes Augenmerk muss den Kindern und Jugendlichen gewidmet werden. Kinder nutzen begeistert jede Art von „Theater“. Die Eltern, die ihre Kinder in der Regel begleiten, wären die nächste Zielgruppe. Das heißt, dass es keine städtische Veranstaltung mehr geben dürfte, auf der nicht parallel für kommende Aufführungen und Kurse geworben wird. Aus Kindern werden Jugendliche. So wie ein erfolgreicher Autokonzern mit seiner Typenvielfalt Kundenbindung betreibt, genauso muss im Kulturbereich vorgegangen werden. In Zusammenarbeit mit den Jugendheimen, die alle Förder- und Unterstützungsgelder erhalten, muss es möglich sein, Nachfrage zu wecken, die Jugend z. B. an der Organisation einer Aufführung zu beteiligen, und ein solches Programm für alle Stadtteile aufzustellen. Auch Menschen in der Mitte ihres Lebens könnten in Rhade (und Lembeck) mit einem Kleinkunstprogramm sicherlich „hinter dem Ofen“ hervorgelockt werden. Bleibt noch die Gruppe, die dem Mittelalter folgt. Auch sie hat ein Anrecht, gleichberechtigt beteiligt zu werden. Und Programmideen hierfür gibt es reichlich. Mögliche Rhader Aufführungsstätten: Gemeindehaus der evangelischen Kirche am Dillenweg, das Carola-Martius-Haus, das katholische Gemeindehaus St. Ewald am Stuvenberg, die Kirchen, die Rhader Mühle, das Heimathaus an der Mühle, die Säle der Gaststätten Nienhaus, Pierick, Finke, Hülsdünker.

Ein mögliches Kooperationsmodell Kultur für Rhade und Lembeck

Die Stadt könnte drei Veranstaltungen pro Jahr anbieten und sie mit zwei bis drei weiteren Veranstaltungen kombinieren, die von den örtlichen Vereinen bestritten werden. Heraus käme ein Kultur-Abo Rhade und Lembeck mit entsprechender Bindung, das Gesamtangebot anzunehmen. Die Organisation und Kooperation lägen in Händen der Verwaltung, die aber selbstverständlich auf die vor Ort vorhandene Bereitschaft zur Unterstützung zurückgreifen könnte. Übrigens könnte so aus einem Stadtteilprogramm Rhade, etwas wie eine „Wanderbühne“ in weitere Stadtteile werden. Unabhängig davon sollten mindestens zwei reine Kinderprogramme und zwei reine Jugendveranstaltungen „drin“ sein. Vielleicht erinnert sich das Rathausteam an früher praktizierte Kooperationen mit unseren Schulen. Schülertheater oder Schülerkonzerte können bestens in ein Gesamtprogramm integriert werden. Eine besondere Rolle könnte dabei auch der städtischen Musikschule zukommen. Der Wahlspruch muss lauten: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Oder anders ausgedrückt: „Mit Engagement und Kreativität lassen sich Berge versetzen – auch in der Wüste.“
Finanzen und Personal – und ein Beispiel aus einer vergleichbaren Stadt Kultur sind im übertragenen Sinne Lebensmittel. Städtische Kultur trägt zur Identifikation einer Stadt erheblich bei. Umso unverständlicher ist, dass sich die Kulturmacher immer wieder zu „Bettlern“ degradieren. Ein weiterer Experte, neben dem erwähnten Hilmar Hoffmann, ist Dieter Treeck. Ein Schriftsteller und Lyriker, der zwischen 1970 und 1999 Kulturdezernent der Stadt Bergkamen war. Er war es, der mit besonderen Aktionen und entsprechendem Budget aus der grauen Kulturmaus Bergkamen, ein leuchtendes Vorbild für mittelgroße Städte, nicht nur in NRW entwickelt hat. Das heißt für Dorsten und alle Stadtteile, über den Tellerrand zu schauen, um Gutes zu kopieren. Eine besonders erfolgreiche Programmserie, mit der Bergkamen sogar „auf Wanderschaft“ in Nachbarstädte gegangen ist, lautete „Happy Jazz und kritische Texte“. Eine besondere Verbindung zweier Kulturrichtungen. Sicherlich für Dorsten und seine Stadtteile eine Überlegung wert, einfach mal auszuprobieren. Das alles geht natürlich nur, wenn im eigenen Rathaus, vom Stadtrat und interessierten Bürgern ein attraktives Konzept entwickelt wird, das dann im Haushalt und in der Personalplanung entsprechende Berücksichtigung finden muss.

Der Name „Volkshochschule“ ist Programm – leider sehr zentral

Das VHS-Programm ist umfangreich, breit gefächert und gut. Die Planer und Macher dürfen zufrieden sein, dass es „ankommt“ und gebucht wird. Nicht (ganz) zufrieden können sie sein, wenn sie sich kritisch die Struktur ihrer „Schüler“ ansehen und prüfen, woher sie kommen. Der Name „Volkshochschule“ ist Programm. Viel zu sehr wird seit Jahren in Richtung Bürger zentral gerufen, zu kommen und zu buchen. Viel zu wenig wird der eigene Raum verlassen, um in den Stadtteilen zu werben und auch dort Kurse anzubieten. Es kann nicht sein, dass, obwohl in früheren Jahren oder Jahrzehnten VHS- Kurse vor Ort liefen, heute kein Bedarf da wäre. Die Forderung lautet: Lieber den Kursleiter beispielsweise nach Rhade fahren zu lassen, als 15 Interessenten nach Dorsten. Hürden überwinden und Begeisterung für Kultur wecken.

Marion Taubes Projekte waren Kulturleuchttürme des Mitmachens

Marion Taube war es, die Dorsten und seiner Bevölkerung gezeigt hat, was möglich ist, wenn der Begriff „Kultur für alle“ zum Leben erweckt wird. Ihre Projekte „Polder-Park“ und „Stadtkrone“ sind Kulturleuchttürme gewesen. Im Mittelpunkt stand nicht das Konsumieren, sondern das Mitmachen.
Nie wäre es einfacher gewesen, z. B. mit einem städtischen mobilen Pavillon vor Ort für das städtische Kultur- und Weiterbildungsprogramm zu werben. Mehrfach ist vorgeschlagen worden, z. B. eine sogenannte Kultur-Litfaßsäule auf einem Anhänger zu installieren und damit überall in der Stadt zu werben. Bei Veranstaltungen aller Art, auf Marktplätzen, vor Schulen, kurz – mobil und aktuell auf das aufmerksam machen, was sich in unserer Stadt und den Stadtteilen tut. Fazit: Mit diesem Papier soll der Versuch (nochmals) gestartet werden, auf einen Missstand in unserer Stadt hinzuweisen.
Um aber nicht nur „zu meckern“, soll das Diskussionspapier möglichst der Startschuss für ein Umdenken im Rathaus und im Rat der Stadt sein. Umzudenken, die städtische Kultur flächendeckend anzubieten und mit kreativen Ideen Dorsten unverwechselbar gegenüber unseren Nachbargemeinden zu positionieren. – Soweit das Positionspapier Dirk Hartwichs.

Nachtrag: Im Rathaus gab es ein Gespräch über dieses Positionspapier

W. St. – Das Positionspapier wurde von Dirk Hartwich an die Stadtverwaltung mit der Bitte um ein Gespräch geschickt. Dieses fand am 22. Oktober 2020 im Rathaus statt. Teilnehmer waren Dirk Hartwich und Hans-Peter Steffens vom Orgateam des Rhader Bürgerforums sowie Sabine Podlaha (Amt für Kultur und Weiterbildung) und Sabine Fischer von der Stadtagentur. Die für Kultur zuständige Erste Beigeordnete Nina Laubenthal musste kurzfristig absagen.
Ob das Thesenpapier, das neben der Kritik, insbesondere konkrete und konstruktive Anregungen und Vorschläge für eine Neubewertung der städtischen Kulturarbeit beinhaltet, in allen Punkten „angekommen“ ist, konnte Dirk Hartwich nach 80 Minuten Gesprächsdauer nicht eindeutig beantworten.
Rein technisch, so Hartwich, habe der wegen der Corona-Pandemie getragene Mund-Nasenschutz die Diskussion erheblich beeinträchtigt. „Nicht das Hören war das Problem“, so Hartwich, „sondern das Nichterkennen der Mimik aller Gesprächsteilnehmer nach einem Diskussionsbeitrag. Aus der Mimik kann in der Regel mehr abgelesen werden, als eine in Worte gekleidete Positionierung.“
Weiter beschreibt Dirk Hartwich seinen Eindruck über das Gespräch: „Dass die Verwaltung ihr bisheriges Handeln ,verteidigt’, ist verständlich und nachvollziehbar. Aber der Rhader Beitrag sollte nicht nur als Widerspruch, sondern als Unterstützung, Neues zu wagen, verstanden werden.“
Um genau an diesem Punkt weiterzukommen, sprach Hans-Peter Steffens die Bitte aus, ein „neues“ Kultur- und Weiterbildungskonzept, das künftig auch Rhade (und gleichermaßen betroffene Stadtteile) auf der Dorstener Kulturlandkarte vorsieht, zu erstellen und öffentlich zu machen. Dieses Konzept sollte dann Diskussionsgrundlage für eines der nächsten Rhader Bürgerforen sein. Um sich darauf vorzubereiten, so Hartwich, sollte es, wie dieses hier vorgestellte Rhader Thesenpapier, vorab dem Bürgerforum zugestellt werden.
Dirk Hartwich konnte bis heute, also über vier Wochen nach dem Gespräch, keinen Posteingang in Rhade feststellen. „Was aktuell bleibt, ist die Hoffnung, dass die Rhader Anregungen nicht umsonst gewesen sind. Gut wäre, wenn im Rathaus die Corona-Zeit genutzt würde, um meine Hinweise und Anregungen in Ruhe zu (über)prüfen und beim Thema „Kultur für alle“ künftig die ganze Stadt im Auge zu haben.“

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Zur Person: Dirk Hartwich (75) gehört zu den seit Jahrzehnten aktiven Politikern in Dorsten und hat im nördlichen Rhade durch kreative Aktionen und konsequente Haltung zu regionalen und lokalen Themen die Politik weiter entwickelt. Seit 1972 gehört er der SPD an und war von 1975 bis 1984 Mitglied des Stadtrats. Bekannt wurde er seinerzeit auch als Mitglied der „innerfraktionellen Opposition“, deren Mitglieder als „Nordlichter“ bezeichnet wurden. Von 1975 bis zur Einstellung im Jahre 1998 war der in Rhade wohnende und dem Motto „global denken, lokal handeln“ verschworene Kommunalpolitiker Mitglied des Bezirksausschusses Lembeck/Rhade. Der Schwerpunkt seiner politischen Arbeit war Kultur und Stadtplanung. Parallel zur Parteiarbeit ist Dirk Hartwich seit 1972 auch in Bürgerinitiativen aktiv. Mehr Bürgerbeteiligung in der Politik, um mehr Identifizierung der Bürger mit ihrer Stadt zu erreichen, gehört zu einer seiner Hauptforderungen.

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