Das Stadtbild der Innenstadt wird immer mehr von der Außenwerbung der Geschäfte geprägt. Es fehlt oft die Liebe zum Detail, was die Stadt liebens- und lebenswerter machen würde

“Hotel Post” am Markt in den 1920er-Jahren

Von Wolf Stegemann

10. September 2020. – Nicht viel Glück hatten Rat und Verwaltung bislang mit der Verabschiedung einer Gestaltungs- bzw. Werbeanlagensatzung, mit der das Stadt- und Straßenbild mit überdimensionalen, bunten Werbeanlagen nicht weiter dominiert werden sollte. 1985 kamen sich Stadtverwaltung und Kaufleute im Bestreben, die Altstadt von unpassenden Werbeanlagen zu befreien und neue nicht mehr zuzulassen, ziemlich nahe. Ein Sprecher der Kaufmannschaft zu dem Vorhaben der Stadt: „Wir sitzen mit Ihnen gerne in einem Boot!“ Als es allerdings darum ging, das Boot zu betreten, d. h. Kaufleute ihre Werbeanlagen reduzieren sollten, ohne dass die Stadt dafür bezahlte, war der Konsens zwischen Stadt und Kaufmannschaft wieder aufgehoben und eine Außenwerbungssatzung bis heute trotz geltender Gestaltungssatzung nicht durchsetzbar. Die Präambel der Gestaltungssatzung gibt Auskunft über deren Sinn:

„Die Bewahrung und Erneuerung des Stadtbildes der Dorstener Innenstadt ist ein städtebauliches, kulturelles und gesellschaftliches Anliegen von hohem Rang und allgemeinem Interesse…“

Geht man heute durch die Innenstadt und sieht die vielen Werbeanlagen vor und an den Geschäften in den Häusern der Innenstadt, dann kommt man schnell zu dem Schluss, dass heute nicht mehr darauf geachtet wird, ein gutes und gemütlichen Stadtbild für die Einwohner aufrecht zu erhalten. Noch vor Jahrzehnten achtete zumindest Stadtdirektor Dr. Zahn auf die Einhaltung der Gestaltungssatzung in Bezug auf Reklame. Zwei Beispiele: Eingeklemmt zwischen zwei aggressive Werbeblöcke zweier Häuser am Marktplatz wollte ein Kaufmann seine nicht minder aggressive Werbeanlage erneuern. Die Stadt verwies auf die Satzung, der Kaufmann aber auf die Nachbarn und seine untergehende dezentrale Reklame nach Satzungsauslegung. Der Kaufmann brachte also eine dezentere Werbung an, was seine Kunden schätzten. Der Schnellimbiss McDonald musste am Busbahnhof seinen Pylon um Beträchtliches kürzen, damit das McDonald-Zeichen auf der Spitze des Pylons nicht über das Stadtbild hinweg sichtbar war, sonst hätte es optisch den Mittelpunkt der Stadt eingenommen. Aber: Nach späterer Fertigstellung des Häuserblocks in unmittelbarer Nähe am Südwall prangte dann auf dem Dach unübersehbar eine Sparkassenreklame, die unbeanstandet zumindest optisch höher war als der McDonald-Pylon. – Ein anderes Problem stellen die „Filialisten“ dar, deren einheitlich aufdringliche Werbung erst bei Nutzerwechsel verschwindet.

Reklame: Auseinandersetzung der Stadt mit einem Haubesitzer am Markt

Streit zwischen Gewerbetreibenden und der Verwaltung um Reklame gab es schon immer. Ein weiteres interessantes Beispiel in der Auseinandersetzung um die Gestaltung der Außenwerbung stammt aus dem Jahr 1929 – schon 90 Jahre her. Dr. Hartmut Butzert (†) schilderte in der WAZ vom 17. Februar 1998 diesen Fall. Die Wulfener Rose-Brauerei brachte an dem von ihr am Marktplatz in Dorsten gepachteten Haus „Hotel zur Post“ 1929 ein Reklameschild an, das den baulichen Vorschriften nicht entsprach. Bürgermeister Geißler sah in der Bierwerbung einen Verstoß gegen das „Ortstatut gegen Verunstaltung“ und ließ die Angelegenheit von der Bauberatungsstelle des Kreises Recklinghausen prüfen und bemerkte dabei gegenüber der Prüfstelle:

„Wir sind der Ansicht, dass das Transparent weder in der Form noch in seinen Größenverhältnissen zu dem Gebäude passt und umso weniger genehmigt werden kann als es gerade am Marktplatz besonders auffallend in Erscheinung tritt.“ Der handschriftliche Vermerk bestätigte die Dorstener Auffassung: „Das Transparent schlägt die Architektur des Hauses tot. Anderen Vorschlag!“

Und so erhielt die Brauerei Rose mit Datum vom 4. Februar die amtliche Absage mit der Begründung:

 „Der Entwurf nimmt keine Rücksicht auf die Architektur des Hauses, was im vorliegenden Falle umso notwendiger wäre als das Gebäude unter dem Schutze eines Ortsstatuts gegen Verunstaltung steht und durch seine Lage am Marktplatz städtebaulich besonders in Erscheinung tritt. Ich nehme an, dass sie … das ohne polizeiliche Genehmigung angebrachte Transparent entfernen.“

Brauerei Rose reagierte dann doch und änderte die Reklame

Brauereibesitzer Rose sah das ganz anders und verlangte eine eingehende Begründung, denn die Bier-Reklame hätte ein angesehener Städtebildformer und Regierungsbaumeister aus Essen entworfen. Dieser meinte, dass die Reklame zur Architektur des Hauses passe. Die Stadt antwortete, dass die Reklame eben nicht zur Architektur passe und verwies auf die Äußerung der Bauberatungsstelle des Kreises, dass die Reklame die Architektur des Hauses totschlage. Wenig später beschloss der Magistrat die Entfernung der Reklame. Da die Brauerei nicht reagierte, drohte die Stadt mit der Entfernung auf Kosten der Rose-Brauerei und setzte die Kosten hierfür auf 50 Mark fest. Daraufhin reagierte Brauereibesitzer Rose und schrieb der Stadt, dass ein neues Reklameschild entworfen werde. Dieser neue Entwurf wurde schließlich genehmigt und passierte am 23. August 1929 ohne weitere Einwände den Magistrat.

Stadt wurde nach 1945 in den historischen Strukturen wieder aufgebaut

Nun mag man sagen, dass nach der Zerstörung der Stadt 1945 die wieder aufgebauten Häuser nicht mehr den historisch-architektonischen Charakter hätten wie sie ihn vor 1945 hatten. Das mag unter der historischen Betrachtung so sein. Doch wer bei einem Rundgang durch die Innenstadt geht und die Fassaden der Häuser unter dem Aspekt der architektonischen Gestaltung und des Zusammenwirkens der Fassaden betrachtet, findet immer wieder eine schöne alte, individuelle Architektur. Doch dann sieht er auch die oft abstoßenden Reklameschilder. „Mit etwas mehr Liebe zum Detail“, so der Architekt Thomas Funke nach einem Stadtrundgang, „kann man die Stadt lebens- und liebenswerter machen.“ – Darüber sollten sich Hausbesitzer und Geschäftsinhaber, die Stadtverwaltung und die Ratsmitglieder immer wieder Gedanken machen.

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Quellen: Wolf Stegemann in RN vom 4. Dezember 1985. – Dr. Hartmut Butzert in WAZ vom 17. Februar 1998 mit Quellenverweis Stadtarchiv Dorsten.
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Ein Kommentar zu Das Stadtbild der Innenstadt wird immer mehr von der Außenwerbung der Geschäfte geprägt. Es fehlt oft die Liebe zum Detail, was die Stadt liebens- und lebenswerter machen würde

  1. Zwangsdorstener sagt:

    Sehr geehrter Herr Stegemann,
    meines Erachtens fehlt nicht nur die Liebe zum Detail. Es fehlt die Liebe, das Interesse, das Wohlwollen der Stadt uns den Bürgern gegenüber.
    Morgen geht es zur Wahl. Zum erstem Mal werde ich keinen Gebrauch von diesem hohen Gut machen. Ich kenne die Kandidaten nicht gut genug…

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