Dorstener karrten Siegmund Reifeisen in der Schubkarre durch die Stadt und verhöhnten ihn – Ostjuden wurden Anfang 1938 als unerwünschte Ausländer abgeschoben

Ilse (Elise) Hallin-Reifeisen 2019 in Jüdischen Museum; Foto: DZ

Von Wolf Stegemann

Vorbemerkung/19. September 2019. – Die Erwachsenenbildung des Evangelischen Kirchenkreises (Kirche + Kino) und das Jüdische Museum Westfalen in Zusammenarbeit mit dem Central-Kino war es gelungen, Mitte September 2019 den erst im Frühjahr 2020 in den Kinos anlaufenden sehr bemerkenswerten und exzellenten Dokumentarfilm „Kindertransporte nach Schweden“ in einer außerordentlichen „Welturaufführung“ nach Dorsten zu holen und öffentlich vorzuführen. Die Produzentin und Regisseurin Gülseren Şengezer und eine der vier in diesem Film mitwirkenden Zeitzeugen, von denen der Film getragen wird, die in Dorsten gebürtige heute 93-jährige Ilse Reifeisen-Hallin aus Schweden, standen nach der Vorstellung den Fragen der Zuschauer zur Verfügung. Dr. Norbert Reichling, Leiter des Jüdischen Museums Westfalen, moderierte. Zudem konnte das neu aufgelegte vorzüglich edierte Buch „Mein liebes Ilsekind: Mit dem Kindertransport nach Schweden – Briefe an eine gerettete Tochter“ erworben werden (nebenstehendes Titelfoto). Autorin ist die Dorstenerin Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel, Mitbegründerin und Vorstand des Museums, die seit Jahren regen Kontakt mit der Ex-Dorstenerin Ilse Reifeisen unterhält und die tragische Familiengeschichte aufgearbeitet hat. Der bedrückende Dokumentarfilm erzählt vom Schicksal von vier überlebenden Juden, die von ihren Eltern im Dritten Reich allein nach Schweden geschickt wurden, um sie vor dem nationalsozialistischen Terror zu retten – und ein Trauma erlebten. Bis heute leben sie mit dem Gefühl von Verlust, Einsamkeit, Entwurzelung und Schuld. Ihre Eltern haben sie meist nie wieder gesehen. Schweden gab nur 500 jüdischen Kindern Schutz. Eine Geschichte aus der nahen Vergangenheit, ein Zeichen für Hoffnung, das nicht in Vergessenheit geraten darf.

Dorstener Filmvorführung fand Resonanz auch in den ZDF-Nachrichten

Noch am gleichen Abend wurde in der ZDF-Nachrichtensendung „Heute-Journal“ über die  Dorstener „Welturaufführung“ umfänglich berichtet. Und wer im Netz nach Informationen über diesen außerordentlich gelobten und bereits für Filmpreise in Schweden, Frankreich und Israel nominierten Film sucht, der kommt – nachgezählt – auf annähernd 30 Ankündigungen dieser Dorstener Veranstaltung in er Region. Daher mag es verwundern, dass der Kinosaal lediglich zur Hälfte belegt war und unter den Zuschauern kein bekannter Dorstener Politiker und Ratsmitglied einschließlich Bürgermeister zu sehen war, die ansonsten immer da sind, wenn auch Presse-Fotografen anwesend sind. Aber diese fehlten offensichtlich auch. Die Dorstener jüdische Familie Reifeisen waren polnischer Herkunft und wurde im Zuge der sogenannten Polen-Aktion 1938 nach Polen deportiert wie andere jüdisch-polnische Familien aus Dorsten ebenfalls. Die Tochter der Reifeisens Ilse, das Foto zeigt sie als Mädchen, überlebte in Schweden. Hier dieser grausame Teil dieser Polen-Aktion, die auch ein Teil der Dorstener Geschichte ist:

Unter Juden waren die Ostjuden „Polaken“ und die Westjuden „Jeckes“

Das Judentum in Europa teilte sich in zwei große Gruppen: in aschkenasische und in sephardische Ju­den. Als „aschkenasisch“ wurde in der mittelalterli­chen rabbinischen Literatur Mitteleuropa und speziell Deutschland bezeichnet. Zugleich nennt man so die in Mittel- und Osteuropa übliche Aussprache des Hebräischen. „Sephardisch“ ist die vom spanischen Judentum her geprägte Kultur und Tradition des Judentums, heute auch die levantinisch-orientalische. Bis zum 18. Jahrhundert waren aufgrund des gleicharti­gen Kulturniveaus keine schroffen Gegensätze zwi­schen den aschkenasischen Juden in Mittel- und Osteu­ropa vorhanden. Erst als die Juden Westeuropas in die Kultur der sie umgebenden Völker eintraten, während die Ostjuden kulturell ihrem eigenen Milieu verhaftet blieben, wurde die Gleichheit merklich unterbrochen. Die gebildeten Schichten des Westjudentums blickten mit einiger Verachtung auf ihre Glaubensgenossen im Osten („Polacken“) herab, die in der orthodox-tradi­tionellen Richtung auch im Westen tonangebend wa­ren. Die Ostjuden nannten die Westjuden geringschät­zig „Jeckes“ und erblickten in ihnen „Juden minderen Grades“. Dennoch kam zwischen beiden jüdischen Kulturen ein fruchtbarer Austausch zustande. Wis­sensdurstige, vom Aufklärungsgedanken beseelte Jünglinge aus dem Osten zogen nach Deutschland, um sich hier eine allgemeine Bildung anzueignen; deut­sche Juden wie Moses Mendelssohn und David Fried­länder suchten für ihre polnischen Stammesbrüder zu wirken. Das nebenstehende Bild zeigt ein Inserat aus dem Israelitischen Familienblatt, Februar-Ausgabe 1922.

Etliche Ostjuden siedelten sich in Dorsten an

Auch nach Dorsten zogen viele Ostjuden. Die meisten blieben aber nur für kurze Zeit, reisten dann wei­ter. Eine auffällige Anlaufstelle für Ostjuden in Dorsten waren die Häuser Bochumer Straße 49, Bochumer Straße 11 und Barbarastraße 34. In den polizeilichen Melderegistern wurden Namen ein- und wieder ausgetragen: Mathes Vogel aus Warschau, Samuel Walter aus Brzesko, Hany Fabian aus Wilkischken, Hersch (Foto) und Malka Was­sermann aus Przeworsk, Salomon Zinn-Porper aus Manasterczany, Malka Haftel aus Bolechow, Golda Singer aus Kosow, Amalie Schleier aus Koligew und viele andere. Wenige blieben in Dorsten ansässig; ihre Namen wur­den geläufig: Siegmund Reifeisen, Norbert Jäckel, Paul und Max Lewin, Paul Schöndorf. Sie suchten um die deutsche Staatsangehörigkeit nach, die ihnen in den 1920er-Jahren ver­wehrt wurde. Reifeisen und Schöndorf wurden 1938 als Ausländer nach Polen abgeschoben; Reifeisen kam zurück und wurde später von Gelsenkirchen aus in das KZ Riga  gebracht, wo er umkam. Auch Schöndorf wird der Vernichtung durch die Nazis nicht entkommen sein, denn ein Jahr später rückte die deut­sche Armee in Polen ein, im Gefolge Polizei- und SD-Kommandos, welche die Juden zusammentrieben und in den Todeslagern ermordeten.

S. Reifeisen gründete in der Essener Straße 16 ein Kaufhaus

Im Jahre 1923 wollte der Kaufmann Sieg­mund (auch Simon gen.) Reifeisen durch Erwerb der preußischen Staatsangehörigkeit eingebürgert wer­den. Der 1892 im galizischen Bolechow geborene Siegmund (Simin) Reif­eisen war während des Ersten Weltkriegs Soldat

Inserat des Kaufhauses Reifeisen in der Dorstener Volkszeitung vom 21. November 1924

im österreichisch-ungarischen Heer. Sein Vater Leib Bär Reifeisen war bereits gestorben, seine Mutter Cilly Lustig wohnte noch in seiner Heimatstadt Bolechow in Polen. Siegmund Reifeisen kam im Dezember 1922 nach Dorsten, wo er sich als selbstständiger Kaufmann in der Branche Herren- und Knabenkonfektion niederließ. In der Essener Straße 16 gründete er das „Kaufhaus Reifeisen“ (Foto), das bereits nach der Gründung von Dorstenern antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war. Die Ermittlungen der Behörden, die aufgrund sei­nes Antrages auf Staatsbürgerschaft erfolgten, brachten keine negativen Erkenntnisse über Reifeisen; auch im zentralen Strafregister des Reichsjustizministe­riums waren keine Eintragungen vermerkt. Dennoch wurde Reifeisen nicht eingebürgert. Die Gründe sind nicht bekannt. Elf Jahre später, am 31. März 1933, fragte die Dorstener Polizeiverwaltung beim Reichsju­stizministerium in Berlin an, „ob der Ausländer Simon Reifeisen“ vorbestraft sei und ob sich dieser »in politi­scher Hinsicht bemerkbar« gemacht habe. Die Aus­kunft: „Im hiesigen Strafregister sind keine Verurteilungen vermerkt.“
Reifeisen war verheiratet. Seine Frau Gertrud (geb. Spanier) stammte aus Herfurt. Ilse, seine 1926 in Dor­sten geborene Tochter, besuchte die Schule der Ursulinen bis zum Jahre 1938, dann brach der Schulbesuch ab. Siegmund Reifeisen wurde im Oktober 1938 nach Po­len abgeschoben. Beim Abtransport aus Dorsten setzte man ihn in eine Schubkarre, fuhr ihn durch die Straßen der Stadt und verhöhnte ihn. An der polnischen Grenze soll er von den Deutschen aufgehalten worden sein, weil er versucht haben soll, ein silbernes Besteck mitzunehmen. Reifeisen wurde zurückgebracht und in Gelsenkirchen eingesperrt. Von dort aus wurde er nach Riga deportiert und umgebracht. Seine Frau wurde im KZ Stutthof ermordet. Das KZ Stutthof hatte der SS-General Richard Hildebrandt aufgebaut und eingerichtett, der 1915 am Gymnasium Petrinum in Dorsten das Abitur machte. Wo bis 1945 in der Essener Straße 16 das Kaufhaus/Wohnhaus Reifeisens stand, erinnern heute Stolpersteine an das Ehepaar (Foto, DZ).

Schöndorfs kamen im KZ ums Leben

Auch Saul (Paul genannt) Schöndorf, 1895 in Stanislawow (Polen) geboren, wurde 1938 nach Polen abge­schoben. Er hatte bis 1925 ein Uhrmachergeschäft, da­nach war er Reisender. Er wohnte mit seiner Frau Elice, geborene Zwiebel, und seinen drei Töchtern Klara, Ida und Elly in der Blindestraße 21, dann im Haus Bochumer Straße 40. Die Familie kam später in einem KZ ums Leben.

„Polenaktion“: 50.000 polnische Juden wurden in Deutschland staatenlos

Hitlers propagandistische Darstellung des Antisemitismus überzeichnete und verfälschte den Typus des Ostjuden, wobei er auf ein bereits gut bestelltes Feld antisemitischer Strömungen weiter Kreise von Gesellschaft, Politik und Kirchen stieß, auf dem seine Verbrechen gegen jüdische Menschen später ohne nennenswerte Proteste gedeihen konnten. Neben all den Verfolgungen und Entrechtungen, de­nen Juden ab 1933 ausgesetzt waren, richteten sich auch Aktionen gegen die in Deutschland lebenden Ostjuden. Zu Jahresbeginn 1938 ordnete SS-Reichs­führer Heinrich Himmler die Ausweisung aller Juden in Deutschland innerhalb von zehn Tagen an. Das nebenstehende Foto zeigt die Deportation  der polnischen Juden, wie es in allen Städten aussah. Um die Rückkehr von 50.000 in Deutschland lebenden polnischen Juden nach Polen zu verhindern, erließ die polnische Regierung im März 1938 ein Entneutralisierungsdekret, das die Staatsbürgerschaft jener 50.000 Juden von Polen annullierte, die länger als fünf Jahre im Ausland lebten, es sei denn, sie erhielten vor dem 31. Oktober einen speziellen Stempel vom polnischen Konsulat, ohne den ihnen die Rückkehr nach Polen verwehrt würde. Über Nacht wurden 50.000 polnische Juden in Deutschland staatenlos, da die polnischen Konsulatsbeamten die Ausgabe des erforderlichen Stempels verweigerten.

Ostjuden über die polnische Grenze gejagt

Obwohl der deutschen Regierung die Weigerung der polnischen Regierung bekannt war, begann die Ge­stapo am 28. Oktober 1938 auf Befehl des Außenmini­sters unter dem Stichwort „Polenaktion“ 17.000 polni­sche Juden zum Transport an die polnische Grenze aus­zuweisen. Die Polizei sorgte dafür, dass sich die Ausge­wiesenen tatsächlich auf die Reise begaben. Ein Teil von ihnen wurde in Eisenbahnzüge verfrachtet. Sie durften nur mitnehmen, was sie tragen konnten. Der andere Teil wurde auf Lastwagen verladen und zur Grenze gebracht. Die Eisenbahnzüge stauten sich an den Grenzbahnhöfen; die Polen stellten sich auf den Standpunkt, dass die Frist zur Erlangung des Stempels abgelaufen sei, und ließen niemanden durch. Schließ­lich mussten die Züge umkehren. Im Laufe des 29. und 30. Oktober kamen die Juden wieder heim; sie hatten einen Vorgeschmack dessen erlebt, was zwei Jahre spä­ter im großen Stil erfolgen sollte. Nicht so glimpflich lief die Lastwagenaktion ab. Da auch für diese Transporte die Grenze verschlossen war, fuhren die Laster an der Grenze auf die freien Felder, holten die Insassen herunter und jagten sie über die Grenze. Auf einen solchen Handstreich waren die Po­len nicht vorbereitet gewesen. Dennoch wurden die polnischen Juden ins Niemandsland zurückgetrieben, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen auf freiem Feld kampieren mussten. Schließlich ließ Polen, unter internationalem Druck, seine Staatsbürger ins Land. Trude Maurer kommt in ihrem Buch „Ostjuden in Deutschland 1918 -1933“ zum dem Schluss:

„So vollzog sich das Leben der Ostjuden in Deutschland zwischen der Drohung der Ausweisung, besonders für die erst nach dem Krieg Zugewanderten, und der Perspektive der allmählichen, wenn auch keineswegs ungehinder­ten Integration der schon länger Ansässigen zunächst in die deutschjüdische, langfristig auch in die deutsche staatsbürgerliche Gemeinschaft. Im Dritten Reich dann wurde dieser Weg völlig versperrt: Die Juden wurden aus der deutschen Wirtschaft ausgeschaltet, gesellschaftlich isoliert, zur Auswanderung gedrängt bzw. – die Ausländer unter ihnen – in Massen ausgewie­sen, bis schließlich der organisierte Massenmord nicht nur die ostjüdische Existenz zerstörte, sondern jüdi­sches Leben überhaupt in Deutschland und in Europa nahezu gänzlich auslöschte.“

Siehe auch: Juden wurden in Dorsten  … ausgeplündert
Siehe auch: Häuser, die einst Juden gehörten…
Siehe auch: Was war Nationalsozialismus? Der Direktor des Gymnasium Petrinum: Eine Forderung der Religion
Siehe auch: Richard Hildebrandt – Petrinum-Abiturient wurde als Kriegsverbrecher in Nürnberg verurteilt und in Polen gehenkt

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Entnommen: www.dorsten-unterm-hakenkreuz“.de (veröffentlicht Mai 2012). Literatur: Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel: „Mein Liebes Ilsekind: Mit dem Kindertransport nach Schweden – Briefe an eine gerettete Tochter“, JMW Dorsten, 2013/2019. – Wolf Stegemann „Und will meiner Braut die preußische Staatsangehörigkeit bescheren – Ostjuden wurden 1938 als Ausländer angeschoben“ in Wolf Stegemann/Johanna Eichmann (Hg): „Juden in Dorstern und in der Herrlichkeit Lembeck“, 1989. – Wolf Stegemann/Dirk Hartwich (Hg): Dorsten unterm Hakenkreuz – Die jüdische Gemeinde“, 1983.
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