Dorsten verlor im Jahr 2018 über 500 Einwohner. Mit dem Abebben der Flüchtlingswelle kehrt der Abwärtstrend zurück

Der Einwohnerschwund ist nicht mehr zu übersehen

Von Helmut Frenzel

1. August 2019. – Es kam wie zu erwarten war: Ende 2018 zählte Dorsten 74.736 Einwohner, das waren 516 weniger als im Jahr davor (s. Tabelle unten). Es ist die Wende zurück zu den früheren Verhältnissen. Seit 2014 hatten die von dem Flüchtlingsstrom ausgelösten Wanderungsbewegungen ausländischer Staatsangehöriger die langfristig wirkenden Ursachen der negativen Bevölkerungsentwicklung Dorstens überdeckt. Die Zahl der ausländischen Zuwanderer stieg stark an und erreichte 2017 mit 1524 einen vorläufigen Höhepunkt. Erst mit zeitlicher Verzögerung folgte die Zahl der Abwanderer diesem Muster. Daraus entstand ein jährlicher Wanderungsüberschuss von mehreren Hundert Personen. Dieser kompensierte weitgehend den Rückgang des deutschen Bevölkerungsanteils.

Die Folge war, dass die Einwohnerzahl insgesamt seit 2014 nur geringfügig schrumpfte. 2018 ist das Zahlenwerk gekippt. Erstmals ist der Wanderungssaldo der Ausländer mit -49 wieder negativ und, wie wenn ein Schalter umgelegt worden wäre, sinkt die Zahl der Einwohner Dorstens wieder in der aus früheren Jahren bekannten Größenordnung.

Die fundamentalen Treiber des Einwohnerschwunds gewinnen wieder die Oberhand. Dabei handelt es sich um das Geburtendefizit (Geburten minus Sterbefälle), das sich bei etwa -300 jährlich hält, und um den negativen Wanderungssaldo bei den deutschen Einwohnern, der in den letzten Jahren bei durchschnittlich -200 jährlich lag. Das Geburtendefizit betrifft weit überwiegend den deutschen Bevölkerungsanteil. Zusammen mit dem negativen Wanderungssaldo sinkt die Zahl der deutschen Einwohner 2018 um 448, die Zahl der Ausländer um 68.

Die vorstehende Tabelle zeigt die Bevölkerungsentwicklung getrennt nach Deutschen und Ausländern. Man erkennt, dass die Zahl der deutschen Einwohner kontinuierlich sinkt. 2018 betrug sie 69 686. Demgegenüber steigt die Zahl der Ausländer an; sie betrug 2018 nach einer kleinen Delle 5050. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt unter 7 Prozent.

Den auf die Bevölkerungsentwicklung wirkenden Mechanismus kann man etwa so zusammenfassen: Das Geburtendefizit und die Abwanderungsbewegung des deutschen Bevölkerungsanteils haben sich als sehr nachhaltig erwiesen und bewirken einen ebenso nachhaltigen Rückgang der Zahl der deutschen Einwohner zwischen 400 und 500 jährlich. Ob dieser Rückgang gebremst oder ganz kompensiert wird, hängt derzeit alleine an der Nettozuwanderung ausländischer Staatsangehöriger. Umgekehrt verstärkt eine Nettoabwanderung den Bevölkerungsrückgang. In diesem Zusammenhang gilt auch: So wie das Anschwellen des Flüchtlingszustroms die Einwohnerzahl stabilisierte, dürfte ein Abschwellen nun den Rückgang der Bevölkerung beschleunigen.

Sinkende Kaufkraft setzt Einzelhandel unter Druck

Manch einem mag das alles als überflüssige Zahlenspielerei vorkommen. Aber das ist es nicht. An der Zahl der Einwohner hängt die einzelhandelsrelevante Kaufkraft und hier geht es insbesondere um die deutschen Einwohner. Der unaufhaltsam erscheinende Rückgang ihrer Zahl hat unmittelbare Auswirkungen auf den Dorstener Einzelhandel. Das kann sehen, wer mit offenen Augen durch die Altstadt, Hervest, Holsterhausen oder Wulfen läuft und die verlassenen Geschäftsräume registriert. Im Einzelhandelsgutachten der CIMA von 2014 ist die einzelhandelsrelevante Kaufkraft der Stadt Dorsten mit 435 Millionen Euro beziffert. Der Verlust von 500 Einwohnern entspricht – 0,7 Prozent. Das klingt wenig, aber in Euro ausgedrückt geht es um einen Kaufkraftverlust von 3 Millionen – in einem Jahr. In den vier Jahren seit 2014 betrug er 12 Millionen. Am Einzelhandel geht das nicht spurlos vorbei.
Diese Entwicklung betrifft nicht nur Dorsten, sondern die gesamte Region. Hinzu kommt, wie jeder weiß, dass die einzelhandelsrelevante Kaufkraft nicht mehr wie früher vollständig beim stationären Einzelhandel ankommt. Ein wachsender Anteil geht an den Online-Handel und macht die Lage des stationären Einzelhandels umso schwieriger. Immer mehr Betriebe geben auf. Die Folge sind steigende Fluktuation und zunehmende Leerstände in den Einkaufsstraßen. Inzwischen füllen neue Betriebsformen manche geräumten Lokale: ein Tattoo-Laden in der Recklinghäuser Straße, eine Krankenkasse in der Essener Straße, die Stadt als Mieter für ihre Tochter „Dorstener Arbeit“ in der Lippestraße, ein Fitness-Betrieb im Harsewinkel undsoweiter. Die Attraktivität der Einkaufsstraßen erhöht das nicht unbedingt.
Die Auszehrung des stationären Einzelhandels wird vorerst weitergehen. Wer glaubt, dass die Neugestaltung der Fußgängerzone in der Dorstener Altstadt die Wende bringt, wird enttäuscht werden. Vielleicht wird die Besucherfrequenz steigen. Aber die Kaufkraft? Man darf gespannt sein, ob es dem Management des darnieder liegenden Einkaufscenters unter diesen erschwerten Bedingungen gelingt, durch die Ansiedlung attraktiver Betriebe das „Mercaden“ zum Erfolg zu führen.

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