Blick in die lokale Medienwelt (II): Altstadtschützen erklärten 1984 den Journalisten zum „inneren Feind“, der das ganze gesellschaftliche Gefüge zum Einsturz bringen will

Schützen (Symbolbild)

Vorab gesagt: Warum dieser Artikel? Lokalzeitungen sind dazu da, ihre Leser über Geschehnisse in ihrer Stadt – u. a. in den Vereinen, Bürgerinitiativen, Kindergärten, Schulen, Schützenvereinen – zu informieren und auch und vor allem einen kritischen Blick auf das Tun und Lassen der Kommunalpolitik und städtischer Institutionen zu werfen, darüber zu berichten und es zu kommentieren. Nehmen Journalisten ihre Arbeit in diesem und im Sinne ihres journalistischen Ethos ernst, ecken sie mitunter zwangsläufig an. Dann kann es schon mal Abbestellungen der Zeitung und Diffamierungen von Journalisten geben. – In loser Folge schildern wir begrenzt solche Eposiden bzw. Vorfälle.

Schützen wechselten den äußeren Feind mit dem inneren aus

Im Jahre 1984 gab es eine heute als amüsant zu bewertende Auseinandersetzung über eine Film-Rezension, die der damalige Kulturredakteur der Dorstener „Ruhr-Nachrichten“, Wolf Stegemann, unter dem Titel „Filmemacher Garczyk stellt sich den Dorstenern“ schrieb. Eckhard Garczyk hatte in dem TV-Film des Bayerischen Rundfunks „Jeder hat sein Nest im Kopf“ vor allem über den Schützenbetrieb so berichtet, dass er „anfangs“ auch den Ehrenobersten und Ehrenvorsitzenden der Altstadtschützen, Hans Pasterkamp, „schockierte“, wie er in einem Leserbrief an die „Ruhr-Nachrichten“ vom 31. Mai 1984 schrieb. Garczyk nahm in diesem Film u. a. das militärische Gehabe der Schützen aufs Korn seiner Filmkamera. Doch seinen Unmut schüttete der Ehrenoberst nicht über den Filmemacher Garczyk aus, sondern über den Journalisten, der darüber schrieb und den Hans Pasterkamp mit einem Menschen verglich, der „wurzellos“ keine „Achtung vor der Tradition“ habe. Pasterkamp gab Nachhilfeunterricht:

„Tradition ist wie eine Glut, die unter der Asche von Jahrhunderten weiterglimmen konnte bis in unsere Zeit. Erlischt diese Glut, so ist unendlich Kostbares für immer verloren.“

Warum brauchen Altstadtschützen überhaupt einen „inneren Feind“?

Zur Erhellung ist anzumerken, dass der Wahl-Dorstener Stegemann mit anderen Bürgern in diesen Jahren die Geschichte des Nationalsozialismus erforschte und 1984 gerade der 2. Band „Dorsten unterm Hakenkreuz“ erschienen war, was nicht von allen Dorstenern gut geheißen wurde, und auch hier und da zu „atmosphärischen Störungen“ beigetragen haben mag. In seinem Leserbrief betonte Hans Pasterkamp, welchen Sinn er in der Tradition der Schützen sah – außer traditionellen Ritualen und Geselligkeit:

Hans Pasterkamp

„Herr St.! Sie machen es mir leicht, einen lapidaren Satz aus meiner letzten Begrüßung der Ehrengäste am Alten Rathaus näher zu erläutern. Ich sagte da abschließend, es gehe heute nicht mehr darum, den äußeren, sondern den inneren Feind zu bekämpfen. Dieser Satz erschien wörtlich in der Presse und wurde auch in dem Garczyk-Film wiedergegeben. Manche Bürger mögen sich gefragt haben, wen meint eigentlich der 1. Vorsitzende mit dem inneren Feind? Nach Ihrer provozierenden Äußerung kann ich eine eindeutige Antwort geben, Sie, Herr St., sind der innere Feind, der bewusst die Einigkeit in unserem Verein zerstören und am Ende unser gesamtes gesellschaftliches Gefüge zum Einsturz bringen möchte.“

Zum inneren und äußeren Feind wäre hier noch anzumerken, dass schon mal einer in Dorsten von inneren und äußeren Feinden gesprochen hatte, die es zu besiegen galt. Es war der NSDAP-Gauleiter Dr. Alfred Meyer 1937 beim Kreistreffen der NSDAP auf dem Dorstener Marktplatz. Er appellierte an seine Parteigenossen, dem Bolschewismus den Kampf auf allen Gebieten anzusagen. Er sprach von der Bereitschaft, gegen den inneren und äu­ßeren Feind siegreich zu bestehen… So weit zur Konnotation der Nazis, nachzulesen in der „Dorstener Volkszeitung“.

Der vom Ehrenoberst der Schützen 1984 zum inneren Feind erklärte und persönlich gescholtene Journalist, der mit Kritik an den Schützen angeblich die Gesellschaft zerstören wollte, so Pasterkamp, machte von seinem Recht Gebrauch, 1984 eine Anmerkung unter den Leserbrief Hans Pasterkamps zu setzen:

„Eigentlich verdiente dieser Leserbrief mit seinen direkten persönlichen Anmerkungen eine längere Entgegnung. Aber nur eine Frage dazu: Brauchen Brauchtum und Altstadtschützen einen ‘inneren Feind’, um ihre Existenzberechtigung nachzuweisen und sich aus glimmender Glut zu profilieren?“


Quelle: „Inneren Feind der Schützen erkannt“ in RN vom 31. Mai 1984.
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Ein Kommentar zu Blick in die lokale Medienwelt (II): Altstadtschützen erklärten 1984 den Journalisten zum „inneren Feind“, der das ganze gesellschaftliche Gefüge zum Einsturz bringen will

  1. Wilhelm Schürholz sagt:

    Lieber Herr Stegemann,

    es wäre aus heutiger Sicht wohl ratsam für Herrn Pasterkamp in seiner Funktion als 1. Vorsitzender gewesen, sich nicht provozieren zu lassen. Aber gut, sei’s drum.
    Ich sehe Ihren Artikel und den “Wortwechsel” auch eher als ein Dokument aus dem Jahr 1984 mit all den damaligen innen- und aussenpolitischen politischen Kontroversen, die auch vor der kommunalpolitischen Stimmung nicht Halt machten. Vielleicht hätte man heute darauf eingehen können – oder auf die Auseinandersetzung Herrn Garczyks mit seiner Geburtsstadt Dorsten. Ich habe übrigens den Film damals gesehen – zu viel Lärm um persönliche Befindlichkeiten.
    Noch ein Wort: Mag die damalige Auseinandersetzung – wie Sie schreiben – “amüsant” gewesen sein, an einem Punkt ist sie es heute nicht mehr: Dass Sie mit Ihrem Hinweis heute den verstorbenen Herrn Pasterkamp in die Nähe eines NSDAP-Gauleiters bringen halte ich doch persönlich und inhaltlich für – gelinde gesagt – unglücklich: Selbst wenn Ihnen die damalige Wortwahl oberflächlich deckungsgleich erscheint, die Aussage ist es bei Kenntnis der Person Herrn Pasterkamp und des Hintergrundes Ihrer Auseinandersetzung ganz sicher nicht. Nach 34 Jahren sollten sich die Emotionen doch gelegt haben.
    In diesem Sinne – Sonntägliche Grüße
    Wilhelm Schürholz

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