Einer der mächtigsten Banker, Ludwig Poullain, beauftragte 1959 die Künstlerin Sr. Paula, den Markbrunnen zu gestalten und machte sie danach über die Stadtgrenzen hinweg bekannt

Poullain begrüßt Sr. Paula und hält die Festrede, als sie 1972  Ehrenbürgerin wird

Von Wolf Stegemann

11. Mai 2018 – Der 1919 geborene Sohn eines Bäckers legte eine Bank-Karriere hin, die zumindest in seiner Zeit wohl einmalig war: Dr. h. c., Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Recklinghausen, dann der WestLB, damals die größte Bank Deutschland, Präsident der Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes und vieles mehr. Und als solcher war er Freund und wichtiger Kunstförderer der Dorstener Ursuline und Künstlerin Sr. Paula bzw. Elisabeth Gräfin von der Schulenburg mit Künstlernamen Tisa, die er über die Stadtgrenzen hinweg bekannt machte.

Beharrlich klopfte er an der Dortsner Klosterpforte

1959 klopfte er an die Pforte des St. Ursulaklosters in Dorsten. Da war er Leiter der Sparkasse Recklinghausen, die am Marktplatz das Haus für die Hauptzweigstelle Dorsten errichtet hatte. Zum Abschluss sollte dort am Marktplatz ein künstlerisch gestalteter Brunnen entstehen, den die Sparkasse finanzieren und daher auch Einfluss nehmen wollte auf das Aussehen des Brunnens. Da war guter Rat teuer. Den bekam er dann auch: Er sollte eine bildhauernde Klosterfrau in Dorsten aufsuchen, die zwar geschieden und auch mal evangelisch war, doch sie könne was. Also klopfte er an die Klosterpforte und fragte Sr. Paula, ob sie den Brunnen machen wolle. Sie lehnte rundweg mit dem Hinweis ab, dass Auftragsarbeiten sie zwangsweise wieder mit „draußen“ verbinden würden. Poullain ging und klopfte nach Wochen wieder an die Klosterpforte, da er nicht aufgeben wollte. Jetzt gab Sr. Paula auf: „Ja, wenn ich den Brunnen so machen kann, wie ich mir das vorstelle, die Geschichte Dorstens in Bildern und in Gleichnissen der Heiligen Schrift, nicht mit Meißel oder in Marmor, sondern geformt in flüssigem Beton…“ Das waren die ersten beiden Begegnungen Ludwig Poullains mit Sr. Paula. Ihnen sollten sich noch viele anschließen. Ludwig Poullain sagte über die Begegnungen mit Tisa, wie er sie nannte: „Sie sind von direkter Art, ohne langatmige Umschreibungen und ohne Versteck spielen. Sie sind offen. So gibt sie sich, so erwartet sie es von anderen. Da ich schon immer aus ihrem Gesicht lesen konnte, was sie empfand oder dachte, waren ihre Worte oft nur ihre Miene begleitenden Texte. Und da es so war und so ist, waren die Begegnungen mit Tisa Freundschaft.“ Diese hielt über Jahrzehnte.

Eine der ersten Ausstellungen Sr. Paulas 1968 organisierte Ludwig Poullain

Ausstellung 1968 in Münster, Poullain (l.)

Immer wieder förderte er die Arbeit Sr. Paulas durch Auftragsarbeiten wie kunstvolle Türklinken in Banken, Brunnen in Dortmund und anderswo, durch Ankäufe von Zeichnungen und Plastiken für die Bankräume sowie durch Ausstellungen in Filialen der Sparkasse Recklinghausen und darüber hinaus. 1968 zeigte die Sparkasse Münster eindrucksvolle und erschreckende Zeichnungen und Plastiken zum Thema „Vietnam“. „Der Zyklus dokumentiert in eindrucksvoller Weise“, so Sparkassen-Vorstandsvorsitzender Ludwig Poullain, „die ganze Not unserer Zeit, weil wir beim Thema Vietnam auch an Biafra oder St. Domingo denken … Funktion der Kunst ist es, den jeweiligen Ort und das Gefühl des Menschen in Formen zu verwandeln. Kunst ist nicht Konsum, denn das schreckliche Leiden, das Schicksal des Menschen sperrt sich gegen den Verbrauch.“

Kritische und lobende Anmerkung zur Dorstener Mentalität

Ludwig Poullain starb in Münster

Für ihre Verdienste wurden Sr. Paula im September 1972 die Ehrenbürgerrechte verliehen. Gäste aus dem In- und Ausland hatten sich in der Ursulinen-Aula versammelt, die von Bürgermeister Hans Lampen begrüßt wurden. Dann begab sich Ludwig Poullain zum Rednerpult, um die Laudatio auf die von ihm hochgeschätzte Künstlerin zu halten, die er mit „liebe Tisa“ ansprach. Der musisch ambitionierte Großbanker würzte seine Festrede mit ebenso viel Geist wie Ironie, um dann aber immer wieder ernsthaft „zur Sache“ zu kommen – sprich zu Sr. Paula. „Welche Verwandlung mag diese Stadt überzogen haben“, meinte Poullain angesichts des Anlasses der Feierstunde, dass man sich in Dorsten entschlossen hatte, eine Künstlerin auf den Sockel zu heben. Der Festredner machte hier einige kritische Anmerkungen zur Dorstener Mentalität in der Zeit des Wiederaufbaus. „Dorsten war bestrebt gewesen, fernab von allen Anfechtungen die gute, alte Welt wieder zu schaffen. Aber jetzt, nachdem die Stadt Sr. Paula zur Ehrenbürgerin machte, darf  man feststellen: Diese Stadt ist jung geblieben, sie hat sich selbst Ehre angetan.“ In seiner Laudatio verstand es Ludwig Poullain, ein Porträt der Künstlerin zu zeichnen, wobei er auch ihre liebenswerten Schwächen – „ihre kleinen Eitelkeiten sind gottlob von dieser Welt!“ – plastisch zu schildern wusste. Ludwig Poullain blieb seiner „lieben Tisa“ als Mäzen und Kunstfreund lange treu, vermittelte Ausstellungen, machte Sr. Paula in den 1970er-Jahren im Westfälischen und auch im benachbarten Ruhrgebiet bekannt. Da stellt sich die Frage, wer war eigentlich dieser geistvolle Banker?

Poullain-Affäre machte weltweit Schlagzeilen

Spiegel-Heft 1/1978

Ludwig Poullain wurde 1919 in Lüttringhausen (heute Stadt Remscheid) als Sohn eines Bäckermeisters geboren, besuchte das Realgymnasium und begann 1937 eine Sparkassenlehre in Remscheid, wurde 1939 Soldat, ging 1950 wieder ins Bankfach und war von 1958 bis 1964 Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Recklinghausen. Danach wechselte er zur  „Landesbank für Westfalen Girozentrale“ in Münster, deren Generaldirektion er 1966 übernahm. Drei Jahre später wurde daraus die WestLB, die durch Vereinigung mit der RheinLB die größte Bank in Deutschland und Poullain ihr erster Vorstandsvorsitzender wurde. Poullain gestaltete das Sparkassenwesen nach dem Motto „Opas Sparkasse ist tot“ erfolgreich um. 1977 gab es einen Skandal um ihn, der als „Poullain-Affäre“ die Schlagzeilen beherrschte, und die den Banker 1977 zum Rücktritt zwang. Es wurde bekannt, dass Ludwig Poullain 1972 einen Beratervertrag mit einem späteren WestLB-Kunden abschloss und dafür insgesamt 1,1 Millionen DM privat einsteckte. Nachdem dieser Großkunde, die Schmidt Ratio-Gruppe, in finanzielle Schieflage geraten war, bescheinigte Poullain immer noch deren Kreditwürdigkeit. Beim Konkurs des von Ludwig Poullain beratenen Unternehmens musste die WestLB 1976 Schulden des Unternehmens in Höhe von über 33 Millionen DM übernehmen. Als das Geschäftsgebaren Poullains ein Jahr später öffentlich wurde, trat Ludwig Poullain zurück. Er betätigte sich danach als Berater verschiedener Unternehmen wie Axel C. Springer-Verlag und Max Grundig. Mit der „Poullain-Affäre“ befassten sich auch die Gerichte. Die Verfahren gingen alle zugunsten Poullains aus und im Strafverfahren wurde er auch vom Bundesgerichtshof in allen Anklagepunkten –  Betrug und Untreue – freigesprochen. Denn die Gerichte sagten, Poullain hätte nicht als Beamter (WestLB), sondern als Banker gehandelt. – Ludwig Poullain, einer der einflussreichsten Manager der deutschen Bankenlandschaft, Kunstsammler mit Yacht vor Mallorca sowie Bewunderer von Tisa Gräfin von der Schulenburg und ihrer Kunst, starb im Alter von 95 Jahren in Münster.

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Anmerkung: Zeitgleich auch in das Dorsten-Lexikon eingestellt. – Quellen: Tisa von der Schulenburg-Archiv Wolf Stegemann. – „Münsterscher Stadtanzeiger“ vom 10. Aug. 1968. – WAZ Dorsten vom 7. Sep. 1972. – Ruhr-Nachrichten Dorsten vom 18. Sept. 1972. – Anneliese Schröder „Tisa Schulenburg“ (mit einem Beitrag von Ludwig Poullain), Aurel Bongers Recklinghausen 1983. – Ludwig Poullain: „Die ungehaltene Rede“ in FAZ vom 16. Juli 2004. – „Westf. Nachrichten“ vom 10. Febr. 2015.
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