Ludwig Schulte Strathaus – Die Karriere des Petrinum-Schülers und Journalisten ist ein Abbild des 20. Jahrhunderts: NS, Krieg, Aufbau der Bundesrepublik und diplomatischer Dienst

Journalist und Diplomat Dr. Ludwig Schulte Strathaus im Jahr 2006; Foto: privat

Von Wolf Stegemann

4. Mai 2018 – Von denen, die am Dorstener Gymnasium Petrinum das schulische Rüstzeug für ihr Leben mitbekamen, gehörte er, der 1932 dort das Abitur machte, zu denen, die eine überdurchschnittlich erfolgreiche und glänzende Berufskarriere hinlegten, in er sich das Jahrhundert spiegelt.  Promovierter Zeitungswissenschaftler, Journalist, NS-Propagandaministerium, Sonderkriegsberichterstatter, Spiegel-Redakteur, Diplomat an den Botschaften der Bundesrepublik in Australien, London und Ständiger Vertreter bei der UNESCO in Paris und noch viel mehr. Zwölf Jahre nach seiner Schulzeit in Dorsten war er noch einmal in Dorsten, als er am 1. April 1941 vor dem Altar in der St. Agathakirche seiner Frau die Hand zum Lebensbund reichte. 70 Jahre später konnte das Paar die seltene Gnadenhochzeit feiern. Wie gesagt, sein Leben liest sich wie die Chronik des 20. Jahrhunderts.

Kriegsbildpropaganda Thema seiner Doktorarbeit an der Universität Paris

1938 veröffentlichte Doktorarbeit

Im Kaiserreich ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs geboren, waren seine Eltern  Heinrich und Käthe geborene Gröninger, deren Vater aus Erle stammte. Der Vater war Lehrer und zuletzt Rektor in Gladbeck-Zweckel. Ludwig, der noch einen 1920 geborenen Bruder Hermann und drei Schwestern hatte, besuchte zuerst die Aloysiusschule in Gladbeck und ab 1920, als seine Familie nach Feldhausen zog, die dortige Volksschule. Im Frühjahr 1923 legte er die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium Petrinum ab, schaffte sie ohne mündlich geprüft zu werden, weil er die Frage zu beantworten wusste, dass man Viehherde, mit zwei h schreibt. Ludwig Schulte Strathaus wurde Klassensprecher. Auch sein Bruder Hermann aus Brambauer besuchte das Gymnasium, musste es aber verlassen, als er sich einmal gegen eine Ohrfeige des Direktors Dr. Georg Feil wehrte, indem er die Hand des Direktor festhielt. Ludwig belegte den Stenografie-Kurs am Gymnasium, was seinem späteren Beruf zugute kommen sollte. 1932 machte er das Abitur, fing noch im gleichen Jahr ein Studium der Zeitungswissenschaften in München an, trat in die „Aenania“ ein, eine Katholische Deutsche Studentenverbindung (CV), deren Fuchsmajor er wurde und der er bis zu seinem Tod angehörte. Ab 1935 studierte Ludwig Schulte Strathaus an der Pariser Universität Zeitungswissenschaft und promovierte 1935 mit der Dissertation „Das Bild als Waffe. Die französische Bildpropaganda im Weltkrieg“ („Magna cum Laude“). Darin schreibt Schulte Strathaus, dass sich Karikaturzeichner von den Soldaten an der Front nur durch die Art ihrer Waffen unterscheiden. 1938 wurde die Doktorarbeit vom Würzburger Verlag Triltsch als Buch herausgegeben, das damals sechs Reichsmark kostete und heute im Antiquariat nicht unter 200 Euro zu haben ist. Zu seinen berufsbezogenen Hobbys gehörte u. a. das Fotografieren.

In der Auslandspresseabteilung des NS-Propagandaministeriums

Herta und Ludwig einen Tag vor ihrer Hochzeit in Dorsten am 1. April 1941

Der gute Studienabschluss in Paris wurde alsbald vom Deutschen Zeitungswissenschaftsverband dem NS-Reichsverband der Deutschen Presse mitgeteilt, was gleichbedeutend war, dass Dr. phil. Ludwig Schulte Strathaus nun den „Erfordernissen des Schriftleitergesetzes“ des NS-Regimes entsprach. Daraufhin versandte der angehende Journalist 150 Bewerbungsschreiben an Verlage, bekam aber nur drei Stellen angeboten,  darunter die rheinpfälzische „NSZ Rheinfront“ in Neustadt an der Hardt, die in der NS-Zeit Auflage machte. Dass Ludwig Schulte Strathaus nicht in der NSDAP war, störte nicht, denn die Mitgliedschaft könnte noch nachgeholt werden, meinte der Hauptschriftleiter (Chefredakteur). Die Zeitung schickte ihn Anfang 1936 nach Berlin, wo er die Redakteursstelle annahm. Er fand sich bald zurecht mit den Papierschlangen von Agenturmeldungen und im Umgang mit den politisch Hochgestellten im Presseviertel der Reichshauptstadt, nahm an Pressekonferenzen der NS-Ministerien teil, wo ihm nun das in Dorsten beigebrachte Stenografieren zunutze kam, wie er in seinen Erinnerungen schrieb. Auch blieb ihm der konstante Kleinkrieg zwischen der Auslandspresseabteilung des Propagandaministeriums und der Presseabteilung des Auswärtigen Amtes nicht verborgen. Ludwig Schulte Strathaus ging seiner Redaktionsarbeit für die Pfälzer Zeitung im Herzstück des Reiches in verschiedenen Bereichen nach: im politischen wie künstlerischen und wurde oft für besonderen Reportagen eingesetzt, wurde für die Berichterstattung über die nach Österreich heimgekehrten „heimgekehrte“ SA eingesetzt und für mehrere Wochen nach Ungarn, Rumänien und auf den Balkan geschickt. Über Athen und Rom kam er im Herbst 1938 zurück. Im Sommer 1939 bekam er die Genehmigung, in England Urlaub zu machen. Auf dem Schiff im Ärmelkanal bemerkte er viele emigrierende Juden. Am Betreten englischen Bodens hinderte ihn dann der Britische Immigration Officer, der bei ihm eine Visitenkarte mit der Berufsbezeichnung Journalist fand. Da er nun im Verdacht stand, in London nicht Urlaub machen zu wollen, sondern Militärisches auszuspähen, wurde er nach Holland zurückgeschickt.

Als militärischer Kriegsberichterstatter an allen Fronten Europas

Rosenheimer Anzeiger vom 26. Februar 1945

Der Krieg brach im September 1939 aus und Ludwig Schulte Strathaus wurde in eine Offiziersuniform gesteckt und zur Propaganda-Ersatzkompanie nach Potsdam in Marsch gesetzt. Das Oberkommando der Wehrmacht brauchte Journalisten aller Sparten. Schulte Strathaus wurde „Wortberichter“ und „Sonderführer Z“ im Leutnantsrang nach militärischer Grundausbildung bei der kämpfenden Truppe in Bonn. Presse-Leutnant Schulte Stratmann berichtete für Agenturen und Zeitung vom Vorrücken der Deutschen Armeen in Frankreich, von Straßen- und Häuserkämpfen, Partisanen und Gefangenen und schließlich von Paris, Dünkirchen und aus den Pyrenäen. Danach war er Kriegsberichter der Heeresgruppe Süd in  Russland, in der Ukraine und auf der Krim, berichtete von Leningrad und Stalingrad, vom Balkan und zuletzt aus dem Ruhrkessel. Seine Soldaten- und Fontzeitungen, die er entwickelte und betreute, hießen u. a. „Front und Heimat“ in Berlin, „Feldzeitung“ in Riga  und „Kesselpost“ im Ruhrkessel. Hier erhielt er den letzten Befehl der Deutschen Wehrmacht. „Er war der Beste von allen!“ schrieb er: „Lt. Dr. Ludwig Schulte Strathaus hat sich unverzüglich und auf schnellstem Wege, wenn nötig unter Anlegung ziviler Kleidung, zur Propaganda-Ersatzabteilung nach Potsdam zu begeben.“ Die gab es aber nicht mehr. So fuhr er nicht nach Potsdam, sonders mit dem Fahrrad manchmal vor den alliierten Panzern, manchmal neben oder hinter ihnen zu seiner Familie und stand am 19. April 1945 „müde und überglücklich“ in Brockel vor der Tür des Hauses, in dem seine Frau Herta mit der Tochter wohnte. „Mutti, der Vati ist da, hörte ich meine kleine Tochter Ingilt krähen. Aber das glaubte Herta erst, als sie mich sah.“ Dort hörte er auch, dass sein Vater Heinrich Schulte Strathaus in Lagern in Recklinghausen, dann in Paderborn interniert war. Denn er war nicht nur Lehrer, sondern auch als solcher Schulungsleiter und stellvertretender Ortsgruppenleiter der NSDAP gewesen.

Nach dem Krieg Spiegel-Redakteur und im diplomatischen Dienst

Eine Ausgabe dieser Zeit

Seine direkte Nachkriegssituation sah Ludwig Schulte Strathaus als „Talsohle“ an. Auch war er durch Sterbefälle in seiner elterlichen Familie belastet und etliche nahe Angehörige befanden sich in Kriegsgefangenschaft, in denen die noch einige Jahre bleiben sollten. Zur täglichen Versorgung seiner Familie zeigte sich der „Schwarzmarkt als lebensrettend“. Da erging es seiner Familie  nicht anders als anderen Familien. Auf der Suche nach Arbeit hatte Ludwig Schulte Strathaus den Vorzug eines Frühheimkehrers. In einer Höheren Handels- und Privatschule in Hamburg fand er Ende 1945 eine Anstellung als Sprachenlehrer (Englisch, Französisch) auch ohne philologisches Staatsexamen. Er wohnte möbliert in Hamburg. Tagsüber stand er nun einer „Rasselbande von 30 dreizehn- bis vierzehnjährigen Schülern“ gegenüber und musste „fünfundvierzig Minuten lang die einen aufmerksam und die anderen wach halten“. Ihn versöhnte, dass er als Lehrer an den Kalorien der spendierten Schulspeisung für die Schüler partizipieren konnte. Da erinnerte er sich wieder an Dorsten: „So profitierte ich 1945 abermals wie schon 22 Jahre vorher als Dorstener Sextaner vom Edelmut amerikanischer Quäker. Sie halfen der schuldlosen Schuljugend geschlagener Nationen mit Kakao- und Haferflockenbrei durch die jeweiligen Hungerjahre.“
In Hamburg musste sich Ludwig Schulte Strathaus der „Entnazifizierung“ stellen. Die Spruchkammer stellte dem Journalisten die Bescheinigung „politisch unbelastet“ aus, so dass er wieder journalistisch tätig sein konnte. Da kam ihm ein Angebot von Augsteins „Spiegel“ gerade recht. Rudolf Augstein heuerte ihn Anfang 1948 als Redakteur für den „Spiegel“ an. Der damals von den Engländern geförderte und erst 23-jährige Herausgeber und Verleger Augstein wurde sein Freund. Von 1949 bis 1951 war Ludwig Schulte Strathaus laut Auskunft der Personalabteilung des Verlags als Redakteur in Bonn für den „Spiegel“ tätig und im Impressum als Ressorleiter „Panorama und Internationales“ angegeben. In dieser Zeit erreichte das Magazin eine Auflage von mehr als 100.000. Wegen eines Schulte-Strathaus- Berichts über die Frage, ob Frankfurt oder „Bonn bei Rhöndorf“ vorläufige Bundeshauptstadt werden sollte, da Berlin dies nicht sein konnte, gab es einen Untersuchungsausschuss des Bundestags. Amtlich hieß er „Spiegel-Ausschuss“, der sich lange hinzog.

1952 betrat er die diplomatische Bühne der neuen Bundesrepublik

2005 mit Frau und Urenkeln

Ludwig Schulte Strathaus war bereits nach München in die Redaktion der amerikanisch protegierten Illustrierten „Heute“ gewechselt. Hier gab es einen Fauxpas, als er ein Interview mit dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion in Deutschen Bundestag, Heinrich von Brentano, machte, die Illustrierte allerdings alle Gänsefüßchen bei Zitaten entfernte und unter den Artikel „gez. Heinrich v. Brentano“ schrieb. Dadurch machte die Zeitschrift Schulte Strathaus’ Meinung zu der von Brentano. „Die Politiker reagierten cholerisch.“ Ludwig Strathaus kündigte und wechselte durch „alte Beziehungen“ in den öffentlichen Dienst und wurde mit „lausiger Bezahlung“ als einer der drei „Chefs vom Dienst“ in das Bundespresseamt Bonn angestellt. Von dort wechselte er 1952 als Legationsrat in den höheren Dienst des Auswärtigen Amts und trat zwei Wochen später als Presseattaché der deutschen Botschaft in Sydney in Australien an. Von Australien kam er 1957 nach Bonn zurück, um drei Jahre später bis 1968 im Politischen Referat der Botschaft in London zu arbeiten. Von 1968 bis 1973 beurlaubte ihn das Auswärtige Amt und Dr. Ludwig Schulte Strathaus zur Dienstleistung als Direktor des Office of Public Information bei der UNESCO in Paris. Danach wohnte er in der Eifel, wurde pensioniert und widmete sich in den ihm noch bevorstehenden vier Jahrzehnten seiner Familie und seinen Interessen. Ludwig Schulte Strathaus wurde 99 Jahre alt und starb 2012. Er ist auf dem Prominenten vorbehaltenen Kölner Melaten-Friedhof bestattet. Seine Schwester Maria, verwitwete Ries lebt in Kirchhellen-Feldhausen.

Familienforschung: Heinrich Schulte Strathaus, Vater von Ludwig (geb. 1913), Henriette (verh. Koch, geb. 1915), Toni  (verh. Völker, geb. 1919), Hermann (geb.1920), Paul (geb. 1924), Maria (verh. Ries, geb. 1928), begann 1935 mit der Familienforschung. Maria Ries führt die Genealogische Einordnung von Namen und Familien professionell weiter. – Unter den Schulte Strathaus befinden in den verschiedenen Familienzweigen und Generationen immer wieder hochgestellte Persönlichkeiten in allen Bereichen des gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und beruflichen Lebens. Stoßen Außenstehende auf den Namen Schulte Strathaus, dann mögen ihnen vielleicht zwei Personen dieses Namen geläufig sein: die Brüder Ernst und Ewald. Ernst Schulte Strathaus (1881-1966) war Literaturhistoriker, Goetheforscher und Schwiegersohn von Ina Seidel. Er stieg als Studienfreund des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess zum NS-Reichsamtsleiter im Münchner Braunen Haus und Reichskultursenator auf. – Ewald Schulte Strathaus erreichte als Abt Ildefons der 1000-jährigen Bendiktinerabtei St. Michael in Siegburg den Rang eins Bischofs. Beide sind zu dem hier porträtierten Ludwig  Schulte Strathaus. Die beiden Brüder sind zu dem hier porträtierten Ludwig Cousins 2. Grades.

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Anmerkung: Gleichzeiig online im Dorsten-Lexikon veröffentlicht. – Quellen: Gespräch mit Maria Ries, Schwester von Ludwig Schulte Strathaus, in Kirchhellen-Feldkirchen (2018). – Ludwig Schulte Strathaus „Aus jungen Jahren“, privater Druck nur für die enge Familie, 1994. – Personalabteilung Springer-Verlag (2018). – „Das Bild als Waffe. Die franzosische Bildpropaganda im Weltkrieg“, Verlag K. Triltsch (1938), Original in der University of Wisconsin, Madison (USA). – Presseabteilung Deutsche UNESCO-Kommission. – Auskunft Günter Scheidemann vom Auswärtigen Amt (Politisches Archiv) 2018.
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Ein Kommentar zu Ludwig Schulte Strathaus – Die Karriere des Petrinum-Schülers und Journalisten ist ein Abbild des 20. Jahrhunderts: NS, Krieg, Aufbau der Bundesrepublik und diplomatischer Dienst

  1. norbert kutzner sagt:

    Die Nachkriegskarrieren sog. “Altnazis” sind schlimm genug – sie heimatkundlich auch noch zu verklären, ist übel!

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