Dorstens „patriotische Straßennamen“ (4) – Friedrichstraße und Viktoriastraße. Liberalität und ein lebenslanges Liebesband umschlang das Königs- und Kaiserehepaar

Von Wolf Stegemann

Vorbemerkung. 20. Oktober 2017. – In Dorsten gibt es heute noch einige Straßen, die nach preußisch-ruhmbekleckerten Feldmarschällen benannt sind. – Im damaligen wilhelminischen Kaiserreich liebdienerten sich Bürgermeister und Magistraten durch Straßenbenennungen den hohen Herrschaften an. So entstanden in Holsterhausen die 1911 nach dem Bruder des Kaisers Wilhelm II. die „Heinrichstraße“, ebenso bekam der Preußen-Feldherr von Roon eine Straße; Goeben, Wrangel, Blücher und Bismarck auch; zudem Damen des Königs- und Kaiserhauses. In unserer heutigen Folge widmen wir uns einer dieser Damen, deren Name auf dem Schild „Viktoriastraße“ zu lesen ist. Dabei erledigen wir informationsmäßig gleich ihren Ehegatten mit, den Kaiser Friedrich III., der sich hinter dem Schild „Friedrichstraße“ verbirgt. Neben Musiker-, Künstler-, Tier-, Pflanzen-, Heiligen- und anderen Straßen die „patriotischen Straßen“. Sie sind historische Denkmale. Und wie es mit Denkmalen so ist: sie werden abgerissen, wenn man die Geehrten nicht mehr ehren will oder sie bleiben. Die 1933 bis 1945 nach Hitler und anderen NS-Größen benannten Plätze und Straßen sind wieder verschwunden. In Dorsten heißt beispielsweise dass Essener Tor wieder so, die „Adolf-Hitler-Straße“ in Holsterhausen ist nach 1945 dem heiligen Antonius gewidmet.

Mit 17 Jahren heiratete die britische Königstochter den Preußen

Viktoria und ihre Mutter Queen Victoria

Sie war wohl im britischen Königreich die einzige Prinzessin, die Karl Marx’s „Das Kapital“ las und als Ehefrau des deutschen Kaisers Friedrich III. verbanden sich viel Hoffnungen auf ein liberaleres Deutschland. Victoria, genannt „Vicky“ und offiziell in Preußen auch „Kaiserin Friedrich“, war die älteste Tochter der legendären britischen Queen Victoria und ihres deutschen Prinzgemahls Albert, wuchs geliebt und behütet auf. Sie war hochbegabt und wissbegierig. Mit 17 Jahren heiratete sie den neun Jahre älteren, blendend aussehenden preußischen Kronprinzen Friedrich, der politisch ähnlich liberal und idealistisch dachte wie Vicky. Die beiden führten eine glückliche Ehe. Vicky gebar zwischen 1858 und 1872 höchst regelmäßig alle zwei Jahre ein Kind. Nicht immer problemlos: Ihren ersten Sohn, den späteren Kaiser Wilhelm II., gebar sie unter stundenlangen grässlichen Qualen. Der Thronfolger trug Geburtsschäden davon, die für die deutsche Geschichte folgenschwer waren. Sein linker Arm war gelähmt, außerdem erlitt er wegen Sauerstoffmangels einen Gehirnschaden.

30 Jahre auf den Thron gewartet und dann nur 99 Tage Kaiser und Kaiserin

Royal Princess Victoria

Victoria Adelaide Mary Louisa, Prinzessin von Großbritannien und Irland wurde am 21. November 1840 im Buckingham Palace in London geboren. Ab 1888 wurde sie offiziell „Kaiserin Friedrich“ und privat „Vicky“ genannt und Victoria wurde fortan mit k geschrieben. Sie war das erste Kind von Albert von Sachsen-Coburg und Gotha und Königin Victoria von Großbritannien, eine britische Prinzessin aus dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha. Als Gemahlin Friedrichs II. war sie Königin von Preußen und Deutsche Kaiserin. Sie starb am 5. August 1901 in Schloss Friedrichshof in Kronberg im Taunus. – Mit zehn Jahren schon hatte Vicky den Prinzen beeindruckt, als sie in der großen Ausstellung in Londoner Hyde Park seine Führerin war. Aus einer geplanten politisch-dynastischen Verbindung wurde ein lebenslanges Liebesband. Die Hochzeit fand 1858 statt. Vicky und Kronprinz Friedrich waren auf ihre Regierungsaufgaben glänzend vorbereitet – 30 Jahre lang warteten sie ungeduldig darauf, in Preußen bzw. (ab 1871) im säbelrasselnden, chauvinistischen deutschen Kaiserreich eine liberale, fortschrittliche Politik einzuführen. Als der greise Kaiser Wilhelm I. 1888 mit 91 Jahren starb, war Friedrich bereits an Kehlkopfkrebs tödlich erkrankt – er regierte in diesem „Dreikaiserjahr“ nur 99 Tage lang. Ihm folgte sein wahrscheinlich manisch-depressiver politisch unfähiger, ultrakonservativ und militaristisch eingestellter Sohn Wilhelm II. Dieser regierte 30 Jahre lang und entfesselte 1914 den Ersten Weltkrieg, dem zehn Millionen Menschen zum Opfer fielen. Der Gedanke, dass, Wilhelm II. ein Klima schuf und eine Situation herbeiführte, in der schließlich ein Hitler an die Macht gelangen konnte und dass es nur ein schrecklicher Zufall war, dass an seiner Stelle nicht das aufgeklärte und friedliebende Paar Friedrich und Victoria diese 30 Jahre gestalten konnten, ist für Deutschland schicksalhaft.

Kaiser Wilhelm II. hätte auch britischer König werden können, wenn ….

Viktoria und ihr Kronprinz

Zurück in die Zeit, in der Kronprinz Friedrich und seine Frau fast drei Jahrzehnte hinter den Kulissen auf ihren Auftritt als Kaiserpaar warten mussten – bis 1888, dem „Drei-Kaiser-Jahr“. Kaiser blieb Friedrich nur 99 Tage lang. Kaiserin-Witwe Viktoria war gerade 60 Jahre alt, als  sie 1901 an Krebs starb, im selben Jahr wie ihre Mutter, die Queen. Hätte die britischen Gesetze es gestattet, dass auch erstgeborene Töchter die Thronnachfolge antreten könnten (Primogenitur), dann wäre nach dem Prinzip der erstgeborenen Thronfolge Kaiser Wilhelm II. als erstgeborener Sohn der erstgeborenen englischen Thronfolgerin auch König von England und Schottland geworden. Dann wäre sicher auch in der nachfolgenden Geschichte Deutschlands mit den schrecklichen Kriegen vieles anders verlaufen. „Was wäre gewesen, wenn!“ ist natürlich kein hilfreicher Ansatz, Geschichte zu erklären. 1901 wurde nach den Thronfolgegesetzen in England Viktorias Bruder, der Prince of Wales als Eduard VII. König in London. Die verstorbene Queen-Mutter Victoria hatte in den vielen Jahren ihrer Regentschaft ein weites Netz dynastischer Verflechtungen über ganz Europa gespannt. Daher nannte und man sie auch die „Mutter Europas“ Schließlich hatte sie neben dem Thronfolger noch fünf Töchter und drei Söhne, die standesgemäß und für das britische Empire zum politischen Vorteil unter irgendeine Krone gebracht werden mussten.

Der Sohn demütigte seine Mutter wo und wie er nur konnte

KAiser Wilhelm II. und seine Mutter Kaiseerin-Witwe Viktoria 1890

Friedrichs Zeit war zu kurz, um nachhaltige Auswirkungen in liberaler Richtung entfalten zu können. Der Kaiser wusste, dass er sterben und sein von Größenwahn angehauchter Sohn Wilhelm (II.) die Nachfolge antreten würde. Im Wesen sanft und heiter, dabei zurückhaltend, mit einem ernsten, fast schüchternen Zug, fehlte ihm der große politische Ausblick. Dabei ließen er und Viktoria nicht von ihren festen Überzeugungen, etwa, dass Antisemitismus verabscheuungswürdig sei. Bismarck polemisierte und intrigierte zeitlebens gegen das Kronprinzenpaar. Als Friedrich III. unter fürchterlichen Qualen gestorben war, setzte Vickys Sohn Wilhelm als Kaiser die Demütigungen systematisch fort. Als Wilhelm II., zerfressen von Argwohn, dass die privaten Papiere seiner Eltern Nachteiliges über ihn enthalten könnten, Kaiser wurde, ließ er sofort nach dem Tode seines Vaters das Schloss umstellen. Der Kaiserin-Witwe, also seiner Mutter, wurde verboten, Rosen zu schneiden, und sei es nur, um diese auf das Totenbett ihres Gatten zu legen. Ihre privaten Gemächer wurden durchsucht – ohne Ergebnis: Viktoria hatte die Aktion voraus gesehen. Bismarck stattete der Witwe nicht einmal einen Kondolenzbesuch ab; dem Begräbnis seines Kaisers blieb er fern. Der Sohn ging bald auf große Europa-Tour, um sich in der Welt sehen zu lassen. „Reise-Kaiser“ frotzelten die Berliner in diesem Dreikaiserjahr 1888.

Vertreter des korrekten Preußentums agierten infam

Traurig waren die letzten Jahre der Kaiserin, überschattet von absurden, von ihrem ältesten Sohn Wilhelm und dessen Frau bezeigten Feindseligkeiten. Als Viktoria am 5. August starb, nur wenige Monate nach ihrer Mutter Queen Victoria, scheute Wilhelm II. sich nicht, als „letzten Wunsch“ seiner Mutter die Mär zu verbreiten, sie wolle nackt und nur in die englische Flagge gehüllt in den Sarg gelegt und in England begraben werden. Bis zuletzt versuchte Kaiser Wilhelm, die wenigen den Deutschen verbliebenen Erinnerungen an seine Eltern auszumerzen. Aber ihre Papiere entgingen ihm letztlich doch. Unter der Nase seiner Geheimdienstbeamten wurden sie einen Monat nach Vickys Tod in zwei kleinen Kisten mit dem Vermerk „Vorsicht, zerbrechlich! Porzellan!“ und „Bücher“ nach England verbracht, im persönlichen Gepäck eines treuen Freundes, Patenkind der verstorbenen Kaiserin. Somit blieb die Korrespondenz zwischen Viktoria und ihren Eltern nahezu lückenlos erhalten: Allein 3777 Briefe von Queen Victoria an ihre älteste Tochter und ungefähr 4000 Briefe der Tochter an ihre Mutter sind erhalten und heute katalogisiert.

Briefe geben Einblick in die Bosheiten des preußischen Königshofs

Friedrich III. 20 Mk-Goldmünze

Diese geben einen detaillierten Einblick in die menschenverachtende Lebensweise des preußischen Hofes zwischen 1858 und 1900. Sie kratzt schwer am Image des bis heute so hochstilisierten korrekten Preußentums. Erst 1929 wurde eine Auswahl der Briefe in England herausgegeben, was Wilhelm noch von seinem Exil im niederländischen Doorn zu verhindern versuchte. 1936 erfolgte eine deutsche Ausgabe. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm das königliche Archiv in Windsor den Nachlass. Aus dem geht das Schicksal ihres kranken Mannes Kaiser Friedrich III. hervor, der zerrieben wurde zwischen den Bosheiten des preußischen Königshofes, Bismarcks politischen Intrigen und der Infamie des eigenen Sohnes Wilhelm II. Viktoria bezeichnete gegenüber ihrer Mutter dies alles als „historische Tragödie“. – Daran erinnern auch die Straßenschilder in Holsterhausen: Viktoriastraße und Friedrichstraße. Zum 100. Todestag der deutschen Kaiserin war im Potsdamer Schloss Babelsberg die Ausstellung „Auf den Spuren von Kronprinzessin Victoria Kaiserin Friedrich“ zu sehen.

Siehe auch: Dorstens „patriotische Straßennamen“ (1) – Düppelstraße in Holsterhausen
Siehe auch: Dorstens „patriotische Straßennamen“ (2) – Roonstraße in Holsterhausen
Siehe auch: Dorstens „patriotische Straßennamen“ (3) – Steinmetzstraße in Hosterhausen

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Quellen: Roland Hill „Vicky im Land der Preußen“ in der WELT vom 4. Aug. 2001. – Ausstellungskatalog „Auf den Spuren der Prinzessin Victoria Kaiserin Friedrich“, Potsdam 2001. – Frederick Ponsonby (Hrsg.): „Briefe der Kaiserin Friedrich“,  Knaur, Berlin 1936. –  Online-Enzyklopädie Wikipedia (Aufruf 2017).
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