Dorstens „patriotische Straßennamen“ (2) – Roonstraße in Holsterhausen: Seit 1910 kündet die Straße vom Militarismus und Ruhm des preußischen Feldmarschalls und Kriegsministers

Die Roonstraße im Holsterhausener „Patrioten-Viertel“; Foto: Wolf Stegemann

Von Wolf Stegemann

Vorbemerkung. 25. August 2015. – In Dorsten gibt es heute noch einige Straßen, die nach preußisch-ruhmbekleckerten Feldmarschällen benannt sind. – Im damaligen Wilhelminischen Kaiserreich liebdienerten sich Bürgermeister und Magistraten durch Straßenbenennungen den hohen Herrschaften an. So entstand in Holsterhausen die 1910 namentlich nach dem preußischen König genannte „Friedrichstraße“ (der III.), 1911 nach dem Bruder des Kaisers Wilhelm II. namentlich die „Heinrichstraße“, ebenso bekam der Preußen-Feldherr von Roon eine Straße; Goeben, Wrangel, Blücher und Bismarck auch; zudem Damen des Königshauses. Das sind neben Musiker-, Künstler-, Tier-, Pflanzen-, Heiligen- und anderen Straßen die „patriotischen Straßen“. Sie sind historische Denkmale. Und wie es mit Denkmalen so ist: sie werden abgerissen, wenn man den Geehrten nicht mehr ehren will oder sie bleiben. Die 1933 bis 1945 nach Hitler und anderen NS-Größen benannten Plätze und Straßen sind verschwunden. In Dorsten heißt beispielsweise dass Essener Tor wieder so, die „Adolf-Hitler-Straße“ in Holsterhausen ist nach 1945 dem heiligen Antonius gewidmet.

In Deutschland sind noch rund 95 Straßen nach ihm benannt

Martialisch unter der Pickelhaube

Die in Holsterhausen noch bestehende Roonstraße ist nach dem Feldherrn und Kriegsminister Albrecht Theodor Emil von Roon benannt, der verschiedene Kriegszüge als Oberbefehlshaber anführte, auch 1848 als innenpolitische Aktion gegen die aufmuckende Demokratiebewegung in Berlin, indem er die Berliner Nationalversammlung auflöste. Er war auch dabei, die Ruhr-Aufstände niederzuschlagen. Nach ihm sind in Deutschland etwa 95 Straßen benannt. Wer war nun dieser Roon?
Kurz gesagt: Albrecht Theodor Emil von Roon, ab 1871 Graf, wurde 1803 in Pleushagen bei Kolberg geboren und starb 1879 in Berlin. Wie oben erwähnt, war er ein preußischer Generalfeldmarschall und als Politiker ein Kriegsminister und Mitarbeiter von Otto von Bismarck in der Zeit der Reichsgründung von 1871. Roon rasselte aber nicht nur mit dem Säbel auf dem Feld, auch befasste er sich geistig mit den militärischen Situationen seiner Zeit und schrieb darüber Bücher: „Grundzüge der Erd-, Völker- und Staatenkunde“, 1832, 1839–1844 erweitert auf 3 Bände; „Die Anfangsgründe der Erd-, Völker- und Staatenkunde“, Berlin 1834; „Militärische Länderbeschreibung von Europa“, Berlin 1837; „Die iberische Halbinsel“, 1837; „Das Kriegstheater zwischen Ebro und Pyrenäen“, Berlin 1839. Doch nicht seine Feder, sondern sein Säbel machte ihn berühmt, so dass  zum 100. Jahrestag seines Geburtstags 1903 sogar ein Kriegsschiff nach ihm benannt wurde. Der Panzerkreuzer „S.M.S. Roon“, der 1921 wieder abgewrackt wurde. Da hieß die Roonstraße in Holsterhausen bereits elf Jahre so.

Mit Waffengewalt die Unruhen in der Ruhrprovinz niedergeschlagen

Bismarck (l.) und sein Minister Roon

Albrecht von Roon wurde in eine preußische Offiziers- und Rittergutbesitzers-Familie  hineingeboren, deren Wurzeln auf französische Emigranten zurückgehen. Als preußischer Junker war es üblich, im Heer dem König zu dienen. Daher besuchte Roon ab 1816 die Kadettenanstalt in Kulm, wo er sich durch besonderen Fleiß und Eifer auszeichnete. Er durfte deshalb seine Militärausbildung an der Hauptkadettenanstalt in Berlin fortsetzen und 1821 als Secondeleutnant absolvieren. Der Offizier wurde alsdann in ein Infanterieregiment gesteckt und aufgrund seiner geistigen Beweglichkeit und intellektuellen Fähigkeit auf die Kriegsschule geschickt. Danach wurde er Erzieher an der Berliner Kadettenanstalt, wo er auch Geographie lehrte. 1822 erschien Roons erste öffentliche Publikation zu diesem Thema, die sich 40.000 Mal verkaufte. 1842 ging Roon als Lehrer für Taktik und Geografie an die Kriegsschule. Dem Prinzen Friedrich Karl von Preußen, der gerade die Kriegsschule als Kadett besuchte, unterrichtete Roon in Militärtaktik. Nach der Ausbildung des Prinzen tat Roon ab 1848 in verschiedenen Stäben Dienst u. a. als Stabschef des ersten Armeekorps. Seine Aufgabe bestand darin, die demokratische Revolution in den Ruhrprovinzen niederzuschlagen. Im Sommer 1849 schlug er die Revolution in der Pfalz und in Baden nieder (Armeekorps Moritz von Hirschfeld).

Roon forderte, die Armee auch gegen die eigenen Bürger einzusetzen

Berliner Denkmal am Großen Stern

Roon wurde an wechselnden Stellen im preußischen Generalstab und im Truppendienst eingesetzt. Den Oberbefehl aller daran beteiligten Truppen führte der damalige preußische Prinz und spätere erste deutsche Kaiser Wilhelm I. Roons Posten als Stabschef war der Beginn einer intensiven Zusammenarbeit zwischen dem Prinz bzw. König und Albrecht von Roon, der an wechselnden Stellen im Generalstab und Truppendienst eingesetzt wurde. Albrecht von Roon wurde von seinem König beauftragt, das Heer zu reformieren. Die bürgerlich geprägten Landwehren, die es seit 1814 gab, auch in Dorsten, wurden abgelöst durch eine „Königsarmee“, wie sie damals genannt wurde, mit Soldaten, die monarchistisch gesinnt waren. Roon stellte die Forderung auf, die Armee auch innenpolitisch einzusetzen, gegen die eigenen Bürger. Man wollte monarchisch gesinnte Soldaten und keine Bürger in Uniform.

Der preußische Landtag stellte sich erfolglos gegen die Heeresreform 

Ende 1859 trat dann eine Kommission zur Heeresreform unter dem Vorsitz des Feldmarschalls von Wrangel zusammen, der Roon angehörte. Auch dem Wrangel ist eine Straße in Holsterhausen gewidmet. Zur Umsetzung und Durchsetzung der neuen Heeresstruktur gegenüber dem preußischen Landtag ernannte König Wilhelm Albrecht von Roon 1859 zum preußischen Kriegsminister. Roon baute eine schlagkräftige preußische Armee mit einer Friedensstärke von 220.000 Mann und dreijähriger Dienstpflicht auf. Der durch die Fortschrittspartei liberal dominierte preußische Landtag sah darin einen Verfassungsbruch und leistete Widerstand, weil Roon das Heer zu einem innenpolitischen Machtmittel des Monarchen zu machen beabsichtigte. Als der König von Preußen den Kampf um die Heeresreform mit dem preußischen Landtag aufgeben wollte, sandte Roon an Bismarck am 1862 ein denkwürdiges Telegramm mit dem Satz: „Periculum in mora. Dépêchez-vous!“ („Gefahr im Verzug! Beeilen Sie sich!“). Das Telegramm veranlasste Bismarck, von seinem Pariser Botschafterposten nach Berlin zurückzukehren, wo der König ihn zum Ministerpräsidenten ernannte. Bismarck, Roon und der König führten die „Reform“ dann gegen das Parlament durch.

Kabinett Bismarck (r,) stehend Kriegsminister Albrecht von Roon

Gegen Frankreich konnte Roon 1870 über 1,1 Millionen Soldaten mobilisieren

Nach Gründung des Norddeutschen Bundes wurde das Heer nochmals vergrößert und die Bundesstaaten in die Planungen miteinbezogen. Neben seiner Tätigkeit als preußischer Kriegsminister übernahm Roon auch noch die Ämter eines Abgeordneten des Norddeutschen Parlaments, ab 1869 des preußischen Bevollmächtigten im Bundesrat, als Marineminister und als stellvertretender Bundeskanzler. Den Höhepunkt seiner Karriere ereichte er mit dem Krieg gegen Frankreich 1870, als Roon eine Bundesheeresstärke von 1.180.000 Mann ins Feld stellen konnte. Für seine Verdienste ernannte ihn der nunmehrige Kaiser Wilhelm I. 1873 zum Generalfeldmarschall. Roon erkrankte, nahm seinen Abschied und zog sich auf das Schloss Neuhof bei Coburg in Franken zurück. In Niederschlesien kaufte er am 1873 das Schloss Krobnitz bei Görlitz. Dort verbrachte Roon seine letzten Lebensjahre und wurde 1879 in der Familiengruft bestattet. Seine Frau, Tochter eines evangelischen Militärpfarrers starb sechs Jahre später in Berlin. Das Ehepaar hatte sieben Kinder, unter den vier Söhnen waren zwei Generale und ein Hauptmann.

Im Spitzbergen-Archipel sind zwei Gletscher nach Roon benannt

Panzerkreuzer S.M.S. Roon

Die Straßenbenennung in Holsterhausen von 1910 fällt gegen die übrigen post mortem- Ehrungen bescheiden aus. Die Deutschen Burschenschaft hat ihn durch einen Bildhauer in Eisenach 1902 mit einer Statue geehrt. Die Stadt Görlitz ließ 1902 durch den Bildhauer Harro Magnussen in der Ruhmeshalle 1902 eine Statue errichten, die 1945 von polnischen Soldaten entfernt wurde. Ein größeres Roon-Denkmal schuf Magnussen 1904 für das Ensemble auf dem Königsplatz in Berlin. Es steht seit 1938 am Großen Stern. 1903 lief der Große Kreuzer (Panzerkreuzer) „SMS Roon“ vom Stapel und die  „Roon-Klasse“ wurde nach ihm benannt. Und dann zum guten Schluss: Eine Insel im Spitzbergen-Archipel heißt Roonøyane und ein Gletscher Roonbreen.

Siehe auch: Dorstens „patriotische Straßennamen“ (1)Düppelstraße in Holsterhausen

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Quellen: Liberary Encyclopedia – Albrecht von Roon. – Wikipedia (Aufruf „Albrechtvon Roon“, 2017). – Roon-Klasse, World of Warships… (2017). – Dorsten-Lexikon: Dorstener Straßennamen.
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