Am 1. September 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus: Gedrückte Stimmung in der Stadt. Der Krieg dauerte 2.077 Tage und kostete 60 Millionen Menschen das Leben. – Ein Überblick

Flakbatterie „Cramer“ zwischen Dorsten und Holsterhausen

Von Wolf Stegemann

Während beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 in den Dorstener Gaststätten und auf dem Marktplatz gejubelt wurde, nahmen die Dorstener den Beginn des Zweiten Weltkriegs in gedrückter Stimmung hin. Der Pfarrer von St. Agatha Ludwig Heming schrieb in die Chronik:
„Die letzten Augusttage waren voll unerhörter Spannung, immer dichteres Gewölk zog sich am politischen Horizont zusammen, bis am 1. September früh morgens der Krieg mit Polen begann. Bald folgte die Kriegserklärung Englands und Frankreichs – der 2. Weltkrieg hatte seinen Anfang genommen.“
Obwohl zu diesem Zeitpunkt Anfang September 1939, als Heming diese Zeilen schrieb, noch gar nicht bekannt war, dass sich der Überfall auf Polen und die Kriegserklärungen Englands und Frankreich zu einem Weltkrieg entwickeln würde, benutzte er dieses Wort – wohl in Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Weiter schrieb er:
Während 1914 bei Kriegsausbruch die Kirchen gefüllt und Beichtstühle und Kommunionbänke umlagert waren, war jetzt derartiges nicht zu bemerken. Wohl fanden sich manche, die zu den Waffen gerufen wurden, ein, um ihre Rechnung mit dem Herrgott in Ordnung zu machen, im Ganzen aber hatte das große politische Geschehen ein schwaches religiöses Echo“.

Rund 60 Millionen Tote – ein Zivilisationsbruch ohnegleichen

NS-Propagandaplakat 1943

Adolf Hitler hatte den von ihm entfesselten Zweiten Weltkrieg am 1. Sep­tember 1939 gegen 4.45 Uhr mit dem Überfall auf Polen begonnen. Am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr mit­teleuropäischer Sommerzeit wurde er beendet. Dazwischen lagen 2.077 Tage, angefüllt mit Tod, Mord, Elend und Zerstörung in kaum vorstellbaren Dimen­sionen. Die in Syrien und im Irak aktuell zerstörten Städte erinnern daran. Der Zweite Weltkrieg war der größte Konflikt der Weltgeschichte, nur wenige Staaten blieben wäh­rend der knapp sechs Jahre neutral, in Europa lediglich die Schweiz, Schweden, Spanien und Portugal. Der Zivilisationsbruch, den Deutschland verursacht, ganz wesentlich sechs Jahre lang praktiziert und vor 78 Jahren begonnen hatte, war ohnegleichen. Dafür sprechen die Zahlen. Hinter jeder Zahl verbirgt sich ein Schicksal: 5,3 Millionen gefallener deutscher Soldaten, 15 Millionen gefallene und 3 Millionen in deutscher Gefangenschaft getötete Rotarmisten. In sowjeti­scher Kriegsgefangenschaft sind etwa eine Million Deutsche zu Tode gekommen. Gefallen sind in Europa 175.000 amerikanische Soldaten und 260.000 britische. Dazu kamen weit mehr als 30 Millionen Zivilisten: Bei Luftangriffen waren wohl mehr als 500.000 Menschen ge­storben, während die Flucht aus den östlichen Provin­zen oder die organisierte Vertreibung bis zu zwei Millionen Deutsche das Leben kostete. In den Konzentrations- und Ver­nichtungslagern haben die Deutschen rund sechs Millionen Juden ermordet. Sie wurden ins Gas getrieben, erschossen, „durch Arbeit vernichtet“ oder starben an Unterernährung und Krankheiten.

Anzeichen für den Krieg mehrten sich in Dorsten schon Monate vorher 

Soldaten auf dem Dorstener Markt

Die Anzeichen für einen Krieg vermehrten sich in den Monaten zuvor beträchtlich. Nicht nur, dass stets darüber gesprochen wurde, die Zeichen waren auch vor Ort deutlich. Nach dem „Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich“ kehrten die zuvor aus Österreich wegen eines Putsches geflüchteten Nationalsozialisten und SA-Männer, die in den Baracken des Lagers an der Schleuse lebten, in ihre Heimat zurück. Das passte der Dorstener Stadtspitze überhaupt nicht. Wegen der damaligen katastrophalen wirtschaftlichen Lage der Stadt bemühten sich Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter beim Generalkommando VI in Münster um baldige Belegung der Baracken an der Schleuse durch Soldaten der Wehrmacht. Eine Lösung wurde schnell ge­funden. Die Wehrmacht, um den nahenden Krieg wissend, übernahm das SA-Lager, richtete es im Einvernehmen mit der Stadtverwaltung als Ausbildungslager her und überstellte es dem Landwehr-Kommandeur Mülheim/Ruhr. Ein Vorkommando des Heeres (1 Feldwebel mit 12 Mann) hielt am 18. Mai 1938 zunächst Einzug. Bis zur endgültigen militärischen Belegung durch den Landwehr-Komman­deur am 30. Juni 1938 wurden sechs Zivil­wächter zur Bewachung des Lagers ange­stellt. Der Dorstener Kaufmann Goetjes er­hielt den Posten des Zivillagerverwalters. Am 22. März 1939 war es dann soweit: Das Infanterieregiment 39 – rund 355 Offi­ziere, Unteroffiziere und Mannschaften – marschierte unter dem Befehl von Major Fi­scher (Adjutant Major Fiebig) um 16 Uhr in die neue „Zweigstelle Bocholt der Heeresstandortverwaltung Wesel, Übergangslager Dorsten“ über die Marler Straße, den Bismarck- und Hindenburgwall sowie die Lippestraße bis zum Marktplatz ein. Dorsten wurde damit Standort. Von da ab bestimmten Militäruniformen das Bild der Stadt. Ihr Quartier war das Lager an der Schleuse mit großen Mannschafts­räumen, Verwaltungs-, Küchen-, Verpflegungs- und Sanitätsbaracken.

Freundlich empfangen: Dorsten wird Standort der Wehrmacht

Festliche Begrüßung durch die Bevölkerung auf dem Marktplatz

Mit Glockengeläut, Fahnenschmuck, einem Spa­lier von Hitlerjugend und SA-Mannschaften sowie Begrüßungsreden des Bürgermeisters Dr. Gronover und der örtli­chen Parteibonzen wurde die Truppe am 22. März 1938 in Dorsten gebührend empfan­gen. Am Abend hatten ausgewählte Dorste­ner Bürger die Möglichkeit, mit den Solda­ten – es handelte sich um Landwehrleute äl­teren Jahrgangs – bei Koop, Café Münsterland und im Stadtcafé Bekanntschaften mit den Militärs zu schließen. Der Finanzierung eines abendlichen Begrü­ßungsumtrunks mit Bier, Würstchen und Brötchen waren komplizierte „Etatberatungen“ der Stadtverwaltung vorausgegangen. Die krisengeschüttelte Kleinstadt verfügte nur noch über spärlich gefüllte Kassen. So beschlossen die Vertreter des Handels und Gewerbes, die 600 Reichsmark, die der Empfang kostete, durch Spenden aufzubringen. Die Herren Schürholz und Gahlen erklärten sich sofort bereit, je 75 Reichsmark beizusteuern. Bäckermeister Bispeling spendete 50 RM, Metz­germeister Kohlmann 100 RM. Auf stur schalteten dagegen die Bierverleger und Gastwirte. Gastwirt Koop musste mitteilen, dass sich die Wirte in einer Versammlung nicht bereit erklärt hatten, auch nur eine Mark für den Begrüßungsabend zu bezahlen. – Nach Kriegsbeginn kamen immer mehr Einheiten nach Dorsten, die überall einquartiert waren, meist in Schulen.

Bis zu 58.000 Kriegsgefangene und 8000 Fremdarbeiter in Dorsten

Nachts musste verdunkelt werden

1940 quartierte sich der Stab des Flakregiments 46 im Franziskanerkloster ein und die Scheinwerferbatterie 450 in der Holsterhausener Baldurschule. Noch vor Kriegsausbruch führten die Behörden das Bezugsscheinsystem und die Rationierung von Lebensmitteln ein. Bei Ausbruch des Krieges ordneten sie die Verdunkelung der Wohnungen und Straßen an und verpflichteten die Bevölkerung bei Alarm Luftschutzbunker aufzusuchen und verboten das Hören ausländischer Sender. Dorstener Handwerks- und Industriebetriebe stellten ihre Produktionen auf Kriegswirtschaft um, in Gaststätten, auf Kegelbahnen, in Baracken und in eigens eingerichteten Lagern wurden bis zu 58.000 Kriegsgefangene und rund 8.000 Fremdarbeiter untergebracht, die in den kriegswichtigen Betrieben und vornehmlich in der Landwirtschaft arbeiteten. In der Heeresmunitionsanstalt Wulfen wurden Granaten produziert. In den ehemaligen Krankenanstalten Maria Lindenhof richtete die Wehrmacht 1940 ein Reservelazarett ein, später auch im Kloster der Ursulinen und an anderen Plätzen. Waren anfangs noch in der „Dorstener Volkszeitung“ die Todesanzeigen gefallener Dorstener veröffentlicht, wurde dies später aus Gründen der Stützung der Kriegsmoral verboten.

Flakbatterien rund um Dorsten sollen Menschen udn Stadt schützen

Flak im Einsatz gegen Flugzeuge

Um Luftangriffe auf die Hydrieranlage in Scholven, das Kruppwerk in Essen sowie das Munitionsdepot in Wulfen (Muna) und die Zeche in Hervest-Dorsten abzuwehren, wurde neben kleineren Flakstellungen ein Ring schwerer Flakbatterien rund um Dorsten in Stellung gebracht: in Ekel ebenso wie im Gleisdreieck Deuten-Wulfen, südlich des Munitionsdepots mit insgesamt 24 Großgeschützen. Eine andere Batterie stand in der Gälkenheide in Wulfen und in Ulfkotte eine Batterie mit vier schweren Geschützen und zwei Tieffliegerkanonen. Auf dem Dach des Franziskanerklosters war ein leichter Flakturm aufgebaut und auf dem Dach des Kolpinghauses am Südwall ein Beobachtungsposten mit Leitfunk, ebenso auf der Lippebrücke. Größere Bombenangriffe erfolgten am 9. und 12. März 1945. Am 22. März zerstörte ein großer Angriff die gesamte Innenstadt. Allein auf dem verhältnismäßig kleinen Grundstück des Franziskanerklosters gingen 146 Bomben nieder, in der gesamten Innenstadt 3.300, in den Feldmarken 600, in Hervest auf dem Zechengelände und am Bahnhof 1.200 und in Holsterhausen 800. Die Bomben hinterließen über 319 Tote und 110.000 cbm Schutt.
Drei Tage nach der Totalbombardierung der Stadt wurden am 25. März 1945 zwei im früheren RAD-Lager in Wulfen festgehaltene und bereits Wochen vorher abgeschossene kanadische und ein britischer Flieger gelyncht. Es handelte sich bei den Piloten um J. M. Jones, R. A. Paul und L. W. Brennan. Der dieser Mordtaten verdächtige SA-Lagerkommandant Assmann entkam zuerst nach Bückeburg und wurde nach Beendigung des Krieges von den Alliierten gesucht. Er soll im Gefängnis der Engländer Suizid begangen haben.

Der Krieg in Dorsten war Ostern 1945 beendet

Kriegsende in Dorsten

Für Dorstener war der Krieg mit dem Einmarsch von Verbänden der 8. US-Panzerdivision, die in Dorsten auf Gegenwehr von Resten der 116. Panzerdivision, der 180. und 190. Infanteriedivision stießen, am Gründonnerstag, den 29. März 1945 beendet, was im offiziellen Wehrmachtbericht in Berlin mit dem lapidaren Satz erwähnt wurde: „Bei Vorstoß nach Osten ging Dorsten verloren.“ Über den Einmarsch der Amerikaner ins Dorf Hervest gibt die Chronik der Paulus-Schule authentisch Auskunft:
„Am Mittag des 28. März (1945) rückten amerikanische Panzertruppen von Norden her in unser Dorf ein. Am nördlichen Dorfeingang kam es zu einem kurzen Gefecht mit deutschen Grenadieren. Letztere mussten aber dem [mit] Material vielfach überlegenen Gegner das Feld räumen. Vor der Schule schoss ein deutscher Grenadier mit einer Panzerfaust einen feindlichen Panzer an, aber der feindliche Angriff war nicht aufzuhalten. Die Amerikaner verloren hier drei Tote und mehrere Verwundete. Die Schule erhielt bei dem kurzen Feuergefecht einige Treffer durch feindliche Maschinengewehrkugeln. Nur einige Dachziegel wurden zerschlagen, sonst entstand kein Schaden. Die Amerikaner erkannten die Schule als Krankenhaus an, sie änderten an der ganzen Einrichtung nichts. Amerikanische Ärzte kamen fast täglich und sahen nach den Kranken und Verletzten. Bis auch deutsche Ärzte von Hervest-Dorsten und Dorsten die Straße wieder ungehindert passieren konnten.“

Zahlen sind Schicksale: Westfalen im Zweiten Weltkrieg

300.000 Gefallene, 200.000 kehrten als Krüppel heim, 10.285 verloren ein Bein, 5.130 verloren einen Arm, 901 verloren Arm und Bein, 417 verloren ihr Augen­licht. 36.676 Männer, Frauen und Kin­der wurden im Bombenhagel getötet, 217.437 Kinder wurden zwangsver­schickt. Tausende kehrten nicht heim. 454.000 Wohnungen wurden völlig zerstört oder schwer beschädigt, 346 Kir­chen Westfalens vernichtet. 20.502 Ju­den aus Westfalen wurden vertrieben und ermordet, 103 Synagogen geschän­det. 12.177 Westfalen wurden Insassen von Konzentrationslagern und endeten durch Genickschuss und Folterqualen, 272 Geistliche wurden zu Märtyrern, 341 Familien erhielten die Totenasche ihrer Lieben aus den KZ-Lagern zugesandt.

In Dorsten gab es in fast jeder Familie Tote

1945: Das Ehrenmal der Kriegstoten des Ersten Weltkriegs ist zerstört

Der Zweite Weltkrieg kostete über 2.000 Dorstener Soldaten (heutiges Stadtgebiet einschließlich Erle und Altschermbeck) das Leben oder sie galten als vermisst. Während des Krieges wurden die Dorstener Juden in die Todeslager deportiert. Aus dem eigentlichen Dorsten (heutige Altstadt) fielen 355 Dorstener als Soldaten, 194 gelten als vermisst und 319 Dorstener fielen den Bomben zum Opfer. Im Amtsbezirk Hervest-Dorsten waren bei Kriegsende 840 Wehrmachtsangehörige vermisst gemeldet, davon 590 aus Dorsten (einschließlich der Herrlichkeitsdörfer), 67 in Wulfen, 58 in Lembeck, 53 in Rhade, 37 in Altschermbeck und 35 in Erle. Immer wieder wird bis heute die Bevölkerung an den Weltkrieg erinnert, wenn eine Bombe entschärft werden muss und die Bewohner ihre Wohnungen rund um den Fundort stundenlang verlassen müssen. 1989 wurde an der L 608 in Hervest ein ganzes Flugzeug (ME 109) mit den sterblichen Überresten des Piloten aus dem Boden geholt, der in den letzten Tagen des Krieges abgeschossen wurde.

Es macht nachdenklich:
Seit 1993 über 100 Tote der Bundeswehr im Auslandseinsatz

Bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr sind seit 1993 mittlerweile 108 Soldaten ums Leben gekommen. 56 Todesfälle gab es bis heute allein in Afghanistan, während des im Dezember 2014 zu Ende gegangenen Kampfeinsatzes im Rahmen der Nato oder auch bei der Nachfolgeoperation „Resolute Support“ – zuletzt im September 2015. Die Soldaten starben bei Gefechten mit den Taliban, bei Selbstmordattentaten oder auch bei Unfällen. Es folgt der Einsatz im Kosovo mit 27 Todesfällen, 19 Soldaten starben als Teil der internationalen Friedenstruppe in Bosnien. 22 Bundeswehrangehörige nahmen sich im Auslandseinsatz das Leben. Der erste Bundeswehrsoldat, der im Auslandseinsatz starb, war ein Sanitätsfeldwebel. Der 26-Jährige nahm an einer UN-Friedensmission in Kambodscha teil und wurde dort im Oktober 1993 auf der Straße erschossen (dpa, Juni 2017).
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Quellen: Robert Probst: „Die letzten 50 Tage“, SZ München 2005. – Unveröffentlichte Chronik von St. Agatha (geführt von Pfarrer Heming und danach von Pfarrer Westhoff 1913 – 1951). – Chronik des Paulus-Schule Hervest (1945). – Wehrmachtbericht Berlin 1945. –  Wolf Stegemann „Holsterhausen unterm Hakenkreuz“, Band 1 (2007) und Band 2 (2009).Ders. „Dorsten unterm Hakenkreuz“, Bd. 3, Dorsten 1985 (Online: dorsten-unterm-hakenkreuz). – Willi Muss „Der große Kessel. Eine Dokumentation über das Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen Lippe und Ruhr, Sieg und Lenne“, Lippstadt 1984.– dpa-Meldung vom 28. Juni 2017.
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