Das Schmuggeln hatte Hochkonjunktur an der holländischen Grenze – Rhader und Holsterhausener waren gut im Geschäft

Schmuggler-Denkmal im rheinischen Mützenich

Von Wolf Stegemann

Ein Pfarrer hat in den Niederlanden zwei Pfund Kaffee gekauft. Kurz vor der Grenze denkt er sich: Schmuggeln will ich nicht und lügen darf ich auch nicht. Also klemmt er sich den Kaffee unter die Arme. An der Grenze wird er gefragt: „Na, Hochwürden, haben Sie in Holland was eingekauft?“ – „Ja, zwei Pfund Kaffee, aber ich habe ihn unter den Armen verteilt!“

In Grenzgebieten gehörte das Schmuggeln zum Alltag und oft zum Überleben, manchmal auch zu einem besseren Leben. Für Dorstener und Bewohner der Herrlichkeit bot sich die nahe holländische Grenze zum Schmuggeln an. Doch schon bevor es Staatsgrenzen gab, wurde zwischen den Ländern der deutschen Vielstaaterei geschmuggelt. Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) blühte der Kaffeeschmuggel aus Holland. Darum waren im Grenzgebiet zu Holland so genannte Kaffeeschnüffler eingesetzt. Das waren Zollbeamte, die dem Duft der aromatischen Schmuggelware nachspürten und diese an Ort und Stelle beschlagnahmten. Schmuggel war ein alltägliches Geschäft, wenn die Preisunterschiede der Schmuggelware entsprechend groß waren. Daher schmuggelte fast jeder. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg blühte der geschmuggelte Warentransport von Kaffee bis nach Dorsten.

Napoleonische Wirtschaftsblockade beförderte den Schmuggel

Die Kontinentalsperre war eine von Napoleon 1806 in Berlin verfügte Wirtschaftsblockade über die britischen Inseln, die bis 1814 in Kraft blieb. Sie sollte Großbritannien mit den Mitteln des Wirtschaftskriegs in die Knie zwingen. Darüber hinaus sollte das Maßnahmenbündel mit der Bezeichnung „Kontinentalsperre“ die französische Wirtschaft gegen jegliche europäische und transatlantische Konkurrenz schützen. Das Tuchmachergewerbe in Dorsten und in der Herrlichkeit hatte durch Ausschaltung der englischen Konkurrenz eine kurzzeitige Blüte. Eine Kehrseite der Blockadepolitik war aber das Aufblühen des Schmuggels. Denn schlaue Kaufleute fanden immer wieder Lücken in Napoleons Sperrgürtel. Über Helgoland, Hamburg und Göteborg gelangten begehrte britische Waren wie Tuche, Rohbaumwolle, Rohrzucker und Eisenwaren auf dem Schmuggelwege an das Festland und über die Grenzen hinweg bis ins Münsterland. Die Blütezeit des Schleichhandels begann. Daher verschärfte Napoleon 1810 die Maßnahmen, um Schmuggler abzuschrecken. Er setzte Sondergerichte ein. Zollbeamte, die sich bestechen ließen, riskierten Zuchthaus bis zu zehn Jahren und in schweren Fällen sogar die Todesstrafe.

Daeutsche Kontrolle an der deutsch-belgischen Grenze vor 1918

Blühender Schmuggel an den Grenzen des Kaiserreiches

Im Wilhelminischen Kaiserreich blühte der Schmuggel an den Grenzen nach wie vor, woran sich auch Militärpersonen beteiligten. Besonders profitabel war der Schmuggel von Kaffee, Tabak und Branntwein. Daher verstärkten die kaiserlichen Zollbehörden den nächtlichen Grenzschutz durch Landjäger, Berittene, Kommunalbedienstete, Militäreinheiten, auch Eisenbahner, Flurschützen und Nachtwächter. Auch setzten sie für die Ergreifung von Schmugglern Belobigungen auch an die Zivilbevölkerung aus. Mit dem Zusammenbruch des kaiserlichen Deutschlands nahm der Schmuggel an den deutschen Grenzen einen von den Landespräsidenten und Wirtschaftkreisen bitter beklagten unerträglichen Zustand an. Die Mehrheit der Verantwortlichen forderte eine mit kriminalpolizeilichen Methoden arbeitende Strafverfolgungsbehörde, die einerseits das Groß- und Kleinschiebertum an und über die Grenzen hinaus bekämpfen und andererseits dem sich verändernden Rechtsbewusstsein der Bevölkerung gegenüber derartigen „Kavaliersdelikten“ präventiv einen Riegel vorschieben sollte. Ende 1919 wurde der Vorläufer des heutigen Zollfahndungsdienstes ins Leben gerufen.

Belgier machten die Lippebrücke zur Grenze

1923 war die Lippebrücke Zollstation 

Während der belgischen Besatzung des Ruhrgebiets (1923 bis 1925) war Dorsten Zoll- und Grenzstadt zwischen dem besetzten und dem freien Gebiet. Die Lippebrücke war Zollstation. Die Kontrollen wurden scharf gehandhabt, denn zwischen den Gemeinden Holsterhausen und Hervest sowie der besetzten Stadt war der Schmuggel auch ein nationales Trotz-Bedürfnis. An den belgischen und französischen Zöllnern vorbei wurde geschmuggelt: Nahrungsmittel, Fische, Benzin, Kaffee aus Holland. Ertappte wurden streng bestraft. Selbst Pfarrer Ludwig Heming von St. Agatha konnte es sich nicht versagen, Schmuggel zu betreiben, als er einen Transport Ferienkinder nach Holland bis Wesel begleitete. In seine Chronik schrieb er:

„Nach meiner Rückkehr ging ich [bei]Rektor Uhrmeister vorüber, wo ein Paket von Unterhosen und anderer Leibwäsche für mich bereitlag. Dasselbe musste über die Brücke geschmuggelt werden. Deshalb zog ich sämtliche Unterhosen an, band mir die Leibwäsche um den Bauch. Nachdem ich alles gut untergebracht hatte, war aus mir ein korpulenter Pastor geworden. […] Schon war ich einige Schritte an der Wache vorüber, rief mir einer nach: ,Halt! Zurückkommen!’ Nun war Holland in Not. Doch der Flame sagte: ,Sein die Kinder gut angekommen in Holland?’ Da fiel mir ein Stein vom Herzen.“

Holsterhausenerin verkleidete sich als Nonne

In den Notzeiten Ende der 1920er-Jahre animierte die Grenznähe zu Holland, nur 30 Kilometer von Dorsten entfernt, Schmuggler mit dem Fahrrad oder dem Zug in die niederländische grenznahe Stadt Winterswijk zu fahren. Dort konnte gut beobachtet werden, wie der Grenzverkehr von den Zöllnern und der Grenzpolizei gehandhabt wurde. Die geschäftstüchtigen Holländer verkauften den als Ausflügler getarnten Deutschen gerne, was sie haben wollten. Die Waren wurden meist am Körper versteckt. Der deutschen Zollstreife, deren Streifengänge und Kontrollzeiten bekannt waren, konnten die Schmuggler immer wieder aus dem Wege gehen. Eine beliebte Schmuggelart war auch, die Ware an Bändern über die Grenze zu ziehen. Daheim angekommen, wurde das Schmuggelgut im Ort verkauft oder selbst verbraucht. Beliebte Verstecke waren in den Küchen die Porzel­lantöpfe. Zur Tarnung wurde Kaffee in Mehl oder Bohnenkrautbehälter verstaut. Zigaretten und auch der Tabak wurde in neutraler Verpackung gelagert. Die Besten unter den Schmugglern konnten sich als Erwerbslose trotz der Notzeit bereits Motorräder leisten.

Nachts mit der Schubkarre über die holländische Grenze

Holsterhausener Bruno Klein war ein professioneller Schmuggler

Landjäger, Gendarmerie, Zollfahndung und die Nei­der beobachteten solche Erfolge mit Argwohn. Nach erfolgreicher Schmuggeltour wurde kräftig gefeiert. In den Gasthäusern wurde mit Lokalrunden und dem Geld leichtfertig umgegangen. Auch Schlägereien unter den Akteuren kamen vor. Eine Spitzenkraft auf dem Gebiet des Schmuggelns war der Holsterhausener Bruno Klein, dem nachge­sagt wurde, dass er jeden Schleichweg zur Grenze und zurück mit verbun­denen Augen gehen konnte. Nie schmuggelte er selbst, er gab lediglich wertvolle Informationen an die Schmuggler weiter. Viele Zöllner kannte er persönlich. Wenn er einer Streife begegnete, rief zur Warnung der Schmuggler laut: „Hallo Herr Kommissar, wie geht es Ihnen heute?“

Dreist war der Schmuggeltrick eines Ehepaares aus der Kolonie an der Borkener Straße in Holsterhausen.  Mit einem Motorrad fuhren beide über die Grenze. Die Ehefrau war als Nonne verkleidet. Unter der Non­nentracht versteckte sie die Schmuggelware. Den höflich grüßenden Zollbeamten fiel das sonderbare Pärchen nicht auf. Auch wurde oft das Wissen von Familienangehörigen, die in Holland in Stellung waren, ausgenutzt. Auch Arbeiterinnen, die täglich nach Holland zur Textilfabrik fuhren, lieferten wertvolle Informationen über Schmuggelwege und Polizeistreifen.

Auch Vieh wurde geschmuggelt (1920er-Jahre)

Schmuggel blühte auch in Rhade

Ende der 1920er- und Anfang der 30er-Jahre blühte auch der Schmuggel in Rhade. Banden von etwa sieben Mann schafften auf den Trampelpfaden Tabak, Kaffee und Tee in Säcken aus Holland heran, um diese im nahen Ruhrgebiet zu verkaufen. Waren ihnen Zöllner auf den Fersen, wurden die Schmuggelsäcke oft an Seilen kurz über die Wasseroberfläche von Milchkühlbrunnen gehängt oder in den Scheunen der Bauern versteckt. Auf dem Hof Henke in Rhade hatten Schmuggler einmal zehn Säcke im Heu versteckt. Wenn sich der Bauer etwas davon nahm, musste er damit rechnen, dass die Schmuggler seine Scheune niederbrannten. Mit der Eisenbahn wurden auch Kalb- und Schweinefleisch geschmuggelt. Nördlich von Rhade war eine heimliche „Ein- und Auslade-Station“. Meist wurde das Schmuggelgut unter den Kohlen versteckt, woran mitunter auch Bahnbeamte beteiligt waren.

In nationalsozialistischer Zeit

Im Dritten Reich versuchte die Polizei bis 1944 immer wieder, den Zoll zu übernehmen. Denn zwischen Zoll und Polizei entwickelte sich ein Konkurrenzverhältnis. Schon 1932 führte der Polizeiverwalter von Hervest-Dorsten Klage über eine Festnahmeaktion durch Zollfahndungsbeamte. Seiner Ansicht nach waren die Zollfahndungsbeamten ohne Benachrichtigung der Polizei oder Landjägerei dazu überhaupt nicht befugt. Hier zeigte sich beispielhaft das Konkurrenzdenken. Der preußische Innenminister Hermann Göring arbeitete seit 1934 darauf hin, dass der Zoll als „Verbrechensbekämpfungsbehörde“ der Polizei – und somit ihm und nicht dem Finanzministerium – unterstellt werde. Das gelang weder Göring noch Himmler und Kaltenbrunner. Denn der Finanzminister, der Übernahmegelüste der Polizei und des Sicherheitsdienstes stets abwehren konnte, sah im Zollfahndungsdienst eine „rein fiskalische Aufgabe“.

Bestattung des Landjägers Lüttringhaus

Ein tragisches Ereignis erschütterte 1933 Lembeck, Dorsten und die gesamte Herrlichkeit. In Lembeck wurde der Oberlandjäger Walter Lüttringhaus von Schmugglern erschossen, die in ihrem Gepäck Zigaretten, Kaffee und Maggi-Produkte hatten. Der gefasste Todesschütze wurde zu lebenslanger Haft und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Der Fahrer des Fluchtwagens kam für drei Jahre ins Zuchthaus. So endete das Schmuggel-Drama auf dem Land, an das bis zum heutigen Tag der Lüttringhaus-Gedenkstein in Lembeck erinnert

Kaffee und Zigaretten – Schmuggelgut nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg blühte der Schmuggel an der deutsch-holländischen Grenze wieder auf. Die britische Besatzungsmacht setzte eine deutsche Zollverwaltung ein, die schon bald ihre Arbeit an den Grenzen zu Belgien und den Niederlanden aufnahm. Kaffee, Tee, Butter, Kakao und Zigaretten waren die begehrtesten und lange entbehrten Genüsse. Aber ihre Aus- und Einfuhr war beschränkt. Jeder Besuch jenseits der Grenze wurde durch einen Stempel im Pass dokumentiert. Damit niemand abseits der offiziellen Übergänge mit Waren die Grenze überschritt, war diese weithin mit Drahtsperren versehen.

Spiegel-Titelseite 1950, geschgmuggelter Kaffee

Auch Zöllner profitierten vom Schmuggel

Bis zur Währungsreform im Juni 1948 galt noch die Reichsmark. Für ein Kilo geschmuggelten Kaffee erlöste man bis zu 1.500 Reichsmark, für ein Pfund Butter 600, für eine „Ami-Zigarette“ acht Reichsmark. Die deutschen Zollbeamten, die den einsetzenden Schmuggel eindämmen sollten, verdienten lediglich 180 Mark im Monat; wenig verwunderlich, dass einzelne Zöllner versuchten, vom Schmuggel zu profitieren. Das Schmuggeln im holländischen Grenzgebiet war in dieser Zeit häufig Thema der Berichterstattung in der „Dorstener Volkszeitung“, weil immer wieder Dorstener beim Schmuggeln erwischt und verurteilt wurden. Als die Verhältnisse im Grenzgebiet sich zuspitzten, erteilten die britischen Besatzer den deutschen Zollbeamten Schießbefehl. Insgesamt sind im Zeitraum zwischen 1945 und 1953 an der deutsch-belgischen und deutsch-niederländischen Grenze 53 Tote zu beklagen, die meisten davon Schmuggler, darunter auch Minderjährige; einige Zollbeamte fanden ebenfalls den Tod.

Einziges Schmuggelgut nach Wegfall der Binnenzölle: Drogen

Die Senkung der Kaffeesteuer 1953 machte die professionellen Schmuggler mit einem Schlag „arbeitslos“. Die „Römischen Verträge“ von 1957 und der Wegfall aller Binnenzölle in der Europäischen Union Ende 1992 entspannte die Lage weiter. Einziges Hauptschmuggelgut blieben bis heute Rauschmittel und Drogen. Die Verhandlungslisten mit Straftaten aus diesem Milieu, die vor dem Dorstener Amtsgericht verhandelt wurden und werden, zeugen davon.

 

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3 Kommentare zu Das Schmuggeln hatte Hochkonjunktur an der holländischen Grenze – Rhader und Holsterhausener waren gut im Geschäft

  1. Nehn sagt:

    Rührend, wie „StolzerRhaderniemalsDorstener“ verlauten lässt, dass ihm die Zwangseinbürgerung in die ungeliebte Stadt noch immer zu schaffen macht. Er, und mit ihm viele andere (die allerdings stumm und grollend bis heute) sollten sich klar machen: Die Stadtverwaltung interessiert sich nicht für die Gefühle ihrer Bürger, sie interessiert sich für die Steuereinnahmen. Oder warum blieben damals Tür, Tor, Fenster und Rolläden geschlossen, als der WDR die Stadtverwaltung (in Form der ansonsten nie um ein Wort verlegennen Pressesprecherin) zu dem Thema „Zwangseingemeinung“ interviewen wollte.

  2. Bürger sagt:

    Dem „Danke“ kann ich mich nur anschließen! Hervorragender Bericht; kenntnisreich, sehr gut recherchiert, mit einer Prise Humor gewürzt. Ich mag diese Seite sehr, sie verschafft mir den nötigen Überblick, trennt schon mal vorab die Spreu vom Weizen und lässt mich das Wichtige wissen. Ohne diese Seite wäre es schlecht bestellt um Information des Lesers.
    Bitte machen Sie weiter so!

  3. StolzerRhaderniemalsDorstener sagt:

    Die Rhader, sie waren einmal ein freigeistiges Völkchen; unangepasst, clever und dem großen Ganzen dienend. Das Kleinklein verachtend, das Großzügige, Lebensfrohe liebend und praktizierend. Seit der Zwangsmitgliedschaft in dem erbarmungswürdigen Dorsten scheint die Dorfgemeinschaft wie paralysiert (stellt man auch bei den Nachbardörfern fest).
    Ach Rhade,einst verraten und verkauft, was ist nur aus dir geworden? Du hast dir deinen Stolz nehmen lassen. Hol ihn dir zurück!
    Herr Stegemann! Herzlichen Dank für diesen tollen Bericht – nicht nur, aber auch wegen Rhade.

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