Dorstens Innenstadt weiter auf der schiefen Ebene – aber nach unten

Die Lippestraße vor Errichtung der Fußgängerzone (Bild: Krüger †); darunter die Essener Straße als Fußgängerzone Ende der 1970er Jahre

Von Wolf Stegemann

Schon wieder geht eines der wenigen noch vorhandenen eigentümergeführten Geschäfte über die Wupper bzw. Lippe. Auch im wahrsten Sinne des Wortes. Die Buch- handlung „Schwarz auf Weiß“, seit vielen Jahren in der Lippestraße eine Quelle guter Literatur und Beratung, schließt.  Die Filiale in der Holsterhausener Freiheitsstraße bleibt.

Dass Dorstens kleinere Buchhandlungen in der Innenstadt peu à peu zumachen, war vorauszusehen, nachdem die Buchhandelskette Thalia 2010 am Marktplatz eine großstädtische Niederlassung errichtet hatte. Offensichtlich hat sich Thalia in Dorsten, was die Größenordnung betrifft, übernommen, wie aktuellen Presseberichten zu entnehmen ist. Dennoch bleibt es zuwarten, wann die nächste Buchhandlung, es gibt jetzt nur noch zwei weitere kleinere, schließt. Vorausschauend hat beispielsweise die Buchhandlung an der Recklinghäuser Straße mit Kuscheltieren und sakralen Gegenständen ein buchfremdes Sortiment dazu genommen.

Dorsten hatte schon immer Probleme mit seinen Innenstadtgeschäften

Vor rund 20 Jahren gab ein traditionsreiches Familienunternehmen mit Büchern, Kunst und kirchlichen Utensilien in der Lippestraße auf. Die Inhaberin gefragt, warum sie das tue, sagte, sie bekomme von der Drogeriekette mehr Miete als sie Umsatz mache. Somit siedelten sich Kettengeschäfte und dann die Billigwarenläden im Fußgängerbereich nach und nach an, durch eine rigide Verdrängung fast allen Autoverkehrs aus der Innenstadt, zuletzt im Jahr 2000, wurden auch die größeren Lebensmittelgeschäfte verdrängt, die zuvor die Tante Emma-Läden zum Schließen gezwungen hatten. Nach und nach verödete die Innenstadt immer mehr. Phantasie der Verwaltung und der Kommunalpolitiker wäre gefragt gewesen, um diesem Abwärtstrend zu begegnen. Wenn Phantasie da war, fehlte es womöglich an der Umsetzung.

Um die fortschreitende Verödung der Innenstadt aufzuhalten, gründeten Dorstener Kaufleute 1988 den Arbeitskreis Altstadt Dorsten e. V., aus dem die Dorstener Interessengemeinschaft Altstadt e. V. (DIA) wurde. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Stadtzentrum für Bürger und Kunden attraktiver zu machen. Dazu gehören u. a. Veranstaltungen und Aktionen, Begrünungen, eine stärkere Sauberhaltung der Straßen und das Einkaufen  durch einen bunten, aufeinander abgestimmten Branchen-Mix attraktiver zu machen.

Bereits 1992 wurde im Rahmen eines Projekts, das von Studenten der Münsteraner Wilhelms-Universität als Semesterarbeit betreut wurde, ein neuer Name und ein neues Erscheinungsbild für die Vereinigung erarbeitet. Da nun Kaufleute für ein besseres Image zu sorgen hatten, orientierte sich dieses am Verkauf. Beispielsweise wurden aus Festen, die einst einen kulturellen Schwerpunkt hatten, Feste mit “Fress- und Trinkbuden”, wie beispielsweise beim Altstadtfest, der Marktplatz wurde oft genug für die Bürger abgesperrt und war nur gegen Bezahlung betretbar. Somit wurde mit einem Jahrhunderte alten Recht der Bürger gebrochen, bei eigenen Festen den eigenen Marktplatz kostenfrei betreten zu können. War aber die Rede von einer Begrünung des Marktplatzes, pochten die Gegner der Begrünung wie Schützenverein und Markt-Kaufmannschaft, stets erfolgreich auf die Tradition eines baumlosen Dorstener Marktplatzes.

Jeder, der Dorsten von früher kennt, sieht, wie unattraktivdie Innenstadt sich mittlerweile darstellt. Backbetriebe, Handy-Läden und Ein-Euro-Geschäfte neben dem anderen, dazwischen Billig-Damenoberbekleidung. Die wenigen Geschäfte, die aus dem Rahmen fallen, muten wie Juwelen an, beispielsweise vorzügliche Goldschmiedekunst.

Neues Image, schöne Worte, leere Kassen

Die abnehmende Anziehungskraft der Innenstadt fiel auch der Verwaltung und der Politik auf. Ein neues Image musste her. Man ließ sich beraten und wollte aus Dorsten einen Kulturstandort und ein Wellness-Zentrum machen. 1999 wurde das Kölner Institut „Econ-Consult – Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Beratungsgesellschaft mbH & Co KG“ beauftragt, den Standort Dorsten zu untersuchen. Die Kosten  von 200.000 DM wurden aus Mitteln des Landes in Höhe von 140.000 DM und der Kommune von 20.000 DM bestritten. Für den Rest kamen privatwirtschaftliche Partner (darunter die DIA) auf. Stadt und Econ-Consult stellten das Projekt unter dem Motto „Ein Bündnis aller Kräfte“ Bürgern, Verbänden und Unternehmen vor. Bürger sollten in einer Umfrage mit kreativen Ideen „Dorsten 2010“ zu einer besseren Stadt beitragen und in einer „Zukunftswerkstatt“ am neuen Image basteln. Die Themen, die den Dorstenern im Jahre 2000 besonders am Herzen lagen, waren: „Dorsten als innovativer Wirtschaftsstandort im Aufschwung, als Freizeit- und Kulturerlebnis zwischen Ruhrgebiet und Münsterland, als Altstadterlebnis und als Stadt mit Profil und positivem Image.“ Schöne Worte. 3.000 Bürgern wurden Fragebogen zugeschickt, von denen allerdings nur 671 zur Auswertung zurückkamen. Danach wurden Leitprojekte erstellt, die Grundlage für Maßnahmenkataloge sein sollten: „Gesundheitsstadt Dorsten“, „City-Management“, „Stadt – Raum am Wasser“, „Kulturstadt Dorsten“, „Verwaltungsmarketing“.  Der Entertainer und Kabarettist Hape Kerkeling prägte Dorsten den Stempel einer Alten-Stadt auf. In einer TV-Show fragte er ins Publikum „… oder haben sie auch eine Oma in Dorsten?“ Damit spielte er darauf an, dass die Innenstadt von so vielen Altenheimen umgeben ist wie kaum eine andere Stadt oder ein anderer Stadtteil in dieser Größenordnung.

1978: Fußgängerzone darf keine Konsumstraße sein

Als Fazit der Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Beratungsgesellschaft wurde genannt: Das Image der Stadt muss aufpoliert werden. Dorsten soll Kulturstadt sein, zur Belebung des Tourismus könnte u. a. der Reitsport gefördert und der Kanal für Veranstaltungen stärker eingebunden werden. Dorsten solltesich auch möglichst bundesweit als Gesundheits- und Wellness-Stadt profilieren. Die erarbeiteten Ergebnisse, so Bürgermeister Lambert Lütkenhorst, sind „für die nächsten zehn bis 15 Jahre Orientierungshilfe für die Planung und nicht zuletzt auch für wirtschaftliche Standortentscheidungen“. Die städtische Kasse ist mittlerweile leer, die Stadt überschuldet, der Nothaushalt regiert die Stadt – Orientierungshilfen sind derzeit die Gesetze und finanzpolitischen Verordnungen.

Unterdessen schließen nach und nach die kleinen und wichtigen Geschäfte, in denen Beratung noch groß geschrieben war. Wenn im nächsten Jahr das neue Lippetor-Center seinen Prachtbau einweihen wird, wird dies die Verödung der Innenstadt nicht aufhalten können – eher fördern.

Als das jetzt zum Abriss vorbereitete Lippetor-Center geplant wurde, lehnte der damalige Sprecher der Dorstener Kaufmannschaft 1978 die Ansiedlung eines Verbrauchermarktes am Lippetor mit der Begründung ab, aus der Fußgängerzone dürfe keine Konsumstraße gemacht werden, vielmehr müsse sie Einkaufs- und gleichzeitig Begegnungs- und Freizeitstätte sein. Fachgeschäfte seien erstrebenswert, Boutiquen, Spezialitätenrestaurants mit internationaler Küche, eine Diskothek, eine Tanzschule und ein Kino wünschenswert, um das Image zu verbessern und dazu beizutragen, dass hier noch abends Betrieb herrsche.

Die Wünsche der Kaufmannschaft nach mehr Lebendigkeit der Innenstadt wurden nicht erfüllt. Seit Jahren wird Kritik geäußert, dass die Fußgängerzone außerhalb der Einkaufszeiten menschenleer geworden sei, da es nicht gelang, die Innenstadt attraktiver zu machen. Ein Lichtblick könnte die Vielzahl der Gastronomiebetriebe sein, die den Marktplatz mittlerweile beherrschen.

Als das Lippetor-Center 1982 unter überschwänglichen Reden und überglücklichen Zukunftsaussichten eröffnet wurde, bröckelten die vielen kleinen Geschäfte, die das Center attraktiv machten, mangels Umsatz schnell wieder weg. Das Kino schloss. Jetzt soll mit der alten Idee und neuem Gebäude alles wieder von vorne anfangen. Schöner, größer, teurer nur der Kanal bleibt, wo er ist, vermutlich weiterhin unberührt, denn das Wasser- und Schifffahrtsamt und der Lippeverband haben ihre eigenen Gesetze.

Der Stadtteil Holsterhausen profitiert vom Niedergang der Altstadt. Dort gibt es fließenden Verkehr, die in Wohn- und Gewerbebereichen angesiedelten Supermärkte, Boutiquen, Banken und Geschäfte sind mit dem Auto zu erreichen, es gibt keine Parkgebühren, das einzige Kino in der Stadt gibt es in Holsterhausen, Ärzte, Apotheken und alles andere auch. Immer mehr Altstädter kaufen in Holsterhausen ein.

Wenn die Buchhandlung “Schwarz auf Weiß” ihren Standort in Holsterhausen beibehält, dann zeugt dies von der Lebendigkeit dieses Stadtteils.

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Kommentar: Keine homogene Stadt – auch nicht in den Köpfen

Das bis heute erhaltene Gefühl der Nichtzugehörigkeit bei den Stadtteilbewohnern und die strukturelle Auseinandergezogenheit des Stadtgebildes brachten und bringen etliche gesamtstädtische Probleme für Dorsten mit sich. Dorsten ist keine homogene Stadt. Auch nach fast 73 Jahren der Zuge-hörigkeit von Hervest und Holsterhausen zu Dorsten und 37 Jahre nach der Eingemeindung der Herrlichkeitsdörfer hat sich bei den früher selbstständigen Gemeinden ein nur distanziertes Gefühl der Gemeinsamkeit entwickelt.ganz besonders bei den alteingesessenen Landbewohnern, wie den Lembeckern, Deutenern, Rhadern und Alt-Wulfenern, die sich bis heute dagegen sträuben, zu Dorsten gezählt zu werden und von denen sich etliche – beispielsweise nicht wenige in Rhade – nach wie vor eine Zugehörigkeit zum Kreis Borken wünschen. Das seit 1975 bestehende Gesamtgebilde Stadt Dorsten ist auch heute noch ein künstliches. Eigenständige Traditionen in den früheren Landgemeinden beherrschen auch heute noch vorherrschend die Strukturen in der Gesamtstadt, das Kaufverhalten und das Feiern von Festen. Bis heute hat sich das Einkaufsverhalten der Stadtteilbewohner nicht geändert: Altendorfer sind überwiegend nach Gelsenkirchen-Buer ausgerichtet, Lembecker und Wulfener nach Haltern und Rhader und Lembecker nach Borken. Auch konnte sich trotz etlicher Bemühungen beispielsweise kein gesamtstädtisches Fest entwickeln. Was Wirtschaftsstrukturen, Kaufkraft- und Bewegungsverhalten der Bevölkerung betrifft, so wäre das Heranziehen der Gesamteinwohnerzahl von rund 78.000 für „Dorsten“, was vor allem in der Wirtschaftswerbung für die Stadt als Kaufkraft immer wieder angeführt wird, nicht unbedingt korrekt.


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2 Kommentare zu Dorstens Innenstadt weiter auf der schiefen Ebene – aber nach unten

  1. Tegtmeier sagt:

    Ein hervorragender Artikel und ein Kommentar, der es auf den Punkt bringt! Beide Beiträge hätten es verdient, mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt und in den Zeitungen veröffentlicht zu werden. Das Armutszeugnis “Altstadt” ist ein mustergültiges Beispiel für jahrelange Vernachlässigung seitens der Stadtverwaltung und des Bürgermeisters. Am meisten amüsiert haben mich die Ergebnisse des Kölner Wirtschaftsinstitutes: Dieses Fazit hätte jeder Dorstener Bürger auch selber ziehen können. Dafür hätte es keiner 200.000 Mark Prüfung bedurft.
    Und die Chronik der baulichen Unattraktivität und Falschansiedlung wird fortgesetzt: jetzt stehen die nächsten Fehlentscheidungen schon an: Mediamarkt an der Bovenhorst und ein neuer Klotz, der sich “Mercaden” (ein Kaufhaus von der Stange) nennen soll. Auch hier verspielt die Stadt wieder einmal alle Chancen. Als “Stadt am Wasser” bekennt sie sich nur zu gern. Aber davon ist nichts zu sehen: keine Öffnung zum Kanal, keine aufgelockerte Bebauung beim Neubau Lippetor. Stattdessen wieder ein Schuhkarton.
    Ich selbst komme aus Holsterhausen und erledige hier den größten Teil meiner Einkäufe. In die Innenstadt zieht es mich fast gar nicht mehr. Es gibt einfach kein Angebot, das es wert ist genutzt zu werden. Kettenläden gibt es mittlerweile in jeder Stadt. Da muss sich Dorsten nicht auch noch anschließen. Auch das inhaltliche kulturelle Angebot an Festen hat nachgelassen. Das Altstadtfest im Vergleich zu früher, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Innenstadt umfahre ich mit dem Fahrrad meist, da es sich nicht wirklich lohnt durchzuflanieren. Meine Touren führen eher in Richtung Dorstener Norden. Die Feststellung mit der Kauforientierung hin zu den umliegenden Städten im Dorstener Norden und Süden ist nur allzu gut nachzuvollziehen. Ein Lob haben aber die Läden in Dorsten verdient, die noch als Relikte der Vergangenheit in Dorsten existieren – die kleinen Buchhandlungen und ein paar Bekleidungsgeschäfte. Hoffen wir, dass wenigstens sie uns noch eine Zeit lang erhalten bleiben und beobachten wir weiterhin die Entwicklung, die Dorsten nehmen wird…

  2. Poahlbürger sagt:

    Mit diesem klugen Kommentar sprechen Sie unserer gesamten Familie, und nicht nur der, aus der Seele. Nix wie weg von Dorsten.
    Hier sieht der aufmerksame Betrachter auch viele Autos mit dem Aufkleber: LEMBECK statt DORSTEN fahren. Die traditionsbewussten Kaufleute firmieren nach wie vor unter Lembeck oder Rhade. Die Stadt Dorsten ignoriert das natürlich geflissentlich. Niemals würde ich sagen: “Ich komme aus Dorsten.” Komme ich ja auch nicht. Es wäre allmählich an der Zeit, dass der Bürgermeister sich das einmal zu Herzen nimmt und uns in die Freiheit entlässt!

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