Priester- und Geldmangel sowie der Bischof zwingen zur Gemeindefusion

Weihbischof Geerlings mit den Pfarrern Zahn, Voss und Wölke 2011 in Lembeck; Foto: Christian Gruber

W. St.– Gemeindefusionen im kirchlichen Bereich gab es bei beiden Konfessionen schon immer. Oft waren sie begleitet von Protesten einzelner Gemeindeglieder oder ganzer Gemeinden. Aus finanziellen Grün- den mussten auf Anordnung des Bischofs von Münster 2009 etliche katholische Gemeinden gegen ihren ausdrücklichen Willen fusionieren, so dass das Bistum Münster sich genötigt sah, ein Machtwort zu sprechen. Von der Zusammenlegung mit St. Agatha betroffen waren die Heilig Kreuz-Gemeinde in Altendorf-Ulfkotte, St. Nikolaus auf der Hardt und St. Johannes in der Feldmark. – Im Norden der Stadt wurden fünf Gemeinden zusammengelegt: St. Matthäus (Altwulfen), Herz-Jesu (Deuten), St. Laurentius (Lembeck), St. Barbara (Barkenberg) und St. Urbanus (Rhade). Dazu der inzwischen verstorbene Regionalbischof Voss (Münster):

„Nach Überzeugung des Bistums ist die Zusammenlegung aufgrund der seit Jahren tief greifenden Veränderungen in Kirche und Gesellschaft unumgänglich. Keine Gemeinde könne sich den notwendigen Veränderungen entziehen.“

Bei Abstimmungen im Jahr 2009 in den beiden Nord-Gemeinden Herz-Jesu Deuten und St. Matthäus Wulfen lehnten die Gemeindeglieder die Fusion ab. In Deuten stimmten von 178 zur Wahl gegangenen Gemeindegliedern nur drei für die Fusion, in Wulfen waren es von 393 zehn. Enthalten haben sich jeweils zwei Personen.

Protestbriefe an das Bistum Münster

In rund 100 Protestbriefen an das Bistum wurde diese Vereinigung „Zwangsfusion“ genannt und etliche Briefschreiber kündigten an, ihre Ehrenämter in den Gemeinden niederzulegen. Das Bistum ließ 2010 von den Kanzeln verkünden, dass es bei der Fusion bleibe. Darauf regte sich erneuter Protest. Auch Dorstens Bürgermeister Lambert Lütkenhorst mischte sich ein und hielt in der örtlichen Presse „das, was derzeit in der katholischen Kirche in Dorsten läuft, für unverantwortlich“. Allerdings hält auch er Fusionen „auf Dauer“ für notwendig. Außerdem kritisierte der Bürgermeister das Bistum, weil es das Ehrenamt nicht würdige, „sonst würde es anders mit den Gemeinden umgehen“.

Aufgrund der „Irritationen“ aus den Kirchengemeinden schlug im August 2010 wider Erwarten Bischof Felix Glenn vor, dass die Pfarrgemeinden Hervest und Holsterhausen eine Seelsorgeeinheit bilden, die Pfarrgemeinden aber zunächst selbstständig bleiben. Der münstersche Bischof forderte aber, dass eine spätere Zusammenlegung der Pfarreien in drei bis fünf Jahren zu erfolgen hätte. Der gleiche Vorschlag richtete sich auch an die Gemeinden Lembeck, Rhade, Wulfen-Barkenberg und Wulfen mit dem Rektorat Deuten. Ihre Gründung erfolgte im Juli  2011. Die 15.000 Gläubigen wurden statt in einer Gemeindefusion vorerst zu einer verbindlichen Seelsorgeeinheit zusammengefasst, einer Kooperation von weiterhin selbstständigen Gemeinden (Gottesdienstordnung, Sakramentskatechese u. a.) in zwei Gottesdienstbezirken: Herz-Jesu mit St. Barbara und St. Matthäus sowie St. Laurentius mit St. Urbanus und dem Karmel St. Michael. 2013 können alle Gläubigen in den fünf Pfarreien einen gemeinsamen „Rat der Seelsorgeeinheit“ sowie Gemeinderäte und Kirchenvorstände vor Ort wählen.

Auch Unmut in den Gemeinden Hervest und Holsterhausen

Anfang 2011 machte sich Unmut in der katholischen Pfarrgemeinde St. Paulus in Hervest breit. In einer Versammlung kritisierte die Mehrheit der Gemeindeglieder die für 2015 geplante Fusion von fünf Kirchengemeinden in Hervest und Holsterhausen, u. a. deshalb, weil große Flächengemeinden die Anonymität in der Gemeinde fördere. Das Ergebnis der Versammlung, bei der es keine Abstimmung gab, wurde vom Kirchenvorstand an das Bistum geschickt. Im Juni rief das Pfarrgemeinderatsmitglied Karsten Fromm (St. Paulus) öffentlich zu einem Protest gegen die Bistumspläne auf.

Obwohl die Pfarrgemeinderäte der katholischen Gemeinden im Dorstener Norden sowie in Hervest und Holsterhausen demokratisch und nach den Kirchengesetzen bis 2013 ordentlich gewählt wurden und erst dann aufgrund der 2015 zu erfolgenden Fusion durch ein überpfarrliches Gremium ersetzt werden sollten, will der Bischof entgegen der früheren Absicht, die bis 2013 gewählten Gemeinderäte schon während der Wahlperiode durch ein Einheitsgremium ersetzen. Für die Belange der Gemeinden St. Matthäus (Wulfen), St. Laurentius (Lembeck), St. Urbaus (Rhade), St. Barbara (Barkenberg) und Herz Jesu (Deuten) mit 16.000 Katholiken soll dann nur noch ein Gremium entscheiden. Und das vor dem zugesagten Termin, wie aus dem „Kirchlichen Amtsblatt für die Diözese Münster“ hervorgeht.

Im Juni 2011 besuchte Weihbischof Dieter Geerlings die fünf Gemeinden in Hervest und Holsterhausen. Rund 130 Mitglieder empfingen ihn mit Protestplakaten und Fahnen. Der Bischof machte Zugeständnisse, die von anderen von der Fusion betroffenen Gemeinde sicherlich mit großem Interesse verfolgt worden sein dürften Die Pfarrgemeinderäte Hervest und Holsterhausen sollen nun nicht – wie vorgesehen – aufgelöst werden, eine Fusion zur Großgemeinde, der bis 2015 die Bildung einer Seelsorgegemeinde folgen soll, war bei dem Besuch nicht mehr im Gespräch. Für 2012 kündigte der Weihbischof den nächsten Besuch an. Allerdings dürften die Gespräche zwischen Bischof und Gemeinden keine Rechtskraft haben.

Zur Gründung der Seelsorgeeinheit der Dorsten-Nord-Gemeinden überreichte Weihbischof Dieter Geerlings während eines feierlichen Pontifikalamts im Schlosspark von Lembeck, an dem weit über 1.000 Gläubige teilnahmen, Pfarrer Alfred Voss die Gründungsurkunde. Das gemeinsame Motto der Seelsorgeeinheit lautet: „Mit einer Hoffnung gemeinsam auf dem Weg.“

Ist die Gemeindefusion vom Tisch?

Nachtrag: 15. November 2012. Generalvikar Norbert Kleyboldt, Domkapitular Hans-Bernd Köppen (Personalchef) sowie Wilfried Renk vom Bischöflichen Generalvikariat hatten Mitte November 2012 den Seelsorgern sowie den Mitgliedern des Seelsorgerates einen Vorschlag unterbreitet, der zehn Jahre gelten soll. Die geplante Fusion der fünf katholischen Gemeinden im Dorstener Norden ist womöglich vom Tisch. Das Bistum hat einen Alternativ-Vorschlag erarbeitet: St. Matthäus, St. Barbara und Herz-Jesu werden eine Pfarrei, St. Laurentius und St. Urbanus eine weitere. Die Seelsorgeeinheit Dorsten-Nord soll über 2015 hinaus erhalten bleiben. Zudem soll ein zweiter deutscher Pfarrer für Wulfen, Barkenberg und Deuten angestellt werden.
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Quellen: Berthold Fehmer in DZ vom 11. März 2010. – Stefan Diebäcker „Bis 2013 gewählt: Bischof will Pfarrgemeinderäte schon jetzt abschaffen“ in DZ vom 8. Juni 2011
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