Altstadtfeste sind zum Sauf- und Fressfest mit Musikeinlagen verkommen. Es häufen sich Klagen über Unfreundlichkeiten. Nur eine Meinung

Von Wolf Stegemann

Jedes Jahr kommt das Altstadtfest in negative Schlagzeilen, weil der private Veranstalter gegenüber der am Markt ansässigen Gastronomie und seine Bewacher-Mannschaft wiederholt harmlose Bürger wie Gesetzesbrecher behandelt. So auch wieder in diesem Jahr. Eine langjährige Ratsfrau, die nicht unweit vom Marktplatz wohnt, hatte am Samstagnachmittag (2. Juni) Einkäufe zu erledigen gehabt. Mit ihrer vollen Einkaufstasche ging sie über die Recklinghäuser Straße am Alten Rathaus vorbei, um nach Hause zu laufen. Das Gitter, das den Markt absperrte, war geöffnet, eine Security-Mitarbeiterin überwachte den Zugang zum Marktplatz, auf dem eine Rockband spielte. Als die Ratsfrau am Alten Rathaus vorbeigehen wollte, um in die Wiesenstraße einzubiegen, stellte sich die von der  Interevent-Agentur Thomas Hein engagierte Security-Mitarbeiterin in den Weg, hielt die Ratsfrau auf und fragte, woher sie komme und wohin sie wolle. Die Ratsfrau erwiderte, dass sie hier wohne und im Übrigen sie dies überhaupt nichts angehe. Die Security-Mitarbeiterin ignorierte die Antwort und zeigte auf die Einkaufstasche mit der Aufforderung, sie zu öffnen, damit sie hineinschauen könne. Denn sie vermutete, dass hier jemand Getränke selbst mitbringe, um nicht die teureren an den Ständen kaufen zu müssen. Das nunmehr verärgerte Ratsmitglied verweigerte natürlich den Blick in die Tasche. Verunsichert gab die Security-Mitarbeiterin schließlich den Weg frei mit den Worten: „Sie dürfen durchgehen!“ Die damit Durchgelassene antwortete: „Da muss ich Sie nicht um Genehmigung fragen!“

Dunstglocke von Bratwürsten, Gyros und Zwiebelfleisch über dem Marktplatz

Suchte man beispielsweise im Jahre 2011 im Internet unter „Stadtfest“ das Dorstener Altstadtfest und klickte es an, dann sprang einem ein dicker und fetter Hamburger vors Gesicht mit dem „City Deal“-Hinweis, jetzt 90 Prozent sparen. Und so nebenbei las man, dass 2011 das Dorstener Altstadtfest vom 3. bis 5. Juni in der Altstadt und im Industriepark-Ost stattfindet.

Es bräuchte keinen visuellen Hamburger im Internet gegeben zu haben, um wissen zu machen, dass die einst mit kulturellem Anspruch behafteten Dorstener Altstadtfeste seit Jahren zu einem „Fress- und Sauffest“ verkommen sind, wie es allenthalben von klagenden Besuchern zu hören ist, von denen sich immer mehr dem traditionellen Festbesuch verweigern. Dem Umsatz schadet das wohl kaum, wohl aber dem Image. Eine Fressbude reiht sich an die andere und über allem steht ein Dunst von Zwiebeln, gebratenem Gyros, thüringischen Rostbratwürsten, in Fett gebackenen Teigbällchen, von Kartoffelpuffern und gebratenen Hähnchen. Geruch mögen die einen sagen, Gestank die anderen.

Kunst und Kultur kamen abhanden

Vor etlichen Jahren, als das städtische Kulturamt noch Organisator des Altstadtfestes war, war es noch durchdrungen von kulturellen Ansprüchen, denen es auch gerecht geworden ist. Da sah man tagsüber und abends Gaukler und Zauberer auf den Straßen, Kleinkunst da und dort, kurzweilige Unterhaltung mit Spaß, Freude und auch festlichem Tiefgang. Die Stadt gehörte an diesen Tag des Altstadtfestes allen Bürgern. Marktplatz und Straßen waren allen Bürgern und Besuchern offen. Keine Gitter trennten oder schlossen aus.

Seit Jahren ist dies anders. Die Stadt vergab die Organisation des Altstadtfestes dem privaten Interevent-Unternehmer Thomas Hein. Seitdem fehlen kulturelle Ansprüche. Dorstener dürfen bei gewissen Veranstaltungen des Altstadtfestes nicht mehr ihren Marktplatz betreten, es sei denn, sie zahlen Geld. Große Gitter und schwarz gekleidete stämmige Security-Männer mit russischem Akzent versperren ihnen den Marktplatz, fassen sie mitunter auch unsanft an, wenn die Besucher keine Eintrittskarte haben und den Aufforderungen, wieder zu verschwinden, nicht schnell genug nachkommen oder sich über die Zutrittsberechtigung in eine Diskussion einlassen wollen. Darüber gibt es immer wieder Klagen.

Die bereits zitierte Security-Mitarbeiterin des Veranstalters, der die Stadt-Feste in Dorsten mittlerweile fest in der Hand hat, hat sich in der Öffentlichkeit Hoheitsrechte angemaßt, die nur der Polizei zustehen. Es bleibt zu hoffen, dass die geführte Klage des Ratsmitglieds zu einer künftigen Besserung beitragen wird.

Ständige Klagen über Absperrung und Abzocke

Klagen gab und gibt es auch immer wieder von Gastronomie-Betrieben auf dem Marktplatz, die am Altstadtfest und anderen Festen, die jener Interevent-Manager veranstaltet, zusätzlich zu dem, was sie für ihre Bestuhlung auf dem Marktplatz an die Stadt zahlen müssen, nochmals kräftig zur Kasse gebeten werden. Für die drei Tage Altstadtfest 2012 waren das 10 Euro pro Tag und Stuhl.  Dass sich nun der am Marktplatz angesiedelte Gastronom „Café Solo“ darüber beschwert, ist nachzuvollziehen.

Zurück zur Kultur

Dorsten zeigt sich in seinen Tourismus-Broschüren immer stolz auf die Tradition der alten Stadt, der Hanse-Stadt, auf ihre Gastfreundlichkeit, ihre Feste und Sehenswürdigkeiten, auch auf ihre Kultur. Die „Dorstener Interessengemeinschaft Altstadt“ (DIA), deren Vorsitzender Thomas Hein ist, fördert dieses positive Image. Doch sollte sich Gastfreundschaft auch bei Festen nicht nur auf Essen und Trinken mit Musik beschränken. Dazu gehört mehr. Und noch eins: Der Marktplatz gehört weder der Verwaltung noch einem Unternehmer, sondern traditionell den Bürgern. Mit diesem Argument verhinderten beispielsweise die Altstadtschützen vor Jahren erfolgreich eine Bepflanzung des Marktplatzes, die von der Verwaltung diskutiert wurde. Den Bürgern sollte der Aufenthalt auf „ihrem Marktplatz“ ohne Wenn und Aber zu allen Zeiten und Veranstaltungen offen sein – auch ohne Eintrittsgeld und Taschenkontrollen.

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5 Kommentare zu Altstadtfeste sind zum Sauf- und Fressfest mit Musikeinlagen verkommen. Es häufen sich Klagen über Unfreundlichkeiten. Nur eine Meinung

  1. Jörg Mundhenk sagt:

    Vorbildlich Ihre Recherchen und Kommentare.
    Den Meinungen zu den sogenannten Stadtfesten Altstadtfest/Bierbörse kann ich mich nur anschließen. „Kampftrinker und Randalebrüder vereinigt euch“. Putzt euch den Schnabel ab…und nach uns die Sintflut. Und am Rande steht ein Mann, dem das OA nichts kann. Oder will.

  2. Bürger sagt:

    In Dorsten findet man gut gedeihende Günstlingswirtschaft. Man muss nur mal Augen und Ohren aufsperren, was alles aus Richtung Rathaus genehmigt, abgenickt und als Auftrag vergeben wird. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ich wünsche Dorsten viele Schelme.

  3. Detlev Stoppe sagt:

    Ich würde vorschlagen, diesen Veranstalter Hein gründlich abzumahnen,und wenn das nichts hilft zum Teufel jagen. Weg damit. So etwas müssen wir Bürger und die Anwohner sich nicht bieten lassen. Es gibt bestimmt genug ortsansässige Bürger und Vereine, oder Interessengemeinschaften,die solche Events auch ehrenamtlich organisieren würden wenn, man sie ließe. Im Grunde genommen benötigen wir hier in Dorsten Keine Profitgeier. Aber das ist beim Bürgermeister noch nicht angekommen.

  4. Jupp Kowalski sagt:

    Verständlich , dass der Herr Hein einzig und allein daran interessiert ist, dass sein Konzept wirtschaftlich Erfolg hat. Aber kann das allein Maßstab für die Stadt sein, ihn so schalten und walten zu lassen? Wohl kaum! Dann soll er sich auf der „grünen Wiese“ niederlassen und dort sein Glück versuchen. Der Marktplatz jedenfalls gehört den Bürgern der Stadt!

  5. sengotta sagt:

    Wir gehen schon seit Jahren nicht mehr zum so genannten „Altstadtfest“;
    es ist schon sei Jahren immer dasselbe: „fressen und saufen“.

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