Von Wolf Stegemann
Einige Vorbemerkungen zu den auf den ersten Blick verworren anmutenden Ereignissen des geschilderten Falles sind notwendig, um die ineinander greifenden Geschehnisse besser zu verstehen. Zugegeben, die Geschichte ist lang geworden, aber oft machen Detail einer Geschichte diese erst zur Geschichte. So ist es hier. Grundlage der Ausführungen ist eine Gerichts- und Polizeiakte mit Ermittlungsberichten aus den Kriegsjahren 1916/17 mitten im kriegsfriedlichen Holsterhausen. Sie ist nicht vollständig. Daher führen die einzelnen Abläufe dieser Story im Spannungsfeld zwischen dem „kleinen Mann“ und den Behörden, zwischen Crime, Sex und biederer Kleinbürgerlichkeit, zwischen Wut und Unbeholfenheit, Raffinesse und Naivität zu keinem Ende, zumindest in den Akten. Das nimmt der Geschichte aber keinesfalls den Reiz und die Spannung. Lässt man sich auf sie ein, halten uns die Protagonisten mit ihren menschlichen Schwächen einen Spiegel vor: Diese Geschichte hätte überall stattfinden können – und zu allen Zeiten.
Im Mittelpunkt der Ereignisse steht das Ehepaar Ferdinand und Anna B. in Holsterhausen und Heinrich P., der Liebhaber und Kostgänger der Ehefrau. In dieser Dreiecksgeschichte wird eine Ehe zwischen Bosheit und Verletzlichkeit, Schwächen und Gelüsten zerrieben. Kulisse dieser Tragödie, über deren Verläufe man aus heutiger Sicht und mit Abstand durchaus schmunzeln darf, bietet die Kantine des Gefangenenlagers der Zeche Baldur in Holsterhausen an der Kampstraße. Nebenrollen haben der Amtmann von Wulfen, Christoph Kuckelmann, seine Polizeibeamten, die sechs Dienstmädchen der besagten Ehefrau, die 140 gefangenen Russen, die Wachmannschaft sowie die privaten Kostgänger, welche die Ehefrau zu verpflegen hatte. Statisten sind 13 Wachsoldaten des Landsturms mit der Aufgabe, die Gefangenen zu bewachen, und die neun Kostgänger, mit Ausnahme des einen, der, wenn nicht die Hauptrolle, so doch eine tragende Rolle spielt.
Die Handlung: Der Ehemann der Kantinenwirtin, die zweifellos eine resolute, anpackende Frau ist, die ihren Mann auch verprügelt und aus dem Haus wirft, zeigt bei der zuständigen Polizeibehörde in Wulfen an, dass eben diese seine Ehefrau ein Verhältnis mit einem ihrer Kostgänger, dem Bergmann P. habe, und man möge diesen, damit er von der Bildfläche verschwinde, und die Ehe sich wieder zum Guten wende, zum Militär einziehen. Und so kommt eines zum andern. Obwohl nach fast 90 Jahren die Namen der Beteiligten genannt werden dürften, habe ich sie bei den Hauptpersonen durch Abkürzung unkenntlich gemacht, um die nachfolgenden Familienangehörigen, die unter diesen Namen in Holsterhausen bekannt sind, zu schützen. Weiterlesen →