Rückblick: Forschungsgruppe „Dorsten unterm Hakenkreuz“ – Vor 40 Jahren jahrelang die Zeit des Nationalsozialismus in Dorsten erstmals erforscht und publiziert

1983 besuchte der frühere Dorstener Bürger Ernst Metzger, der das KZ Auschwitz überlebt hatte, auf Einladung von Dirk Hartwich (r.) und Wolf Stegemann. (l.) seine Heimatstadt; Foto: Holger Steffe

Zweimal gab es in der Bundesrepublik, von Massenmedien ausgehend, allgemeine öffentliche Erschütterungen, das deutsch-jüdische Verhältnis betreffend: das Auftauchen des „Tagebuchs der Anne Frank“ anfangs der 1950er-Jahre – Betroffenheit auslösend über das Einzelschicksal eines unschuldigen Mädchens und über die Würde, mit der es vor dem Tod bestand; und die Fernsehserie „Holocaust“ – Erschrecken weckend über die eigene, Furcht erregende Vergangenheit, Fragen schlossen sich an, wie konnte das alles geschehen? Wie konnten Deutsche solche Gräuel an Menschen begehen, nur weil sie Juden waren?  Schulen und Lehrer griffen dieses Thema damals nicht auf. Erst als die ns- und kriegsaktive Generation der Lehrer durch Pensionierung verschwunden war, beantworteten auch Schulen da oder dort Fragen nach dem Nationalsozialismus und der Judenverfolgung. Aber erst Ende der 1970er-Jahre entstanden in Städten Gruppen von meist jüngeren Bürgern, die oft gegen Widerstände alteingesessener Bürger die jüngste Vergangenheit aufzuarbeiten versuchten.

Zusammenschluss Dorstener Bürgerinnen und Bürger

1982 schlossen sich Dorstener Bürger und Bürgerinnen um den 1980 nach Dorsten zugezogenen Journalisten Wolf Stegemann und um das Ratsmitglied Dirk Hartwich aus Rhade zum „Arbeitskreis zur Erforschung der jüdischen Gemeinde Dorsten“ zusammen, der nach Herausgabe des 1. Bandes in „Forschungsgruppe Dorsten unterm Hakenkreuz“ umbenannt wurde.  Ziel war es, die nationalsozialistische Zeit in Dorsten zu erforschen und zu dokumentieren. Die Bitte um Mitarbeit des Heimatbundes der Herrlichkeit Lembeck an dieser Arbeit wurde vom damaligen Vorstand abschlägig beantwortet: Solange noch Menschen leben, die das Dritte Reich erlebten und beteiligt sein könnten, würden sie sich nicht beteiligen. Von dem Rhader Wilhelm Schwiederek wurden die Mitglieder der Forschungsgruppe sogar noch 1988, als die Forschungsarbeit voller Anerkennung bereits abgeschlossen war, in einem Leserbrief als „Neunmalkluge in der Jetztzeit“ benannt und an den Journalisten Wolf Stegemann gerichtet: „Stellen Sie nun mal Ihr Verantwortungsbewusstsein als mündiger Bürger eines freien Staates unter Beweis. Nicht mit der Feder – heute gibt es die Pressefreiheit – sondern mit Herz und Hand.“ Damit wollte er, dass Stegemann auf der Straße das Unrecht jenseits der Elbe und mit Plakaten die Abtreibungspraxis in der Bundesrepublik als Tötung anprangert. Der Leserbriefschreiber: „Sie dürfen ganz sicher sein, dass Sie dabei von keinem Gestapomann abgeführt werden.“ – Foto: Vorstellung des 5. Bandes: Stadtdirektor Dr. Zahn, Anke Klapsing, Wolf Stegemann (beide Herausgeber), Bürgermeister Heinz Ritter (v. l.).

Auch Kritik als Nestbeschmutzer

Andere übermittelten ihren Unmut gegen die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Dorsten telefonisch und anonym: Man solle doch den Dreck liegen lassen (gemeint waren ermordete Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen) und lieber die Massengräber in Ostpreußen untersuchen, in denen deutsche Flüchtlinge von 1945 liegen. 1983 konnten die ersten Forschungsergebnisse im ersten Band „Dorsten unterm Hakenkreuz. Die jüdische Gemeinde“ veröffentlicht werden. Sr. Johanna Eichmann, die in diesem Jahr zur Gruppe stieß, bewertete die Arbeit nach Herausgabe des 1. Bandes so:

 „Stellvertretend für die Gruppe dieser jungen Leute, die sich zutiefst haben betreffen lassen, müssen hier vor allem zwei Namen genannt werden: Es sind dies Dirk Hartwich und Wolf Stegemann. Sie sind nicht nur die Initiatoren. Sie hatten auch nicht einfach eine mehr oder weniger brisante Idee bei der Entdeckung einer politischen ,Marktlücke’ sozusagen, wie mancher vielleicht unterstellen möchte. Ich habe sie kennen gelernt als zwei tief Betroffene, die nicht bloße Informationen sammelten und auf Faktensuche gingen, sondern sich mit den Geschehnissen haben konfrontieren lassen, die ihnen unter die Haut gegangen sind. Ähnliches darf ich von den übrigen aktiven Mitgliedern des Arbeitskreises sagen.“

Neben Autoren und Fotografen (darunter Holger Steffe), die sich mit Beiträgen an den Büchern beteiligten, gehörten zum harten Kern der Forschungsgruppe neben Hartwich und Stegemann noch Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel, Sr. Johanna Eichmann, Anke Klapsing und Christel Winkel. Der damalige NRW-Landtagspräsident Van Nes Ziegler meinte 1984: „Die Forschungs- gruppe trägt mit ihrer Arbeit wesentlich dazu bei, dass die Ereignisse während des Dritten Reiches im Bereich Dorsten erfasst und damit gerade der jungen Generation nahe gebracht werden können.“

Eine Gründung der Forschungsgruppe “Dorsten unterm Hakenkreuz”: das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten; Foto: Wolf Stegemann

Forschungsgruppe gründete das Jüdische Museum 

Die Forschungsgruppe legte zwischen 1983 und 1987 fünf Bände über die NS-Zeit in Dorsten vor, 1983 betreute sie zusammen mit anderen Dorstenern den ehemaligen jüdischen Bürger Ernst Metzger, der aus den USA seine Heimatstadt besuchte, und brachte im selben Jahr eine an die Dorstener Juden erinnernde Mahn- und Gedenktafel am Heimatmuseum, die heute an einem Privathaus in der Wiesenstraße hängt.

Gedenktafel am Alten Rathaus und an den Friedhöfen angebracht

1983 brachte die Forschungsgruppe zusammen mit der Stadt am Alten Rathaus am Markt eine Gedenktafel an die Zerstörung der Synagoge und die Deportation der Juden in die Todeslager erinnert (Foto). Die Tafel wurde Jahre später an ein Haus in der Nähe angebracht, weil am Alten Rathaus eine Informationstafel über die Geschichte des Marktplates angebracht wure. 1984 wurden ebenfalls auf Initiative der Forschungsgruppe an den jüdischen Friedhöfen Gedenktafeln angebracht und vom Landesrabbiner geweiht. 1985 brachte die Forschungsgruppe zusammen mit der Stadt Dorsten Tafeln an den Ostarbeiterfriedhöfen an. Für Schulen gab die Forschungsgruppe eine Diaphonie zur NS-Zeit sowie einen historischen Stadtplan „Verwischte Spuren 1933-45“ heraus. Eine Wanderausstellung zum selben Thema wurde 1985 eröffnet und 1987 gründete die Forschungsgruppe den Verein „Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte und Religion in der früheren Synagogenhauptgemeinde Dorsten im Kreis Recklinghausen e.V.“ (später umbenannt in „Verein für jüdische Geschichte und Religion e. V.“) als Trägerverein für die Errichtung eines jüdischen Museums (Jüdisches Museum Westfalen). 1989 legte die Forschungsgruppe die Publikationen „Juden in Dorsten und in der Herrlichkeit Lembeck“  vor und beteiligte sich 1993 an der Ausstellung „Neues Leben blüht aus Ruinen“ zum Wiederaufbau der Stadt nach der Zerstörung 1945.

Erste Ergebnisse der Forschungsarbeit, veröffentlicht zum 50. Jahrestag der Machtergreifung in den Dorstener Ruhr-Nachrichten vom 19. Januar 1983

Forschung und Dokumentation gehen weiter

Die Bücher sind inzwischen restlos vergriffen. Daher hat Wolf Stegemann die wesentlichen Texte aktualisiert und als Dokumentation „Dorsten unterm Hakenkreuz“ zusammen mit neu erarbeiten Texten online gestellt. Dazu schrieb die „Jüdische Allgemeine“ am 5. Juli 2012 (Auszug):

„Wie wichtig ihre Arbeit auch nach Jahrzehnten noch sein würde, konnten die Mitglieder der Forschungsgruppe, die in den 80er-Jahren die Buchreihe Dorsten unterm Hakenkreuz herausbrachte, vermutlich nicht ahnen. Die Bände, die damals als beispielhafte Aufarbeitung und Dokumentation von Lokalgeschichte der Nazizeit galten, sind mittlerweile längst vergriffen …  Stegemann entschloss sich daher, die zum Teil aktualisierten Buchtexte auf einer Internetseite zu veröffentlichen. Dort kann nun jeder frei auf die gesammelten Informationen zugreifen. 20 Autoren haben an dem Projekt mitgewirkt, darunter auch höchst prominente Namen wie der Historiker Hans Mommsen und Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung. […]“


Entnommen: Online-Dokumentation Dorsten unterm Hakenkreuz (www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de)
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