Rats-Beschluss zum Tisa-Brunnen: Replik des Brunnens soll auf dem Kirchplatz St. Agatha errichtet werden. Bislang liegt die Betonung auf dem Wort „soll“ – es bleibt abzuwarten!

Tisa-Brunnen ist irgendwann hinter dem Alten Rathaus zu sehen

Kommentar von Wolf Stegemann

Juli 2021 – Die Diskussion zum Thema „Tisa-Brunnen“, die mittlerweile auch ernsthaften Disputanten und Beteiligten auf „den Senkel“ geht, scheint sich dem Ende zu nähern, wenn nicht irgendwelche „Brunnenvergifter“ sich des Themas erneut annehmen. In der letzten Ratssitzung am Mittwoch haben die Lokalpolitiker sich mehrheitlich verständigt, dass der abgebaute Tisa-Brunnen als Nachbau auf dem Kirchplatz entstehen soll, also zwischen der Agathakirche und der Rückseite des Alten Rathauses. Abgesehen vom besseren Originalplatz vor dem Alten Rathaus ist der Platz hinterm Alten Rathaus erträglich. Dazu regte Pfarrer Dr. Stephan Rüdiger an: Da Tisa von der Schulenburg als Ursulinen-Schwester Paula einen starken Bezug zu Kirche und Glauben hatte, sei der Kirchplatz ein guter Ort für ihr Kunstwerk. Zudem könne der Brunnen dazu beitragen, diesen schönen Platz zu beleben.

Beschlossener Standort auf dem lauschigen Kirchplatz wird noch geprüft

Allerdings will der Rat diesen Standort noch prüfen. Immerhin muss unter der Pflasterung eine Leitung von der überpflasterten Brunnentechnik am Markt zum neuen Standort gelegt werden. Dass der Pfarrer der Agathagemeinde so leicht seine Zustimmung für den Bau des Brunnens in diesem Bereich gegeben hat, ist für die Stadt ein Glücksfall. Hätte der frühere und inzwischen verstorbene Pfarrer Karl Jesper (1928-2013) das Sagen gehabt, hätte dieser abgelehnt. Denn Pfarrer Jesper hat in seiner Amtszeit von 1977 bis 1994 alles kategorisch abgelehnt, was ihm an Aktionen auf diesem Platz vorgetragen wurde. Seine religiöse Begründung: Der Platz ist ein ehemaliger und zugepflasterter Friedhof. Unter dem Pflaster liegen menschliche Gerippe. Aus Pietätsgründen hatte er daher keine Veränderungen und Aktionen zugelassen. Als Antonio Filippin, der die Eisdiele an der Marktecke betrieb, einen oder zwei Tische auf dem Agatha-Platz aufstellen wollte, hatte im das Pfarrer Jesper mit dem Hinweis, dies sei ein ehemaliger Friedhof, nicht erlaubt. Ebenfalls lehnte er Anträge des später dort genehmigten „Marktfrühstücks“ ab.
In der Tat. Die ersten Toten, die dort beerdigt wurden, waren acht Dorstener Bürger, die als Soldaten im siegreichen Gefecht gegen den Merfelder im Jahre 1382 gefallen waren. Der Sieg wurde Jahrhunderte lang jährlich als „Streitfeier“ gefeiert. Die letzte Beerdigung fand 1785 statt, dann wurde der Friedhof auf Anweisung des erzbischöflichen Landesherrn aus hygienischen Gründen geschlossen. Danach wurde vor den Toren der Stadt beerdigt, im Gelände Bovenhorst.

Erst einmal abwarten, wie Politik und Verwaltung den Brunnen „anpacken“

Zurück zur Ratssitzung im Jahr 2021: Der Rat beauftragte die Verwaltung, unmittelbar in Gespräche mit der Pfarrei St. Agatha einzutreten, um die Umsetzung vorzubereiten. Dabei, so erläuterte Bürgermeister Stockhoff, gebe es durchaus noch technische Fragestellungen zu klären: Vom jetzigen Standort muss eine Leitung auf den Kirchplatz gelegt werden, dabei sind u. a. die Wurzeln der mächtigen Bäume, mögliche Fremdleitungen und auch die vor vielen Jahren verfüllte Toilettenanlage unterhalb des alten Rathauses zu beachten. Dass der Platz religionsmoralisch „friedhofbelastet“ ist, wurde nicht erwähnt. Stockhoff: „Die Würdigung unserer Ehrenbürgerin und der Mahnmalcharakter des Brunnens haben sich in der öffentlichen Diskussion als Leitlinien der heutigen Entscheidung herausgestellt. Über den Verbleib der originalen Reliefs wird noch zu entscheiden sein.“ Der Rat hatte im Juni 2020 entschieden, dass die Platten „in angemessener Weise der Öffentlichkeit als lesbare und mahnende Stadtgeschichte zugänglich gemacht werden“ sollen. Die bürgerschaftliche Arbeitsgruppe zu dieser Frage hatte vor der Ratssitzung jedoch empfohlen, die Originalplatten einzulagern, wenn der Brunnen als Replik wieder aufgebaut wird, um eine Doppelung zu vermeiden.

Es bleibt abzuwarten, wie sich das Thema „Tisa-Brunnen“ weiterentwickelt. Dorsten-transparent erreichten bereits Stimmen, die meinten, dass nun aus irgendwelchen technischen und finanziellen Problemen der Brunnen dann doch nicht wieder aufgebaut wird. – Wie gesagt: abwarten!

Kommentar

der Leserin Petra Somberg-Romanski vom 10. Juli
Verbiegen wir uns nicht
und lassen den Brunnen in Frieden ruhen      

  • Redaktionelle Vorbemerkung. Der folgende Text wurde uns als Kommentar zu obigem Artikel von W. Stegemann zugeschickt. Für den festgelegten Kommentarkasten ist der Text aber zu lang. Deshalb haben wir ihn manuell eingestellt. Er gehört aber zu den unten veröffentlichten anderen Kommentaren:

An Dorsten-transparent: Ich habe selbst an der Online Veranstaltung zu dem Thema „Tisa-Brunnen“ teilgenommen und mir erschien es, als sei dieses Thema in der Bürgerschaft nicht gerade weit oben angesiedelt. Auch waren unter Dorstener Zeitungslesern die Befürworter, gemessen an der  Anzahl der Leserschaft und der gesamten Einwohnerzahl, mehr als dünn gesät. Trotzdem blieb letztlich der Eindruck, Stadt und Brunnen-Befürworter hätten einen Konsens gefunden, die Motivtafeln des alten Brunnens, wann und wo auch immer, an anderer Stelle neu zu präsentieren.
In der letzten  Ratssitzung entfachte die Diskussion offensichtlich wieder neu und man schritt mit einem neuen Protagonisten in die nächste Runde.
Fast hätte ich es für einen Aprilscherz gehalten, wenn wir nicht schon im Juli wären. Den Tisa-Brunnen auf den Kirchplatz umzutopfen, darauf muss man erst kommen. Bei allem Respekt, Herr Pfarrer Dr. Rüdiger, das kann ich nicht nachvollziehen. Auf dem historischen Kirchplatz einfach mal ein Loch und einen Tunnel graben und den Brunnen hinsetzten? Viel Platz ist dort ja auch nicht, ein paar Bäume müssen dann wohl oder übel weichen oder werden beschädigt. Obwohl jeder Baum in der Innenstadt die Luftqualität nachhaltig verbessert. Was wird mit dem Ginkgo Baum an der Stadtwaage geschehen? Er steht ja dann im wahrsten Sinne des Wortes im Wege? Soll er weg, wenn eine Wasserleitung  durch den schmalen Weg über die zugeschüttete Toilettenanlage gelegt wird? Von dem historischen Kirchhof, der sich fast seit Stadtgründung an der Kirche befindet. mal ganz zu schweigen. Auch das ist Stadtgeschichte, die leider viel zu wenig Beachtung findet!
Und wird der relativ kleine Platz dann für uns Bürger als schattige Oase eingeschränkt werden?  Keine Weinprobe oder Marktfrühstück unter Bäumen mehr. Ist das gewollt? Alles Fragen, die ich als Anwohnerin der Innenstadt, an sie Herr Pfarrer Dr.  Rüdiger richten möchte. Sie haben doch sicher schon einen ausgereiften Plan für diesen „Umzug“.

Entschieden widersprechen muss ich aber unserem Herrn Bürgermeister Stockhoff. Die bereits kaum mehr lesbaren Beton-Reliefs des Brunnens sind mitnichten die einzigen „mahnenden“ und auf die Stadtgeschichte hinweisenden Relikte von Sr. Paula in unserer Stadt. Ich verweise auf die Bronzetafeln in der alten Stadtmauer am Westwall. Hier sind die prägenden Kriegsereignisse der Stadt vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Zerstörung der Innenstadt 1945 eindrücklich aufgezeigt. Auch die Stelen am Südwall, von Schülern  gemeinsam mit Sr. Paula erarbeitet, weisen auch einen wachen und nachdenklichen Umgang  der Jugend mit unserer Geschichte auf. Ich  bin so alt, dass ich Sr. Paula natürlich auch noch persönlich kannte und kann mich lebhaft an die Gespräche mit Ihr erinnern. Die Jugend und deren Zukunft lagen ihr am Herzen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Sr. Paula, diese so aktive und dem Leben verbundene  Frau, an einem maroden Objekt festhalten würde. Nur die Asche zu bewahren und dabei das Befeuern der Flamme zu vergessen, war sicher kein künstlerisches Motiv von Sr. Paula. Sr. Paula ist fest in der Dorstener Stadtgeschichte verankert. Sie wird sicher nicht in Vergessenheit geraten, weil eine ihrer zahlreichen Arbeiten dem Zahn der Zeit anheim gefallen ist. Also verbiegen wir uns nicht und lassen den Brunnen in Frieden ruhen.

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2 Kommentare zu Rats-Beschluss zum Tisa-Brunnen: Replik des Brunnens soll auf dem Kirchplatz St. Agatha errichtet werden. Bislang liegt die Betonung auf dem Wort „soll“ – es bleibt abzuwarten!

  1. Neuhaus sagt:

    Ethik, Moral, christliche Werte – all das scheint nicht zu zählen, hat keinerlei Bedeutung?
    Schwester Paula war eine katholische Ordensfrau, für sie galten diese immateriellen Wertvorstellungen sicherlich. Dass der Brunnen diesen Standort hat(te), wird seine guten Gründe haben. Kann es sein, dass der Brunnenplatz wegen der pekuniären Interessen der Kaufmannschaft, des Organisators der einmal jährlich aufgebauten Eisfläche, der Außengastronomie geopfert werden soll? Der Brunnen bringt kein Geld, also weg damit. Was nur noch zu zählen scheint in der Stadtverwaltung, bei den Marktplatznutzern, das ist der Profit. Dass der letzte Rest an Charme und Kultur schnöde zerstört wird durch die Entfernung des historischen Brunnens, na und? Hier zeigt es sich, das kalte Herz der Entscheider. Erst wenn der letzte Rest Liebreiz aus der Stadt geworfen wurde, sind sie zufrieden. Ohne Skrupel und sehr kurzsichtig. Denn die heutigen Entscheider sind es, die schon morgen vergessen, Schnee von gestern sind. Doch dürfen sie sich rühmen, der Stadt das Unverkennbare genommen zu haben. Dafür ist es ihnen gelungen, eine weitere einst schöne Kleinstadt nach und nach zu einem uninteressanten gesichtslosen Ort umgestaltet zu haben. Das wäre doch ein Grund, sich zu schämen, oder?

  2. WvS sagt:

    Und warum kann der schöne symbol- und geschichtsträchtige Brunnen der Dorstener Ehrenbürgerin nicht sorgfältig restauriert (keine Replik) an alter Stelle bleiben?
    Unser aller Herr Bürgermeister wird sich doch sicherlich dafür einsetzen. Es würde den Bürgern gefallen, den Brunnen an alter Stelle zu wissen, es würde die Stadtkasse schonen und den Markt beleben. Ansonsten ist ja nichts Schönes mehr zu sehen auf dem Marktplatz.

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