Buch über die Geschichte des Heimatvereins Wulfen – endlich auch über die NS-Zeit, worauf der Heimatverein sauer reagierte. Die Autorin Marion Rible gab das Buch dann selbst heraus

Die Wulfener Autorin Marion Rible; Foto (Ausschnitt): Anke Klapsing-Reich (DZ))

Von Wolf Stegemann

Vorbemerkung: Die Geschichte von Heimatvereinen chronologisch und erläuternd darzustellen, die vor 100 Jahren gegründet wurden oder noch älter sind,  ist äußerst schwierig. Denn für viele Heimatvereine gibt es ein Problem – die Darstellung des Vereins in der Zeit des Nationalsozialismus. Meist werden Rückblicke von Mitgliedern des jeweiligen Heimatvereins zusammengetragen und die Schriften dann vom Heimatverein veröffentlicht. Daher findet der Leser diese dunkle Zeit in diesen Schriften entweder gar nicht vor oder nur verharmlosend und so dargestellt, als hätte es die Angleichung der Heimatvereine an nationalsozialistisches Gedankengut und Handeln und auch die bekannten NS-Personen in den jeweiligen Städten und Heimatvereinen überhaupt nicht gegeben, Namen und Fakten werden weggelassen – oft mit der Begründung, es gebe keine Unterlagen mehr, die seien im Krieg verbrannt. Für etliche bekannte Heimatvereine findet die Geschichte erst wieder ab 1945 statt und die Opfer waren dann nicht die Juden und Andersdenkende, sondern die Bürger durch die Bombardierung der Alliierten. Über das hier angedeutete Verhältnis Heimatvereine und Nationalsozialismus damals und heute gibt es inzwischen etliche wissenschaftliche Arbeiten. Während der NS-Herrschaft gab es wesentliche Ziele der NS-Führung, in den Heimatvereinen die Pflege von Führerkult und Volksgemeinschaft und die Wehrhaftmachung, also die Steigerung der Kriegsfähigkeit voranzutreiben.

Etliche Vereine blendeten nach 1945 ihre NS-Vergangenheit aus

In seiner 2012 erschienen Arbeit schrieb der Historiker Henning Borggräfe: „Nach Kriegsende blendeten die meisten Vereine und Verbände ihre NS-Vergangenheit aus. Viele entwickelten Opfermythen, die erst später als in anderen gesellschaftlichen Bereichen bröckelten und sich mitunter bis heute halten.“ Auch einige Heimatvereine in Dorsten haben mit der Darstellung  ihres Wirkens in der NS-Zeit ihre Probleme. Das haben Mitglieder der „Forschungsgruppe Dorsten unterm Hakenkreuz“ erfahren. Der Wulfener Druckereibesitzer, der die Bücher der Forschungsgruppe herstellte, wurde in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre immer wieder vom Vorstand des örtlichen Heimvereins kritisiert und aufgefordert, „diesen Dreck“ nicht mehr zu drucken. Heimeshoff war Mitglied im Heimatverein – und druckte auch die weiteren Bände „Dorsten unterm Hakenkreuz“. Zu begründen, warum die Bezeichnung „Dreck“ gebraucht wurde, wäre Spekulation. Fest steht, dass in den Büchern auch die unmenschliche Vertreibung der Wulfener Juden beschrieben ist. – Soweit die notwendige Vorbemerkung zum wichtigen NS-Thema des Buches, das die Wulfenerin Marion Rible 2021 über die Geschichte des Heimatvereins Wulfen 1922 e. V. geschrieben und es auch selbst unter dem etwas sperrigen Titel „Unter Heimatfreund:innen – Des Kaisers neue Kleider – Heimatverein Wulfen 1922-1945“ veröffentlicht hat. Im Innenteil geht die Chronologie weiter bis 1984.

Geschichte des Heimatvereins – auch die NS-Zeit endlich beschrieben

Als bemerkenswert hervorzuheben ist, dass die Autorin in dem 182 Seiten umfassenden  Buch offen das Wirken des Heimatvereins Wulfen in der nationalsozialistischen Zeit in Wort und Bild dokumentiert. Allein das macht das Buch wertvoll, neben den anderen interessanten Beiträgen ab der politisch brisanten Gründungszeit des Heimatvereins ab 1922. Marion Rible stellt richtig, was bislang über die NS-Zeit des Vereins in Wulfen verharmlosend oder falsch veröffentlicht wurde und wird. Das brachte ihr als Mitglied des Heimatvereins auch Ungelegenheiten ein. Marion Rible (66), die von 2015 bis 2019 Sprecherin der Geschichtsgruppe des Heimatvereins war, trat daraufhin im November 2020 aus dem Heimatverein aus, um weiteren persönlichen Anwürfen zu entgehen. Allerdings ließ sie sich dadurch in der Dokumentierung des nun fast 100 Jahre alten Heimatvereins Wulfen nicht beirren.

Ein Verkauf des Buches ist leider nicht möglich

Da der Wulfener Heimatvereinsvorstand das Buch als Festschrift zum 100-jährigen Bestehen im nächsten Jahr aus den dargestellten Gründen ablehnte, ließ Marion Rible die Bücher auf eigene Rechnung drucken. Da die 50 Exemplare zum Verkauf nicht in den Buchhandel kommen,was sehr schade ist, ist das Buch in der Schulbibliothek „Bibi am See“ und in der Stadtbücherei Dorsten auszuleihen sowie im Stadtarchiv einzusehen. Die Entscheidung des Vorstandes, diese Auftragsarbeit zum 100-jährigen Jubiläum des Vereins abzulehnen, dürfte von vielen als ein gegenwärtiger Tiefpunkt in der 100-jährigen Geschichte des Heimatvereins bewertet werden.

Marion Rible widerlegte die angebliche nationalsozialistische Zurückhaltung

Gleich in der Einleitung zum Buch beschreibt die Autorin, dass sich im Heimatverein heute noch hartnäckig Gerüchte halten, dass der Verein von 1937 bis 1947 sein Bestehen eingestellt hatte. „Die andere Fama – in früheren Aufzeichnungen über den Verein – beteuert, es hätte den Heimatverein – abgesehen von ,Einzelaktionen’ – schon seit 1933 bis 1983/84 mehr oder minder nicht gegeben.“ So steht es auch auf der aktuellen Homepage des Heimatvereins  Marion Rible dokumentiert allerdings die Widersprüchlichkeiten. 1984 schrieb Jürgen Kleimann im Heimatkalender:

„Im Jahr 1937 verliert sich vorläufig die Spur des Heimatvereins, aber das kam nicht von ungefähr. Verbände und Vereine wurden gleichgeschaltet, die Heimatidee politisch missbraucht und der Nazi-Ideologie dienstbar gemacht.“

Tatsächlich wurde der Heimatverein bereits 1933 gleichgeschaltet und existierte NS-ideologisch weiter. Etliche Mitglieder des Heimatvereins waren auch stramme Mitglieder der NSDAP und SA. 1999 schrieb Franz Schuknecht (geb. 1923) im Heimatkalender 1999:

„Im totalitären Staat ließ sich weder der Heimatbund noch ließen sich die Ortsvereine propagandistisch einspannen und für die NSDAP missbrauchen. Wer die Zeit miterlebt hat, weiß, dass ein festes ethisches Fundament und unabhängiger Mut dazu gehörten, sich dem Anspruch und Druck zu entziehen. Die Heimatbewegung in der Herrlichkeit Lembeck trifft der ,Blut- und Boden’-Vorwurf einer NS-Hörigkeit nicht…“

Es gab etliche Vorkommnisse im Wulfener Heimatverein in der Zeit von 1933 bis 1945, die eine solche Aussage als falsch belegen. – Das Foto zeigt die Mitgliederliste des Heimatvereins Wulfen von 1937.

Mitglieder waren gleichzeitig im Heimatverein und NSDAP-Leiter

Weiter schreibt Marion Rible: „Das Dritte Reich war für die Heimatbewegung weder eine Herausforderung noch eine tiefgreifende Zäsur. Obwohl nicht deckungsgleich, harmonisierten ihre Wertvorstellungen weitgehend mit den nationalsozialistischen Vorstellungen von Heimat und Volkstum… In Wulfen gab es eine relativ hohe Verschränktheit zwischen Partei und Heimatverein. Fast die Hälfte der Heimatvereins-Mitglieder von 1937 waren gleichzeitig Mitglied in der NSDAP.“ Und nicht nur einfache Parteigenossen. Dazu gehörten auch der NSDAP-Bürgermeister, mehrere Ortsgruppenführer und Propagandaleiter, der Ortsbauernführer, der Leiter der Ortsgruppe Kraft durch Freude, der Oberamtsleiter der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, der Ortsgruppenführer des Obst- und Gartenbauvereins, die Leiterin der NS-Frauenschaft. Die hier aufgezählten Personen waren alle Mitglieder im Heimatverein, manche zumindest zeitweise. „So konnte sich der Verein nahtlos in das System einpassen!“ Marion Rible belegt dies mit der Mitgliederliste. Und was schrieb Franz Schuknecht 1999? Dass sich der Heimatverein propagandistisch nicht einspannen und für die NSDAP missbrauchen ließ! Das ist Geschichtsverfälschung! – Die Fotomontage zeigt den früheren Geschäftsführer Heinrich Schwingenheuer, der kein NSDAP-Mitglied war.

Nach 1945: Heimatverein zog mit alten Köpfen in die neue Zeit

Nach dem Krieg gab es für den Heimatvereine keine Gründe, sich von den alten NS-Mitgliedern im Verein zu trennen. Rible: „Auch der Heimatverein Wulfen zog mit alten Köpfen in die neue Zeit. Mit allerlei organisatorischen Manövern gelang es ihm (dem Verein) über die nationalsozialistische Zeit hinweg an früherem regionalen und lokalen Brauchtum wieder anzuknüpfen. Die Thematisierung persönlicher Verstrickungen in den Nationalsozialismus wurde vermieden…“ Marion Rible meint, dass sich der Heimatverein Wulfen in der „modernen Zeit der 70er-Jahre“ nicht mehr zurechtfand. 1975 endete die Vereinschronik und es gab keine Veranstaltungen mehr. Erst Ende 1983 weckte eine Arbeitsgruppe den Verein wieder zu neuem Leben. Ein Jahr darauf wurde der Verein als „Heimatverein Wulfen 1922“ in das Vereinsregister eingetragen.

Über die Autorin Marion Rible

Die Autorin und Herausgeberin Marion Rible wurde 1954 in Essen geboren und kam mit ihren Eltern als Kind nach Wulfen, da ihr Vater mit dem Bau der Zeche zu tun hatte. Marion besuchte die Volksschule in Wulfen, dann das Gymnasium in Dorsten, studierte für das Lehramt an der Pädagogischen Hochschule in Münster, Psychologie in Berlin und bildete sich zur Psychotherapeutin weiter. Danach war sie Psychologin einer stationären Kriseneinrichtung für sexuell missbrauchte und vergewaltigte Mädchen, Psychologin einer Schwerstkrankenpflegeeinrichtung und Leiterin der Aids-Koordinierungsstelle der Berliner Senatsverwaltung für Jugend und Familie und war Lehrbeauftragte der TU und FU Berlin, 1998 kam sie von Berlin nach Dorsten und lebt seit 2001 wieder in Wulfen.

  • Nachtrag: Nur wenige Heimatvereine haben sich bisher ernsthaft mit ihrer eigenen Geschichte in der Zeit der Naziherrschaft auseinandergesetzt. Daher lud der Rüstringer Heimatbund 2017 zu einer wissenschaftlichen Tagung ins Museum Nordenham ein. Wissenschaftler referierten über die besondere Problematik der Erforschung der NS-Zeit auf lokaler Ebene und diskutierten darüber mit einem Fachpublikum. Die wissenschaftliche Tagung ist Bestandteil des Forschungsprojekts „Rüstringer Heimatbund und Nationalsozialismus“ und zielt darauf, die Ergebnisse und Erkenntnisse in einen größeren Zusammenhang zu bringen. Dazu gehören zum Beispiel der Vergleich mit anderen Forschungsvorhaben zur Heimatbewegung im Nationalsozialismus sowie der Austausch unter den beteiligten Wissenschaftlern und den heute Verantwortlichen für die Heimatvereine. Die Nordwest-Zeitung titelte am 17. November 2017: „Heimatbund macht reinen Tisch“.  Inzwischen haben etliche Heimatvereine ebenfalls „reinen Tisch“ gemacht: Hervorzuheben sind Klein- Reken, Olfen, Greven.
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Ein Kommentar zu Buch über die Geschichte des Heimatvereins Wulfen – endlich auch über die NS-Zeit, worauf der Heimatverein sauer reagierte. Die Autorin Marion Rible gab das Buch dann selbst heraus

  1. Reinhard Schwingenheuer sagt:

    Einen schönen guten Tag Herr Stegemann,
    auch ich finde das Buch von Marion Rible gut recherchiert und bedauere die Nichtveröffentlichung durch den Heimatverein Wulfen. Ich hatte ja schon zusammen mit Marion Rible im Heimatkalender 2018 (S. 151 – 159) einen Artikel über den Heimatverein in der NS-Zeit geschrieben. Beim Lesen des obigen Artikels ist mir folgendes aufgefallen:
    a) Mein Großvater Heinrich Schwingenheuer war nicht 1. Vorsitzender des Vereins, sondern Geschäftsführer (“Die Fotomontage zeigt den früheren Vorsitzenden Heinrich Schwingenheuer”). Vielleicht könnte man das ändern. b) Mein Großvater war nicht Mitglied der NSDAP, das ist an dieser Stelle missverständlich. Er war eher katholisch-Zentrumsorientiert, hat aber natürlich als Geschäftsführer mit den NS-Leuten im Verein kooperiert.
    Mit freundlichen Grüßen Reinhard Schwingenheuer

    Antwort: Danke für den Hinweis, bereits korrigiert!

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