Demographie: Dorstener Einwohnerzahl 2017 unverändert. Der langfristige Trend des Bevölkerungsrückgangs ist damit nicht gebrochen

Von Helmut Frenzel

8. November 2018. – Die demographische Entwicklung in Deutschland ist wegen ihrer dramatischen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft zu einem Top-Thema avanciert. Der grundlegende Trend des Bevölkerungsrückgangs ist hierzulande überall wirksam. Deswegen ist es auch in Dorsten von Interesse, die lokale Entwicklung im Auge zu behalten. Inzwischen liegen die Zahlen für 2017 vor und es stellt sich die Frage, welche Erkentnisse man daraus gewinnt. Die drei Tabellen (siehe unten) geben einen Überblick über die Entwicklung relevanter Daten 2012 bis 2017. Die Angaben für 2017 wurden erst kürzlich veröffentlicht.
Ende 2017 betrug die Zahl der Einwohner in Dorsten 75.252. Sie liegt unwesentlich höher als im Vorjahr. Das ist ein echtes Novum: Seit langem ist es das erste Jahr, in dem die Einwohnerzahl nicht gesunken ist. Ist der Bevölkerungsrückgang in Dorsten entgegen allen Prognosen zum Stillstand gekommen? Die Zahlen sagen genau das. Doch welche Einflussgrößen sind am Werk, die dazu führen. Und gelten sie auch in Zukunft? Auf den einfachsten Nenner gebracht, wird die Bevölkerungsentwicklung von zwei Faktoren bestimmt. Da sind zuvorderst die natürlichen Ursachen: Zahl der Geburten und Zahl der Sterbefälle. Die Differenz ergibt entweder einen Überschuss oder ein Defizit. In Dorsten gibt es ein „stabiles“ Geburtendefizit von jährlich gut 300. Die Einwohnerzahl würde Jahr für Jahr im Ausmaß des Geburtendefizits sinken, wenn es keine anderen Einflüsse gäbe. Das Geburtendefizit ist die „Grundlast“, die kaum beeinflussbar ist. Das sind in 10 Jahren immerhin 3.000 und in 20 Jahren 6.000 Einwohner weniger. Das Geburtendefizit ist einer der wichtigsten Treiber des Bevölkerungsrückgangs. Aber es gibt darüber hinaus andere Faktoren.

Bevölkerungsentwicklung wird von den Wanderungsbewegungen dominiert

Die zweite wesentliche Einflussgröße sind die Wanderungsbewegungen, das heißt: die Zuzüge und die Fortzüge von Menschen. Sie werden im Wanderungssaldo zusammengefasst. Geburtendefizit und Wanderungssaldo zusammen ergeben die Zu- oder Abnahme der Einwohnerzahl insgesamt. Tabelle 2 (s.u.) zeigt die Zahlen für Dorsten. Die Wanderungsbewegungen werden vom Statistischen Landesamt getrennt nach Deutschen und Ausländern ausgewiesen. Das macht Sinn, weil Deutsche und Ausländer eine anhaltend gegenläufige Entwicklung der Wanderungssalden aufweisen. Während der Wanderungssaldo der Deutschen durchweg negativ ist, wenngleich er sich abzuschwächen scheint, ist der Saldo bei den Ausländern durchweg positiv und nach 2013 unter dem Einfluss des Flüchtlingsstroms stark ansteigend. Bis 2013 ist der Wanderungssaldo für beide Gruppen zusammen negativ; Dorsten verlor durch die Wanderungsbewegungen Jahr für Jahr Einwohner. Der jährliche Bevölkerungsverlust lag um 200. Dieser addierte sich mit dem Geburtendefizit auf jährlich etwa 500. Das war der durchschnittliche Rückgang, der seit Anfang der 2000er Jahre die Einwohnerzahl nach unten zog.

Hohe Nettozuwanderung von Ausländern bremst Einwohnerrückgang

Das gegenläufige Wanderungsverhalten der beiden Gruppen wirkte sich unter Einbeziehung des Geburtendefizits so aus (siehe Tabelle 1): die Zahl der deutschen Einwohner schrumpfte von 72.583 in 2012 auf 70.134 in 2017 (- 2.449). Demgegenüber stieg die Zahl der ausländischen Mitbürger im selben Zeitraum von 3.447 auf 5.118 (+ 1.671). 2014 wechselte der Wanderungssaldo insgesamt das Vorzeichen. Seither gleicht die Zuwanderung von Ausländern die Abwanderung der Deutschen mehr als aus. Sie kompensiert nicht nur die Abwanderung der Deutschen, sondern kompensiert zu einem großen Teil auch das Geburtendefizit.

Die Folge ist, dass der Bevölkerungsrückgang sich seit 2014 deutlich verlangsamte. 2017 dann die Überraschung: der Wanderungssaldo der Deutschen war erstmals seit dem Beginn der 2000er Jahre nicht mehr negativ, sondern leicht positiv. Unter diesen Umständen konnte die starke Zuwanderung der Ausländer das Geburtendefizit sogar überkompensieren mit der Folge, dass die Gesamtbevölkerung 2017 erstmals leicht zunahm. Tabelle 3 zeigt beispielhaft für 2017, wie Geburtendefizit, Wanderungssalden und Einwohnerzahl zusammenhängen.

Erstmals ausgeglichene Wanderungsbilanz bei den Deutschen

Die Besonderheit des Jahres 2017 ist das veränderte Wanderungsverhalten der Deutschen. Schaut man sich die Detailzahlen an, dann findet man folgendes: Die Zahl der Zugezogenen lag mit 2.244 im Durchschnitt der früheren Jahre. Dagegen lag die Zahl der Fortgezogenen bei 2.230 und damit gut 200 unter dem mehrjährigen Durchschnitt. Für das Vorjahr wird die Zahl der Fortzüge immerhin noch mit 2.501 angegeben. Damit ergibt sich ein positiver Wanderungssaldo der Deutschen von 14. Es waren demnach günstige Umstände, die 2017 den Bevölkerungsrückgang ausbremsten: eine hohe Zuwanderung von Ausländern, die das Geburtendefizit überkompensierte, und ein Rückgang der Fortzüge deutscher Einwohner mit der Folge einer positiven Bilanz von Zugezogenen und Fortgezogenen beider Gruppen. Aber ist der langfristige Abwärtstrend in der Einwohnerzahl damit auch in Zukunft gestoppt?

Wenig Hoffnung auf ein Ende des Bevölkerungsrückgangs

Dazu lässt sich soviel sagen: Das Geburtendefizit wird vorläufig auf dem gegenwärtigen Niveau verharren, auf lange Sicht aber eher größer werden, weil die Zahl der älteren Mitbürger und damit die Zahl der Sterbefälle zunimmt, während die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter weiter sinkt. Vorerst hängt die künftige Bevölkerungsentwicklung vor allem von den Wanderungssalden der beiden Gruppen ab. Ob sich der bisher negative Saldo bei den Deutschen dauerhaft auf Null bewegt, lässt sich schwer abschätzen. Für die jetzt beobachtete Verringerung der Fortzüge sind verschiedene Ursachen denkbar (z.B. allgemeine Schrumpfung der Bevölkerung als Bezugsgröße, Verbesserung des Wohnangebots, hohe Mieten in umliegenden Großstädten). Ihr Einfluss und ihre Fortwirkung in der Zukunft lassen sich kaum abschätzen. Wenn es aber so käme, wäre das ein bedeutender Beitrag zur Stabilisierung der Einwohnerzahl. Eher abschätzbar ist die Entwicklung bei den Ausländern. Die Zahlen zeigen, dass ein sehr hoher Anteil der Zuwanderer die Stadt wieder verlässt. Die Zahl der Fortzüge folgt der Zahl der Zuzüge mit zeitlicher Verzögerung. 2017 sind 1.524 Ausländer zugewandert, gleichzeitig sind 1.153 abgewandert. Es spricht einiges dafür, dass die Zahl der Fortzüge in 2018 noch einmal steigen wird. Demgegenüber dürfte die Zahl der Zuwanderer auf Grund des allgemeinen Rückgangs des Flüchtlingsstroms mehr oder weniger stark sinken. Es könnte bedeuten, dass der Wanderungssaldo schon 2018 sein Vorzeichen wieder wechselt und in den negativen Bereich kippt mit der Folge, dass die Einwohnerzahl insgesamt auf deutlich unter 75.000 abnimmt.

Abschließend noch dies: Entgegen Meldungen, die für die deutschen Frauen bundesweit von einer Zunahme der Geburten berichten, hat in Dorsten die Zahl der Geburten deutscher Kinder 2017 mit 528 einen neuen Tiefststand erreicht.

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