Bernhard Delsing, ein geborener Holsterhausener, gelernter Anstreicher, studierter Maler und Zeichner war über Jahrzehnte hinweg eine feste Größe der Kasseler Kunstszene

Bernard Delsing 1966 in seinem Kasseler Atelier; Zeitungsfoto: Baron (HNA)

Von Wolf Stegemann

Zu seinem 80. Geburtstag schrieb die Kasseler Zeitung, dass Bernard Delsing seit sechs Jahrzehnten eine feste Größe in der Kasseler Kunstszene sei, immer schöpferisch und produktiv, „ein Künstler durch und durch“. Er wurde 1906 in Holsterhausen geboren. Seine Eltern waren der Schreiner Hermann Delsing aus Holsterhausen und dessen Frau Anna Maria geborene Lohmann. Sie heirateten 1902 und wohnten danach in der Josefstraße 19, der heutigen Heroldstraße, die zwischenzeitlich auch Schulstraße hieß. Bernard hatte noch fünf Geschwister.

Reisestipendium führte ihn an die Nordseeküste und ans Mittelmeer

Sohn Bernard lernte als junger Bursche das Anstreicherhandwerk. Dabei fand er wohl die „Kraft zur Farbe“. Anstatt zum Eimer mit klecksender Malerfarbe griff er schon bald zur Palette der Expressionisten. Von 1924 bis 1928 studierte Bernard Delsing an der Kasseler Kunstakademie, wurde Meisterschüler von Professor Kay H. Nebel und beschritt von da an viele Wege der bildnerischen Kunst. Wegen seiner künstlerischen Vielseitigkeit nannte ihn Nebel einmal einen „Seiltänzer“. 1930 führte ihn ein Reisestipendium der Stadt Kassel nach Holland, Belgien, Frankreich und Italien. Seine Vorkriegslandschaften, Städte- und Dorfbilder, die er meist in Portugal mit leuchtenden Farben der südländischen Sonne leicht malte, sind vom Stil her zeitlos. Leider sind davon nur wenige erhalten, denn zweimal verlor er seinen gesamten Atelierbesitz, 1943 durch Bomben und 1955 durch Einbrecher. Über die Leichtigkeit seines Stils, machte sich 1966 der Feuilletonist der Kasseler Zeitung verwundernd Gedanken: „Geboren und aufgewachsen ist er in einem kleinen Ort bei Recklinghausen. Dem Westfalen, dem man schweres Blut nachsagt, sieht man Delsings Arbeiten jedoch nicht an. Im Gegenteil, in ihnen herrscht ein mehr mediteranes, spirituelles Klima, der luziden Form gibt Delsing den Vorrang vor der bedeutenden Tiefe.“

1936 erste Wandbilder-Aufträge für das Olympische Dorf Berlin 

Fresco im Olympischen Dorf Berlin 1936

Die bissige Collage war für den Antifaschisten Delsing ein frühes Ausdrucksmittel. 1932 war er mit politischen Karikaturen und Collagen an der „Simplicissimus“-Ausstellung in Kassel beteiligt. Von 1934 bis 1938 wurde er durch ein Staats-Stipendium gefördert und erhielt 1936 erste Wandbildaufträge für das Olympische Dorf in Berlin und für die Universität Göttingen. Das nebenstehende Freso zeigt die Arbeit Delsings im Olympischen Dorf. Das Wandbild wurde teilweise von sowjetischen Soldaten zerstört. 1938 hielt er sich in Italien auf. Von 1939 bis 1945 war Delsing Soldat. Neben Arnold Bode, Carl Dobel und Ernst Röttger war Bernard Delsing 1946 Mitbegründer der Hessischen Sezession in Kassel und gab dem Berufsverband Bildender Künstler (BBK) in Kassel und in Hessen jahrzehntelang wichtige Impulse. 1955 gründete er mit anderen die Künstlergruppe Kassel. Von 1957 bis 1977 war Bernard Delsing Kunsterzieher an verschiedenen Privatschulen in Kassel.

Malerisches, zeichnerisches und baudekoratives Werk

Frühes Aquarell

Bernard Delsing war als Maler Eklektizist, der in Öl, mit Mischtechniken, Collagen und Frottagen verschiedene Stilrichtungen der klassischen Moderne aufnahm und nach 1945 aktuellen Strömungen der 1950er- bis 70er-Jahre folgte. Geprägt hatten ihn die Arbeiten von Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg und Andy Warhol. Zeitloser ist das umfangreiche zeichnerische Werk. Er zeichnete mediterrane Reiseskizzen, Kasseler Vorstadt- und Landschafts-Motive. Nach 1953 erhielt Bernard Delsing Aufträge zu Baudekorationen wie für den Hessischen Verwaltungsgerichtshof (1953/54), den Hauptbahnhof (1955), Leimbornschule (1956), das Stadtbad Mitte (1967), allesamt in Kassel, sowie die Kaserne in Wolfhagen (1960). – In Kassel wird die Malerei der 1950er- und 60er-Jahre insbesondere durch die Bilder von Bernard Delsing repräsentiert. In seinen Landschaftsbildern „mischen sich die weißen, blauen, grünen und roten Töne auf eine beschwingte, heitere Weise; die Farbe blüht in freien Formen auf und lässt trotzdem gelegentlich Vogelköpfe und -gefieder erkennen.

Museale Rezension und Ausstellungen in Kassel, Hamburg, Wiesbaden

Seine Werke sind u. a. im Besitz der Sammlung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, in der Neuen Galerie Kassel sowie in der Sammlung Sparkassenversicherung Kassel. Ausstellungen hatte er wesentlich in Kassel. 1929 beteiligte sich an der „Großen deutschen Ausstellung“ in der Kasseler Orangerie, wo ihm der 1. Preis verliehen wurde. Einzel- und Gruppenausstellungen waren 1935 in Kassel, 1936 im Kunstverein Hamburg „Malerei und Plastik in Deutschland“, 1954 „Malerei und Grafik“ in Kassel, 1962 im Kasseler Kunstverein „Malerei, Plastik. Grafik und Arbeiten am Bau“, 1964 im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden, 1969 im Kunstverein Kassel, 1973 im Kasseler Palais Bellvue und 1998 eine Ausstellung, die nach seinem Tod einen Überblick über sein Lebenswerk gab. Der gebürtige Holsterhausener starb 1991 in Kassel im Alter von 85 Jahren.

Die Bahnhofshalle in Kassel mit den Wandbild Delsings

Wahrnehmungserlebnis einer Bahnreise im Kasseler Hauptbahnhof

Wer durch den Kasseler Hauptbahnhof geht, der sieht an der Wand über dem Durchgang ein breites Fresco von Bernard Delsing, das er 1955 erschaffen hat. In dem Buch „Kunst im öffentlichen Raum“, das im Jonas Verlag erschienen ist, wird dieses Kunstwerk des gebürtigen Holsterhauseners beschrieben:

„In der Schalterhalle Kassel befindet sich noch heute eine Wandmalerei von Bernard Delsing. Es zeigt in Pastelltönen Kassel als Zentrum Westeuropas: Sternförmig spannt sich von hier aus ein Schienennetz zu näheren und fernen Metropolen, auf dessen Strahlen Dampf- und Diesellokomotiven in allen Richtungen schießen. Flankiert von den schematischen Darstellungen einer Gebirgs- und Seelandschaft, beschienen von Sonne und Mond und eingebettet in ein ornamentales Gefüge aus polygonalen Farbflächen sind in geographisch eigenwilliger Verteilung die auf wenige signifikante Grundlinien reduzierten Stadtansichten von Köln, Frankfurt, London, Venedig, Paris, Rom zu erkennen. Mit seiner linearen Gebrochenheit von Formen und Farben und dem abrupten Wechsel von Stadt- und Landschaftsandeutungen scheint das Wandbild das fragmentierte Wahrnehmungserlebnis einer Bahnreise zu reproduzieren: Der beschleunigte Mensch verschwindet zwischen seinen Zielen. … Der Gesamteindruck von Delsings „Weltlandschaft“ wird durch die kompositionelle nicht integrierte Uhr über dem mittleren Durchgang stark beeinträchtigt.“

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Anmerkungen: In Dorsten scheint dieser Künstler auch in Kunstkreisen weitgehend unbekannt zu sein, der doch seine Wurzeln in Holsterhausen hatte. Es böte sich an, ihm im Jahr der 30. Wiederkehr seines Todes – 2021 – in Dorsten eine Ausstellung auszurichten. – Quellen/Literatur: Adressbuch 1914 und 1927, Hausbewohnerbuch Holsterhausen 1854-1908, Stadtarchiv Dorsten, Bestand D GF 1497, Bestand H Standesamt Dorsten (1874-1987), dort: Standesamtsregister der Standesämter Altschermbeck, Lembeck, Holsterhausen und Dorsten), alte Einwohnermeldekartei. –  Pressestelle Stadt Dorsten. – Hessische/Niedersächsische Allgemeine (Stadt Kassel) vom 8. April 1966 und 9. April 1986. – Paul Schmaling: „Künstler-Lexikon Hessen-Kassel 1777–2000, Kassel 2001. – Michael Eissenhauer (Ed.): „Ein Haus für die Moderne“, Kassel, 2001. – Manfred Marx/Heiner Georgsdorf: „150 Jahre Kasseler Kunstverein – Eine Chronik. Kasseler Kunstverein“, Kassel 1985. – Hans Vollmer (Hrsg) „Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts“, E. A. Seemann Verlag, Leipzig 1953/1958. – Manfred Neureiter „Lexikon der Exlibriskünstler“, 4. Aufl., Konstanz 2016.
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