Schreibenlernen nach Gehör: Was ein pädagogisches Konzept von einer ärztlichen Behandlungsmethode unterscheidet

Schreiben nach Gehör

Kommentar von Helmut Frenzel

23. März 2018. – Kürzlich erschien in der „Dorstener Zeitung“ ein Artikel unter dem Titel „Richtig schreiben lernen – nur wie?“ Es ging um die Methode des Schweizer Pädagogen Jürgen Reichen, die bei ihm „Lesen durch Schreiben“ heißt, in der Öffentlichkeit besser bekannt als „Schreiben nach Gehör“. Sie wird in Nordrhein-Westfalen flächendeckend angewandt, um den Grundschülern die Rechtschreibung beizubringen. Viele Eltern, und nicht nur sie, klagen über mangelnde Kenntnis der Rechtschreibung am Ende der Grundschulzeit. Ein Stein des Anstoßes ist, dass in den ersten Jahren Rechtschreibfehler nicht korrigiert werden, – um die Kinder nicht zu demotivieren, wie es heißt. In den späteren Jahren bemüht sich die Schule dann darum, den Schülern die fehlerhaften Schreibweisen, die sich längst in ihren Köpfen festgesetzt haben, wieder abzugewöhnen – nicht immer mit Erfolg. Lernen ist einfach, Umlernen ist schwierig – auf diesen Nenner brachte es ein Beitrag auf facebook. Die Eltern, die mit den Folgen mangelnder Rechtschreibkenntnis ihrer Kinder am Ende der Grundschulzeit leben müssen, lehnen die Methode nahezu einhellig ab. In einer nicht repräsentativen Umfrage der DZ sprachen sich 89 Prozent der Teilnehmer für ihre Abschaffung aus.

Schraubenschlüssel oder Skalpell – eine polemische Frage

Anders die Lehrer, welche die DZ zum Thema anhörte – es waren zwei. Sie äußerten sich positiv zum „Lesen durch Schreiben“ und bestritten, dass die Rechtschreibung vernachlässigt werde. Eine der beiden Lehrpersonen machte allerdings eine Einschränkung: Nach ihrem Eindruck seien die Kinder nicht mehr so sicher in Rechtschreibung, wie sie es früher einmal waren. Dafür gebe es aber oft andere Gründe. Einige Tage nach dem Erscheinen des Artikels folgte dann ein Rundumschlag gegen alle, die die Methode ablehnen. Ein Grundschullehrer schreibt, dass das Schreibenlernen „immer“ von Rechtschreibunterricht begleitet werde. Er beruft sich darauf, dass Lehrer Experten seien. Den Kritikern der Methode hält er entgegen: „Wollen Sie bei Ihrer nächsten OP den Chirurgen auch das Operieren mit Skalpell verbieten, weil Sie der Meinung sind, Schraubenschlüssel sind besser geeignet?“ Mit anderen Worten: er spricht den Eltern und anderen Interessierten als pädagogischen Laien eine Legitimation zur Beurteilung der Lernmethode ab. Die Formulierung ist, wie er selbst schreibt, polemisch. Aber sie weist auf ein zentrales Problem des deutschen Bildungswesens hin, das der Schreiber übersieht.

Keine Behandlungsmethode ohne den Nachweis der Wirksamkeit

Für die ärztliche Behandlung von Patienten gilt der Grundsatz der „evidence-based medicine“. Das heißt: Die Entscheidung für eine Behandlungsmethode soll, soweit das eben möglich ist, „auf der Grundlage empirisch nachgewiesener Wirksamkeit“ getroffen werden. Ein herausragendes Beispiel sind Medikamente. Bevor ein neues Medikament zugelassenen wird, muss der Hersteller die Wirksamkeit in Bezug auf den Heilerfolg nachweisen und dazu, – auch das im Rahmen des Menschenmöglichen – , die Unschädlichkeit in allen anderen Bezügen. Diesen Beweis zu erbringen braucht Jahre und kostet bis zur Zulassung heutzutage hunderte Millionen Euro für klinische Studien und anderes. Aber ohne diesen Nachweis (evidence) gibt es keine Zulassung zur Anwendung am Patienten. Kein Arzt käme auf die Idee, einem Patienten ein Medikament ohne Zulassung und damit ohne den Nachweis der Wirksamkeit zu verabreichen. Der Grundsatz gilt für alle Heilverfahren. Deswegen besteht für den Laien auch wenig Veranlassung, dem Chirurgen anstelle des Skalpells den Schraubenschlüssel zu empfehlen. Anders in der Schulpolitik.

Grundschüler als Versuchskaninchen

Dort ist man von einem Ansatz wie in der Medizin Lichtjahre entfernt. Im Gegenteil: man hat das Procedere geradezu auf den Kopf gestellt. Wenn jemand ein neues pädagogisches Konzept entwickelt und damit bei den Schulpolitikern Anklang findet, dann setzt man das halt um. Niemand fragt danach, ob die Lernziele damit auch erreicht oder sogar besser erreicht werden und ob eine Schädlichkeit ausgeschlossen ist. Das gilt in Sonderheit bei pädagogischen Neuerungen, die den Zeitgeist bedienen, wie zum Beispiel: dass Lernen Spaß machen muss; oder: dass die Kinder umso mehr lernen je weniger sie belehrt werden. Das klingt überzeugend und nach Fortschritt, dann machen wir das doch! Nach diesem Muster ist die Methode „Lesen durch Schreiben“ nach und nach flächendeckend in Deutschland eingeführt worden. Anderthalb Jahrzehnte später stellt man kleinlaut fest, dass die Methode erhebliche Nachteile aufweist. Der nächste Schritt ist, dass man sie erst in Teilschritten, später ganz abschafft. Dieses Verfahren ist auch evidenzbasiert: Man hat jetzt nämlich den Nachweis, dass das pädagogische Konzept nicht funktioniert – nachträglich. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Die Gesamtheit der Grundschüler wurde als Versuchspersonen missbraucht, an ihnen erprobte man in einem groß angelegten Feldversuch die Wirksamkeit des fortschrittlichen Lernkonzepts. Eine zweistellige Anzahl von Schülerjahrgängen muss den Preis dafür in Form von unzureichenden Rechtschreibkenntnissen bezahlen. Um auf den zitierten Grundschullehrer zurückzukommen: Man würde sich wünschen, die Schulpolitik würde ihrerseits „evidenzbasierte“ Entscheidungen auf dem Feld der Pädagogik treffen, so wie in der Medizin, und den bisherigen Irrweg, der mit gescheiterten Reformen gepflastert ist, beenden. Vorher denken und dann handeln. Dann hätten die Eltern auch weniger Anlass, sich einzumischen.

Erreichen der Lernziele oder Vorrang für den Spaß am Lernen?

Von den Lehrern würde man sich übrigens eine Erklärung dazu wünschen, wie die Einschätzungen der Methode des „Lesen durch Schreiben“ durch die Eltern und die Öffentlichkeit auf der einen Seite und durch die Lehrer auf der anderen Seite so weit auseinander liegen können. Die Eltern wünschen vor allem, dass ihre Kinder mit guten Rechtsschreibkenntnisssen die Grundschule verlassen und so eine sichere Grundlage für ihre weitere Schulkarriere haben. Und die Lehrer? Bewerten sie die Methode nach anderen Kriterien, zum Beispiel, dass Lernen vor allem Spaß machen muss? Da kommt man in der Tat zu einer anderen Bewertung. Wenn das nicht die Erklärung ist: welche ist es dann?

Dass die Schulpolitik aus den Fehlern der Vergangeheit lernt, dafür spricht wenig. Längst zeichnet sich ein neues, viel größeres Betätigungsfeld ab, auf dem die Schulpolitiker ihren Reformeifer austoben können : die Digitalisierung der Schule. Aber wo sind die pädagogischen Konzepte, mit denen man das digitale Potential für das Lernen nutzbar machen will – ohne neuen Schaden anzurichten? Ganz zu schweigen von der Frage, wo die Lehrer sind, die damit umgehen können.

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Quellen: „Dorstener Zeitung“ vom 7. März 2018. – Leserbrief in „Dorstener Zeitung“ vom 10. März 2018

 

Stellungnahme von Christian Pennekamp

Vorbemerkung der Redaktion: Wegen der Länge der Stellungnahme konnte sie in dem vorgegebenen Kommentierfeld nicht veröffentlicht werden. Daher hängen wir die Stellungnahme ungekürzt dem Artikel an, auf den sich die Zuschrift bezieht. Wegen besserer Lesbarkeit haben wir die Zwischenüberschriften eingefügt. Die Stellungnahme ist ungewöhnlich lang. Länger als der Artikel, um den es geht. Da das Thema sehr komplex ist, geben wir – auch im Sinne der Leser – den Text in voller Länge wieder.

Ich nehme an, dass Sie für Ihren Artikel nur den Kurzkommentar in der „Dorstener Zeitung“ gelesen haben und nicht meine ausführliche Stellungnahme bei facebook. Bevor ich zu Ihrem Text Stellung nehme, möchte ich kurz eine Begrifflichkeit verbessern. Die Methode von Jürgen Reichen heißt „Lesen durch Schreiben“ und nicht „Schreiben durch Lesen“ [Danke, bereits korrigiert. Red.].
Ich habe auf den Artikel geantwortet, weil ich es nicht mehr länger hinnehmen möchte, dass wir vollkommen emotional und übertrieben über eine Methode zum Schriftspracherwerb diskutieren, obwohl unser Bildungssystem viel größere Baustellen zu bearbeiten hat. Dafür war und ist mir auch das Mittel der Polemik recht. Die Methode „Lesen durch Schreiben“ und ihre Umsetzung in der Grundschule ist nicht Schuld am Zustand unseres Bildungssystems. Wer das glaubt, lässt sich von der Politik Sand in die Augen streuen. Unser Schulsystem hat sehr viele Probleme, aber ganz sicher sind diese nicht begründet in einer Methode zum Schriftspracherwerb. Eine zukünftige Baustelle benennen Sie ja selbst. Auf einmal wird alles digitalisiert.

Unser Bildungssystem ist in einen Dauerschlaf verfallen

Und zu Recht fragen Sie: Wo sind da profunde pädagogische Konzepte? Politik lässt unsere Schulen ständig im Stich, weil immer nur kurzfristig, parteipolitisch und in Legislaturperioden gedacht wird. Was das deutsche Bildungssystem braucht ist eine neue Humboldt-Lektion. Das Land Preußen musste damals wieder zukunftsfähig gemacht werden. Politik hat Humboldts Erbe verstauben lassen und einfach verpasst, es den Erfordernissen und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Andere Länder haben ihre Bildungssysteme in Parteifrieden und legislaturübergreifend dynamisch weiterentwickelt, wir sind in einen Dauerschlaf verfallen oder versuchen, Experimente mit der Brechstange durchzusetzen, statt sie mit Weitsicht zu lösen. An der Bildungsfrage werden sich die Zukunftsfähigkeit Deutschlands und die des Bildungslandes NRW entscheiden. Was wir brauchen ist zum einen mehr Geld, aber zum anderen auch eine neue Verteilung des Geldes.

Grundschulen sind unterfinanziert – Kosten sind Investitionen  

Das Studium und die Gymnasien lässt sich der Staat viel Geld kosten, Grundschulen sind unterfinanziert und die Lehrer schlechter bezahlt und für Kindergärten müssen Eltern zahlen. Bei den Bildungssiegern in Europa ist das umgekehrt. Sie investieren früh, statt später teuer zu reparieren. Wir können also lernen, von Humboldt und von unseren Nachbarn. Denn wir können es uns nicht leisten auch nur ein einziges Talent durch mangelnde Förderung zu verschleudern. Wir müssen verstehen und begreifen, dass die Kosten in Bildung in Wahrheit Investitionen sind in unser aller Zukunft an der wir ein existenzielles gesellschaftliches Interesse haben müssen. Frühe Bildung zahlt sich aus. Keine andere Investition wird auf Dauer eine derartige Rendite abwerfen.

Mehr Diskussionen über Inklusion und Integration

Deshalb sollten wir leidige Diskussion wie die um „Lesen durch Schreiben“ beenden und sie ersetzen durch Diskussionen über die Inklusion, über die Integration, die Probleme in der Schuleingangsphase, die sich durch das Auflösen des Schulkindergartens und das Vorziehen des Einschulungsalters ergeben haben, über die Vorgaben durch die Kommunale Richtzahl, die insbesondere Flächengemeiden vor erhebliche Probleme stellen, über die hohe Arbeitsbelastung der Lehrkräfte durch den skandalösen Lehrermangel in diesem Land, die mangelnde Attraktivität des Berufes, den dringenden pädagogisch sinnvollen Ausbau des Ganztages. Denn dieser immense Wandel zum Ganztag hat Folgen: familienpolitisch, arbeitsmarktpolitisch, bildungspolitisch und letztlich für unsere Kinder ganz konkret. Sie sollten immer im Zentrum unseres Handelns stehen und ihre Freude, Motivation und Neugier sollten wir uns zu Nutzen machen. Und im Schriftspracherwerb tut dies die Methode „Lesen durch Schreiben“ ganz vorzüglich.

Mit Anlauttabelle das Lesen und auch das Schreiben lernen

Zu Ihrem Einwand Grundschüler seien Versuchskaninchen. Das sind sie sicher nicht, wenn wir über die Methode „Lesen durch Schreiben“ reden. Warum nicht? Antworten möchte ich Ihnen hier nicht mit meinen eigenen Ausführungen geben, die Sie aber bei facebook auch gerne nachlesen können, sondern mit den Erläuterungen einer Pädagogin, die aus dem Kreis Recklinghausen stammt: Beate Leßmann. Sie schreibt: Reichen hat die Entwicklung des Anfangsunterrichts sehr beeinflusst (so findet sich heutzutage kaum eine Fibel ohne Anlauttabelle), in der Praxis aber wird seine Konzeption selten so umgesetzt, wie er sie konzipiert hat. Wenn heute mit einer Anlauttabelle im Unterricht gearbeitet wird, dann erfolgt ergänzend immer die Arbeit an Lauten, Buchstaben und anderen Strukturen der Schriftsprache. Die Tabelle ist dafür ein hilfreiches Medium. Oft wird die Arbeit mit der Tabelle mit einem Kurs zur Einführung der Buchstaben verbunden und häufig durch so genannte Rechtschreibgespräche ergänzt. Auch wenn die Anlauttabelle ursprünglich für das Lesenlernen konzipiert wurde, kann man mit ihr sehr gut das Schreiben lernen. Dafür wird den Kindern aber keinesfalls einfach eine Anlauttabelle in die Hand gedrückt, denn diese alleine führt ebenso wenig zum Schreiben wie das Anschauen eines Buches zum Lesen. Unter der Anleitung der Lehrperson lernen die Kinder, sich auf der Tabelle zu orientieren und den abgebildeten Gegenständen die passenden Begriffe zuzuordnen Das ist besonders wichtig für Kinder mit anderen Erstsprachen. Mit Hilfe der Wörter auf der Tabelle lernen die Kinder, Laute wahrzunehmen (T wie Tisch), zu unterscheiden (N oder M) und diese schließlich Buchstaben zuzuordnen. Entsprechende Spiele, Lieder oder Raps unterstützen diesen Prozess.

Lese- und Schreibprozess: die Zuordnung von Laut und Buchstabe

Zunächst schreiben die Kinder gemeinsam mit der Lehrperson (oder im jahrgangsübergreifenden Lernen mit einem schreiberfahreneren Kind). Dabei trainieren sie genau, Worte in ihre lautlichen Bestandteile zu zerlegen und den wahrgenommenen Lauten die passenden Buchstaben zuzuordnen. Der Prozess der Zuordnung von Laut und Buchstabe ist die Basis eines jeden Lese- und Schreibprozesses, unabhängig davon, ob mit einer Fibel oder einer Anlauttabelle gelernt wird. Die Anlauttabelle ist aber ein geeignetes Werkzeug, um die Fähigkeiten des Zuordnens zu erwerben und Regelmäßigkeiten wie Unregelmäßigkeiten von Schreibweisen zu erkennen und zu bedenken. Sobald die Kinder im Umgang mit der Tabelle Sicherheit zeigen, schreiben sie ihre Texte alleine oder zu zweit. Das kann bei einigen Kindern bereits nach wenigen Wochen der Fall sein und bei anderen zum Ende des 1. Schuljahrs. Der Vorteil gegenüber der Fibel, bei der in der Regel alle im Gleichschritt die Buchstaben in einer festgelegten Reihenfolge lernen: Keiner wird überfordert und dadurch schon früh entmutigt. Keiner wird unterfordert, muss sich langweilen und in der Folge den Unterricht stören. Jeder schreibt auf seinem Niveau. Und das Wichtigste: Wenn Kinder schon nach wenigen Wochen ihre eigenen Wörter und Texte schreiben, dann erleben sie Schule als Ort, an dem ihre Gedanken und Ideen wichtig sind – kurzum sie erleben, dass ihre Person in der Schule zählt. Interviews mit Erstklässlern zeigen, wie wichtig Kindern das Schreiben werden kann, wenn sie von Anfang ihre eigenen Texte schreiben und wie sehr sich die Kinder auf genau diese Momente des Schulalltags freuen.

Und wann lernen die Kinder eigentlich „gute Texte“ zu schreiben?

Falls Sie diese Frage überspringen wollen, geht es Ihnen leider so, wie vielen Politikern. Bei ihnen ist die Meinung weit verbreitet, ein guter Text sei ein rechtschriftlich korrekter. Natürlich ist die richtige Schreibweise auch ein wichtiger Aspekt, es ist aber eben nur einer unter anderen. Schreiben lernt man durch Schreiben – und durch Nachdenken über Schreiben. Wer selten oder nie einen eigenen Text verfassen darf, ist im Nachteil. Wer regelmäßig und von Anfang an, eigene Geschichten, Ideen und Gedanken schreiben darf, ist im Vorteil, denn er entwickelt Fähigkeiten, Texte so zu schreiben, dass ein Leser oder Hörer sie gerne liest bzw. hört. Wer zusätzlich noch über die Machart seiner Texte im Dialog mit den Adressaten sprechen lernt, der erfährt, wie man Texte schreibt, mit denen man andere unterhalten oder informieren kann – also wie man bei einem Adressaten eine bestimmte Wirkung erzielt. Wer nur schreiben darf, was die Fibel oder die Lehrperson vorgibt, der hat weniger Chancen, gute Texte schreiben zu lernen. In der öffentlichen Diskussion über das Schreiben im 1. Schuljahr wird leider nicht danach gefragt, wie viele Texte die Kinder eigentlich mit dieser oder jener Methode schreiben, worüber sie schreiben, wie sie ihre Texte formulieren und wie sie es schaffen, die Rezipienten ihrer Textes beispielsweise zu erfreuen, zu unterhalten oder zu informieren. er Kindern diese Fähigkeiten nicht zutraut, der schaue bitte die Textbeispiele, Interviews oder  Filmsequenzen aus dem Unterricht des 1. Schuljahres auf der Homepage von Beate Leßmann an [siehe Links unten, Red.; Beate Leßmann, Lehrerin und Autorin von rund 90 Veröffentlichungen über das Schreiben- und Lesenlernen sowie über die Sprache].

Kann man mit einer Anlauttabelle auch Rechtschreiben lernen?

Beate Leßmann weiter: Anlauttabellen wurden nicht dafür entwickelt, Rechtschreibung zu lernen. Sie sind aber ein nützliches Lernmedium, um zahlreiche elementare Regularien der deutschen Schriftsprache daran zu erarbeiten – eingebettet in das Schreiben von eigenen Texten. Die meisten Anlauttabellen folgen einer gründlich durchdachten und sprachwissenschaftlich fundierten Logik, durch die Grundmuster der Schriftsprache bereits erkennbar werden. Dazu gehört die Unterscheidung von großen und kleinen Buchstaben, von kurz und lang klingenden Vokalen oder von stimmhaft und stimmlos gesprochenen Konsonanten, um nur einige Beispiele zu nennen, die für die Rechtschreibung relevant sind. Beim Schreiben mit einer Anlauttabelle stoßen Kinder auf zahlreiche Fragestellungen (großer oder kleiner Buchstabe), die nicht aus der Tabelle selbst heraus beantwortet, aber anhand ihrer thematisiert werden können. Konkret geschieht dies im Unterricht in zahlreichen Situationen, nämlich wenn die Kinder einer Klasse mit der Lehrperson gemeinsam schreiben, die Lehrperson einzelne Kinder beim Schreiben unterstützt, die Schreibweisen so genannter Minimalpaare verglichen werden, die graphische Unterscheidung großer und kleiner Buchstaben verstehend geübt wird, in Rechtschreibgesprächen Regelhaftigkeiten thematisiert werden.

Lernen ohne Über- oder Unterforderung

Die „Privatschreibungen der Kinder“, wie die nicht normgerechten Schreibungen von Kindern am Anfang gerne genannt werden, sind Anlass für eine Auseinandersetzung mit den Strukturen der Schrift. Das Ziel besteht darin, Schreibweisen zu verstehen und erklären zu können. Vom sturen Auswendiglernen von Wörtern und Regeln ist es abzugrenzen. Privatschreibungen sind von Anfang an Anlass zum Lernen. Sie sind ein Durchgangsstadium auf dem Weg zur Erwachsenenschreibung. Die Gespräche über die Rechtschreibung werden im Laufe des 1. Schuljahrs ergänzt durch Übungen zur Rechtschreibung, die den Kindern individuell zugewiesen werden Wer „lieba“ statt „lieber“ schreibt, erhält eine Übung zum -er am Wortende. Der Nachbar erhält eine ganz andere Übung. Spätestens ab dem 2. Schuljahr werden zusätzlich Wörter geübt, und zwar vor allem jene, die Kinder in ihren Texten nicht richtig schreiben. Es geht also um verstehendes Lernen und effektives Üben – und das ohne Über- und Unterforderung. Wer noch von „Schreiben nach Gehör“ oder „Schreiben nach Hören“ spricht, der verkennt die Potenziale von Anlauttabellen.

Warum ist das Thema Rechtschreiben im 1. Schuljahr ein Reizthema?

Gute Frage! Wenn ein Kind sprechen lernt, erprobt es über einen langen Zeitraum das Bilden von Lauten, das Formen von Wörtern und das Konstruieren immer länger werdender Sätze. Erproben heißt, Das Kind macht nicht alles sofort richtig gemäß der sprachlichen Konventionen. Wir reagieren darauf wohlwollend, vermutlich weil wir darauf vertrauen, dass auch dieses Kind richtig sprechen lernen wird und weil wir wissen, dass diese Phase des Sprechenlernens nicht übersprungen werden kann. Geduldig versuchen wir, das Kind so zu unterstützen, dass es nicht überfordert und entmutigt wird. Keiner würde einer Zweijährigen die falsche Bildung des Konjunktivs anlasten oder gar ihren Eltern vorwerfen, sie würden ihr Kind nicht richtig anleiten. Der Weg zur Norm ist immer von Erprobungen und Verwerfungen gekennzeichnet. Das gilt auch für das Schreibenlernen. Den Kindern in der Schule beim Erwerb der Schriftsprache diesen Raum zu nehmen, hieße, ihnen wertvolle Entwicklungsschritte zu nehmen. Es hieße auch, ihnen die wichtigste Erfahrung des Schreibens und dessen Ziele vorzuenthalten – sich selbst in Schrift auszudrücken und mitzuteilen. Wenn Kinder am Anfang ihrer Sprechentwicklung nur noch sprechen dürften, was sie richtig sagen können, dann würde das den Sinn des Sprechens, nämlich miteinander zu kommunizieren, zerstören.

Der lieben Oma einen fehlerfreien Brief schreiben

Warum reagieren wir bei Erprobungen in Bezug auf Schrift aber empfindlicher? Sogar so empfindlich, dass Politiker darüber bereit sind, elementare Schritte des Lernens verbieten zu wollen? Das Spezifikum der Schrift selbst ist der Grund: Erprobungen sind nicht mehr flüchtig wie beim Sprechen, sondern durch Schrift festgehalten, für andere zugänglich und verfügbar – und dieses auch noch Tage nach ihrer Produktion. Genau darin liegt aber der Sinn des Schreibens. Der geliebten Oma nun auch schreiben zu können, wie gern man sie hat, lässt die wichtige Botschaft Zeit und Raum überdauern. Wünsche, Ideen oder Geschichten aufschreiben zu dürfen, beglückt. Sie lesen zu dürfen, auch. Wenn da nicht diese „Unzulänglichkeiten“ in der Rechtschreibung wären, die Omas, Eltern und Politiker besorgt sein lassen. Es ist herausfordernder, „Fehler“ auszuhalten, die auf einem Papier festgeschrieben sind, als jene, die beim Sprechen flüchtig sind. Aus der Möglichkeit der Verschriftung selbst leitet sich erst die Notwendigkeit ab, nun auch noch „richtig“ zu schreiben: Die geliebte Oma soll den Brief schließlich auch gut und gerne lesen. Dafür ist die Rechtschreibung da.

Guter Unterricht mit guten Rahmenbedingungen

Schreiben- und Rechtschreibenlernen erfordern – anders als das Sprechenlernen – professionelle Unterstützung. Deshalb lernt man Schreiben in der Schule. Lehrkräfte, Eltern und Politiker, die wissen, dass es sich bei den Privatschreibungen von Kindern um ein Durchgangsstadium handelt, das für den Schriftspracherwerb eine wichtige Funktion leistet, werden Kinder auch in dieser Entwicklungsphase geduldig und wertschätzend begleiten. Wer über die Rechtschreibung von Schreibanfängern besorgt ist, wird nichts damit erreichen, die Anlauttabelle als eines ihrer nützlichsten Werkzeuge zu verbieten und damit zugleich das Schreiben von eigenen Texten aus dem Anfangsunterricht zu vertreiben. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben von Schule überhaupt, Kinder zum Schreiben guter Texte anzuhalten. Ohne die Bedeutung des Schreibens erfahren zu dürfen, macht Rechtschreibung keinen Sinn. Wer besorgt ist, sollte für einen guten Unterricht mit guten Rahmenbedingungen für die Schule, Kinder und Lehrer eintreten.

Nicht verallgemeinernd von guten oder schlechten Konzepten sprechen 

Was sagt die Forschung (evidence-based education) zum Schreiben mit einer Anlauttabelle? Zwei metaanalytische Studien, in denen der aktuelle Stand der Forschung zur Wirksamkeit unterschiedlicher Konzepte des Schreiben- und Lesenlernens (wie z. B. lesen durch schreiben, silbenanalytische Ansätze, fibelorientierte Leselehrgänge) zusammenfassend dargestellt werden (Funke 2014, Brügelmann/Brinkmann 2012), kommen zu übereinstimmenden Ergebnissen: Eine Überlegenheit eines Konzeptes über ein anderes konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Zwar zeigen sich im Laufe von vier Jahren zu jeweils unterschiedlichen Zeitpunkten stärkere oder schwächere Effekte im Rechtschreiben, am Ende der vierten Klasse jedoch zeigen sich keine Unterschiede im Hinblick auf die gemessenen Effekte des Rechtschreiblernen in den unterschiedlichen Konzepten. Innerhalb einzelner Konzepte werden genauso große Unterschiede in den Erfolgen und Nichterfolgen gemessen wie zwischen unterschiedlichen Konzepten. Man kann also nicht verallgemeinernd von besseren oder schlechteren Konzepten sprechen. Der Erfolg einer Methode hängt nicht von dem durch die Lehrerin gewählten Konzept ab, sondern maßgeblich von der Qualität des Unterrichts, in dem sie ein Konzept anwendet.

Anlauttabelle und Betrachtung von Sprachstrukturen verbinden  

Aus den unterschiedlichen Studien sei hier exemplarisch auf die Studie „BeLesen“ (Schründer-Lenzen/Mücke 2005) verwiesen, in der vier Konzeptionen von „sehr offen“ (Lesen durch Schreiben nach Reichen) bis „sehr eng“ (traditionelle Fibel) verglichen werden. Sie bestätigt, was viele Lehrerinnen und Lehrer im Alltag erfahren: Die Extrempositionen sind weniger erfolgreich als eine Integration von Methoden. Dies bedeutet, dass weder Klassen, in denen ausschließlich mit einer traditionellen Fibel noch Klassen, in denen ausschließlich nach dem Modell „Lesen durch Schreiben“ in seiner ursprünglichen Fassung nach Reichen unterrichtet wurde, am besten abschnitten. Am erfolgreichsten lernen Kinder – und das gilt auch für Kinder, die Deutsch als Zeitsprache erlernen –, wenn eine „strukturierte Spracherfahrung“ ermöglicht wird, wie es der Fall ist, wenn das freie Schreiben mit einer Anlauttabelle und die Betrachtung von Sprachstrukturen verbunden werden. Um genau diese Verbindung geht es uns Grundschullehrern und diese führen wir auch durch.

Methoden und Konzepte basieren auf profunden Erkenntnissen  

Die Befürchtung vieler Eltern, dass sich falsche Schreibweisen beim Schreiben mit einer Anlauttabelle einprägen würden, kann als widerlegt gelten. Ebenso die Vermutung, dass ein Erlesen von Wörtern, wie es im Fibellehrgang der Fall ist, die Rechtschreibung positiv beeinflusse. Es ist nachgewiesen, dass Effekte auf das Rechtschreiben größer sind, wenn Kinder unbekannte Wörter zu schreiben versuchen, als wenn sie diese zu lesen versuchen (vgl. Funke 2014). Insgesamt bleibt kritisch anzumerken, dass Studien fast ausschließlich die Wirksamkeit von Konzepten in Bezug auf Rechtschreiblernen und Lesen untersuchen. Es gibt kaum Studien, die sich mit der sprachlichen Qualität von Kindertexten jenseits der Rechtschreibung beschäftigen. Allerdings gibt es eindeutige Hinweise darauf, dass sich die Schreibfähigkeiten in Bezug auf den Ausdruck und die Reichhaltigkeit des Wortschatzes von Kindern innerhalb der letzten vierzig Jahre insgesamt verbessert haben (Steinig/Betzel 2014). Die Frage, ob bei Kindern eine positive Haltung gegenüber dem Schreiben durch die eine oder andere Konzeption eher gestärkt oder geschwächt wird, ist bislang leider noch nicht untersucht (vgl. Funke 2014).
Ich hoffe, dass diese Ausführungen gezeigt haben, dass wir also nicht einfach ins Blaue hineinarbeiten, sondern unsere Methoden und Konzepte auf profunden Erkenntnissen basieren.

http://www.beate-lessmann.de/filme/autoren-in-die-koepfe-geschaut/interviews-mit-kindern-am-ende-von-klasse-1.html

http://www.beate-lessmann.de/schuelertexte/tagebuchtexte

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