Franziskanerpater Gossler erklärte 1846 Theresia Winter als stigmatisiert, gewann damit die Dorstener, von denen sich einige gegen die ablehnende Obrigkeit mit Äxten bewaffneten

Stigmatisierte Bauernmagd Therese Neumann (1898-1962) von Konnersreuth, 2005 Seligsprechungsverfahren eingeleitet.  So könnte auch Theresia Winter 1846 vorgeteigt worden sein

Von Wolf Stegemann

Ein Ereignis in dem kleinen, Mitte des 19. Jahrhunderts noch recht verschlafenen westfälisch-preußische Landstädtchen Dorsten war 1846 – nicht übertrieben gesagt – „in aller Munde“. Es beschäftigte die damaligen Tages- und Wochenblätter zwischen Kiel bis Kempten, von Sachsen bis  ins Rheinland genauso wie die preußische Regierung und den König in Berlin und den Papst in Rom. Die Artikel über dieses Ereignis waren im Geist des damaligen Katholizismus noch überwiegend positiv bzw. neutral, doch einige auch negativ. In der  „Sächsischen Dorfzeitung – Ein unterhaltendes Wochenblatt für den Bürger und Landmann“ mit einer in Empörung gekleidete Frage: „Giebt’s denn in dem preußischen Dorsten keine Polizei?“ Vorher informierte das Blatt über das Ereignis: „Der bekannte Pater Gossler in Dorsten lässt eine Nonne mit einer Dornenkrone, d. h. mit den Wundmaalen einer auf die Stirn gedrückten Dornenkrone sehen; auch betheuert er auf der Kanzel, er habe die Nonne über ihrem Bett schweben sehen. Die Gläubigen staunen und – zahlen.“ Dann kommt der Ruf nach der Polizei.

Angebliche Stigmatisierung unter den Teppich des Vergessens gekehrt

Der Pater hieß Henricus, bürgerlich Friedrich Franz Theodor Heinrich Gossler, war Franziskaner und die Kanzel die in der Franziskanerkirche in der Lippestraße. Die Nonne, die mit dem Pater zusammen war, die er über dem Bett schweben sah und die er den Gläubigen vorführte, war eigentlich gar keine Nonne, sie hieß Theresia Winter und war des Paters „Beichtkind“, die den Clarissinnen nahestand. In Dorsten ist diese fast mit kriminellen Mitteln versuchte Stigmatisierung von 1846 so gut wie vergessen. Aus gutem Grund, wie bei der Lektüre der Geschichte deutlich wird. Das Tuch des Schweigens wurde schon nach Beendigung der Geschichte 1846 darüber gelegt. Selbst Pater Heribert Griesenbrock hatte den Pater Gossler in seinem sehr informativen 1988 erschienenen Buch „500 Jahre Franziskaner in Dorsten“ nicht erwähnt. 1995 erschien in der Westfälischen Zeitschrift ein umfangreicher und gut gelegter Artikel von Bernward Schulze über die Vorfälle. Drei Jahre später schrieb darüber Ewald Setzer im Heimatkalender. Der hier online veröffentlichte Artikel ist lang. Länger als unsere üblichen Artikel in DORSTEN-transparent. Ausnahmsweise. Denn kürzer wäre die abenteuerliche und fast unglaubliche Geschichte mit seinen vielen Facetten nicht zu erzählen. Diese Geschichte ist aus dem Stoff gemacht, aus dem Romane geschrieben werden.

Dorstener Stigmatisierung schlug 1846 hohe Wellen in den Zeitungen

Angebliche Stigmatisation eines Amerikaners 1994

Eine „aufgebrachte Menge Katholiken unter Führung von Mitgliedern der so genannten Männerbruderschaft“ hatte sich am 11. Februar 1846 in Dorsten mit Äxten, Hacken und Eisenstangen bewaffnet, um auf das Gerücht der Zwangsversetzung ihres Seelsorgers hin diese nötigenfalls mit Gewalt zu verhindern. Der Seelsorger war der Franziskanerpater Henricus Gossler, der wegen „seiner Rolle als Protektor einer angeblich stigmatisierten jungen Frau“ in das Kreuzfeuer der staatlichen und bischöflichen Kritik geraten war. Vorausgegangen war eine kleine Veröffentlichung des Paters, in der er die Stigmatisierung seines Beichtkindes Theresia Winter bekanntgemacht hatte. Die Mehrheit von Dorstens katholischer Bevölkerung erklärte sich mit dem Stigmatisierungsgehabe des Franziskanerpaters demonstrativ einverstanden und muckte sowohl gegen die Regierung als auch gegen den Bischof auf. Dieses öffentliche „Stigmatisierungs-Thun“ des Paters mit seinem Beichtkind entwickelte sich zu einem kirchengeschichtlichen Ereignis in Dorsten und schlug – wie eingangs erwähnt – dermaßen hohe Wellen in der überregionalen zeitgenössischen Publizistik, dass sich sowohl die obersten Staatsbehörden als auch die obersten katholischen Kirchenbehörden damit befassten. Denn das Verhältnis Kirche – preußischer Staat war aufgrund der in ganz Deutschland immer stärker werdenden katholischen Bewegung sehr angespannt. Seit den 1830er-Jahren hatte sich die Zahl der Ekstatikerinnen und Stigmatisierten stark vermehrt. So gehörte es zum guten Ton, wie es der Moraltheologe Magnus Jocham (1808-1893) formulierte, dass jeder katholische Pfarrer in seiner Gemeinde mindestens eine katholische Seherin oder eine sonstige mystisch begabte weibliche Seele vorweisen konnte. Während in Süddeutschland solche Fälle von weiten Teilen der Bevölkerung und der Kirche akzeptiert wurden, erregten sie in Preußen den Widerstand der Staatsbehörden. Im Beispiel Dorsten stand eine aufgeklärte preußisch-protestantische Staatsbeamtenschaft gegen den öffentlichen katholischen Wunderglauben. Schon 30 Jahre zuvor war es in der direkten Nachbarschaft Dorstens, in Dülmen, um die Stigmatisierung der Anna Katharina Emmerich zwischen staatlicher und kirchlicher Behörde zu unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten und Konflikten gekommen.

„Didaslalia – Blätter für Geist, Gemüth und Publizistik“, Frankfurt, vom 1. Febr. 1846 (Ausriss)

Evangelisch, dann katholisch, Jurist,Theologe, Schriftsteller, Mönch

Friedrich Franz Theodor Heinrich Gossler wurde 1800 in Magdeburg als Sohn des Präsidenten des „Harzdepartements im Königreich Westfalen“ geboren. Der Vater wurde später Regierungspräsident von Köln. Heinrich Gossler studierte Jura in Berlin und Bonn, konvertierte zum Katholizismus, war Assessor am Kammergericht in Hamm, trat 1927 in den Franziskanerorden ein und lebte in den westfälischen Klöstern Dorsten, Hardenberg und Rietberg. 1842 geriet er in die Kritik, weil er zwar mit großem publizistischem Aufwand, aber ohne Genehmigung der staatlichen und der katholischen Behörden in Paderborn für 20 Frauen ein Clarissinnenkloster gründen wollte. Das Projekt scheiterte. Elf der Frauen „folgten ihm trotz schlechter Witterung“ nach Berlin, wo er mit seinem Anliegen ebenfalls scheiterte. Denn das preußische Kultusministerium und der König selbst lehnten die Clarissinnen-Klostergründung ab. Daraufhin zitierte ihn der Papst nach Rom. Auch dorthin folgten ihm noch vier der jungen Frauen, was großes Aufsehen verursachte. Unter den Frauen war auch Theresia Winter, gerade 20 Jahre alt. Bevor sie sich an den Pater hängte, war sie Dienstmagd und Näherin in verschiedenen Häusern. In Rom wurde Pater Heinrich Gossler wohlwollend behandelt, hielt Gastpredigten und wurde zweimal vom Papst empfangen. Danach hielt er sich zurückgezogen und Rückenmark leidend in Westfalen auf und wurde dem Kloster in Dorsten zugewiesen (1844 – 1846),  wo er in dieser kurzen Zeit die Stigmatisierung der ihm nach Dorsten gefolgten Theresia Winter betrieb. 1856 starb Gossler in Wiedenbrück. Er hinterließ an die hundert von ihm geschriebene Gebets- und Erbauungsbücher.

Ein Pater, stets umgeben von jungen Frauen – warum?

Dorstener Franziskanerkloster im Zustand von 1488 bis 1902

Wer war nun Pater Heinrich Gossler, der einen so großen Einfluss auf Theresia Winter sowie die anderen jungen Frauen ausüben konnte? Offensichtlich hatte die mystisch-asketische Haltung des Paters eine große Wirkung auf sie gehabt. Theresia Winter kam vermutlich im April 1845 mit ihren „Mitschwestern“ Bernadine Verot und Christina Hesse nach Dorsten, mit denen Gossler auch in Berlin war. Erst im Oktober hatte er sie beim Bürgermeister Kroll angemeldet. Alle drei Frauen versuchten sich in Dorsten anfangs als Näherinnen. Sie wohnten im Haus des Schustermeisters Lieber. Dieser berichtete über den Lebenswandel der drei Frauen, dass sie morgens von 4 bis 6 Uhr in der Klosterkirche der Franziskaner gewesen, anschließend kurz nach Hause gekommen, dann von 8 bis etwa 21 Uhr wieder in der Klosterkirche gewesen seien. Die jährliche Miete von 30 Talern und den Mittagstisch zahlten sie pünktlich. Die Frauen bekamen Zuwendungen von Dorstenern. Später sagte Theresia Winter bei der Untersuchung des Falles aus, dass sie eigentlich nur ein paar Tage in Dorsten hätte bleiben wollen, aber der Pater habe ihr „unter Hinweisung auf den ihm schuldigen Gehorsam [ … ] den Aufenthalt hierselbst befohlen“.

Dorstens Bürgermeister Kroll wurden die Fenster eingeschlagen

„Nürnberger Kurier“ vim 29. Jan. 1943

Bürgermeister Kroll befürchtete, dass die drei Frauen nur noch beten und nicht mehr arbeiten und somit der Stadtkasse zur Last fallen könnten. Daher bemühte er sich, sie „wieder zu entfernen“. Ihm fehlte jedoch die gesetzliche Handhabe. Daher wandte er sich an den Ordensprovinzial der Franziskaner, um mit seiner Hilfe die Entfernung der drei Frauen aus Dorsten zu erreichen. Dabei brachte er den Pater Gossler über den Landrat in Misskredit, indem er kritisierte, dass der Pater nicht abends sondern früh in der Nacht „christlichen Unterricht ertheile, welcher, weil als dann schon die Nacht eingetreten, bei dem starken Andrang des Volkes zu seinen Gottesdienst-Vorträgen zu unschützlichen Versammlungen Veranlassung geben könnte“.  Der Provinzial wollte keinen Ärger mit staatlichen Behörden und wies Gossler an, den nächtlichen Gottesdienst einzustellen. Daraufhin griff er den Bürgermeister bei seiner nächsten Kanzelpredigt in der Franziskanerkirche als Verleumder an. Als am Abend wieder Dorstener zu Gossler „Religionsunterricht“ ins Kloster gehen wollten, fanden sie die Tür verschlossen vor. Deshalb zogen sie abends gegen 20 Uhr zum Haus des Bürgermeisters und schlugen ihm die Fensterscheiben ein.

Pater Gossler kündigte die Stigmatisierung Theresia Winters an

Eine Stigmatisierte (Symbolbild)

In einem Brief an Bürgermeister Kroll vom 28. November 1845 kündigte Gossler an, dass er die „höchst merkwürdigen Zustände des Hellsehens“ der Theresia Winter in einer Publikation veröffentlichen werde. Das tat er dann auch mit der Schrift: „Die Dornen-Krone, mit biblisch-katholisch-kirchlichen Auslegungen, oder: das zeigende und bezeichnete sie zeugende Zeichen in Dorsten bei Münster in Westphalen“, die am 19. Januar 1946 erschien. Theresia Winter nannte er darin „Maria Theresia Vom Jesu zu Dorsten, geborene Winter“ und beschrieb ihre erste Vision mit den „eingedrückten fünf Wunden Christi: die seitdem immerfort, mit wenigen Unterbrechungen, blutende Seiten-Wunde“. In Dorsten soll Theresia Winter dann ständig mit nur wenigen Unterbrechungen Visionen gehabt haben. Zudem soll zwischen dem 18. Dezember 1845 bis zum 19. Januar 1846 die Dornenkrone mit 90 bis 150 Blutstropfen täglich am Kopf von Theresia Winter sichtbar gewesen sein. „Das Eigenthühmliche ist, neben der am 1. Januar erfolgten blutigen Durchbohrung an der linken Herzkammer und den täglich zweimal erfolgenden starken Blutungen der Dornenkrone, und der rechten Seite, die an Freitagen stärker eintreten, das eigenhändige Niederschreiben der in Extasen erhaltenen Offenbarungen, welche zur Mittheilung und Erbauung geeignet sind.“

„Sächsische Dorfzeitung“ vom

Der Dorstener Arzt Dr. Sebregondi untersuchte Theresia Winter

In einer späteren Untersuchung durch Ärzte und einer bischöflichen Kommission war immer nur die Rede von einigen kleinen Bluttropfen oder Rinnsalen auf der Stirn, jedoch nie von den fünf Wunden an Händen, Füßen und der Seite, auch von der in dieser Schrift erwähnten „schwebenden Gebets-Stellung“ war sonst nicht wieder die Rede. Gossler wollte mit Übertreibungen und vielleicht auch Erfindungen Publizität, um die Stigmatisierung größeren Kreisen bekannt zu machen.
Die bekam er auch. Als erster untersuchte der Dorstener Arzt Dr. Sebregondi, Vater der Dichterin Maria Lenzen, wohnhaft am Markt, auf Einladung Gosslers die Stigmatisierte mit der Aufforderung, die Stigmatisation zu bestätigen. Sebregondi lehnte ab. Daraufhin täuschte der Franziskanerpater am 30. Januar 1846 einen Notfall vor, so dass Dr. Sebregondi  bei der angeblich Stigmatisierten erscheinen musste. Dort waren bereits die Dorstener Justizkommissare Geisler und von Wiek anwesend. „Die Winter lag mit geschlossenen Augen, angeblich in einer Ekstase.“ Sebregondi wurde ein Tuch gezeigt, das in der Breite und Höhe einer menschlichen Stirn mit „hellrothen, trocknen Blutflecken, von unbestimmter Form, Größe und Begrenzung“ bedeckt war und „soeben von der Stirn der Winter genommen worden“ sei. Die Stirn selbst war von einem zusammenhängenden dunklen Blutfleck bedeckt, der aber weder in Form noch Farbe die geringste Ähnlichkeit mit den Flecken des gezeigten Tuches hatte. Beim Abwaschen des Blutes stellte Sebregondi fest, dass die Haut „an allen Stellen gesund und ganz rein“ war. Eine allgemeine Untersuchung ergab, dass die junge Frau „trotz der Blässe ihres aufgedunsenen Gesichtes gesund sei“, nur ihre Menstruation sei seit drei Monaten ausgeblieben.

Untersuchungen ergaben nur angetrocknetes Blut von außen

Erbauungsschrift, 1838

Auf die Fragen Sebregondis antwortete die inzwischen erwachte Theresia Winter, dass sie nicht wisse, wie das Blut aufgetragen wurde, das sie die ganze Nacht „abwesend“ (in Ekstase) gewesen war. Nach 75-minütiger Untersuchung teilten die beiden Advokaten und der Arzt Pater Gossler mit, dass eine Blutung nicht festgestellt werden konnte. Dieser beschimpfte daraufhin Dr. Sebregondi und nannte ihn einen „Advokatus Diaboli“, der „keinen Glauben habe“. Denn Pater Heinrich Gossler brauchte ein medizinisches Urteil für die Stigmatisation, andernfalls er wohl die Ordensprovinz hätte verlassen müssen. Gossler vertraute zu Recht auf seine Beliebtheit bei den Dorstener Katholiken. Dr. Sebregondi blieb trotz der Drohung des Paters, bei den Dorstenern in Ungnade zu fallen, bei seinem Urteil und lehnte eine weitere Mitwirkung gänzlich ab. Dennoch wurde der Arzt genötigt, Theresia Winter ein zweites Mal zu besuchen. Auch diese Untersuchung brachte kein anderes Ergebnis. Als Sebregondi und der Justizkommissar das Zimmer wieder verlassen wollten, hatte Pater Gossler sie von außen verschlossen. Gossler rief durch die Tür, sie sollten noch bleiben, die Blutungen werden bald beginnen. Daraufhin brachen sie die Tür auf. Doch um 10.30 Uhr sahen die Juristen und der Arzt erneut nach Theresia Winter., da sie die Meldung bekommen hatten, das Blut würde fließen. Dies habe ein Besucher gesehen. Doch dem war nicht so. Daraufhin meinte Dr. Sebregondi, er müsse das Blut selbst fließen sehen. Jetzt sei der Pater „aufs Neue in Heftigkeit“ geraten und habe Sebregondis Glauben in Anwesenheit der anderen in Frage gestellt. Am 1. Februar 1846 griff der Pater in einer Schmähpredigt in der Franziskanerkirche den Arzt dermaßen an, dass dieser dem Oberpräsidenten von Westfalen Mitteilung machte. Die Dorstener Mitbürger, so der Arzt, seien derart gegen ihn „aufgereizt“, dass „ich mich genöthigt sah, die Polizei um Schutz zu bitten“. Offensichtlich ließ die Dorstener Bevölkerung auf ihren eigenartigen Franziskanerpater Heinrich Gossler nichts kommen.

Untersuchung auch durch eine bischöfliche Kommission

Eine weitere Untersuchung wurde durch eine bischöfliche Kommission vorgenommen, nachdem Sebregondi beim Bischof Beschwerde eingelegt hatte. Die Kommission bestand aus zwei bischöflichen Räten, die neben Sebregondi noch den Arzt Dr. Bierbaum hinzugezogen hatten. Am 11. Februar 1846 suchten sie Theresia Winter erneut auf. Nach wie vor waren keine Blutungsstellen zu sehen. Als Sebregondi wegen anderer Amtsgeschäfte die Untersuchung verließ, wurde er wenig später erneut zu der angeblich Stigmatisierten gerufen, die nun frisches Blut auf dem Auge bis zum Ohr hatte. Die Untersuchung ergab, dass keine Austrittsstelle zu sehen war. Zwischendurch bezeugten immer wieder anwesende Personen, so auch die „Mitschwester“ Bernadine Verot, dass mehrmals stigmatisierte Blutungen aufgetreten seien. Doch die Untersuchungen bestätigte dies nicht.

Dorstener bewaffneten sich mit Äxten gegen die Staatsgewalt

„Aehrenlese, kathol. Wochenblatt“, 1. Febr. 1843

Während dieses viertägigen Besuchs der bischöflichen Abgesandten kam es in Dorsten erneut zu einer öffentlichen Demonstration, diesmal nicht von jungen Burschen, sondern von mit Äxten bewaffneten Erwachsenen. Sie hätten das Gerücht gehört, dass der Pater und die Frauen Dorsten verlassen müssten, was so ja nicht stimmte. Dennoch versammelte sich am folgenden Tage gegen 13 Uhr „eine sehr große Volksmenge, Männer, Weiber und Kinder vor dem Franziskaner-Kloster“. Sie waren teilweise mit Äxten, Hacken und eisernen Stangen bewaffnet. Laut Aussage des Landrats ging die Aktion von Mitgliedern der Männerbruderschaft aus, die in einem Wirtshaus versammelt waren. Die Menge hätte erklärt, sie würde die Abreise Gosslers nicht dulden. Der Dorstener Franziskaner-Guardian P. Ferdinand Volbach (Guardian von 1837 bis 1846) konnte die Menge aber durch die Versicherung, eine Abreise Gosslers stehe nicht bevor, beruhigen. Dieser „Volksauflauf“ hatte nicht nur zur Folge, dass von Seiten des Landrats und der Bezirksregierung eine gerichtliche Untersuchung und Bestrafung der Teilnehmer angestrebt wurde, sondern auch, dass der Landrat einen zweiten Gendarm nach Dorsten schickte und die Bildung einer Bürgerwache aus zuverlässigen Männern veranlasste. Man hatte die Befürchtung, dass es in den bevorstehenden Karnevalstagen zu ähnlichen Tumulten kommen könnte. Der Oberpräsident von Westfalen überlegte sogar, ob er Militär nach Dorsten  schicken sollte. Es ist offensichtlich, dass ein Großteil der Bürger Dorstens hinter Pater Gossler stand. Dem Ratsherrn, der den abwesenden Bürgermeister vertrat, war schon vormittags der Volksauflauf angekündigt worden. Er tat nichts dagegen. Vermutlich war er auf der Seite des Paters und seinem angeblich stigmatisierten „Beichtkind“.

Des Paters drei Frauen mussten Dorsten verlassen

Insgesamt aber teilten sich in Dorsten an Pater Gossler und der angeblichen Stigmatisierung die Geister. So sprach Landrat Devens schon vor diesem Volksauflauf nicht nur von einer aufgrund der Gosslerpredigt vom 1. Februar „entstandenen Gereitztheit“, sondern direkt von der „Partheiung der Gemüther in Dorsten“. In Dorsten selbst ließ sich eine Stellungnahme zur Stigmatisationsfrage auch deshalb nicht umgehen, weil Theresia Winter „dem zahlreich hinströmenden Volke unter der Protection des Pater Henricus schon an ihrer Stirn die Wundmalen Christi durch die Dornen-Krone“ präsentierte. So ist es nur natürlich, dass der Landrat infolge dieser Spaltung der Stadt und des Aufsehen erregenden Volksauflaufs in Dorsten nicht mehr breitgetreten wünschte. Deshalb sollte seiner Ansicht nach sowohl Gossler versetzt, als auch die junge Frau zu den barmherzigen Schwestern nach Münster gebracht werden. Erreicht wurde schließlich, dass Pater Gossler „versuchweiß“ in Dorsten bleiben durfte, „seine“ drei Frauen, Theresia Winter, Christina Hesse und Bernadine Verot die Stadt zum 26. März 1846 nach Haltern verlassen mussten. Von dort traf die Kunde gutkatholischer Menschen in Dorsten ein, dass sich in Haltern die Wunden durch die Dornenkrone bei Theresia Winter wieder geöffnet hätten.

Das Innenministerium ordnete die Ausweisung Gosslers aus Dorsten an

Oberpräsident Justus von Schaper

Die Politik drängte weiter darauf, den Franziskanerpater Heinrich Gossler aus Dorsten zu entfernen und ihn in das Kloster Hardenberg zu stecken. Das preußische Kultusministerium und das Innenministerium schrieben dem Oberpräsidenten Justus von Schaper nach Münster, dass der Pater nach Hardenberg zu überführen sei und die drei Frauen ihm dort keineswegs nachfolgen dürfen. Gossler sei Kanzelverbot auszusprechen und er müsse unter Aufsicht gestellt werden. Gossler verließ Dorsten bereits fünf Tage nach Kenntnisnahme dieses Schreibens in Richtung Haltern, wo er „seine“ drei Frauen besuchte, bevor er nach Hardenberg weiter reiste. Um der Aufregung ein Ende zu bereiten, setzte das Oberpräsidium im April einen Artikel mit der Nachricht in den „Westfälischen Merkur“, dass Gossler sich nun auf Anordnung seines Provinzials Florian Bierdrager in Hardenberg befinde. Kurz darauf kehrte Theresia Winter ohne ihre beiden Begleiterinnen nach Dorsten zurück. Sie lebte hier ganz zurückgezogen und erregte kaum mehr Aufsehen.

Die Regierung sprach von einem „frommen Stigmatisierungs-Betrug“

Im Kloster Wiedenbrück verbrachte der Pater seine letzten Jahre

Um sie kümmerte sich nun der Dorstener Vikar de Weldige genannt Cremer angeblich auf Anordnung der bischöflichen Behörde, „weil dieselbe auf die Stigmatisation einen Werth lege“. Wenn auch die Zeitungen noch einige Male von herbeiströmenden Menschen berichteten, die zu der Stigmatisierten vorgelassen werden wollten, verlief sich die Sache  allmählich, wie vom Oberpräsidenten und von der Bezirksregierung gewünscht. Als aber noch im August und September 1846 Zeitungen über einen regen Besucherstrom bei Theresia Winter berichteten, forderten das Kultus- und Innenministerium, „diesem Unfug unverzüglich ein Ende zu machen, und zu diesem Behufe dir p Winter in eine geeignete Krankenanstalt aufnehmen und daselbst bis zu ihrer Herstellung durch einen Vertrauen verdienenden Arzt sorgfältig beobachten und behandeln zu lassen“. Vor allem Innenminister von Bodelschwingh trat für die rückhaltlose Aufklärung dieses „Stigmatisationsbetrugs“ ein. Ihm lag primär daran, dass Theresia Winter nicht länger unter der Obhut von Geistlichen stünde, „von welchen irgend anzunehmen ist, dass sie einen ,frommen Betrug‘ Vorschub leisten oder doch nicht Willens sein möchten, denselben aufzudecken“. Der neue Oberpräsident Eduard Heinrich von Flottwell fand sich zur Mitwirkung gern bereit und setzte sich deshalb für die Unterbringung der angeblich Stigmatisierten „ohne polizeiliches Einschreiten und Anwendung von Gewalt“ in einem Hospital ein. Doch der bischöfliche Kommissar widersprach und riet von einer Verlegung „der sehr leidenden jungen Frau von Dorsten gänzlich“ ab. Um die staatlichen Behörde sanft zu stimmen, durfte Theresia Winter nur mit Genehmigung des bischöflichen Kommissars Besuch erhalten.

Anstatt Tobsucht und Krämpfe jetzt Erstarrung und Marmorkälte

Oberpräsident E. H. von Flottwell

Über den weiteren Verlauf der Stigmatisation liegen nicht viele Nachrichten vor. Oberpräsident von Flottwell berichtete nach einem Lokaltermin in Dorsten, dass das „öffentliche Aergerniß, welches einige Zeitungs-Scribenten schildern, in der Wirklichkeit nicht vorhanden“ sei. Der krankhafte Zustand der Theresia Winter wird aber „von einigen in fanatischer Verblendung wirklich für eine göttliche Wunder-Erscheinung gehalten, von anderen wenigstens dafür ausgegeben“. Dorstens Bürgermeister Kroll schrieb am 21. Mai 1847, dass der Kontakt zur Bevölkerung gänzlich unterbunden sei, nur der Vikar de Weldige würde noch mit ihr verkehren. Dieser freilich, so Kroll, erkläre Theresia Winter „wegen seines bigottkrassen Glaubens, zugleich aber auch wegen seiner niedrigen Stufe der Bildung [ . . . ] für eine Heilige“. Über den Krankheitszustand berichtete er, dass frühere Krämpfe und Tobsuchtsanfälle bei den Blutungen nicht mehr aufträten, jetzt dafür „eine Erstarrung und Marmorkälte“ sich eingestellt hätte. Außer dieser Information sind keine weiteren über Theresia Winter erhalten. Sie wurde ins Clemenshospital nach Münster verlegt. Auch über ihren Tod findet sich keine Nachricht. Pater Heinrich Gossler wurde zwecks besserer Aufsicht nach Warendorf versetzt, wohin ihm wieder Frauen gefolgt sind, darunter die bereits erwähnte Christina Hesse. Auch über ihn gab es keine weiteren Nachrichten mehr. Er starb 1856 nach einer schmerzhaften Erkrankung im Kloster Wiedenbrück.Die katholische Zeitung „Sion – eine Stimme aus der Kirche unserer Zeit“ (Augsburg) schrieb in der Rubrik „Kirchliche Nachrichten“ am 10. Juli 1846 einen abschließenden Kommentar:

„Unter dem vielerlei hämischen und verunglimpfenden Mittheilungen in den protestantischen Blättern über die Nonne in Dorsten lasen wir unlängst auch folgendes aus Münster vom 9. April Datirte: Die Wunderjungfrau in Westphalen scheint jetzt von ihrer Wunderkrankheit geheilt zu sein und keine Wunder mehr verrichten zu wollen, wenn nicht das getäuschte und durch die Dauer der Täuschung enttäuschte Volk durch seine Zweifel Ursache des Wunderbankrottes ist. Wäre die Regierung gleich bei der Erscheinung eingeschritten, so würde die Betrügerin, zu Heiligen umgestempelt gewesen, eine Märtyrerin des Volkes geworden seyn; so ist sie aber wenige Wochen (?) nach ihrem Auftauchen verschwunden, ohne den mindesten Heiligenschein zurückzulassen. Man kann für diese friedlichen Zeiten fürwahr kein besseres Verfahren ersinnen, um dem gesunden Menschenverstande zum Durchbruche zu verhelfen, um aller Deuterei, wie man in Westphalen sagt, das Grab zu graben. Pater Heinrich Goßler ist, wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, , auf Anordnung seines Obern, Herrn Ordensprovinzial Bierdrager Folge leistend, am 17. März aus dem Kloster zu Dorsten abgezogen und am folgenden Tage in Hardenberg eingetroffen, um daselbst bei seinem genannten Vorgesetzten zu verbleiben. Um weiteren hämischen Bemerkungen über diesen Gegenstande gründlich zu begegnen, wäre es, im Interesse der Ehre der betheiligten Personen sowohl, als der guten Sache unserer heiligen, von dem radikalen Zeitgeiste auf das allergehässigste verfolgten Religion sehr zu wünschen, daß eine unpartheiische und actenmäßige Darstellung der ganzen Angelegenheit, rein und frei von allen modischen Reflexionen und nur den klaren unumwundenen Faden der Historie festhaltend, nicht lange mehr auf sich warten lasse und nicht nur in katholischen Kreisen, sondern der ganzen Welt vorgelegt werde. Zu Verläumdungen der Zeitung heutzutage schweigen, ist weder der Politik, noch den Zwecken der öffentlichen Moral angemessen. In vorliegender Sache genügt aber nur eine actenmäßige, amtliche bewahrheitete Darstellung. Wird diese bewirkt auf Veranlassung jeder gehässigen Zeitungsartikel, so haben sehr wahrscheinlich die Feinde der Kirche gerade das stricte Gegentheil von dem erreicht, was sie wollten und beabsichtigten.“

Für alle war es 1846 das Beste, keine Notiz mehr zu nehmen

So endete ein religiöses, lokales, medizinisches und auch politisches Ereignis, das in Dorsten begann und in Dorsten endete. Über die Ansicht der lokalen Geistlichkeit, des Stadtpfarrers und der übrigen Klostergeistlichen in Dorsten ist nichts bekannt, doch schilderte der Landrat ihr Verhalten gegenüber Gossler und der mit ihm verbundenen Stigmatisierungsproblematik: „Wegen der Anhänglichkeit und des Vertrauens, welches er [Gossler] im Volk erworben hat, und nach der nächtlichen Insultation, die der Bürgermeister erfahren hat, hält der Stadtpfarrer und wie es mir scheint, auch selbst der Guardian des Klosters, es für räthlich, keine Notiz zu nehmen, wenigstens jedwede Einmischung zu vermeiden.“ Für die staatlichen Behörden von der Bezirksregierung aufwärts war die Beurteilung ganz klar. Die Regierung und das Oberpräsidium in Münster sowie das preußische Kultus- und das Innenministerium in Berlin hielten die ganze Angelegenheit für einen frommen Betrug.

Siehe auch: Marienerscheinungen gab es schon immer und überall in der katholischen und christlich-orthodoxen Welt – auch 1949 in Holsterhausen
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Quellen: Wesentlich nach Bernward Schulze über die Schrift Pater Heinrich Gossler: „Die ,angeblich’ stigmatisierte Theresia Winter Die Wundmale der Dornenkrone bei einer ,Clarissin’ im preußischen Westfalen 1845/46“, Westf. Zeitschrift 145/1995 (Westfälische Geschichte/LWL). – Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen „Tätigkeit des Franziskanerpaters Heinrich Gossler“ 1842-1848, Oberpräsidium Münster Nr. 1908 Beleg-Nr. 123. – „Nürnberger Kurier“ vom 29. Jan. 1943. –  „Aehrenlese, katholisches Wochenblatt“, Dillingen, vom 1. Febr. 1843 „Didaskalia, Blätter für Geist, Gemüth und Publizistik“, Frankfurt/M., vom 1. Febr. 1846. – „Sächsische Dorfzeitung“ vom 13. Febr. 1846. –„Regensburger Zeitung“ vom 24. Febr. 1846. – „Westfälischer Merkur“ im Juni 1846. – „Sion, eine Stimme aus der Kirche unserer Zeit“ (Augsburg) vom 10. Juli 1946 und andere.
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