Rund um die Treppen: Märchenhaftes und Mörderisches, Historisches und Herrschaftliches, Filmisches und Philosophisches quer durch die Zeiten und Kunst-Epochen

In der christlichen Mythologie führen neben Leitern auch Treppen in den Himmel

Von Wolf Stegemann

Muss man den „Treppenwitz“ kennen? Nein, denn es ist gar keinen. Als Treppenwitz bezeichnet man die Entgegnung, die einem erst nachträglich, beim Weggehen „auf der Treppe“ einfällt. 1882 erschien das Buch „Treppenwitz der Weltgeschichte“, in dem paradoxe und kuriose Geschehnisse der Weltgeschichte geschildert werden. In der Einleitung heißt es u. a.: „Der Geschichte fällt, gerade wie dem von einer Audienz der Treppe herunterkommenden Bittsteller, ein pikantes, gerade passendes Wort fast immer erst hinterdrein ein.“ Allerdings ist das Wort „Treppenwitz“ älter als dieses Buch.

Treppen verbinden zum Himmel wie zu oberen Stockwerken

Treppe im Alten Rathaus in den 1930er Jahren

Treppen, auch Stiegen, Steigen oder Stufen, haben seit jeher etwas Verbindendes, sei es nun in der Mythologie und im Mär­chen, in der Sage und in der Geschichte, in der Literatur, Kunst und Praxis. Auch die biblische Himmelsleiter, die im Traum Jacobs vorkommt, ver­bindet die Erde mit dem Him­mel wie im Alten Rathaus das Parterre mit dem ersten Stock, wenn dieser Ver­gleich gestattet ist. Immerhin ist das Alte Rathaus bzw. die Stadtwaage eines der äl­testen Gebäude in der Stadt. Als der Dorstener Goethe-Stammtisch noch zu literarischen Abenden in das bis 2004 dort untergebrachte Heimatmuseum einlud, saßen auch ältere Besucher auf den Treppen, was zum atmosphärischen Gesamtbild beigetragen hatte, wie immer wieder gesagt wurde – auch von denen, die auf den Treppen saßen. Verbindend ist die Treppe auch im menschlichen Bereich, wie von Goethe überliefert ist. Als napoleonische Soldaten sein Haus am Frauenplan im Weimar stürmten, stellte sich seine Dauer-Braut Christiane beherzt auf die Treppe, den Soldaten den Weg versperrend, um ihrem Liebsten das Leben zu schützen. Dieser, so die Anekdote, hatte dann seine Christiane aus Dankbarkeit endlich geehelicht.

Auf Treppen wurde gestritten, gemordet und in der NS-Zeit geschnüffelt

Feuerwachtturm Hohe Mark mit 192 Stufen

Aber auch Trennendes ist mit Treppen in Zusammenhang zu bringen. Auf den Treppen des Wormser Doms stritten Kriemhild und Brunhild im so ge­nannten Königinnenstreit lau­thals, wer der „erste Mann“ der beiden sei: Siegfried oder Gun­ther. Dabei offenbarte Kriemhild die Lindenblatt-Schwäche ih­res Siegfrieds, was böse Folgen hatte. Solche hatte es auch Jahrhunderte später in natio­nalsozialistischer Zeit, als an „Eintopfsonntagen“ die NSDAP- Block­leiter kontrollierten, aus welchen Woh­nungen Bratengeruch kam. Man nannte diese professionellen Par­tei-Bratenschnüffler „Treppen-Terrier“.
Zurück zur alten Geschichte: Cäsar wurde erstochen, als er die Treppen des Senats beschritt. Maria Stuart musste den leidvollen Gang über die Trep­pe antreten, die von der Them­se zum Tower führte. Übrigens traten viele der Großen und weniger Großen der Weltge­schichte den letzten Gang über Stufen an, wenn sie zum Galgen oder Schafott gehen mussten. Aber nicht nur die Geschich­te ist reich an Treppensymbo­lik. Treppen werden auch be­sungen, wenn man dem inzwischen in die Jahre gekommenen Schla­gersternchen Manuela zuhörte, die „Auf den Stufen zur Akro­polis“ trällerte.

Einige der bekanntesten Treppen der Welt

Die bekannteste Treppe der Welt ist die Spanische Treppe in Rom; die längste der Welt steht mit 11.674 Stufen in Niesen (Schweiz); die älteste Treppe ist mit 3350 Jahren die im Salzbergwerk Hallstatt in Österreich. Die breiteste Treppe Europas steht mit 320 Metern in Frutigen (Schweiz). In Köln ist die längste Treppe in Nordrhein-Westfalen zu begehen: sie führt mit 533 Stufen auf den rechten Turm des Doms. Die mit der großer Trauer verbundene Treppe ist 31 Meter hoch und hat 186 Stufen. Auf ihr wurden absichtlich von der SS viele Morde an Häftlingen durch Hinunterstoßen begangen. Sie gehört zum ehemaligen KZ Mauthausen in Österreich. – Ach ja, in Wulfen-Barkenberg gibt es auch noch eine mittlerweile stillgelegte Wassertreppe.

Treppen des Malerin J. Dorszewska-Pötting führen über Dünen

J. Dorszewska-Pötting Sandtreppe

Auch ernsthafte­re Kunstsparten haben die Treppe zum wichtigen Requisit erkoren. Im Mittelpunkt großer Hollywood-Bühnenshows steht die glitzernde Treppe, auf der Stars und Entertainer wie Götter vom Olymp herun­tersteigen, die allerdings nicht so arm sind wie Aschenputtel, das auf einer Treppe ihren glä­sernen Schuh verlor. Die Aus­stattung hat Hollywood den antiken und mittelalterlichen Prachttreppen nachempfun­den, den Symbolen von Herr­schaft und Macht. Bekannt sind auch M. C. Eschers per­spektivisch wundersame Zeichnungen mit vielen Trep­pen, die in die optische Irre führen. Jolenta Dorszewska-Pöttings Treppe führt lediglich über die Dünen zum Meer. Die Künstlerin wirkte zwei Jahrzehnte in Dorsten.
Die Treppe hat sich aus ein­gekerbten Baumstämmen und Leitern entwickelt. Neben der reinen funktionalen Ausrich­tung wurde die Treppe schon bald zum gesellschaftlichen und architektonischen Ord­nungsprinzip. So bestimmten früher Mythen und Riten die Treppenarchitektur, die keine Rücksicht auf das menschliche Schrittmaß nahm, wie dies bei­spielsweise an den Kultbauten Babyloniens, Mittelamerikas und der griechischen Antike sichtbar ist. Bei uns sind heute Treppenhöhen fast millimetergenau von den Behörden vorgeschrieben, an die sich Architekten halten müssen oder sollten.

In Filmen: Vordertreppen für das Bürgerliche, Hintertreppe für Amouren

Szene aus „Hintertreppe“ mit Henny Porten

Um beim Theater zu bleiben: Die Antike kennt das Amphi­theater, auch im heutigen Freilufttheater Maria Lindenhof saßen die Zuschauer beim „Sommertheater“ vor etlichen Jahren auf den Treppen des Rondells. Der Film hat die Treppe schon längst in Beschlag genommen: In Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ stürmen die Bol­schewiken in einer bewegen­den Szene über die breite Trep­pe des Zarenschlosses. Hitchcocks „39 Stufen“ laden zum Gruseln ein, und die Musketiere fechten unentwegt auf Treppen und Stufen. Nicht zu vergessen ist Sue Ellen in der Uralt-TV-Daily-Soap „Dallas“, die sich des Öfteren im Negligé auf der breiten Treppe der South Folk Ranch produzierte – usw. usw.
Und dann gibt es noch die „Hintertreppe“ im Gegensatz zur sichtbaren „Vordertreppe“ des gut bürgerlichen Wohnhauses. Die Hintertreppe war (ist) der nicht sichtbare Aufstieg des Gesindes ins Haus. Die Hintertreppe wurde alsbald sprichwörtlich gebräuchlich für eine bestimmte Form des Gerüchts, das man Hintertreppentratsch nannte. Über diesen verborgenen Zugang  schliechen sich auch die Geliebten und Liebhaber der Herrschaften ins Haus. Es entstand auch der Begriff „Hintertreppenroman“. Denn fahrende Händler verkauften an der Hintertreppe an das Gesinde billige Kolportageromane, die alsbald den Namen „Hintertreppenroman“ erhielten. 1916 kam der Stummfilm „Vordertreppe-Hintertreppe“ mit Asta Nielsen und 1921 der Titel „Hintertreppe“ mit Henny Porten in die Lichtspielhäuser. Auch Philosophen befassten sich mit der Hintertreppe. Wilhelm Weischedel benutzte den Titel seines Buches „Die philosophische Hintertreppe“, um den Lesern einen „persönlichen“ Zugang zu wichtigen Philosophen zu bahnen: „Man kommt, wie man ist, und man gibt sich, wie man ist. Und doch gelangt man über die Hintertreppe zum gleichen Ziel wie über die Vordertreppe: zu den Leuten, die oben wohnen.“

Die Freitreppe von Schloss Lembeck – ein Symbol der Standesherrlichkeit

Fredérice von Anhalt auf der Schlosstreppe Lembeck

An Schlössern, vornehmlich aus der Renaissance, haben Treppen nicht nur eine architektonisch-künstlerische Bedeutung, sie waren ein repräsentatives Herrschaftssymbol. Wie früher Könige und Kaiser, von denen es ja heute noch einige gibt, auf einem durch Treppen „erhöhten Thron“ saßen, so standen sie dann vor ihrem Schloss auf Freitreppen, um sich vom niedrigen Volk nach oben abzugrenzen. Frei hießen diese Treppen deshalb, weil sie nach oben offen waren und meist zum Eingang eines höher liegenden Gebäudes dienten. Freitreppen gab es schon bei Tempeln im Altertum, und im Mittelalter waren sie vor allem an Kirchen und Rathäusern in Gebrauch. Eine besondere städtebauliche Aufwertung erhielten sie zur Zeit des Klassizismus und des Historismus. Dorstens Kriegsdame „Germania“ stand auf einem Sockel, zu dem rundum Treppen führten. Mit der Freitreppe an Schloss Lembeck verbindet sich eine lustige Anekdote aus den 1980er-Jahren. Der frühere Dortmunder Kellner, der als adoptierter Fredéric Prinz von Anhalt in den USA glitzernde Prinzen- und Adoptionsvater-Karriere machte, erklärte, dass das Schloss Lembeck eines seiner Lieblingsresidenzen sei und er dort auf der Freitreppe fotografiert werden wolle. So kam es dann auch. Er stellte sich fotogen mit seiner Begleitung in glänzender Uniform auf die Freitreppe seiner Residenz, die er vorher vermutlich noch gar nicht kannte.

Treppen wieder zum nüchternen Selbstzweck zurückgeführt

Rolltreppen im Dorstener Mercaden

Nach der künstlerischen Ge­staltung der Treppen in der Re­naissance und der des vor­nehm-prachtvollen Barock, fand die Treppe später zum nüchternen Selbstzweck zu­rück, den sie vordem nur am Anfang der Entwicklung hatte, als unsere Vorfahren versuch­ten, über eingekerbte Baum­stämme Höhen zu überwinden. Stahlbeton, Glas und Kunst­stoffe sind die heutigen gestal­terischen Werkstoffe, bei de­nen auch die Elektrik und Elek­tronik nicht fehlt, wie bei Roll­treppen in Kaufhäusern, Unter­führungen und auf Flugplätzen. Als 2016 der Einkaufs-Block Mercaden am Lippetor eröffnet wurde, stauten sich oben auf einer Rolltreppe Menschen, weil eine Frau mit Kinderwagen die Rolltreppe nicht verlassen konnte, da ein Pfostenl das verhinderte. Man hatte vergessen, einen solchen auch unten anzubringen, um das Betreten der Rolltreppe mit Kinderwagen zu verhindern. Übrigens hatte das Kaufhaus Honsel in Holsterhausen die erste Rolltreppe in Dorsten.
Neben der Freitreppe und den von Leitern und Steigtreppen abzuleitenden Innen-Treppen hat die Wendeltreppe (es gibt einen gleichnamigen Psycho-Thriller) nicht nur in der Literatur- und Filmgeschichte eine eigene Entwicklung. Sie entstammt der antiken Triumphsäule, wurde aber erst im Mittelalter mit Kirchtürmen verbunden. Zuvor erstieg man Türme mit Hilfe von Leitern oder im Mauerwerk ausgespar­ter Treppen. Auch und beson­ders die Wendeltreppe wurde im ausgehenden Mittelalter zum Statussymbol der Bauher­ren. Mit Hilfe freitragender Stahlbetonkonstruktionen so­wie gläsernen Umfassungswän­den wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts das alte Thema der spiralförmigen Wendeltreppe neu gestaltet.

Auch die Hundchen auf das Siegertreppchen

Auf dem Siegertreppchen

Treppen gibt es auch im Sport. Wer auf dem Treppchen steht ist ein Sieger. Der erste etwas erhöht, der zweite und dritte Sieger etwas niedriger. Wenn ihnen beispielsweise die Sieger-Medaillen umgehängt werden, dann müssen sie sich auf ihrem erhöhten Siegertreppchen verbeugen. Sonst kriegen sie die Medaille nicht um den Hals. Auf Hundeplätzen gibt es auch die Siegertreppchen. Entweder setzen Frauchen und Herrchen ihre Hundchen auf die Treppchen, die dann ihre Leckerchen kriegen, oder Herrchen und  Frauchen stellen sich dann oft neben ihr Siegerhundchen auf das Treppchen und kriegen ihre Leckerchen in Form eines Pokals für die Vitrine.

Erinnerungen an die Kindheit: Treppen zum Verstecken

Zum Schluss kann der Verfasser auch eine eigene Treppen-Erinnerung zum Besten geben  Als er noch ein Kind war und hin und wieder irgendetwas anstellte, was seiner Mutter nicht gefiel, versteckte er sich danach im Haus unter einer Treppe. Die Mutter rief und suchte ihn, doch er hielt sich still versteckt und freute sich, dass sie ihn unter dieser Treppe nicht fand. Später, als der damals etwa Vierjährige älter war, sagte sie ihm, dass sie stets wusste, wo er sich versteckt hatte und nur so tat, als würde sie ihn suchen.

Dann war dann noch…

Zur Sache: Über Treppen gibt es nicht nur Historisches und Mythisches zu berichten. Wie sollte es auch anders sein, haben in Deutschland auch Bau-Juristen von Treppen Besitz ergriffen. Treppen bedürfen der Baugenehmigung. Aufenthaltsräume müssen durch mindestens eine Treppe zugänglich sein, die höchstens 25 Meter von der Eingangstür entfernt sein darf, durch Tageslicht genügend erhellt und einen jederzeit gesicherten Ausgang ins Freie haben muss. Bei größeren Gebäuden sind mindestens zwei Treppen erforderlich. Die Treppenbeleuchtung darf nicht blenden, sie muss allerdings zwischen in einer vorgeschriebenen Leuchtkraft die Tritt- und Setzstufen deutlich erkennen lassen. Wenn ein Zeitschalter das Ausschalten des Treppenlichts regelt, muss nach der Vorschrift die Allgemeine Verkehrssicherheit gewährleistet sein. Die Haftung für die Treppen-Beleuchtung in Mietshäusern ist in der Regel privatrechtlich im Mietvertrag geregelt. Übrigens: Wenn jemand die Treppe hinauffällt, bedeutet das Karriere und Glück, nach Paragraf …

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