Es ist jetzt neun Jahre her, dass am helllichten Tag in der Lippestraße eine 27-Jährige von ihrem Mann erstochen wurde – Ehrenmorde: Urteile werden in den Familien gesprochen

Essay von Wolf Stegemann

Juni 2017. – Vor wenigen Wochen füllten Schlagzeilen die Zeitungen, als vor einem Gericht in Istanbul zwei Brüder freigesprochen wurden, die ihren jüngeren Bruder (25 Jahre) 2005 in Berlin dazu gebracht haben sollen, die 23-jährige Schwester Hatun Sürücü zu töten. Er ermordete sie mit drei Pistolenschüssen, weil die Brüder den westlichen Lebensstil der Schwester in Berlin ablehnten. 2006 wurde der jüngere Bruder vom Landgericht Berlin als Täter zu einer neunjährigen Jugendstrafe verurteilt und nach Verbüßung 2014 in die Türkei abgeschoben, wo bereits die beiden älteren Brüder wieder lebten. Die deutschen Behörden schickten die Akten nach Istanbul, wo den beiden älteren Brüdern, von denen einer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, der Prozess gemacht und von der Anklage der Mittäterschaft in allen Punkten freigesprochen wurde. Dies ist kein Einzelfall in der Justizgeschichte der Ehrenmorde in der Bundesrepublik.

In Zusammenhang mit in Deutschland lebenden und meist integrierten Familien aus anderen Kulturkreisen wie beispielsweise aus der Türkei, aus arabischen Ländern oder aus Asien hören oder lesen wir in Abständen von solchen so genannten Ehrenmorden innerhalb von Familien und Beziehungen. Die meisten Ehrenmorde werden als solche gar nicht bekannt, weil sie als Unfall oder Selbstmord getarnt werden. Manchmal wird eine Frau als vermisst gemeldet, und der Rest der Familie schweigt. Laut einer Untersuchung der Vereinten Nationen gibt es weltweit etwa 5.000 Ehrenmorde jährlich, davon 300 in der Türkei. Die Dunkelziffer mit bis zu 100.000 Morden pro Jahr ist deutlich höher. Das Land mit der höchsten Ehrenmordrate dürfte Pakistan sein.

Immer wieder Ehrenmorde in Deutschland

Protest gegen Ehrenmorde

Es gibt keine sicheren Zahlen zu Ehrenmorden in Deutschland. Nicht jeder Ehrenmörder nennt sein wahres Motiv. Zudem gibt es fragliche Fälle, wenn zum Beispiel ein Mörder ein Ehrenmotiv angibt, aber später für schuldunfähig erklärt wird. Waren es 2015 noch 25 Ehrenmorde in Deutschland und 13 Mordversuche, so schnellte die Zahl 2016 auf mindestens 39 dokumentierte Ehrenmorde plus 17 schwere Ehrenmordversuche. Unter den Tätern waren acht Syrer, einer davon warf drei Kinder aus dem Fenster. Aus der Türkei kamen zehn, aus Afghanistan acht, darunter ein Doppelmörder. Aus dem Irak waren es vier Täter, davon waren zwei Jesiden. Jeweils ein Mörder kam aus Indien, Usbekistan, Tunesien, Togo, Kongo, Kamerun, Nigeria, Aserbaidschan, Tschetschenien und dem Libanon. Ein Mörder und ein Doppelmörder kamen aus Marokko. Aus Albanien kamen zwei Täter, ebenso aus Serbien, darunter ein Roma. Drei Täter kamen aus dem Iran. In drei Fällen ist die Nationalität unklar. Die Gesellschaft für Menschenrechte setzt die Zahl der beteiligten Türken – ob Opfer oder Täter – auf 77 Prozent fest.

Drohung: „Ich hacke dir den Kopf ab und bringe ihn dann zur Polizei!“

Überregionale Medien berichteten

In Dorsten geschah 2008 eine als Ehrenmord eingestufte Tat, als ein Ehemann seine von ihm getrennt lebende Ehefrau am helllichten Tag in der Lippestraße mit dem Messer tötete. Der „Spiegel“ berichtete: „Grausame Bluttat in Nordrhein-Westfalen: In der Fußgängerzone von Dorsten, Kreis Recklinghausen, hat ein 29-Jähriger seine 27-jährige Frau mit einem Messer getötet. Der Bochumer stach am Dienstagnachmittag bei einem Streit vor der Filiale eines Supermarktes mehrfach auf die seit Anfang des Jahres von ihm getrennt lebende Frau ein.“ Seit dem Jahr 2000 wohnte das Opfer, Fatma N., mit ihrem Mann und zwei gemeinsamen Kindern in Bochum. Der Ehemann, ein gelernter Schlosser, hatte die türkische, sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Anfang 2008 trennte sich Fatma und zog mit ihren Kindern ins Frauenhaus Dorsten. Eine Vorgeschichte der häuslichen Gewalt ist wahrscheinlich. Die Dorstener Zeitung berichtete von der Drohung: „Ich hacke Dir den Kopf ab und bringe ihn dann zur Polizei.“
Am 16. Dezember 2008 lauerte Mehmet seiner Frau in der Dorstener Fußgängerzone auf. Er riss ihren Kopf nach hinten und stieß ihr – vor den Augen des gemeinsamen achtjährigen Sohnes – ein Messer in die Kehle. Ein Zeuge sagte später, der Täter hätte seiner Frau fast den Kopf abgeschnitten. Manche Zeitungen sprachen von „Menschenschächtung“. Der Sohn und ein weiterer unbeteiligter 13 Jahre alter Junge, der die Tat beobachtet hatte, musste psychologisch betreut werden.

Mord in Dorsten wurde mit lebenslänglich geahndet

Nach den tödlichen Messerstichen entfernte sich der Täter mit seinem ca. 30 cm langen blutigen Messer vom Tatort. Später meldete er sich bei der Polizei, gestand die Tat, behauptete aber, sich an Einzelheiten nicht erinnern zu können. Der Staatsanwalt berichtete später, der Täter habe bei seiner Vernehmung einen „recht coolen Eindruck“ gemacht und behauptet, seine Frau suche einen Auftragsmörder für ihn. Daher habe er das Messer zur Selbstverteidigung dabei gehabt. Zudem fühlte er sich durch die Trennung seiner Frau von ihm in seiner Ehre gekränkt.

Urteil: Er hat seine Frau „regelrecht abgeschlachtet“ – lebenslänglich

Zum Prozessauftakt am Essener Landgericht im Juni 2009 behauptete der Verteidiger, Mehmet habe Stimmen gehört und sei deswegen möglicherweise nicht schuldfähig. Vor Gericht kam auch zur Sprache, wie Mehmet seine Frau stalken konnte. Er hatte ein manipuliertes Handy in den Schulranzen seines Sohns gesteckt und über Handyortung den Aufenthaltsort der beiden ausfindig gemacht. Für seine Tat wurde Mehmet im September 2009 zu lebenslanger Haft verurteilt. In der Urteilsbegründung heißt es, er habe seine Frau „regelrecht abgeschlachtet.“ – Im Jahr dieser Dorstener Tat, 2008, wurden in Deutschland mindestens 24 Ehrenmorde festgestellt. Die Zahl dürfte höher liegen.

Soll man Ehrenmorde überhaupt Ehrenmorde nennen?

Kerzen am Tatort; Foto: Rüdiger Eggert (DZ)

Ein Ehrenmord ist ein Mord im Namen der Ehre. Er ist kein juristischer Begriff. Wenn ein Bruder seine Schwester umbringt, um die Familienehre wieder herzustellen, dann ist das ein Ehrenmord. Manche sagen, man solle das Wort Ehrenmord nicht benutzen. Es würde implizieren, der Mord habe ein positives Motiv. Die Ehre, die diesen Morden als Motiv zugrunde liegt, hat nichts mit der Ehre zu tun, die einem zuteil wird, wenn man einen Preis erhält, sich geehrt fühlt oder für etwas geehrt wird. Daher ist es wichtig, Ehrenmorde auch als solche zu bezeichnen. Es sind Verbrechen im Namen der Familienehre. Wer das Muster versteht, kann sie besser identifizieren. Für den Täter mag die Beziehungstat ähnlich motiviert sein wie der Ehrenmord. In beiden Fällen fühlt sich der Mann in seiner Ehre oder in seiner Männlichkeit verletzt und tötet. Aber es gibt sehr wohl einen Unterschied für die Frau. Im Westen werden Morde an Frauen fast ausschließlich von ihren Ehemännern oder Exmännern verübt. Es gibt keine oder kaum Morde von Vätern, Onkeln oder Cousins. Die Bedrohung ist also eine ganz andere, ebenso die Möglichkeit, sich in Sicherheit zu bringen. Daher ist Ehrenmord die korrekte Bezeichnung für eine bestimmte Art von Beziehungstat. Im Englischen heißen die Morde im Namen der Ehre ebenfalls „honour killings“ und im Türkischen „namus cinayetleri“.

Der Einzelne in der Familie bedeutet nichts, die Familie aber alles

In einer Gesellschaft, in der individuelle Freiheit nichts, die Familie aber alles bedeutet, kann der ganze Clan in die Planung des Ehrenmords involviert sein. Das heißt: sämtliche Familienangehörige können die Frau verraten. Sie kann sich oft nicht einmal an ihre eigene Schwester wenden. Denn selbst ihre Mutter könnte sie in einen Hinterhalt locken. Wenn überhaupt, könnte Hilfe und Unterstützung ohnehin nur von einem Mann kommen. Aber das Mädchen darf mit keinem Mann außerhalb der Familie Kontakt aufnehmen, weil sie sonst die Ehre der Familie beschmutzt. Ein weiterer Unterschied zwischen einem Ehrenmord und einer Beziehungstat liegt im Unrechtsbewusstsein: Ein Ehrenmörder ist sich in der Regel keiner (moralischen) Schuld bewusst. Im Gegenteil: Er hat etwas in seinen Augen sehr Wertvolles getan. Sein Umfeld ist derselben Meinung und hat kein Interesse daran, mit der Justiz zu kooperieren, was die Aufklärung der Tat noch schwerer macht. Sollte trotzdem beispielsweise eine Schwester aussagen wollen, wird auch sie bedroht. Ein Beziehungstäter dagegen weiß in der Regel, dass er eine schwere Straftat begangen hat, die durch nichts zu entschuldigen ist.

BKA: Männer in der Familie sind Garanten der Familienehre

Es gibt Literatur zum Thema

Das Bundeskriminalamt bewertet Ehre als Motiv für Gewaltverbrechen so: „Der Fokus der Diskussion über die Motive und kulturellen Hintergründe richtete sich teilweise sehr vordergründig auf den Islam und die Türkei als Herkunftsland der Täter (und Opfer). Bei genauerer Analyse der gesicherten polizeilichen Daten ist allerdings erkennbar, dass wohl eher die auch nach der Migration andauernde starre Verwurzelung in vormodernen agrarischen Wirtschafts- und Sozialstrukturen und damit verbunden ein extrem patriarchalisches Familienverständnis die durchgängige Ursache für das Phänomen der sog. Ehrenmorde darstellen. – Das Verständnis von der Rolle der Frau ist in patriarchalischen Familienstrukturen teilweise mit Unterdrückung und extremer Reglementierung verbunden, wobei das männliche Familienoberhaupt und die männlichen Familienangehörigen sich in der Rolle der Garanten der Familienehre sehen.“ Einfach ausgedrückt: Ehre ist nicht Teil der Religion, sondern ein Machtinstrument des Mannes gegen die Frau. –

Lynchmorde und Fememord in Dorsten

Während des Kriegs hat es in Dorsten so genannte Lynchmorde gegeben, als gefangengenommene Piloten abgeschossener alliierter Flugzeuge erschlagen wurden. Und dann gab es 1996 in Dorsten-Rhade einen so genannten Fememord in der rechten Szene. Nachdem ein Rhader die Szene verlassen hatte, wurde er ermordet.

Siehe auch: Mord und Totschlag

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Quellen: Internationale Gesellschaft für Menschenrechte „Ehrenmorde zwischen Migration und Tradition…“ (Online, Aufruf 2017). – Focus-online „Warum Töchter für die Ehre sterben müssen“ vom 2. Aug. 2011. – Amnesty International „Verbrechen im Namen der Ehre“, Positionspapier (2017). – Ehrenmorde, dokumentierte Fälle von Uta Glaubitz (online, Aufruf 2017) – Spiegel vom 17. Dez. 2008.
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