Ehrabschneidung – Böse Gerüchte von Klatschbasen machten einem Dorstener Goldschmiedemeister vor 160 Jahren schwer zu schaffen

DOrstener Goldschmied während der Fahrt von Buer nach Dorsten aus der Reisekutsche verschwunden

Goldschmied während der Fahrt von Buer nach Dorsten aus der Reisekutsche verschwunden

Von Wolf Stegemann

Die Lebenserfahrung zeigt, dass, wenn jemand ins Gerede gekommen ist, es mitunter lange dauert, vielleicht auch Maßnahmen notwendig sind, aus diesem Gerede wieder herauszukommen. So ist es heute und so war es schon immer. Wer die alten Zeitungen durchblättert, stellt fest, dass solche Geschichten häufiger vorkamen. Dann muss der Leser vielleicht auch schmunzeln, wenn sich Komisches hinter den Zeilen verbirgt. Die damals Betroffenen hatten sicherlich keinen Grund, amüsiert zu sein. Auch nicht der Goldschmiedemeister Schöning, dem Folgendes widerfuhr, wie aus dem „Dorstener Wochenblatt“ vom 21. März 1857 und einer dünnen Polizeiakte hervorgeht.

Der Verschwundene war alkoholisiert

An einem Dienstag im März des Jahres 1857, es war der dritte des Monats, verschwand ein Mensch auf der Reise mit dem Postwagen von Essen über Buer nach Dorsten. Im  Postwagen saß jener Goldschmiedemeister in Gesellschaft mit dem Dorstener Pferdehändler Levi Rosenthal, dessen Schwiegersohn, ein Holzhändler aus Antwerpen, ein Reisender aus Buer sowie jener Verschwundene. Letzterer war angetrunken und schlief im Beiwagen des Postreisewagens. In Buer ging der arme Mensch nach einem Aufenthalt, bei dem der Beiwagen abgehängt wurde, verloren. Die Reisegesellschaft trank in der Passagierstube der Buerer Poststation ein Glas Bier, bis die Fahrt nach Dorsten fortgesetzt werden konnte. Da der Verschwundene alkoholisiert war und vom langen Schlaf noch benommen zu sein schien, rief der Dorstener Pferdehändler bei der Abfahrt der Reisekutsche in Buer laut „Ich will den besoffenen Kerl im Wagen nicht haben!“ Denn die beiden Postillione Schmitz und Lunemann versuchten den Angetrunkenen vom Beiwagen in den Hauptwagen zu bugsieren, was ihnen trotz der umstehenden zwölf Personen nicht gelang. Aus dem Hause der Poststation wurde laut herüber gerufen: „Der Kerl bleibt hier!“ Der Postillon Lunemann stieg also auf den Bock und fuhr ab.

Dorstener Klatschbasen am Werk

Tage später bekam der Goldschmiedemeister Besuch vom Gendarmen, der im Auftrag des Landrats als Polizeibehörde zu untersuchen hatte, wo der alkoholisierte Passagier abgeblieben sei. Dies führte dazu, dass in Dorsten das Gerücht aufkam, der Goldschmiedemeister hätte mit etwas Schlimmen damit zu tun. Denn ihm wurde unterstellt, dass er und nicht der Pferdehändler gerufen habe, dass er den Kerl nicht im Wagen haben wollte. Wie das nun mal in einer Kleinstadt ist, überschlugen sich die Gerüchte, der Goldschmiedemeister sei sogar in eine kriminelle Handlung verstrickt. Die männlichen und weiblichen Klatschbasen in Dorsten gaben keine Ruhe. Das veranlasste den biederen Goldschmiedemeister auf der Anzeigenseite im „Dorstener Wochenblatt“ den Sachverhalt spaltenlang mit fast poetisch anmutenden Worten darzustellen. Die Anzeige beginnt mit den Sätzen:

„Kaum sind mehrere Verläumdungen und Ehrabschneidungen in das Meer der Vergessenheit hinabgesunken, so taucht schon wieder die böse Fama am Horizonte auf, und stürzt sich gleich einer Lavine fort von Ort zu Ort. Ich halte mich deshalb dem Publikum gegenüber verpflichtet, die Sache in Hinsicht des Verschwundenen in Buer, um den schändlichen Verläumdungen entgegen zu treten, zu erzählen, so viel mir und jedem Mitreisenden bekannt sein kann.“

Schöning beschreibt dann, wie die Reise verlaufen war und unter welchen Umständen die Reisegesellschaft in Buer ein Bier zu sich nahm und wie die Abfahrt vonstatten ging. Originalton:

„Jeder von uns wusste nicht anders, als der Mensch sei dort zu Bette gebracht, indem er nicht im Stande war, aufrecht zu stehen. Hier in Buer, vielleicht einen Büchsenschuß vom Posthause, stiegen noch zwei Leute von Hilgenberg ein, so saßen nun 6 Personen im Wagen. Ich bin überzeugt, daß keiner von diesen sich hat träumen lassen, der Mensch sei dem Wagen nachgelaufen und habe gerufen. Keiner von uns Allen hat etwas hiervon gehört. Nach meinem Dafürhalten mußte es bei Fischer sein, wo die beiden zuletzt eingetretenen Leute ausstiegen, wonach der Wagen wieder abfuhr und nicht eher hielt, als am Posthause, wo unser Mädchen mich abholte; doch ging ich erst mit dem Holzhändler bis nach Prümers Hause, wo derselbe übernachtete, begab mich alsdann nach Hause, wo ich mit meiner Frau u. Schwiegermutter noch ein Stündchen verplauderte, indem ich ihnen Gruß und Empfehlungen von Verwandten aus Buer mitbrachte. – So ist der wirkliche Verlauf der Geschichte. Jetzt urtheile Jeder nach seinen Begriffen. Gleichzeitig aber ersuche ich jeden Freund und Bekannten, mir doch sofort, wenn Jemand es wagen sollte, meinen Namen auch nur im Mindesten auf diese Art zu beflecken, dieses anzuzeigen – Im Üebrigen tröste ich mich mit den Worten des Dichters:
Wenn Dich die Verläumdungszunge sticht,
So laß’ Dir dies zum Troste sagen,
Die schlechtesten Früchte sind es nicht,
Woran die Wespen nagen.
— Schöning, Goldschmiede-Meister in Dorsten.“

Unterwegs zwischen Buer und Dorsten eingeschlafen

Ob der Dorstener damit Ruhe vor Gerüchten hatte, ist nicht bekannt. Auch die Polizei-Akte mit den drei Blättern sagt darüber nichts aus. Lediglich steht in der Handschrift des Bürgermeisters Alexander de Weldige als Randbemerkung auf einem der Blätter, dass es sich bei dem unbekannten Verschwundenen um den Dorstener Bernard Grothues (vermutlicher Name, etwas unleserlich) handelte, der sich erst am 4. April 1857 bei den Behörden als lebend meldete. Demnach hatte er versucht, den Weg von Buer nach Dorsten zu Fuß zurückzulegen, was ihm nicht gelang, denn er sei unterwegs irgendwo eingeschlafen. Völlig verschmutzt und ausgeplündert sowie ohne Erinnerung an das Geschehene sei er dann nach Hause gekommen. Erst aus der Zeitung hatte er erfahren, dass er gesucht wurde. Sein Schamgefühl habe ihn abgehalten, sich gleich zu melden.


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