Dorstens Textil- und Bekleidungsfabriken sind Vergangenheit. 1968 wurden von Brungsberg Olympia-Anzüge geschneidert. Ex-permaclean reinigt noch immer

Die traditionellen Lieferanten nicht nur für saftige Koteletts, sondern auch für Textilien; Foto: unbekannt

Von Wolf Stegemann

11. Dezember 2015. – Die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichende Textilherstellung hatte in Dorsten eine lange Tradition. Schon 1790 gründeten von Rive und de Weldige-Cremer in der (heutigen) Altstadt eine Baumwollspinnerei  und Rensing eine Siamosenfabrik. Um 1806 wurde von dem auswärtigen Unternehmer Vaerst eine Kattunfabrik gegründet. Alle drei Unternehmen hatten keinen Bestand. Auch der Plan von J. B. Rive, eine Tuchfabrik aufzubauen, scheiterte. Schließlich gründeten Reischel und Evelt 1849 die erste Fabrik in Hervest. Es war eine chemische Bleicherei, Nesselfärberei und Kattunfabrik, der später als Fabrik für Kokosteppiche (DeKoWe) im Besitz der Familien Schürholz und Stevens eine große Bedeutung zukam.
Im Jahr 1822 gab es in Dorsten 14 gewerbliche Webstühle für Wolle, 15 gewerbliche und drei nebengewerblich betätigte Webstühle für Leinwand und zwei gewerblich und zwei nebengewerblich laufende Stühle für Leinen. In Holsterhausen standen nur drei nebengewerbliche  Stühle, die Leinwand produzierten (siehe Industrialisierung, siehe Handel und Gewerbe).

In Dorsten angesiedelte Textilindustrien

Nach dem Zweiten Weltkrieg und in den 1960er-Jahren versuchten Unternehmen der Bekleidungsindustrie in Dorsten Fuß zu fassen. Weder die Kleiderfabrik von Dr. Ernst Lefert (gegründet 1946, geschlossen 1963) noch die Weberei und Bekleidungsfabrik der Gebrüder Werner und Günter Schulten (gegründet 1960, geschlossen 1967) hatten Bestand. Zwei weitere Textilfirmen siedelten sich an: Das Unternehmen Hans Meisewinkel, das Arbeitsschutzbekleidung herstellte, kam 1966 nach Hervest und stellte den Betrieb 1983 wieder ein. Die Firma Matthias Brungsberg stellte 1984 den Antrag auf Konkurs und Entlassung von 120 Mitarbeitern. Ebenso verloren 120 Näherinnen ihren Arbeitsplatz, als das Bekleidungsunternehmen Feilgenhauer 1986 endgültig die Nähmaschinen stilllegte.

Informationsbesuch von Bürgermeister Hans Lampen (4. v. r.) und Ratsspitze bei Brungsberg

Brungsberg: 3000 DM für die Textilien eines deutschen Olympioniken

Die Essener Firma Matthias Brungsberg eröffnete 1966 an der Marler Straße einen Textilbetrieb, in dem Sakkos gefertigt wurden. Über 200 Mitarbeiter/innen waren dort beschäftigt. Brungsberg wurde bundesweit bekannt, als die Fabrik 1968 in Dorsten die Olympiaanzüge für die deutschen Teilnehmer der Olympiade in Tokio und Mexiko herstellte. Um die Anzüge – wegen der hohen Temperaturen in Mexiko aus Schurwolle mit Trevira – maßgenau anzufertigen, musste ein Schneidermeister der Firma von Ausscheidungskampf zu Ausscheidungskampf für die Olympischen Spiele mitreisen, um den oder die dann feststehenden Teilnehmer auszumessen. Das dauerte mehrere Monate. Die Kosten pro Anzug waren veranschlagt mit 250 DM. Die gesamte Ausstattung eines einzelnen Olympiateilnehmers lag damals bei rund 3.000 DM.
Die Matthias Brungsberg & Co. KG hatte auch ihren Verwaltungssitz Ende 1974 von Essen nach Dorsten verlegt. In diesem Zusammenhang soll das ursprüngliche Hauptwerk in Essen, das 1947 errichtet wurde und 1953 rund 300 Mitarbeiter auf der Lohnliste hatte, Anfang 1974 aber nur noch 85 Mitarbeiter beschäftigte, aufgegeben werden. Neben den Werken in Essen und Dorsten gründete die Firma Brungsberg 1966 eine Tochtergesellschaft in Griechenland, die Anzüge, Sakkos und Hosen anfertigte (1975 mit 750 Beschäftigten). Den Vertrieb der Produkte übernahmen zwei Vertriebsgesellschaften, die Conform Brungsberg KG und die Alexis Modekleidung GmbH, die ihren Sitz ebenfalls in Dorsten hatten.

Feilgenhauer: 1946 in Dresden volksenteignet

Grundsteinlegung Feilgenhauer in Wulfen

Das Gelsenkirchener Bekleidungsunternehmen Harald Feilgenhauer siedelte sich 1969 mit einem Nähbetrieb im Bereich „Buchenhöfe“ in Wulfen-Barkenberg an und verzog dann in das Altwulfener Gewerbegebiet „Im Köhl“. Im Mai 1981 wurde der Betrieb mit vielen Frauenarbeitsplätzen vorerst geschlossen. Grund waren zurückgehende Umsatzzahlen. Das Unternehmen legte die Wulfener Betriebsstelle mit dem Gelsenkirchener Werk zusammen. In Dorsten gingen damit 220 Arbeitsplätze für Frauen verloren. Drei Jahre später, im April 1984, eröffnete Feilgenhauer erneut das Werk in Wulfen, das dann im März 1986 endgültig still gelegt wurde. 120 Näherinnen verloren ihren Arbeitsplatz.
Die „Bekleidungsunion Harald Feilgenhauer“ hatte ihren Ursprung als Familienunternehmen Anfang des 19. Jahrhunderts in Dresden und wurde 1946 „volksenteignet“. Der Inhaber Harald Feilgenhauer  gründete nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Bayern 1947 in Gelsenkirchen das Unternehmen neu und baute es innerhalb von drei Jahren zu einem leistungsfähigen Großbetrieb zur Herstellung von Kinder- und weiblicher Berufsbekleidung auf.

Früheres permaclean-Gebäude an der Marler Straaße (1978); Pressebild RN (2)

Permaclean: Textilreinigungsbetrieb an der B 225

Bestand hat in Dorsten noch das Textilreinigungsunternehmen „permaclean“ („immer sauber“), das bis 2007 der Familie Mertens gehörte und heute zur Gruppe Berendsen Textilservice GmbH gehört. Der Mertens-Betrieb war auch in den neuen Bundesländern vertreten und hatte in der Tschechischen Republik große Niederlassungen. Neben Dorsten standen permaclean-Betriebe in Berlin, Langenhagen, Böhningen/Sachsen, Dietzenbach/Offenbach, Gärtringen/Böblingen und  Dasing/München. Die Betriebe wurden vom Hauptsitz in Düsseldorf geleitet, der Dorstener Helmut Mertens war als Mitgesellschafter und Geschäftsleitungsassistent für den Dorstener Hauptbetrieb zuständig.

Blick in die Reinigungshalle 1978

Seit Juli 1968 hatte der Textil-Mietservice „permaclean“ seinen Betrieb an der Marler Straße. Hinter dem „Mietservice“ verbarg sich das Ausleihen von Arbeitskleidung mit dem dazugehörigen Service. Bei der Gründung durch den Unternehmer Klaus-Peter Mertens, der 2013 im Alter von 93 Jahren starb, wurden die 1.800 Quadratmeter große Betriebshalle und die Büros des „Hauses der Kleiderpflege“ übernommen; der Betrieb konnte aufgrund der Räumlichkeiten in den folgenden Jahrzehnten expandieren. Klaus-Peter Mertens war nicht nur ein „Pionier in Hemdsärmeln“, er verband das Anpacken auch mit Innovation und Ideen. Zu den neuen Ideen kamen neue Maschen, sprich, so genannte Mischgewebe, neue Technik, beispielsweise die bis dahin weitgehend unbekannten Wäschetrockner und die Anfang der Siebziger gerade das Bewusstsein der Menschen erobernden Computer.

Fast 94 Millionen Wäschestücke pro Jahr verliehen

Heinz-Peter Mertens nutzte diese Komponenten mehr als innovativ zu einem Mix, der die Textil-Branche fast revolutionierte. Das „Klamotten-Leasing“ wurde zunächst für mittelständische, später für Großunternehmen interessant. Der Metro-Mitarbeiter trug nicht mehr seinen eigenen Kittel, sondern den von der Firma „permaclean“ geleasten. In den Hochzeiten des Unternehmens wurden pro Jahr 93,5 Millionen Wäschestücke verliehen.
Schon zehn Jahre nach der Gründung beschäftigte das Unternehmen 50 meist weibliche Arbeitskräfte. In der Woche lag der „Produktionsstand bei einem Durchgang von 25.000 Kleidungsstücken. Die Geschäftsleitung hatte ihren Sitz in Düsseldorf und in Dorsten. Betriebsleiter in Dorsten war zunächst Heinz Neumann, Assistent der Geschäftsleitung und Mitgesellschafter war Helmut Mertens. Über 1.000 Firmen aus dem ganzen Bundesgebiet, davon über zwei Dutzend aus Dorsten, gehörten zum Kundenstamm. Der Service reichte vom Abholen über das Reinigen mit allem was dazu gehört, bis zur Anlieferung der firmeneigenen und nur ausgeliehenen Kleidung. Täglich wurden mit den blauen Lieferwagen ein paar hundert Kunden „angefahren“. Den süddeutschen Raum bediente das Auslieferungslager in Dietzenbach bei Offenbach.

Frühere permaclean-Chef Heinz-Peter Meretns ( ); Foto: privat

In die Schleusenstraße umgezogen

1988 erweiterte „permaclean“ seine Dienstleistungen. Zusammen mit der Stadt Dorsten wurde ein neues Wirtschaftsförderungs-Modell entwickelt: Die Gewährung von Steuererleichterungen durch die Stadt war gekoppelt mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze in nennenswerter Zahl. Bis 1995 war Heinz-Peter Mertens in beratender Funktion bei „permaclean“, das mittlerweile von seinen Söhnen Helmut und Rainer geleitet wurde, aktiv. 1992 zog „permaclean“ in ein neues Gebäude in unmittelbarer Nähe des alten Firmensitzes an die Schleusenstraße um. Im 25. Jubiläumsjahr 1993 waren bei „permaclean“ 350 Arbeitsnehmer und Arbeitnehmerinnen beschäftigt – in den besten Zeiten des Unternehmens waren es bis zu 700.

Zeitungen nach Hainichen gebracht

Am Rande berichtet: Noch vor der deutschen Wiedervereinigung machte sich Helmut Mertens für die Partnerschaft mit Hainichen in Sachsen stark. 1989 veranlasste er kurz vor der Wende den Transport der RN-Sonderausgabe „Hainichener Nachrichten“ (Text Wolf Stegemann, Fotos: Holger Steffe) von Dorsten nach Hainichen, die dort von Gymnasiasten an den Leser gebracht wurden und innerhalb weniger Stunden auf dem Hainicher Marktplatz für die Klassenkasse verkauft waren.

 

Dieser Beitrag wurde unter Industrie und Handel, Zurückgeblättert abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Dorstens Textil- und Bekleidungsfabriken sind Vergangenheit. 1968 wurden von Brungsberg Olympia-Anzüge geschneidert. Ex-permaclean reinigt noch immer

  1. Bürger sagt:

    Im wahrsten Sinne des Wortes fühle ich mich als unerwünschte Person in der Stadt, da sie Menschen wie mir nichts bietet, also keinen Wert auf ihren Besuch legt.

  2. Wilhelm Schürholz sagt:

    Sehr geehrter @ Bürger: Seinen Sie doch bitte so freundlich und erläutern Sie Ihre Ablehnung („persona non grata“). Dann könnte man Ihre Einstellung auch nachvollziehen und sogar darauf eingehen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Wilhelm Schürholz

  3. Bürger sagt:

    Nein, Frau von Schaum, auch ich vermisse es sehr, das kultivierte Dorsten, in dem man sich wie ein Mensch fühlte und nicht wie eine persona non grata. Das ist schon lange nicht mehr „mein Dorsten“! Seien Sie versichert, Sie sind nicht allein mit Ihren nostalgischen Gefühlen.

  4. Waltraud v. Schaum sagt:

    Ja, das war Dorstens „Goldenes Zeitalter“, als sich die Räder drehten, die
    Webschiffchen sausten und die Funken sprühten. Nostalgisch und mit der Jetzt-Zeit nicht mehr vergleichbar. Zu dieser Zeit gab es ja, man erinnere sich, noch ein gepflegtes Dorsten, in dem man nach getätigtem Einkauf in das Café Maus ging, um sich mit echter Konditorenkunst verwöhnen zu lassen. Gibt es auch nicht mehr und ist in ganz Dorsten nicht mehr zu finden. Ob es nur von mir vermisst wird, das Dorsten, das zum Flanieren und Genießen einlud und in dem der Mensch noch nicht mit Ein-Euro-Shops und Billigläden verscheucht wurde?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.