Leiche im Keller. Der Stadtkämmerer verschweigt der Öffentlichkeit die wahre Höhe der Kassenkredite

von Helmut Frenzel

9. Januar 2015. – Bei der alljährlichen Einbringung der Haushaltspläne im Rat der Stadt zeigt der Kämmerer Hubert Große-Ruiken wie schon sein Vorgänger Wolfgang Quallo regelmäßig ein Diagramm, das den steilen Anstieg der Kassenkredite seit 1999 eindrucksvoll widerspiegelt. Mit diesen Krediten werden die gewaltigen Haushaltsfehlbeträge finanziert, die die Stadt alljährlich verzeichnete. Der Kämmerer stellt sein Diagramm außer im Rat auch bei anderen Gelegenheiten vor. Die von ihm genannten Zahlen zur Entwicklung der Kredithöhe sind faktisch die einzigen in der Öffentlichkeit bekannten Zahlen zu den Kassenkrediten. Vom Stadtkämmerer persönlich vorgetragen, werden sie selbstverständlich als richtig eingestuft. Aber das ist ein Irrtum. Die Kassenkredite, mit denen die Stadt ihre Haushaltslöcher finanziert und sich über alle Maßen verschuldet hat, liegen in Wahrheit um einen zweistelligen Millionenbetrag höher. Ist es denkbar, dass der Kämmerer in der Öffentlichkeit falsche Zahlen nennt?

Entnommen aus: Haushaltsrede des Stadtkämmerers Hubert Große-Ruiken zur Einbringung des städtischen Haushalts 2014 im Rat der Stadt. Das Diagramm hat einen Schönheitsfehler: die Angaben seit 2009 sind allesamt falsch. Hinweis: durch Anklicken kann das Diagramm vergößert werden.

Zu niedrige Schuldenstände im Diagramm des Kämmerers

Seit einigen Monaten erst liegen die Jahresabschlüsse für die Jahre 2009, 2010 und 2011 vor. Sie werden nach den geltenden Bilanzierungsregeln auf der Grundlage der Ist-Zahlen erstellt und sie alleine geben ein zutreffendes Bild der Ertrags- und Vermögenslage der Stadt. Mit ihrer Fertigstellung war die Verwaltung seit Jahren in Verzug. In den Bilanzen, die Teil der Jahresabschlüsse sind, ist auch die Höhe der Kassenkredite dokumentiert. Zum Stichtag 31. Dezember 2011 werden sie mit 207,6 Millionen Euro beziffert. Das ist eine Überraschung. Denn dass die Kassenkredite schon 2011 mehr als 200 Millionen betragen haben sollen, davon war bisher nichts bekannt. Die vom Kämmerer vorgetragenen Zahlen lagen immer deutlich darunter. So bezifferte Große-Ruiken in seiner Präsentation zur Einbringung des Haushaltsplans 2015 den Schuldenstand zu Ende 2011 lediglich mit 188,7 Millionen Euro. Das ist immerhin eine Differenz von 19 Millionen Euro.

Die Abweichung in 2011 ist kein Einzelfall. Hier eine Gegenüberstellung der Zahlen:

Stand der Kassenkredite am 31. Dezember 2009:                                                                             Große-Ruiken: 148,2 Millionen Euro         Jahresabschluss: 148,7 Millionen Euro

Stand der Kassenkredite am 31. Dezember 2010:                                                                             Große-Ruiken: 168,6 Millionen Euro         Jahresabschluss: 182,7 Millionen Euro

Stand der Kassenkredite am 31. Dezember 2011:                                                                              Große-Ruiken: 188,7 Millionen Euro         Jahresabschluss: 207,6 Millionen Euro

Die Frage stellt sich, welche Zahlen die richtigen sind – die des Kämmerers oder die in den Jahresabschlüssen? Dazu gibt es nur eine Antwort: die Jahresabschlüsse sind nach den gesetzlichen Bewertungsvorschriften aufzustellen und deswegen sind ausschließlich die Angaben in den Jahresabschlüssen die richtigen. Große-Ruiken weiß das selbstverständlich und selbstverständlich sind ihm die richtigen Schuldenstände schon seit dem Ende der jeweilige Haushaltsjahre bekannt. Aber in den für Rat und Öffentlichkeit bestimmten Präsentationen nennt er andere Zahlen. Das wird am Beispiel des letzten vollen Kalenderjahrs, dem Jahr 2013, deutlich. Die aktuellsten Daten zu diesem Jahr finden sich im Haushaltsplan 2015 (HH 2015):

  • In seinem Diagramm für Rat und Öffentlichkeit beziffert der Kämmerer die Kassenkredite zum 31. Dezember 2013 mit 193,7 Millionen Euro.
  • Im Vorbericht zum Haushalt 2015 beziffert er in der Tabelle „Entwicklung der kurzfristigen Verbindlichkeiten“ ( = Kassenkredite) den Schuldenstand zum 31. Dezember 2013 dagegen mit 198,7 Millionen Euro (HH 2015, Seite 60).
  • Viele Seiten weiter nennt er in der Tabelle „Verbindlichkeitenspiegel“ den Stand der Kassenkredite zum 31. Dezember 2013 mit 216,7 Millionen Euro (HH 2015, Seite 103).

Drei verschiedene Zahlen zu ein und demselben Stichtag? In diesem Verwirrspiel gibt es nur eine Quelle, auf die man vertrauen kann: das sind die Jahresabschlüsse, sie weisen die richtigen Schuldenstände aus – alles andere wäre Bilanzfälschung. Aus dem letzten der bislang vorliegenden Jahresabschlüsse geht jedenfalls hervor, dass die Stadt zum Jahresende 2011 mit annähernd 19 Millionen Euro höher verschuldet war als vom Kämmerer in der Öffentlichkeit eingestanden.

Währungsverluste führen zu höheren Rückzahlungsverpflichtungen

Wie kommt es zu den Differenzen? Die Stadt hat vor 2009 kurzfristige Kredite in Schweizer Franken (CHF) von über 100 Millionen aufgenommen. Der Grund: Der Zinssatz lag etwa ein Prozent niedriger als bei Krediten in Euro. Allerdings war damit zwangsläufig ein Währungsrisiko verbunden und das war nicht nur eine theoretische Möglichkeit, wie sich herausstellte. Infolge der massiven Aufwertung des Schweizer Franken gegenüber dem Euro erlitt die Stadt in den Jahren 2009 bis 2011 Währungsverluste von 17 Millionen Euro. Nach den gesetzlichen Regeln müssen die CHF-Kredite wertberichtigt werden. Es erfolgt eine Zuschreibung (Erhöhung) der in Euro bilanzierten Kassenkredite; das heißt im Klartext: die Höhe der Rückzahlungsverpflichtungen in Euro steigt. Parallel dazu entsteht ein Verlust in gleicher Höhe, der in der Ergebnisrechnung zu verbuchen ist und so den Jahresfehlbetrag im städtischen Haushalt erhöht. Genau so ist es in den Jahresabschlüssen geschehen.

Verluste systematisch heruntergespielt

Der frühere Kämmerer Wolfgang Quallo vertrat allerdings den Standpunkt, dass es sich nicht um „echte“ Verluste handele. Diese träten erst ein, wenn die Kredite tatsächlich zu dem niedrigeren Kurs zurückgezahlt würden. Man könne mit der Rückzahlung der Kredite aber ja warten, bis der Kurs des Schweizer Franken sich wieder erholt habe. Grund zur Besorgnis bestehe somit nicht, so Quallo wörtlich. Im Haushaltssicherungskonzept 2011, das vom 18. Mai 2011 datiert, heißt es gar: „Bisher hat es noch keinen Kredit gegeben, bei dem die Stadt einen Zins- oder Währungsverlust erlitten hat.“ (HH 2011, Seite 64). Das war fünf Monate nach dem Ende des Jahres 2010, in dem die Stadt Währungsverluste von 13 Millionen Euro bei ihren Krediten in Schweizer Franken hinnehmen musste, die größten Verluste in einem einzelnen Haushaltsjahr. Quallo setzte darauf, dass der Wechselkurs des Euro gegenüber dem Schweizer Franken alsbald wieder auf das frühere Niveau steigt und damit die Währungsverluste ganz oder teilweise aufgeholt werden. So würden die Bürger von den eingetretenen Verlusten kaum etwas bemerken.

Die Sichtweise von Quallo ist falsch und widerspricht den geltenden gesetzlichen Vorschriften. Der Kämmerer hat keinen Ermessensspielraum, die erlittenen Verluste nach seinen privaten Maßstäben umzudeuten. Durch die Abwertung des Euro gegenüber dem Schweizer Franken sind Verluste eingetreten, auch ohne dass eine Rückzahlung erfolgt ist. Die in den Büchern der Stadt stehenden Kredite in Schweizer Franken sind nach erfolgter Wertberichtigung so zu betrachten, wie wenn sie zu dem niedrigeren Euro-Kurs aufgenommen worden wären, der am jeweiligen Bilanzstichtag galt. Das bedeutet im Gegenzug: Wenn der Euro im Verhältnis zum Schweizer Franken wieder an Wert gewinnt, führt dies zukünftig zu Währungsgewinnen. Darauf zu setzen ist indessen eine neue Runde der Währungsspekulation, denn ob es dazu kommt und gegebenenfalls wann, weiß niemand. In den letzten vier Jahren konnte davon jedenfalls keine Rede sein. Ganz im Gegenteil: die Schweizer Notenbank versucht aktuell mit allen Mitteln, eine weitere Aufwertung des Franken zu verhindern, die für Dorsten weitere Währungsverluste bedeuten würde.

Die Öffentlichkeit wurde nicht informiert

Warum verwendet Große-Ruiken nicht die Zahlen aus den Jahresabschlüssen für seine Präsentation in Rat und Öffentlichkeit? Die Antwort: die höheren Schuldenstände gemäß Jahresabschluss spiegeln, wie beschrieben, die höheren Rückzahlungsverpflichtungen infolge der eingetretenen Währungsverluste wider. Die Öffentlichkeit ist aber über die erlittenen Währungsverluste nicht informiert worden. Zwar hat die Verwaltung dem Haupt- und Finanzausschuss des Rates über die mit den Fremdwährungskrediten verbundene Problematik berichtet. Aber der Sachverhalt wurde in einer Weise dargestellt, die es Ausschussmitgliedern, die mit dem Thema Bilanzierung nicht vertraut sind, schwer macht, die Tragweite zu erfassen. Immerhin hätte in 2010, dem Jahr mit den größten Währungsverlusten, der Jahresfehlbetrag der Stadt ohne die Währungsverluste nicht 40 Millionen sondern „nur“ 27 Millionen Euro betragen. Ob die Ausschussmitglieder das verstanden haben, muss offen bleiben. Die Öffentlichkeit erfuhr jedenfalls nichts davon. In der Dorstener Tagespresse wurde zu keinem Zeitpunkt über die Währungsverluste und über die höheren Rückzahlungsverpflichtungen berichtet, das ergaben entsprechende Recherchen.

Hubert Große-Ruiken hat die Nachfolge im Amt des Kämmerers nicht dazu genutzt, reinen Tisch zu machen, sondern die Verschleierungstaktik seines Vorgängers fortgesetzt. Aber das wird zunehmend zum Problem: Wenn jetzt, nach so vielen Jahren des Verschweigens, die Schuldenstände plötzlich um Beträge in zweistelliger Millionenhöhe nach oben korrigiert werden, würde das auffallen. Es müssten die Gründe dafür genannt und die Sache mit den Währungsverlusten aufgedeckt werden. Ein Vertrauensverlust wäre unvermeidbar. Welchen anderen Grund sollte es geben, den Bürgern die wahre Höhe der Kassenkredite zu verschweigen, obwohl bekanntlich die Bürger für die Schulden der Stadt einstehen müssen und deswegen einen Anspruch darauf haben, den wahren Schuldenstand zu kennen?

Darüber hinaus steht noch eine andere Frage im Raum: Was soll werden, wenn der Zinsvorteil bei Krediten in Schweizer Franken verschwindet oder sich sogar ins Gegenteil, in einen Zinsnachteil, verkehrt? Das ist längst nicht mehr nur ein theoretisches Szenarios. Aktuell beträgt der Zinssatz bei kurzfristigen Krediten in Euro nur noch 0,05 Prozent – bei 10 Millionen Kreditsumme bedeutet das eine jährliche Zinszahlung von lediglich 5.000 Euro, so der Kämmerer Große-Ruiken kürzlich bei einer öffentlichen Veranstaltung. Will er dann weiter an dem Kredit-Engagement in Schweizer Franken festhalten und den Schaden für die Stadt so noch vergrößern? Und das nur, um nicht die „echten“ Währungsverluste eingestehen zu müssen, die längst in den Jahresabschlüssen „verarbeitet“ sind?

Verschleierungstaktik nicht mehr durchzuhalten

Auf unseren Artikel zu den Währungsverlusten in DORSTEN-transparent hat es kein Dementi gegeben, keine Aufforderung, unsere Darstellung zu korrigieren und schon gar keine Anstalten von irgendeiner Seite, das Thema öffentlich aufzugreifen und darüber zu informieren. Niemand hat eine Veranlassung gesehen zu reagieren, nicht die Ratsfraktionen, nicht einzelne Ratsmitglieder, nicht der Kämmerer und auch nicht Bürgermeister Tobias Stockhoff, der als früheres Mitglied des Haupt- und Finanzausschusses die einschlägigen Berichte der Verwaltung aus erster Hand erhalten hat und sich bei der Bedeutung der Angelegenheit durchaus zuständig fühlen könnte. Aber das Verschweigen der Angelegenheit wird nicht durchzuhalten sein. Spätestens wenn der Jahresabschluss 2014 vorliegt, kommt die Stunde der Wahrheit. Dann werden der viel höhere Stand der Kassenkredite und das Fiasko mit den Krediten in fremder Währung vor der Öffentlichkeit nicht mehr zu verheimlichen sein.

Dann könnte es aber auch um die Frage gehen: Wie ehrlich geht die Verwaltung mit den Bürgern dieser Stadt um?

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Quellen: Jahresabschlüsse 2009, 2010 und 2011; Haushaltsreden des Stadtkämmerers Große-Ruiken zur Einbringung der Haushalte 2012, 2013, 2014 und 2015; Haushalt 2011; Haushalt 2015; Beschlussvorlagen und Protokolle zu den Sitzungen des Haupt- und Finanzausschusses zum Tagesordnungspunkt „Schuldenportfoliomanagement“ am 6. April 2011, 23. Februar 2012 und 20. März 2013. Alle genannten Dokumente sind auf der Internet-Seite der Stadt Dorsten veröffentlicht und für jedermann einsehbar.
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11 Kommentare zu Leiche im Keller. Der Stadtkämmerer verschweigt der Öffentlichkeit die wahre Höhe der Kassenkredite

  1. Thomas D. sagt:

    Bürgermeister im WDR

    http://www1.wdr.de/studio/muenster/nrwinfos/nachrichten/studios92780.html

    „Der Euro hat im Vergleich zum Franken zuletzt stark an Wert verloren. Wenn die Kredite sofort ausgelöst würden, müsste die Kommune jetzt 15 Millionen Euro mehr als geplant an die Banken zurückzahlen, sagt der Dorstener Bürgermeister Tobias Stockhoff. Allerdings lassen sich die Kredite verlängern. Die Stadt setzt langfristig darauf, dass sich das Verhältnis zwischen Euro und Franken wieder stabilisiert. Dadurch würde der drohende Verlust erheblich reduziert. Bisher hatte die Kommune wegen der zuvor niedrigen Sätze immerhin 10 Millionen Euro an Zinsen gespart.“

    Anmerkung: Die 15 Millionen sind ja nur an einem Tag entstanden, was ist mit den Verlusten die vorher angefallen sind, 40 millionen+x stehen dann 10 millionen Einsparung gegenüber, die Hoffnung das sich der Schweizer Franken wieder erholt ist reine Spekulation, also Zockerei, der Franken könnte genauso gut noch weiter aufwerten und sich die Verluste noch weiter erhöhen. Das Problem ist das es keine Währungsabsicherung gab, das Land NRW hat solche Währungsabsicherungen für ihre Frankenkredite abgeschlossen. Ich würde ernsthaft über eine Klage gegen die WestLB nachdenken, Städte wie Pfortzheim haben sich so 2/3 der Verluste wieder reingeholt im Zuge der Bankenkrise. Aber mich ärgert jetzt schon, dass sich der Bürgermeister hinstellt und alles schönzureden versucht (wir haben 10 Millionen Gewinn, bei nicht erwähntem mehrfachen Verlust) und auf das Prinzip Hoffnung setzt. Das zeigt nur die Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit. Vielleicht kann man ja mit ’nem neuen Kredit darauf setzen, dass Schalke nächstes Jahr Deutscher Meister wird?!

  2. Gisela A. sagt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Frenzel,
    die örtliche Presse, seinerzeit die WAZ, hat vor ca. 3 Jahren veröffentlicht, dass die Stadt Dorsten, da sie im Schweizer Franken investiert sei, Verluste gemacht hat.
    Ich habe daraufhin den Redakteur angerufen und nachgefragt, wie denn so etwas möglich sei, da der SFR gegenüber dem Euro aufgewertet habe. Er hat dann nochmals nachgefragt und dann mitgeteilt, daß es sich um Kredite handelt. Dieses ging aus dem Artikel nicht hervor.
    Ich habe dann vor 2 Jahren in der Haushaltssitzung, in der es auch um die massive Erhöhung der Grundbesitzabgaben ging, nachgefragt, wie es möglich ist, daß man mit Steuergeldern bzw. mit Krediten spekuliert. Ich bekam dann zur Antwort, man hat keine Verluste gemacht. Mein Einwand, dass dieses nicht stimme, wurde dann nicht weiter beachtet.

  3. Thomas D. sagt:

    Jahresabschluss 2011:

    http://www.dorsten.de/stadt_dorsten/Verwaltung/Rathaus/Haushalt_2011/Jahresabschluss_2011.pdf

    Seite 115, Kredithöhe Schweizer Franken in Euro 102.455.857,85 (Kurs Ende 2011: 1,217 Euro/Franken), Kurs gestern: 0,99 Euro/Franken). Stand 2011 wären das knapp 120 Mio. Kreditschulden in Franken, was zwischen 2011 und Ende 2014 geschah ist unbekannt, in der Presse wurden aktuell 85 Millionen Kredit genannt.

    Wenn man die Abschlüsse 2009 und 2011 vergleicht, sieht man, dass man immer wieder Frankenkredite nachgekauft hat, um einen niedrigeren Einstandskurs zu erreichen in der Hoffnung, irgendwann muss es ja wieder steigen. An der Börse sagt man dazu „gutes Geld schlechtem hinterherwerfen“. Am Ende hat man ein gewaltiges Klumpenrisiko im Depot und zockt sich in den Ruin. Man muss die Frage stellen, ob jemand im Alleingang gehandelt hat oder welche Banken und Berater dort mitgewirkt (WestLB?) haben. Evtl. kann man wegen Falschberatung Klage erheben? Dorsten scheint da ja kein Einzelfall zu sein, vielleicht strebt man eine gemeinsame Klage mit Gladbeck, Essen, Oer-Erkenschwick … an?

    Anm. d. Red.: Die in der Presse genannte Zahl ist einer Statistik des Statistischen Landesamtes (it nrw) zu den Schulden der Gemeinden am 31. Dezember 2013 entnommen. Der Betrag von 85 Millionen versteht sich in Euro. Der Franken-Kurs lag am Stichtag bei 1,23. Damit umgerechnet ergibt sich ein Betrag in Schweizer Franken (CHF) von 104,6 Millionen. Die Kredite in CHF beliefen sich Ende 2011 aber auf 124,5 Millionen. Wenn nicht Teile der CHF-Kredite zurückgezahlt wurden, was unwahrscheinlich ist, müsste der Schuldenbetrag umgerechnet in Euro zum 31. Dezember 2013 demnach 101,2 Millionen Euro betragen haben. Da in der it-Statistik aber nur 85 Millionen Euro genannt sind, liegt die Vermutung nahe, dass der Kämmerer dem Statistischen Landesamt die Schulden in Schweizer Franken ohne die bilanziellen Wertberichtigungen (Zuschreibungen) infolge der erlittenen Währungsverluste gemeldet hat.
    Für diese Vermutung spricht auch, dass in der it-Statistik die kurzfristigen Schulden insgesamt mit 198,7 Millionen Euro beziffert werden, während sie im Haushalt 2014, Seite 102, („Verbindlichkeitenspiegel“) mit 216,1 Millionen Euro genannt sind.
    Möglicherweise bahnt sich hier ein handfester Skandal an.

  4. Fgarius sagt:

    Weil NRW Kommunen sich in Schweizer Franken verschuldet haben droht nun Ungemach: Die Abwertung des Euros gegen CHF kostet rund 1 Mrd. Euro. Warum Städte und Gemeinden sich ausgerechnet im Franken verschuldet haben, bleibt ungewiss – denn niedrige Zinsen gibt auch in der Eurozone… Nach der Freigabe des Schweizer Frankens drohen Kommunen in Nordrhein-Westfalen zusätzliche Kosten aus Fremdwährungskrediten von insgesamt bis zu 900 Millionen Euro. Das ergibt sich aus Berechnungen der WirtschaftsWoche auf der Basis von Erhebungen des NRW-Innenministeriums.
    Demnach haben die Kommunen des Bundeslandes insgesamt 1,8 Milliarden Euro Kredite in anderen Währungen aufgenommen, in erster Linie in Schweizer Franken. Allein Essen drücken Kredite von rund 367 Millionen Euro in Franken, Bochum 180 Millionen und Münster 118. Städte wie Dorsten (85 Millionen) und Gladbeck (70) haben sich zu mehr als 20 Prozent in Franken verschuldet. Würden sie diese Kredite zu aktuellen Wechselkursen abbezahlen, müssten sie Preisaufschläge von maximal 50 Prozent hinnehmen.

    Die Städte hatten auf die niedrigeren Zinskosten gesetzt und dabei einen stabilen Wechselkurs angenommen! Spätestens seit der Freigabe des Wechselkurses durch die Schweizerische Notenbank ist diese Annahme jedoch nicht länger zu halten.

    Quelle : http://www.mmnews.de/index.php/wirtschaft/33698-euro-franken-crash-kostet-nrw-1-mrd. Und Drucksache 471/13 vom 15.01.2014 Ratsinformationssystem. – Fgarius

  5. Thomas D. sagt:

    Chart Euro/Franken

    http://www.ariva.de/euro-schweizer-franken-kurs/chart?layout=neu

    Man sieht, dass der Euro zwischen 2003 und 2008 kontinuierlich aufgewertet hat. Das hat die Beteiligten vermutlich in Sicherheit gewogen und kann das Verhalten erklären aber nicht entschuldigen. Man setzt nicht einfach alles auf eine Karte, danach kam dann der Absturz. Vermutlich wird demnächst umgeschuldet, wenn man sich die Abhängigkeit bewusst macht. Und dann dreht der Euro wieder nach oben, weil die Kommunen die letzten sind, die kluge Investmententscheidungen treffen. Es bleibt einfach „Zockerei“.

  6. M. Wischerhoff sagt:

    Wieder mal ein sehr gut recherchierter Artikel, Herr Dr. Frenzel.
    Wahnsinn, was in Dorsten geschieht. Für mich ergeben sich hier viele Parallelen im Verhalten einiger weniger Politiker zu anderen Sachverhalten.
    So auch nachzulesen auf dieser Seite unter dem Artikel „„Kommunale Gelder sind keine Spielmasse” – Ist das Rathaus zur Zockerbude geworden? – Seit Jahren wettet Windor mit Steuergeldern – Mindestens 500.000 Euro Verlust – Erst 2013 beendet“.
    Den Kommentar darf man nicht vergessen, den der Bürgermeister a.D. damals auf Facebook hinterlassen hatte und hier unter Aktuelles abgebildet war.

    “Lambert Luetkenhorst: Wenn es nicht so dämlich wäre könnte man sich über Transparentamateure und Kommentare amüsieren…. Manchmal sollte man – bevor man zu Schreibfeder greift- den Verstand einschalten und sich mit Sachverhalten beschäftigen…. Ist anstrengend und aufwändig aber zielführend…”

    Auch zu diesem Artikel musste keine Gegendarstellung gedruckt werden…

  7. Thomas D. sagt:

    Die SNB hält den Franken nicht mehr, er wertet heute fast 15% zum Euro auf, d.h. nochmal 15 Millionen Miese für Dorsten zusätzlich, Glückwunsch :-(

  8. Thomas D. sagt:

    Das ist wirklich voll krass wegen 1% Zinsdifferenz solche Währungs-Wetten einzugehen und das für 100 Mill. (!!!) Euro. Wenn der Schweizer Franken weiter aufwertet, kann man hier endgültig Konkurs anmelden. Wer beschliesst denn so eine Sch… Das müsste denen doch bewusst sein, und die Dorstener dürfen sich das vom Mund absparen. Also derjenige, der das zu verantworten hat, müsste meiner Meinung nach zur Rechenschaft gezogen werden.

  9. WvS sagt:

    Eine gute Idee! Da würde die Stadtkasse mal wieder in Schwung gebracht, und nicht immer wäre der Bürger, der brave Zahler, der Depp.

  10. Peter Leifs sagt:

    Herr Dr. Frenzel ist ein Fachmann, er kann Bilanzen lesen, versteht die Hintergründe. Diese Fähigkeiten gehen unseren städtischen Fachleuten offensichtlich gänzlich ab. Und sie sehen keinen Grund, sich dafür zu schämen.
    Sollte Herr Dr. Frenzel sich nicht überlegen, zur nächsten Bürgermeisterwahl anzutreten? Ihm wären viele Stimmen gewiss.

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