Landesregierung warnt Städte vor leichtfertigem Umgang mit der Ansiedlung von innerstädtischen Einkaufs-Centern

von Helmut Frenzel

6. Juli 2013.- Verwaltung und Rat der Stadt Dorsten sind aktuell damit beschäftigt, den Weg für den „Mercaden“-Neubau am Lippetor zu ebnen. Mit Genugtuung verkündete der Bürgermeister, Herbert Krämer sei „wild entschlossen“, im Herbst mit dem Abriss des alten Lippetor-Centers zu beginnen. Zwar ist bisher weder bekannt, wer der oder die Ankermieter des neuen Einkaufscenters sein werden, noch gibt es verlässliche Informationen über den Stand der Vermietung; und wer das Projekt finanzieren wird, darüber weiß man auch nichts. Mit der bevorstehenden Erteilung der Baugenehmigung legt sich zwar die Stadt fest, aber der Entwickler Herbert Krämer hält sich alle Optionen offen. Das kann indes die politisch Verantwortlichen in ihrem Eifer nicht bremsen.

Sie lassen sich auch nicht von den Bedenken aufhalten, die gegen das Vorhaben sprechen. Der zu erwartende Verdrängungswettbewerb überschreitet unzweifelhaft die Grenzen der Verträglichkeit für den bestehenden innerstädtischen Einzelhandel. Der erwartete Kaufkraftzufluss aus dem Umland ist unrealistisch. Die Bevölkerung Dorstens schrumpft und altert mit entsprechenden Folgen für die Kaufkraftentwicklung der Wohnbevölkerung. Das geplante Shopping Center ist für Dorsten um etliche Nummern zu groß und deswegen wird es zu Verwerfungen in der Einzelhandelslandschaft kommen. Wer solche Bedenken äußert wird als Nörgler oder Pessimist abgestempelt. Eine Auseinandersetzung mit den im Raum stehenden Argumenten findet nicht statt.

Broschüre der Landesregierung sollte Pflichtlektüre für die Befürworter des „Mercaden“-Projekts sein

Die Sache hat allerdings einen Haken. Die Argumente gegen das Projekt sind nicht frei erfunden. Entweder finden sie sich in den Einzelhandelsgutachten, die der Stadt vorliegen, oder es handelt sich um Fakten, die jedermann beim statistischen Landesamt NRW abfragen kann. Optimismus kann diese Argumente nicht außer Kraft setzen. Die Landesregierung NRW hat offenbar erkannt, mit welcher Leichtfertigkeit sich Bürgermeister und Kommunalpolitiker über Fakten hinwegsetzen und damit die gewachsenen Strukturen in ihren Innenstädten gefährden. Wer sich ein objektives Bild von den Risiken machen möchte, die mit dem Neubau von Einkaufscentern verbunden sind, dem sei die Broschüre mit dem Titel „Zum Umgang mit großen innerstädtischen Einkaufscentern“ von Januar 2011, herausgegeben vom Ministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, zur Lektüre empfohlen. Die darin vorgestellten Ergebnisse beruhen auf Vorher-Nachher-Betrachtungen einer größeren Anzahl von Ansiedlungsfällen über zehn Jahre. Die Broschüre sollte jedem Befürworter des „Mercaden“-Neubaus zur Pflichtlektüre gemacht werden, vor allem aber den Politikern, die demnächst den Bebauungsplan für den kolossalen Neubau genehmigen werden.

Die zentralen Aussagen lassen sich in etwa so  zusammenfassen:

  •  Die Erfahrungen in den beobachteten Fällen deuten darauf hin, dass die Verkaufsflächenerweiterung durch einen Center-Neubau 15 Prozent der vorhandenen innerstädtischen Verkaufsfläche nicht überschreiten sollte. Liegt sie darüber, kommt es regelmäßig zu größeren Umwälzungen der Einzelhandelslandschaft. Die für das „Mercaden“-Projekt zulässige Flächenerweiterung beträgt demgegenüber 40 Prozent der vorhandenen innerstädtischen Verkaufsfläche und liegt damit weit jenseits des Rahmens, der eine Verträglichkeit auch nur annähernd erwarten lässt. Die negativen Auswirkungen auf den bestehenden Einzelhandel werden verstärkt, wenn das neue Einkaufscenter sich in einer Randlage zum Geschäftszentrum befindet und mit diesem nur ein „Ein-Punkt-Kontakt“ besteht. Beides ist beim „Mercaden“-Projekt der Fall.
  • Die Verträglichkeitsgutachten, die üblicherweise projektbezogen erstellt werden, sind mit Vorsicht zu genießen. Es wird dringend davon abgeraten, dass der Projektentwickler den Auftrag erteilt oder das Gutachten bezahlt. Es ist kein Fall bekannt, dass ein vom Projektentwickler beauftragtes Gutachten der vom Projektentwickler angestrebten Verkaufsflächenerweiterung die Verträglichkeit mit dem bestehenden Einzelhandel abgesprochen hätte. In Falle Dorsten ist bisher nicht klar, wer Auftraggeber des GMA-Gutachtens zum „Mercaden“-Projekt ist oder dieses bezahlt hat. Das GMA-Gutachten beurteilt die im Raum stehende Verkaufsflächenerweiterung von 12.500 qm als innenstadtverträglich.
  • Die Broschüre des Innenministeriums gibt auch Empfehlungen hinsichtlich der baulichen Verträglichkeit von Einkaufszentren, die im Falle Dorsten weitgehend missachtet werden. Nach dem bisher bekannten Planungsstand wird der Gebäudekoloss im Verhältnis zur Innenstadt ein Fremdkörper bleiben.

Die Anerkennung von Fakten nicht mit Pessimismus verwechseln

Sind alle diese Punkte Ausdruck von  Pessimismus oder kleinliche Kritik an einem großartig konzipierten Vorhaben? Wohl kaum. Kein Verantwortlicher hat sich bisher die Mühe gemacht, diese Punkte aufzugreifen und zu entkräften – wohl weil man sie  nicht entkräften kann. Also schweigt man sie einfach tot. Dabei mag eine Rolle spielen, dass sowohl Bürgermeister Lambert Lütkenhorst als auch der Projektentwickler Herbert Krämer größtes Interesse daran haben, dass das Center realisiert wird. Nachdem drei Jahre nutzlos verstrichen sind, ohne dass am Lippetor irgendetwas passiert ist, wäre ein Scheitern des Projekts eine schwere Niederlage für den Bürgermeister, und Herbert Krämer hat inzwischen beträchtliche Summen in die Entwicklung des Projekts gesteckt, die er kaum als Verlust abschreiben will. Deswegen wird dieses überdimensionierte Einkaufscenter wohl trotz aller Warnungen gebaut werden.

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2 Kommentare zu Landesregierung warnt Städte vor leichtfertigem Umgang mit der Ansiedlung von innerstädtischen Einkaufs-Centern

  1. M. Wischerhoff sagt:

    Es ist in Dorsten wirklich ein Trauerspiel. Wer sich mit den Fakten auseinandersetzt, ist ein Nestbeschmutzer und Pessimist. Und wenn das ganze wieder schief geht, dann hat keiner was gewusst oder man duckt sich weg.
    Es ist ein Abgesang auf die Politik und insbesondere auf die Lokalpresse, die schon lange nicht mehr unabhängig berichtet. Es muss die Frage gestellt werden, warum die Presse nicht einmal die Bevölkerung über diesen Husarenritt vollumfänglich aufklärt.

  2. Thomas Ruster sagt:

    Eine tote Recklinghäuser Straße hatten wir schonmal zu Zeiten des Lippetor Centers !Wenn man ein Center als Ergänzung zur Innenstadt möchte dann baut man es doch nicht wieder komplett nach innen orientiert am Ende ! der Innenstadt .Man war schon mal viel weiter als man Schulte Fatih eine Weiterführung der Lippestraße als Auflage machte ! Aber dem Projektmanager der immer sls Investor bezeichnet wird und unserem Bürgermeister der kürzlich eine erneute Amtszeit androhte scheint das alles egal zu sein !!!

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