Zensus 2011: Bei Planungen müssen die Verantwortlichen im Rathaus endlich auf die Auswirkungen des demographischen Wandels reagieren – nicht nur im schulischen Bereich

 Von Helmut Frenzel

14. Juni 2013. – Die Ergebnisse der Volkszählung vom 9. Mai 2011 (Zensus 2011) liegen seit kurzem vor. Sie machen einmal mehr deutlich, in welchem Tempo und Ausmaß sich die Altersstruktur der Bevölkerung  Dorstens ändern wird. Die heiße Phase dieser Entwicklung beginnt gerade erst. Die Auswirkungen werden immer mehr an Gewicht gewinnen und in einem über wenigstens zwei Jahrzehnte anhaltenden Prozess die Welt in Dorsten verändern.

Quelle: Statistisches Landesamt NRW, Zensus 2011, Bevölkerung Dorsten; eigene Berechnungen

Die Tabelle zeigt,  welche Faktoren die Entwicklung bestimmen. Die durchschnittliche Anzahl der Einwohner je Altersjahrgang weist auf die grundlegende Ursache der Entwicklung. Während die Altersjahrgänge der 40- bis 65-Jährigen durchschnittlich etwa 1.200 Personen zählen, sind es bei den jüngeren Altersjahrgänge nur noch durchschnittlich rund 800 Personen mit weiter sinkender Tendenz. Seit der Jahrtausendwende liegt die zahlenmäßige Stärke eines Geburtsjahrgangs bei nur noch 600 durchschnittlich. In diesen Zahlen spiegeln sich die geburtenstarken Jahrgänge der “Babyboomer” der 1950er bis Mitte der 60er Jahre wider und der abrupte Geburtenrückgang danach.

Der Altersaufbau der Dorstener Bevölkerung folgt diesem Muster. Während die Anzahl der Einwohner im Alter von  40- bis 49 Jahren 12.900 beträgt, liegt sie für die Gruppe der 30- bis 39-Jährigen bei 8.100, mehr als ein Drittel niedriger also. Die geburtenstarken Jahrgänge der “Babyboomer” steuern nun auf die Altersgrenze zu und so werden jährlich etwa 1.200 Einwohner aus der Bevölkerungsgruppe im erwerbsfähigen Alter ausscheiden. Am unteren Ende der Altersskala rücken aber nur etwa 800 Personen im Alter von 18 Jahren und jünger nach. Die Zahl der Bürger im erwerbsfähigen Alter sinkt folglich. Innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte wird sich die Schere weiter öffnen, wenn die geburtenstärksten Jahrgänge das Rentenalter erreichen und  gleichzeitig die zahlenmäßige Stärke der nachwachsenden Jahrgänge weiter zurückgeht.

Parallel dazu nimmt die Bevölkerung insgesamt ab. Zwischen der Zahl der Sterbefälle und der Zahl der Geburten klafft eine Lücke von derzeit etwa 200 jährlich. Auch hier wird sich die Schere infolge der ungünstigen Altersstruktur weiter öffnen und der demographisch bedingte Bevölkerungsschwund ansteigen.

Der demographische Wandel ist nicht mehr aufzuhalten

Diese Entwicklung ist vorgezeichnet, weil die Menschen, um die es geht, alle leben. Das real existierende Alterstableau schiebt sich im Zeitablauf unaufhaltsam der Alterung entgegen. Die einzige Variable in diesem Prozess sind die Wanderungsbewegungen. Der Wanderungssaldo hat die negativen Tendenzen in der Vergangenheit verstärkt. Die Bevölkerungsabnahme ging bisher je zur Hälfte auf das Konto der niedrigen Geburtenrate und der Wanderungsverluste. Die Prognosen unterstellen, dass Dorsten auch in Zukunft durch Abwanderung Bevölkerung verliert, und dementsprechend sehen die Perpektiven für die Einwohnerzahl Dorstens wenig erfreulich aus. Das Statistische Landesamt NRW erwartet bis 2030 einen Bevölkerungsrückgang auf 68.000. Die Zahl der Einwohner im erwerbsfähigen Alter könnte gleichzeitig auf 35.500 zurückgehen (Stand 2011: 48.500) und die Zahl der Einwohner, die 65 Jahre alt oder älter sind, auf 22.600 ansteigen (Stand 2011: 15.500). Nach 2030 wird sich der Bevölkerungsrückgang voraussichtlich beschleunigen.

Das sind die Rahmendaten, auf die die Kommunalpolitik sich einstellen muss. Dorsten muss sich kleiner setzen. Im Schulbereich ist das schon Alltag. Hinsichtlich anderer Politikfelder kann man bezweifeln, dass die Verantwortlichen die Weichen richtig stellen. Die Ergebnisse des Zensus 2011 belegen die Dynamik und die Unabänderlichkeit des demographischen Wandels. Der Glaube daran, dass ein Wunder geschieht und alles ganz anders kommt, ist keine überzeugende Grundlage für Zukunftsentscheidungen.

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2 Kommentare zu Zensus 2011: Bei Planungen müssen die Verantwortlichen im Rathaus endlich auf die Auswirkungen des demographischen Wandels reagieren – nicht nur im schulischen Bereich

  1. WvS sagt:

    Es sollte der Stadt zur Mahnung dienen, dieses Wissen um die schrumpfende Bevölkerung. (Ich kenne keinen gut ausgebildeten jungen Menschen, der in Dorsten bleiben will, in dieser „toten Stadt“.) Nur leider ist schon jetzt abzusehen, dass da etliche versuchen, ihre Grundstücke noch zu Baugrundstücken umwidmen zu lassen, immer in gutem freundschaftlichen Kontakt zu den jeweiligen Entscheidungsträgern in den zuständigen Amtsstuben. So wird Dorsten mehr und mehr an Natur verlieren, Bauruinen werden die Wege säumen. Verantwortlich gemacht werden kann natürlich niemand. Wie hatte man das wissen sollen? Dieser Bericht ist sehr hilfreich. Bevölkerung, sei wachsam!

  2. Thomas D. sagt:

    Hallo, was ist so schlimm daran, wenn die Bevölkerungszahl zurückgeht, da bleibt mehr Platz für jeden einzelnen. Dass man wegen dem demographischen Wandel als Junger Mensch vorsorgen soll, wird mir seit 20 Jahren eingetrichtert. Also ich versteh‘ die Panikmache nicht. Ist doch wurscht, ob Dorsten in 50 Jahren 60-,50- oder 40tausend Einwohner hat. Geht es da um Verlustängste des Immobilienbesitzers? Es gibt doch genug „Bunker“, die man in Dorsten abreißen könnte, um die Stadt zu verschönern. Immobilien bleiben bei höherem Angebot dann für Käufer und Mieter erschwinglich, ist doch positiv. Lebensmittel kann man mittlerweile auch im Internet bestellen, da braucht es dann nicht noch einen Honsel oder Lidl. Die neuen Mercaden, wenn sie denn gebaut werden, macht man dann halt auch wieder platt und macht eine Wiese oder Schrebergarten daraus. Viele Grüße, Thomas D.

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