Die Dorstenerin Johanna Bleidorn heiratete 1907 ihren Mann unbesehen und reiste zu ihm nach Deutsch-Neuguinea

Das Missionarsehepaar Johanna und Wilhelm Diehl unter Palmen 1909 in Deutsch-Neuguinea

Von Wolf Stegemann

Die 1881 in Dorsten geborene Johanna Bleidorn, später verheiratete Diehl, war die zweite Frau des evangelischen Papua-Missionars Wilhelm Diehl und lebte mit ihm von 1907 bis 1913 in Neuguinea (heute Papua-Neuguinea). Ihre Tagebücher wurden als Buch unter dem Titel „Jehova se nami nami /Die Tagebücher der Johanna Diehl. Missionarin in Deutsch-Neuguinea 1907-1913“ veröffentlicht.

Johanna Diehl stammte aus wirtschaftlich bescheidenen Verhältnissen. Ihr Vater war Lehrer an der 1867 von der Kirchengemeinde gegründeten evangelischen Schule in Dorsten. Bei der ersten Dorstener Kirchenvisitation 1878 besuchte Superintendent Bramesfeld auch diese Schule, um sich von der „treuen und erfolgreichen Wirksamkeit des Lehrers“ zu überzeugen. Bleidorn wurde auch mit Zustimmung des Presbyteriums ein „durchaus günstiges Zeugnis über die Amts- und Lebensführung“ ausgestellt, der sich 1884 nach Credenbach bei Hilchenbach versetzen ließ.

Haustochter bei der Dorstener Familie de Weldige-Cremer

Johannas Erziehung war durch strenge christliche Grundsätze geprägt. Ab ihrem 19. Lebensjahr nahm sie verschiedene Stellungen als Hausgehilfin und Erzieherin an, um die Eltern finanziell zu unterstützen, die noch zwei weitere Töchter hatten. Ihr Name taucht als Hausmädchen in Dorsten letztmalig 1902 in der Familie de Weldige-Cremer auf. 1906 konfrontierte der Vater seine Tochter Johanna mit der fordernden Frage, ob sie die Frau des „Rheinischen Missionars“ Wilhelm Diehl werden möchte, der in Neuguinea Witwer geworden sei. Denn der Vater hatte von einem zurückgekehrten Missionar erfahren, dass der seit 1902 in Neuguinea befindliche Diehl eine neue Frau suche. Da der Zurückgekehrte wusste, dass Diehl drei Töchter hatte, fragte er Vater Bleidorn, ob sich nicht eine der Töchter mit dem Missionar im guineaschen Urwald ehelich verbinden möchte. Weder der Vater noch die Töchter kannten den fernen heiratswilligen Witwer. Dessen erste Frau Luise starb 1904 an Schwarzwasserfieber. Nach kurzer Bedenkzeit und Austausch von Fotos willigte die 25-jährige Johanna Bleidorn in die Verlobung ein. Ihr zukünftiger Gatte Wilhelm stimmte per Telegramm kurz und bündig zu „Jawohl Gruß Wilhelm.“ Von der Kürze der Antwort war Johanna enttäuscht, wie sie ihrem Tagebuch anvertraute.

Fotografische Postkarte von 1910 aus dem Nachlass von Johanna Diehl

Hochzeitsessen mit Gänsen, Hühnern und Kartoffelsalat

Sie besuchte in aller Eile Vorbereitungskurse für Missionsfrauen im Missionshaus Barmen. 1907 packte die Fernbraut ihre Koffer und reiste mit dem Dampfer „Preußen“ von Genua durch den Suezkanal über Ceylon (Sri Lanka) und Singapur nach Hongkong. Dort stieg sie auf den Dampfer „Sigismund“ um und kam nach sechseinhalb Wochen am 3. Juli 1907 in Friedrich-Wilhelmshafen in der Astrolabe-Bucht an. Die Missionsstation Bogadijm ihres Bräutigams lag 40 Kilometer südlich davon. Nachdem sie sich neun Tage lang an ihren Verlobten und an die neuen Lebensumstände im „Kaiser-Wilhelm-Land“ gewöhnt hatte, heiratete sie den 33-jährigen Wilhelm Diehl am 12. Juni. Über ihre Hochzeit schrieb sie in ihr Tagebuch:

„Der wichtigste Tag war angebrochen, man merkte es an dem Laufen und Rennen. Da wurden Hühner gekocht und Gänse gebraten. Kartoffelsalat zubereitet und oft, sehr oft dachte ich den ganzen Tag heim, doch ich konnte keinen erwarten. Schwester Helmich [die Missionare und Missionarinnen redeten sich untereinander mit Bruder und Schwester an] kam schon früh, um zu helfen, und die kleinen Schwarzen gingen einem so nett zur Hand, und doch verging der Morgen wie im Nu. Legte mich noch ein wenig aufs Ohr, denn es war recht schwül.

[… Dann] fingen die Glocken an zu läuten. Und erst die Kirche, so mit Palmen ge­schmückt und der Altar ganz mit Blumen ausstaffiert, einzig schön! Vor dem Altare standen zwei bekränzte Stühle, auf denen wir Platz nahmen. An der einen Seite des Altars war ein Kranz gewunden in einem großen Bouquett, an der anderen ein Herz von Rosen. Bruder Helmich legte der Ansprache Psalm 25,10 ‎(,Alle Wege Jahwes sind Gnade und Treue für jene, die seinen Bund und seine Gebote bewah­ren.’)‎ zu Grunde. Eine nette, kurze Ansprache, danach mussten wir aufstehen und die Hände wurden ineinander gelegt und der Augenblick war gekommen, wo ich oder wo wir in den Hafen der Ehe eingelaufen waren. […]Die Feier war wirklich schöner als sie zu Hause sein konnte. Mein Herz hatte den einen Ton ,wünsche nichts mehr’ und auch Wilhelm sagte ,ich bin glücklich’. […]

Zuerst gab’s Hühnerbouillon in Tassen und im Nebenzimmer waren Tische gestellt mit einem kalten Büfett, wo ein jeder nach Belieben sich traktieren konnte an Gänsebraten, gekoch­tem Schinken, Kartoffelsalat, Käse, Brot, Weißwein und Kuchen, ‎(Apfelku­chen, Auflegekuchen und Rosinenkuchen)‎ und Plätzchen, verschiedenes Obst ‎(Kirschen, Mirabellen, Gurken)‎ und Most und Wein und Bier, es ging sehr nett her. Beim Essen wurde Feuerwerk angezündet und so kleine Bom­ben und Schreckschüsse fielen unzählige. […] Nun bin ich Frau, ein komisches Gefühl, dass ich nicht mehr alleine fahre, jetzt geht es zweispännig durchs Leben, und gebe der Herr Stunde um Stunde für ihn zu seiner Ehre. Möchten wir ihm stets näher kommen und uns täglich inniger lieben.“

Papua-Paar 1910 (aus dem Nachlass von Johanna Diehl)

Die frisch verheiratete nunmehrige Missionars-Ehefrau aus Dorsten, Johanna Diehl, schrieb auch in ihr Tagebuch: „Es sieht so hässlich aus, dass die Frauen nackt gehen. Die Frauen müssen tüchtig arbeiten, die Männer ruhen lieber!“ Sie hatte am Anfang Angst vor den Eingeborenen, ihr wurde viel von Aufständen erzählt. Denn drei Jahre vor ihrer Ankunft waren vier katholische Missionare und fünf Ordensschwestern auf der Insel Neupommern (heute New Britain im Bismarck-Archipel) ermordet worden. 1908 wurde die Tochter Johanna Ida (Hanni) geboren und war das einzige weiße Kind in Friedrich-Wilhlemshafen (heute Madang) und in Stephansort und deshalb für die eingeborenen Papuas eine Sensation.

Ameisen, Schlangen, Fliegen, Dauerregen, schwüle Hitze und Fieber

Aus ihrem Tagebuch ist noch anderes zu entnehmen: Die Einstellung der Weißen, auch der meisten Missionare und ihrer Frauen gegenüber den Eingeborenen war die von Kolonialherren; wenn die Papuas den Anweisungen der weißen Herren nicht folgen wollten, gab es Strafexpeditionen nach dem Motto Kaiser Wilhelms II., oberster Schutzherr der evangelischen Kirche: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ Deutsche Kolonialsoldaten erschossen dann die Schweine, brannten die Hütten nieder und zwangsrekrutierten junge Männer zum Straßenbau. Die Deutschen hatten auch ihre eigenen Probleme. Chinin war für sie wegen der starken Nebenwirkungen nicht bekömmlich, sie hatten Sprachschwierigkeiten mit dem eingeborenen Hauspersonal, sie litten unter Ameisen, Schlangen, Fliegen, Dauerregen, schwüler Hitze und Fieber. Johanna Diehl wurde krank; sie bekam Nierenprobleme. Daher verließen Wilhelm und Johanna Diehl mit ihrer Tochter Hanni und dem Papua Takari 1913 Neuguinea, reisten über Manila und Hongkong, Taiping, Singapur, Colombo, Aden, Suez, Neapel nach Genua, dann mit der Bahn ins Tropeninstitut nach Tübingen und kamen nach vierzehntägiger Quarantäne in Aßlar an, wo sie Wohnung nahmen. Ihr Papua-Begleiter war eine Sensation. Er sollte Wilhelm Diehl bei der Übersetzung der Bibel in die Bogadjimsprache helfen. Doch er wurde mit den Lebensumständen in Deutschland nicht fertig. Er starb 1917 an Lungenentzündung und hat ein heute noch gepflegtes Grab auf dem Friedhof.

Missionarsfamilie 1913 in China: hinten Wilhelma und Friedrich Diehl, daneben Wilhelm und Johanna Diehl und vorne deren Kind Hann.

1916 zog die Familie Diehl nach Gehlenbeck, wo Johannas Mann eine Anstellung als Hilfspfarrer bekam. Weitere Kinder wurden geboren: Wilhelm und Paul Gerhard, der Missionsarzt wurde. Johannas Mann starb 1940, die in Dorsten geborene Johanna Diehl 1946. Viele ihrer Nachkommen gingen in die Mission. Der „Wetzlarer Anzeiger“ veröffentlichte am 3. März 1930:

„Am Samstag kehrte nach achtjähriger Abwesenheit Frau Missionarin Wullenkord, geb. Diehl, […] aus dem Inneren von Neuguinea wieder in die Heimat zurück. Das ungesunde Klima mit seiner Malariakrankheit zwang sie, vor ihrem Mann, der dort schon mehr als 18 Jahre wirkt, die Heimreise anzutreten…“.

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Anmerkungen: Deutsch-Neuguinea war von 1899 bis 1914 deutsche Kolonie. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurden die Kolonie von australischen Truppen annektiert und die deutschen Verwaltungsbeamten und Zivilisten (219) in „Concentration Camps“ nach Australien verbracht und interniert. 1920 bzw. 1922 wurde der Rest der Deutschen (180) vertrieben. Zurück blieben einige wenige, die als Goldsucher im Busch verschwanden. – Wilhelm Diehl (1874 bis 1940 in Wuppertal) ist nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen Missionar, geboren 1877, der ebenfalls der Rheinischen Mission Barmen angehörte und in Namibia tätig war. – Die in Neuguinea 1908 geborene Tochter Johanna Ida starb im Jahre 2000 in Ehringhausen/Kreis Wetzlar. Der Sohn Wilhelm, geboren 1916 in Aßlar, starb 2003 in Hattingen. Sohn Paul wurde Missionsarzt. Ob er noch lebt ist nicht bekannt.
Quellen: Dieter Klein (Hg.): „Jehova se nami nami / Die Tagebücher der Johanna Diehl. Missionarin in Deutsch-Neuguinea 1907-1913“, Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2005, in der Reihe „Quellen und Forschungen zur Südsee“ (1). – Archiv der Rheinischen Mission Barmen. – Guido Knopp „Der Traum von der Südseeinsel“ in „Das Weltreich der Deutschen“. – Schreiben von Wilhelm Bleidorn an die Familie de Weldige-Cremer in Dorsten behufs Anstellung der Tochter vom 5. Mai 1902. – Gespräch Wolf Stegemann mit dem Autor Dieter Klein im Juni 2010. – Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Dorsten 1854 bis 1929“, hg. von der Kirchengemeinde 1929.
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2 Kommentare zu Die Dorstenerin Johanna Bleidorn heiratete 1907 ihren Mann unbesehen und reiste zu ihm nach Deutsch-Neuguinea

  1. Wilhelm Schürholz sagt:

    Ein sehr gut und sehr lesenswert geschriebener Artikel. Sich vor über 100 Jahren für einen solchen Lebensweg zu entscheiden, in der damaligen Unsicherheit, nicht wissend was sie erwartet, zeugt von einem im wahrsten Sinnes des Wortes starken „Gottvertrauen“, dass heute so nicht mehr verständlich ist. Bemerkenswert.

  2. Röserick sagt:

    Passt nur auf, ihr Schreiberlinge, dass ihr nicht bei den Papuas in der Pfanne landet. Schreibt nicht so einen Kolonialquatsch, bleibt im Dorsten-Dschungel, da gibt’s genug Natternbrut zu entdecken!

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