Josef Beuys oder Die verpasste Chance des Dorstener Kunstpublikums – Eine Erinnerung

Josef Beuys (Mitte li.) mit J. Stüttgen 1976 in Aktion: Fluxus Zone West, Kunstakademie Düsseldorf; Foto: Wolf Stegemann

Von Wolf Stegemann

Meine persönliche Bekanntschaft mit dem Künstler Joseph Beuys brachte die Idee hervor, im Sommer 1983 auf dem Dorstener Marktplatz einen Tag lang mit Joseph Beuys und einer Schar von Mitstreitern der „Freien Universität“ und „Zone Fluxus West“ ein Happening zu veranstalten. Die terminlichen, inhaltlichen und organisatorischen Konzeptionen wurden ausgearbeitet. Der Dorstener Bildhauer Antonio Filippin (heute auf den Seychellen) war ebenso dabei wie Beuys-Meisterschüler Johannes Stüttgen (Gelsenkirchen). Tisa von der Schulenburg, von Antonio Filippin animiert mitzumachen, sagte ebenfalls zu. Vorangegangen war meine in der Dorstener Lokalzeitung „Ruhr-Nachrichten“ veröffentlichte Frage an Joseph Beuys, ob er denn auch nach Dorsten käme, wenn seine Kunst hier abgelehnt werden würde, und er Anpöbelungen befürchten müsste, wie es damals gegenüber Beuys mitunter üblich war. Wörtlich sagte er: „Ja, Ablehnung bin ich gewohnt. Da ich ein Hase bin, kann ich auch Haken schlagen!“ Mit Begleitung und Mitwirkung eines WDR-Fernsehteams sollte es ein Kunst-Happening auf dem Dorstener Marktplatz werden, das diesen Tag Dorsten sicherlich zu einem Kunst-Magneten auch über die Region hinaus gemacht hätte.

"Hase", Bleistiftzeichnung von Beuys 1978 für die von Stegemann herausgegebene Gelsenkirchener Kunst- und Literaturzeitschrift "Standorte"; Privatbesitz

Kulturdezernent zeigte kein Interesse am Beuys’schen Dorsten-Projekt

Ich stellte das Konzept dem damaligen Kulturdezer- nenten der Stadt Dorsten, Werner Mörs (CDU), vor, um die Genehmigung zu erhalten, den Marktplatz nutzen zu können. Mörs winkte ab, da die Dorstener Kunstszene kein unterstützendes Interesse zeigte und  sich keine Hand rührte, dem Beuys’schen Dorsten-Projekt in irgendeiner Weise näher zu treten. Außerdem lag ihm Beuys nicht. Mörs sah keine Möglichkeiten, den Marktplatz für eine Kunstaktion zur Verfügung zu stellen

Beuys war enttäuscht und die anderen Organisatoren sicherlich noch mehr. Kurz darauf gelang Beuys mit einer von der internationalen Kunstkritik bejubelten Ausstellung in New York der internationale Durchbruch seiner Kunst und seines erweiterten Kunstbegriffs. Auf der Titelseite der „Times“ prangte sein Konterfei, was als internationale „Inthronisation“ gilt. Für Dorsten war die Chance verpasst. Beuys ließ sich nicht mehr bewegen, nach Dorsten zu kommen, obgleich er solchen Vorhaben in der Provinz stets aufgeschlossen war. Er hatte seinen Hasen-Haken geschlagen. So blieb es bei einem Interview  mit Beuys in den Dorstener „Ruhr-Nachrichten“ (heute „Dorstener Zeitung“).

Danach fand auch der Dorstener Kunstverein zu einem neuen Beuys-Verständnis. Als „Rosine“ Dorstener Kunstveranstaltungen bezeichnete der Kunstverein fünf Jahre später – Beuys war bereits 1986 gestorben – den Vortrag mit dem niederländischen Beuys-Kenner und Beuys-Freund Hans van der Grinten (heute Beuys-Museum Schloss Moyland), zu dem der Kunstverein eingeladen hatte. Die Dorstener Kunstinteressierten füllten das Forum des Bildungszentrums und diskutierten mit dem Referenten über Beuys und seinen Kunstbegriff.

Zeit seines Lebens war der Beuys’sche Kunstbegriff mit Filz, Hut und Hase sowohl verachtet als auch von einer immer größer werdenden Kunstkennerschaft angenommen worden und erfreut sich seit dem Tod des Künstlers einer breiten Wertschätzung.

 

 

 

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2 Kommentare zu Josef Beuys oder Die verpasste Chance des Dorstener Kunstpublikums – Eine Erinnerung

  1. Wilhelm Schürholz sagt:

    Einfach unbegreiflich, wie man sich damals diese für das Stadtmarketing einzigartige Chance entgehen lassen konnte.

    Unter den heutigen Umständen – mit den Verantwortlichen der Stadt, der Dorstener Kaufmannschaft und der heutigen Kunstszene – würde das Ergebnis sicher anders aussehen.

    Aber manche Chancen kommen eben nur einmal.

  2. Ja, Ja, ich wusste schon sehr früh, weshalb ich dieser liebenswerten aber doch der Kunst nicht sehr aufgeschlossenen Kleinstadt bald „Lebewohl“ sagen musste, denn hinter den Mauern lag die Welt.
    Heute in der Kunst tätig, aber in Dorsten geboren und Generationen vor mir auch, wünsche ich der Stadt Dorsten gerade in diesen Märztagen : Gottes Segen.

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