Mit der Etablierung des Frauenfußballs übernahm der FC Rhade in Dorsten eine Vorreiterrolle. Die Fußballmädchen hatten es anfangs nicht leicht, sich in der Bastion der Männerwelt zu behaupten – doch sie setzten sich durch

Von Wolf Stegemann

Frauenfußball bezeichnet die Sportart Fußball, wenn sie nur von Frauen ausgeübt wird. Das Regelwerk unterscheidet sich nach anfänglichen Abweichungen inzwischen nicht mehr von dem im „Männerfußball“. Frauenfußball galt zeitweilig als moralisch verwerflich und in vielen Staaten kämpft er noch immer um gesellschaftliche Anerkennung. Entstanden ist der „Frauenfußball“ im 12. Jahrhundert in Frankreich, wo sich Frauen genauso wie Männer an einem Spiel namens „la sioule“ beteiligten, einem Vorläufer des heutigen Fußballs. Auch bei den Inuits nahmen Frauen an einem fußballähnlichen Spiel teil. Erst Jahrhunderte später, im Jahr 1971, erlaubte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in Deutschland die Bildung von Frauenmannschaften. Frauenfußball wurde damals von vielen als Eingriff in die Männerdomäne verstanden. In jenem Jahr entstand in Dorsten der Frauenfußball. Ein Blick in die Zeit seines Entstehens und die ersten zehn Jahre seines Bestehens zeigt, dass es der Frauenfußball nicht einfach hatte. Wegen ihrer angeblich „schwächeren Natur“, so damals die offizielle Begründung des Deutschen Fußball-Bundes, mussten Frauen anfänglich eine halbjährige Winterpause einhalten. Stollenschuhe waren verboten, die Bälle kleiner und leichter als bei den Männern. Auch 90 Minuten Fußball traute man Frauen noch nicht zu. Ihre Spielzeit betrug zunächst 70, später dann 80 Minuten.

Beim Frauenfußball in Dorsten hatte der FC Rhade eine Vorreiterrolle

Das alles hat sich in den vergangenen 50 Jahren stark geändert. Vor Tagen, als die deutschen Frauen gegen die englischen Lionesses in Wembley um die Europa-Meisterschaft der Frauen spielten und den Engländerinnen den Europameister-Titel überlassen mussten, war der Damenfußball landesweit das Sport-Thema Nr. 1. Vor 50 Jahren erträumten sich die Fußballerinnen des FC Rhade (seit 2024 SSV Rhade) den Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Es blieb beim Träumen. Nicht aber beim Vorwärtskommen. Schon 1971 wurde die Idee der Gründung einer Damenfußball-Mannschaft in Rhade verwirklicht. Bei der Etablierung des Frauenfußballs in Dorsten hatte der FC Rhade eine Vorreiterrolle, bis auch andere Vereine sich dem Frauenfußball widmeten. Schon in den 1970er-Jahren kickten Damen, wenn auch nicht dauerhaft wie bei Blau-Weiß Wulfen (bis 1973). Das Frauen-Team von Rot-Weiß Dorsten spielte sogar in der Verbandsliga. Beim TuS Gahlen widmeten sich gleich drei Mitglieder dem Projekt Mädchenfußball. Doch nicht überall scheinen die Vereine die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. So hat ausgerechnet die größte Jugendabteilung der heimischen Vereine gerade einmal eine Handvoll Fußballerinnen in ihren Reihen. Auch beim SV Hardt gibt es keine Frauen- oder Mädchenmannschaft. – Das Foto zeigteingerahmt von Trainer Ludger Frerick (re) und dem Vorsitzenden Hermann Fink (li) Annette, Brigitte, Christiane, Claudia, Gabi, Gerda, Gudula, Hedwig, Manuela, Margritta, Maria, Silke und Simone.

Zuschauende Männer machten Witze über die fußballernden Frauen

Als die jungen Damen des FC Rhade sich vor 50 Jahren anschickten, mit den Füßen Ball zu spielen, gab es schon rund 365.000 in der Bundesrepublik. In Nordrhein-Westfalen gab es bereits 270 Damenmannschaften in Sachen Fußball. Im Jahr 1971 waren die Mädchen der Christlichen Arbeitnehmer-Jugend (CAJ) bereit, für die „Aktion Sorgenkind“ im Fußballdress graziös dem Ball nachzuspringen. Da wurde es damals, vor 50 Jahren, so manchem schon weh ums Herz, wenn er in diesem Zusammenhang an Goethe dachte: „Ein schöner Fuß“, so der Dichterfürst in seinen „Wahlverwandtschaften“, „ist eine große Gabe der Natur, diese Anmut ist unverwüstlich.“ Goethe hat dabei wohl mehr an das majestätische Schreiten oder das Tänzchen einer Frau gedacht, als an das Treten gegen das Leder. Die fröhlichen Fußballerinnen des FC Rhade hatten nicht nur den Lederball mit den Männern gemeinsam, sondern auch das grün-weiße Trikot. Der Trainer war auch ein Mann: Ludger Frerick, damals Realschullehrer in Rheda, der Vorsitzenden war Hermann Funk aus Gahlen. Sie alle verband vor allem die Liebe zum Fußball und der Kampfgeist auf dem Sportplatz. Den brauchten die Mädels nicht nur auf dem Platz, sondern auch gegenüber den Eltern, Freunden, Mitschülern  und Nachbarn. Denn es bestand damals bei vielen noch eine Voreingenommenheit und Skepsis gegen Fußball spielenden Mädchen und Frauen. Und die männlichen Witze über die Frauen vor ihnen auf dem Sportfeld waren nicht zu überhören. – Das Foto zeigt eine Szene mit Gerda Beerlage (re.) aus dem Spiel Rhade gegen Gelsenkirchen

Aus schrägem Publikumsspaß erwuchs bald Erfolgsachtung

Ab und zu kamen auch Verwandte der Mädchen nach Rhade zum Spiel, um sehen zu wollen, warum es denn unbedingt sein muss, dass die Mädchen gegen den Lederball treten, wo doch Fußball eine reine Männersache war. Wegen solcher Zurückhaltung gab es kaum Gedränge auf dem Platz, wenn Frauen spielten. Doch schon Anfang der 1980er-Jahre war auch in Rhade zu erkennen, dass die Ball-Frauen im Kommen waren – und somit auch Zuschauer. Aus schrägem Publikumsspaß erwuchs bald Erfolgsachtung bei den Zuschauern. Aus anfänglich männlichem Anstarren der Frauen auf dem Spielfeld wurde Staunen. In Rhade führte dazu ein  Gastspiel der Frauen in Großbritannien. Ein Jahr nach der Gründung fuhren die Rhader Fußballerinnen ins englische Canterbury, um den dortigen Fußballerinnen zu zeigen, was Rhader Mädchenbeine können. Gegen den Heimvorteil kämpften sie im kühlen Britannien mit dem Ergebnis 2:2.
Mit dem Spiel in Canterbury brachen die weiblichen Fußballbeine das Eis der Dorstener Sportwelt. Aus den umliegenden Gemeinden und Landkreisen meldeten sich immer mehr Mädchen zum FC Rhade, die den Ball treten wollten – aus einem Umkreis von 50 Kilometern, um zwei- oder dreimal in der Woche zu trainieren. Heiden, Borken, Rhede, Lette, Recklinghausen, Bottrop, Gladbeck, Dorsten-Altstadt waren noch 1983 Wohnorte der Ball-Amazonen im Rhader FC. Natürlich waren auch zwei Rhaderinnen dabei: Brigitte Bücker und Margitta Grewing.

L. Frerick holte die erfahrene Fußballerin Gerda Beerlage nach Rhade

Der Frauenfußball Rhade wurde immer mehr anerkannt und festigte sich entsprechend. Daher konnte eine „Stütze“ des Frauenfußballs „eingekauft“ werden. Nicht mit Geld wie bei den männlichen Profis. Geld bekamen die Mädchen für ihr Spiel damals nicht, auch nicht, wenn sie in einer Spitzenmannschaft spielten. Lediglich vom Vizemeister Duisburg war damals bekannt, dass eine Kilometerpauschale von 15 Pfennigen bezahlt wurde. Nicht mehr und nicht weniger. In Rhade zählte nicht das Geld, sondern Argumente und sportliche Kameradschaft, meinte damals ihr Trainer Ludger Frerick (Foto re. aus dem Jahr 1983). Trainer und Frauen-Mannschaften des mittlerweile Verbandsligisten Rhade holten dann die damals 36-jährige Gerda Beerlage von Schalke 04 nach Rhade (Foto li. aus dem Jahr 1983). Von Beruf war sie Busfahrerin in Heiden und kickte von 1968 bis 1976 in der Damenmannschaft der Spielvereinigung Marl, ließ sich dann wegen „besserer Chancen“ von Schalke abwerben. Sie  spielte in Schalke 04 um die Deutsche Meisterschaft. Ihre Frauen-Mannschaft war 1977 deutscher Vizemeister, dreimal Westfalen-Meister, fünfmal Kreispokalsieger, zweimal Bezirksmeister und 1982 Westfalenpokalsieger. Mit diesen Vorschusslorbeeren trat Gerda Beerlage Mitte 1983 in Rhade an. – Soweit die Geschichte der Anfangsjahre des Frauenfußballs im FC Rhade.

Die Rhaderinnen qualifizierten sich für den DFB-Pokal 2020/21

Nach dem Abstieg des FC Rhade aus der Westfalenliga starteten die Frauen des SSV Rhade in der Landesliga. In den 2000er-Jahren konnte die Frauenmannschaft des FC Rhade Erfolge feiern. Nach Aufstiegen in den Jahren 2005 und 2007 spielte die Mannschaft in der Landesliga. Im Jahre 2012 gelang der Aufstieg in die viertklassige Westfalenliga, ehe zwei Jahre später der Abstieg folgte. 2020 gewann der SSV Rhade den Westfalenpokal durch einen 4:1-Finalsieg über die Sportfreunde Siegen. Damit qualifizierten sich die Rhaderinnen für den DFB-Pokal 2020/21, wo die Mannschaft in der ersten Runde gegen den Zweitligisten Borussia Bocholt mit 0:1 unterlag. 2022 wurde die Mannschaft in der Westfalenliga Vizemeister hinter der zweiten Mannschaft des FSV Gütersloh 2009. Die B-Juniorinnen wurden im Jahre 2011 Westfalenmeister und schafften den Aufstieg in die Regionalliga West. Dort wurden sie zwei Jahre später Vizemeister hinter Borussia Mönchengladbach. Nach einer Vizemeisterschaft im Jahre 2018 hinter der „DJK Wacker Mecklenbeck“ gelang ein Jahr später der Aufstieg in die Westfalenliga. Die B-Juniorinnen des SSV Rhade stiegen 2016 aus der zweitklassigen Regionalliga West ab. Nach dem direkten Wiederaufstieg gelang im Jahre 2020 der Aufstieg in die Bundesliga West/Südwest. Nach zwei Jahren stieg die Mannschaft in der Saison 2021/22 als Drittletzter wieder in die Regionalliga ab.Eine der international bekanntesten Fußballerinnen gehörte einst noch als Kind dem SSV Rhade an: Dörthe Hoppius (Foto), geboren 1996. Nach ihren ersten Schritten beim BVH – hier spielte sie in einer Jungenmannschaft auf dem Holsterhausener Waldsportplatz – wechselte Dörthe Hoppius zum FC Rhade. Sie besuchte das Gymnasium Petrinum und ging dann zum Studium in die USA, wo sie eine steile Fußball-Karriere hinlegte. Nach ihrer Rückkehr entschied sie sich für den MSV Duisburg in der 1. Bundesliga. Heute gehört Dörthe Hoppius zu einer der Besten im internationalen Frauenfußball.

Frauenmannschaft des FC Rhade im Jahr 2011 – U17-Team Westfalenmeister; Foto: Pieper

Zur Sache:
1930 entstand in Frankfurt der erste deutsche „Damen-Fußball-Club“  –
Nach massiven Protesten wurde er ein Jahr später wieder aufgelöst

In Deutschland spielten Frauen noch um die Jahrhundertwende eine Art „Fußball für Frauen“, bei dem sie sich im Kreis stehend den Ball gegenseitig zuspielten. Während der Frauenfußball in anderen europäischen Ländern in den 1920er-Jahren einen ersten Höhepunkt erreichte, war der Sport in Deutschland noch eine Randerscheinung. Seine Ursprünge liegen wohl im akademischen Bereich, wobei man sich vergegenwärtigen muss, dass es in den frühen 1920er-Jahren kaum mehr als 1000 Studentinnen im Land gab. Das Spiel mit dem Ball nach Art der Männer galt als für Frauen moralisch verwerflich. So beschwerte sich der Deutsche Turnbund über die in kurzen Hosen spielenden Studentinnen der Deutschen Studentenvereinigung (DSV), solcherlei Auftreten sei „künftigen deutschen Akademikerinnen unangemessen“. Erste organisierte Spiele von Studentinnen fanden im Rahmen der Deutschen Hochschulmeisterschaften 1922 statt. Das erste dokumentierte Ergebnis eines Spiels zwischen Frauenmannschaften war 1927 ein 2:1 einer Münchner gegen eine Berliner Elf. 1930 entstand in Frankfurt der erste „Damen-Fußball-Club“; gegründet von Lotte Specht. Dieser konnte aber nur gegen Männermannschaften antreten und wurde angesichts massiver Proteste nach einem Jahr aufgelöst. Nach der Ideologie des Nationalsozialismus galt der Frauenfußball als unerwünscht, da er im Widerspruch zur eigenen Vorstellung stand, die Frauen vor allem anderen als Mütter ansah. Erst in den 1950er-Jahren kam es zu erneuten Bildungen von Frauenmannschaften als Verein oder Abteilung. In der DDR wurde 1968 mit der „BSG Empor Mitte-Dresden“ die erste Frauenfußballelf gegründet. In den Jahren 1969 bis 1971 gab es ein Frauenfußballteam beim „1. FC Union Berlin“.

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Quellen: Wolf Stegemann „Fußballmädchen erobern eine letzte Bastion der sportlichen Männerwelt“ in Ruhr-Nachrichten Dorsten (heute DZ) vom 6. August 1983; die SW-Fotos von Holger Steffe wurden diesem Artikel entnommen. – Wikipedia Frauenfußball, Aufruf 2022). – Homepage des SSV Rhade (Aufruf 2022). – Folgende Einträge in www.lexikon-dorsten.de: Sportwesen (Essay), Dörthe Hoppius, FC Rhade 1925.
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