Baldurschule Holsterhausen: 1920/21 streikten Eltern für religionslosen Unterricht. Ein Ereignis, auf das die Reichsregierung aufmerksam wurde und das die Bezirksregierung ahndete

Baldurschule 1922, im Volksmund Gottlosenschule genannt

Von Wolf Stegemann

30. Juni 2019 – Der „Ökumenischen Geschichtskreis Holsterhausen“, in persona Walter Biermann, tritt dafür ein, dass an dem Ort, wo einst die Baldurschule stand, eine Informationstafel angebracht wird, welche auf die bemerkenswerte Geschichte dieser im Volksmund als „Gottlosenschule“ genannte Volksschule hinweist. Wie kam es vor fast 100 Jahren dazu?
Streiks sind im Ruhrrevier und vor allem in Bergbaugemeinden nichts ungewöhnliches, da die Stahl- und Bergarbeiter an der Ruhr nicht nur gewerkschaftlich, sondern die meisten von ihnen auch politisch organisiert waren. Dass aber ein Schulstreik so hohe Wellen schlug, dass die Regierung in Berlin darauf aufmerksam wurde und nicht so recht wusste, wie sie den Müttern und Vätern beikommen konnte, die ihre Kinder nicht mehr zur Schule schickten – und zwar monatelang. Das hat es nicht oft gegeben. Die „Dorstener Volkszeitung“ berichtete am 18. Dezember 1920:

„Nach dem Beispiel verschiedener Orte im Industriegebiet, insbesondere in Buer und Gelsenkirchen, hat man auch hier eine Bewegung zur Einrichtung einer bekenntnisfreien d. h. weltlichen Schule ohne religiösen Einschlag inszeniert. Von sozialdemokratischer Seite propagiert, hat sich eine Freie Elternvereinigung gebildet, die mit allen Mitteln diesem Ziel zustrebt. Nachdem verschiedene Eingaben an die Regierung bis jetzt ohne Erfolg geblieben sind, hat man nunmehr sogar zu den Mitteln des Streiks gegriffen. Seit Dienstag stehen Kinder der Freien Elternvereinigung im Streik. Die katholischen Schulen werden davon weniger betroffen: es handelt sich hier um einen nur geringen Prozentsatz der Kinder. Die evangelischen Schulen weisen dagegen mehr Streikende aus.“

Die Zeitung verschweigt allerdings, dass es sich um einen ganz erheblichen Prozentsatz von Kindern in Holsterhausen und Hervest gehandelt hatte, die von ihren Eltern nicht mehr in die Schule geschickt wurden – nämlich bis zu 20 Prozent In Holsterhausen gingen 250 und in Hervest 360 bis 441 Kinder nicht mehr in die Schule. Am 2. November streikten in Holsterhausen 336 von 1.260 Schulkinder (fast 30 Prozent), im Februar 1921 waren es immerhin noch fast ein Vierte (288).

„Freie Elternvereinigung“ rief zum Schulstreik auf

Dieser Schulstreik, vor allem von sozialdemokratischen und kommunistischen Eltern, aber auch von den Bibelforschern (Zeugen Jehovas) getragen, war in der damaligen Zeit, in der es nur Bekenntnisschulen gab. ein mutiges Plädoyer für die religiös nicht gebundene Volksschule. Der Schulstreik, der über ein halbes Jahr dauerte, war aber bereits das letzte Mittel, zu dem die Eltern griffen, die sich in der „Freien Elternvereinigung” zusammengeschlossen hatten. Dieser Eskalation gingen ruhigere Gangarten voraus. Alle warteten auf ein Volksschulgesetz, das die sozialdemokratische Regierung in Berlin auf Grund der politischen Verhältnisse nicht zustande brachte, da der roten preußischen Regierung von der schwarzen Bezirksregierung in Münster Knüppel zwischen die Beine der Gesetzgebung geworfen worden waren. Nach mehreren erfolglosen Eingaben an den Kulturminister in Berlin, die Schuldeputation in Münster sowie an die Gemeinde Holsterhausen, griffen die Eltern zur Selbsthilfe. Sie behielten ihre Kinder zu Hause.
Das konnte sich der Staat nicht gefallen lassen, und es prasselten hundertfache Schulversäumnisstrafen durch die Staatsanwaltschaft, was Rektor Flunkert von der katholischen Antoniusschule zu der Bemerkung veranlasste. dass man mit den schärfsten Polizeistrafen hätte gleich drohen sollen. Fast die Hälfte der Holsterhausener wurde bestraft. Als Gegenwehr legten die Eltern Einspruch ein, was Flunkert wiederum als „Starrköpfigkeit“ bezeichnete. Die Bürokratie kam so richtig in Gang. Aber ganz so arg wollten die Behörden ihre Strafbefehle dann doch nicht vollziehen. Es musste eine politische Lösung gefunden werden und die preußische Regierung lenkte schließlich ein.
Am 12. November, während der Streik noch im vollen Gange war, reisten Vertreter des Kulturministers, des Regierungspräsidenten und der Schuldeputation der Gemeinden und die Sprecher der „Freien Elternvereinigung“ Holsterhausen, Josef Schröter (KPD Holsterhausen) und Matthias Servaty (Hervest) sowie der Gewerkschafter Karl Gröpfer nach Berlin. Ausgehandelt wurde ein Kompromiss: Anstatt einer „Freien Schule“ wurden „religionsfreie Schulklassen“ in der Holsterhausener Wilhelmschule und in der Hervester Augustaschule eingerichtet.

Religionsloser Schulunterricht wurde für verfassungswidrig erklärt

Die gutkatholische Regierung in Münster stellte sich quer und erklärte diese Schulklassen für verfassungswidrig. Die verbitterten Eltern streikten daraufhin weiter. Bis zum Frühjahr 1921 zog sich das politische Tauziehen hin, bis der preußische Kulturminister per Erlass die „weltlichen Sammelklassen“ für legal erklärte. Sie wurden Ostern 1921 an den Schulen eingerichtet und firmierten unter diesem Etikett bis 1933.

Lehrer waren größtenteils Sozialdemokraten, Prügelstrafen abgelehnt

Während es in Hervest bei den Sammelklassen blieb und der schulrevolutionäre Elan der Eltern bald verpuffte, wurde 1923 in Holsterhausen eine Schule für die „weltlichen“ Kinder gebaut, die Baldurschule, die der evangelischen Wilhelmschule untergeordnet war. Das nebenstehende Bild zeigt die Lehrerin Henning und den Lehrer Bohle in der Klasse 1928/39. Rund 150 Kinder von Sozialdemokraten, Kommunisten, Zeugen Jehovas und Freidenkern bekamen dort religionslosen Unterricht. Es wurde nicht geprügelt wie an anderen Schulen. Die Lehrer waren größtenteils Sozialdemokraten. Lehrer Buschfort, aktiver Sozialdemokrat und Vorsitzender des Reichsbanners in Holsterhausen, unterrichtete von 1925 bis 1927; August Bohle (SPD) wurde 1933 entlassen, als die Schule aufgelöst wurde. Allerdings blieben in Holsterhausen die „religionslosen“ Klassenverbände nach 1933 noch zusammen, während in anderen Städten nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Klassen aufgelöst wurden.

Einhellig wurde das freiere Klima an der Baldurschule betont

Dr. Norbert Reichling, der Mitte der achtziger Jahre die Geschichte der Freien Schule in Holsterhausen und Hervest aufarbeitete (veröffentlicht in: Stegemann/Klapsing „Dorsten zwischen Kaiserreich und Hakenkreuz“), resümiert:

„Was war es nun. was die Eltern für ihre Kinder erkämpft hatten? Zunächst einmal eine Schule, in der die vom Religionsunterricht befreiten und die vom aktiven Freidenkertum geprägten Kinder ohne Benachteiligungen und gehässige Anfeindungen lernen konnten. Auch für kleinere Minderheiten war hier ein Freiraum entstanden, wie für die Zeugen Jehovas. die mit der sozialistischen Bewegung nichts zu tun hatten, nicht „gottlos“ waren, aber religiöse Unterweisung in der Schule strikt ablehnten. Neben der Weltlichkeit wies die Freie Schule aber auch bescheidene Elemente einer neuen Pädagogik auf. Dies vor allem dann, wenn sich junge, von der sozialistischen Jugendbewegung und der Reformpädagogik geprägte Lehrer freiwillig an die weltlichen Klassen meldeten. In Gesprächen mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern der Baldurschule wird einhellig ,das andere Klima’ dieser Schule betont. Besonders von denen, die nach 1933 den Unterschied im wörtlichren Sinne am eigenen Leib verspürten. Denn eines der weinigen, ziemlich konsequent gehandelten Prinzipien freier Schulen war die Abschaffung der Prügelstrafe.“ Soweit Dr. Reichling.

Anstelle von Religion das Fach Lebenskunde

Es ist aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar, wie die Arbeit der Baldurschule (Bild: Namensgeber Gott Baldur)  eingebunden war in das Milieu einer relativ einheitlichen Arbeiterkultur Holsterhausens: Konflikte zwischen Schule und Elternhaus wurden am Rande der Reichsbanner-Sitzung besprochen, weil sich Väter und Lehrer dort selbstverständlich trafen. Arbeitslose Eltern, besonders nach der Schließung der Zeche Baldur 1930, beteiligten sich an Wanderungen und Festen. An Stelle des Religionsunterrichts trat in der Baldurschule ein lebenskundlicher Unterricht, der – je nach Altersstufe – die kindliche Moralentwicklung mit Hilfe von Sagen, Märchen, Sprichwörtern, auch biblischen Stoffen zu beeinflussen versuchte.

Jetzt auch Rassenlehre – Baldurschule wurde Opfer der NS-Schulpolitik

1934 reiste aus Bottrop der NSDAP-Parteigenosse und Studienrat Krekeler nach Dorsten, um vor dem versammelten NS-Lehrerbund von Dorsten und der Herrlichkeit Lembeck im Saal Koop in der Altstadt die Lehrer aller Schulformen über die „Grundpfeiler der Erziehung im Nationalsozialismus“ zu instruieren. Die neue Zeit bringe einen neuen Erziehertyp, sagte er. „Jeder Staat müsse die Jugend für seine Ideale erziehen.“ Wer aber für den Staat erziehen wolle, so Krekeler weiter, müsse selbst von ihm begeistert sein. „So müsse sich ein neuer Lehrertyp heranbilden, der, losgelöst vom Marxismus, ritterlich und heldisch für die hohen Ideale des Nationalsozialismus kämpfe.“ (Bericht der „Dorstener Volkszeitung“).
Die Lehrer selbst waren das erste Ziel nationalsozialistischer Indoktrination, damit die Jugend im NS-Geiste umerzogen werden konnte. Die Schnelligkeit, mit der insbesondere Volksschullehrer, von denen viele vorher Sozialdemokraten waren oder dem Zentrum angehörten, Parteiposten übernahmen, gab Anlass zu der Scherzfrage, was die kürzeste messbare Zeiteinheit sei. Die Antwort lautete: Die Zeit, die ein Volksschullehrer braucht, um seine politische Gesinnung zu ändern. So fanden sich schon im ersten Jahr nach der Machtübernahme, in der auch der „deutsche Gruß“ an Schulen eingeführt wurde, Lehrer als Schulungsleiter in den örtlichen NSDAP-Ortsgruppen oder gar als Ortsgruppenleiter wie den Holsterhausener Lehrer Heinrich Schwarz. Das Volksschulsystem in Holsterhausen wie in den Nachbargemeinden war Anfang der dreißiger Jahre gut ausgebaut und konnte im wesentlichen seine Strukturen durch die NS-Zeit erhalten, sieht man etwa von der Zusammenlegung der Wilhelmschule und Antoniusschule und Namensänderungen ab, die aber danach wieder rückgängig gemacht wurden. Lediglich die konfessionsfreie Baldurschule wurde – wohl aus ideologischen Gründen – Opfer der Nationalsozialisten. Am 1. Oktober 1936 veröffentlichte die „Nationalzeitung“ anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Wilhelmschule einen Artikel, der sich gegen die 1933 aufgelöste und der Wilhelmschule eingegliederte Baldurschule richtete:

„Wohl in keiner Gemeinde Westdeutschlands wurde ein so scharfer Kampf um die Errichtung einer weltlichen Schule geführt wie in Holsterhausen. Man bestand nicht nur darauf, dass die Kinder vom Religionsunterricht befreit wurden, sondern man wollte eigene Klassen und eigenes Lehrpersonal haben, um dann die Kinder im Sinne des jüdischen Marxismus erziehen zu können. 1922 wurde von diesen Zeitgenossen die Baldurschule bezogen. Nach der Machtübernahme war es mit der dreiklassigen weltlichen Schule, einer ausgesprochenen Erziehungsanstalt zum Klassenhass, vorbei. Die Baldurschule wurde dem System der Wilhelmschule angegliedert.“

„Du warst wohl auf der Gottlosenschule“?

Nichts erinnert mehr an dieses wichtige Kapitel Holsterhausener Schulgeschichte. Ein Beitrag in der Stadt-Festschrift von 1952 verschweigt es. Nur ab und zu, wenn in Holsterhausener Kneipen an der Theke diskutiert und gestritten wurde, dann wurden die alten Gefühlsausbrüche gegenwärtig, wenn dem andern vorgehalten wird: „Du warst wohl auf der Gottlosenschule!“


Quellen: Wolf Stegemann in „Holsterhausen im Umbruch“, Ökumenischer Geschichtskreis Holsterhausen 2007 (mit Veränderungen entnommen) . Wolf Stegemann in RN vom 25. April 1986. – Dr. Reichling „Schützt eure Kinder vor der konfessionellen Schule!“ in VK 1987. – Dr. Reichling in Wolf Stegemann/Anke Klapsing: „Zwischen Kaiserreich und Hakenkreuz“, 1987. – Dr. Reichling „Der Kampf um die freie weltliche Schule in Holsterhausen und Hervest-Dorsten 1920-23“ in VZ 1995/96. – Wolf Stegemann in Dorsten-Lexikon(2015).

 

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