Das Porträt: Petrinum-Abiturient wurde ein berühmter Zeitungswissenschaftler, war politisch unbequem und machte sich 1961 in die DDR davon: Prof. Dr. Walter Hagemann

Von Wolf Stegemann

11. März 2016. – In Dorsten drückte er die Schulbank am Gymnasium Petrinum, bekam hier seine Wissensbildung und 1918 das Abitur. Am Ende seines höchst politischen Lebenswegs als Zeitungswissenschaftler zwischen Ost und West stand der Rückblick auf ein bewegtes Leben eines der bekanntesten Publizisten Deutschlands. Er war politisch umstritten, fachlich aber nicht.

Heftige Angriffe des Wissenschaftlers auf die Zeitungsverleger

Professor Hagemann am RednerpultNach dem Besuch der Schulen in Essen und Dorsten studierte der 1900 in Euskirchen geborene Walter Hagemann in Münster, München und Leipzig Politik, Geschichte, Philosophie, Volkswirtschaft und promovierte 1921 in Berlin  bei F. Meinecke. Danach war er als Journalist tätig, bereiste Afrika und Asien, schloss sich der Zentrumspartei an, für deren Zeitung „Germania“ er arbeitete und von 1934 bis zu deren Verbot im Jahre 1938 Chefredakteur war. Arbeitslos wurde er nicht, denn er übernahm die Herausgabe eines Auslands-Pressedienstes im „Büro Heide“, das dem NS-Reichspropagandaministerium unterstand. Hagemanns Kontakt mit Heide, der Präsident des „Deutschen Zeitungswissenschaftlichen Verbandes“ war, weckte sein Interesse für zeitungswissenschaftliche Fragen. Allerdings wurde das „Büro Heide“ 1944 als „nicht kriegswichtig“ geschlossen. Nach dem Krieg arbeite Hagemann zunächst bei der „neuen Zeitung“ in München, dann übernahm er im Frühjahr 1946 die Leitung des Instituts für Zeitungswissenschaften (später Publizistik) an der Universität Münster und arbeitete parallel als Pressereferent der Bezirksregierung Münster. 1948 wurde er zum planmäßigen außerordentlichen Professor ernannt. Hagemann  gilt als einer der wegweisenden Fachgelehrten bei der Erweiterung der älteren Zeitungswissenschaft zur allgemeinen Publizistikwissenschaft. Mit dem „Nestor der Zeitungswissenschaft“, Emil Dovifat, geriet Hagemann im Verlauf der 1950er-Jahre in politische und fachliche Konkurrenz. Durch seine Filmstudien, empirischen Erhebungen („Die soziale Lage des deutschen Journalistenstandes“) und sein Standardwerk „Publizistik im Dritten Reich“ (1948) hatte sich Hagemann als führender Vertreter der damaligen Publizistikwissenschaft profiliert. In Hagemanns Aufsehen erregender Schrift „Dankt die Presse ab?“ (1957) fanden sich heftige Angriffe auf die Zeitungsverleger, während der in Berlin lehrende Dovifat eher ein partnerschaftliches Verhältnis mit den Verlegern propagierte. Hagemann schrieb auch unter dem Pseudonym Michael Bruck.

Flucht über Prag in die Deutsche Demokratische Repeublik

Reaktion der Studenten auf die Suspendierung Hagemanns 1959 in Münster

Aufgrund von  Hagemanns Engagement für die Bewegung „Kampf dem Atomtod“ und seiner Kontakte in die DDR wurde Hagemann 1959 durch den NRW-Kultusminister die Lehrbefugnis entzogen. Nach einem eher dubiosen Prozess vor dem NRW-Landesverwaltungsgericht (Verurteilung zu „endgültiger Entfernung aus dem Dienst“ und „Verlust jeglicher Pensionsansprüche“) und der drohenden strafrechtlichen Verfolgung aufgrund einer „ehebrecherischen Beziehung“ mit einer Studentin flüchtete Hagemann am 14. April 1961 über Prag in die DDR, wo er noch bis 1964 eher pro forma einen Lehrstuhl für Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität in Ostberlin vertrat. Nach dem Mauerbau 1961 stellte die Presse der DDR ein Bekenntnis Hagemanns zu den Absperrungsmaßnahmen heraus. Bei dieser Gelegenheit kennzeichnete Hagemann seinen politischen Weg als den Weg aus dem „Deutschland der Lüge in das Deutschland der Wahrheit“. – Prof. Dr. Walter Hagemann starb 1964 an Herzversagen in Potsdam.

Die politische Karriere des Dorstener Petrinumschülers

Hagemann war vor dem Dritten Reich Mitglied des Zentrums. Nach 1945 war er Gründungsmitglied der CSU in Bayern, als Professor in Münster wechselte er dann zur CDU. Nach Teilnahme an Versammlungen und Demonstrationen der damaligen bundesdeutschen außerparlamentarischen Opposition und politischen Auftritten in der DDR wurde er 1958 aus der CDU ausgeschlossen, weil er den parteipolitischen Weg der CDU in die atomare Aufrüstung der Bundeswehr öffentlich ablehnte. Nach seiner Flucht in die DDR wurde Hagemann 1962 Mitglied der Ost-CDU. 1961 wertete er den Bau der Berliner Mauer als „friedenssichernde Maßnahme“. Hagemann verfasste u. a. Artikel für die „Deutsche Volkszeitung“ und das DDR-Blatt „Neue Zeit“.

Weitgehend in Vergessenheit geraten

Sein Nachfolger als Direktor des Münsteraner Publizistik-Instituts gab 1966 Hagemanns „Grundzüge der Publizistik“ neu kommentiert heraus. Ansonsten gerieten die Leistungen und die Biographie des Dorstener Abiturienten Walter Hagemanns wegen seines Überwechselns in die DDR bis in die 1980er-Jahre hinein weitgehend in Vergessenheit. Der langjährige Redaktionsleiter der Dorstener „Ruhr Nachrichten“ (heute „DZ“) von 1964 bis 1994, Rudolf Plümpe, vergaß Hagemann nicht. Bei ihm hatte Plümpe studiert. Er erzählte oft von seinem Professor, der in die DDR „abgehauen“ war.

Zeitungsartikel des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ vom 18. August 1961. Die Zeitung berichtet stolz von der Flucht des Publizistikprofessors in die bessere DDR

Selbstständige Veröffentlichungen:Paolo Paruna. Politische Schriften. Berlin: Diss. phil. 1922; Auszug in: Jb. der Dissertationen. Berlin 1921-1922. – Das erwachende Asien. Arabien, Indien, China. Berlin 1926. – Zwischen La Pista und Hudson. Wanderungen durch Latein-Amerika. Berlin: Germania 1927. – Gestaltwandel Afrikas. Reiseskizzen. Ebd. 1928. – Die Revision der Kolonialmethoden in Afrika. 1929. –
Schilderungen aus Asien 1926Deutschland am Scheideweg. Gedanken zur Außenpolitik. Freiburg/Br. 1931. – Uns ruft Afrika! Reiseskizzen. Berlin: Dt. Verlagsgesellschaft 1943. – Der Weg in den Abgrund. München: Pflaum 1946. – Publizistik im Dritten Reich. Hansischer Gildenverlag Hamburg 1948. – Der Fahrgast aus Chikago. Erlebnisse in drei Erdteilen. Stollhamm/Oldburg: Rauschenbusch 1949. – Vom Mythos der Masse. Ein Beitrag zur Psychologie der Öffentlichkeit. Heidelberg: Vowinckel 1951. – Der Film. Wesen und Gestalt. Ebd. 1952. – Zahlr. Veröffentl. über Politik, Pressewesen, Medienentwicklung und zur Friedensforschung; postum: Grundzüge der Publizistik und Kommunikation der Gesellschaft. Von W. Hagemann und H. Prakke. Aus Anlass des gemeinsamen einhundertsten Geburtsjahres beider „Münsteraner“ Autoren hg. von D. Oppenberg und H.-D. Fischer. Neuaufl. zweier Pionierarbeiten der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in einem Bd. Hagen: ISL-Verl. 2000. – Dr. Thomas Wiedemann: Walter Hagemann. München 2012.


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Ein Kommentar zu Das Porträt: Petrinum-Abiturient wurde ein berühmter Zeitungswissenschaftler, war politisch unbequem und machte sich 1961 in die DDR davon: Prof. Dr. Walter Hagemann

  1. Oskar F. sagt:

    Was der Leser über Dorsten und seine Menschen auf Ihrer kleinen aber feinen Seite mit Niveau erfährt ist das Beste, was über Dorsten publiziert wird. Hier ist ein Könner am Werk.

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