Von Marion Taubes Kunstbegriff einer Stadt- und Industrielandschaft profitiert Dorsten. Ein Blick auf den Weg, der hinter ihr liegt und sie zurück in die Heimat brachte

Marion Taube 2015 auf der Lippe-Polder-Park-Wiese; Foto: Stegemann

Von Wolf Stegemann

30. Oktober 2015. – Etwas befangen wirkt sie schon bei der Beantwortung der Frage, warum sie, die Sprach- und Schreibgewaltige, die Studierte und Weitgereiste in Sachen Kunstübermittlung wieder in die Abgeschiedenheit von all dessen zurückkehrte, was sie verkörpert. In eine Gegend, wo Sprachgewalt als Rufen in der Wüste zum Grummeln erstickt. „Ich wollte nie zurück!“ sagte sie. Und das klang vom Tonfall her fast entschuldigend. Warum ist sie dann zurückgekehrt? Die Idee hatte ihr Mann Frank. Er hatte sich in ein Haus am Waldrand verliebt. Sie fand es nicht so beglückend und sagte ihm: „Das geht nicht, das ist Dorsten!“
Er: „Doch, das geht, dort draußen ist das Paradies!“
Sie: „Vielleicht mit neuem Namen!“
Den hatte sie, denn die 1963 in Dorsten Geborene, hier das Ursulinen-Gymnasium Absolvierende und dann aus Dorsten Verschwundene hieß damals noch Marion Zeressen; als Marion Taube kehrte sie zurück. Mittlerweile hat sie ihren eigenen „Westfälischen Frieden“ (O-Ton Taube) mit ihrer Heimatstadt an der Lippe geschlossen. Maßgeblich dazu war ihr mit dem Jüdischen Museum Westfalen initiiertes Kunst-Projekt „Anstiftung zur Stadtentdeckung“ von 2013, in der sie Kunst und Geschichte eine Symbiose eingehen ließ. Dafür erhielt sie den erstmalig vergebenen Ehrenamtspreis der Stadt Dorsten für besonderes kulturelles Engagement.

Mitglied in der Jury der Tisa von der Schulenburg-Stiftung 2007 und 2010

Einige der Bücher mit Taube-Beiträgenj

Ihr seelischer „Friedensprozess“ hatte einen längeren Vorlauf. Seit 2002 wohnt sie mit ihrer Familie in Lembeck. Nachdem sie sich mit ihrer alten Heimat neu abgefunden hatte, privatisierte sie „ganz bewusst“ in ihrem Domizil am Waldrand, das sie als ihr „Paradies mit Garten“ versteht. Für Außenstehende, die ihren Berufsweg auf Zeit „draußen in der Welt“ begleitet hatten, war sie „eigentlich ganz raus!“. Doch ließ sie neben der Erziehung ihrer Kinder und ihrer Gartenarbeit ihren Beruf nie ganz aus den Augen. Sie lernte Hella Sinnhuber kennen, eine Kollegin, sie war 2007 und 2010 Mitglied im der Jury des „Tisa von der Schulenberg-Preises der gleichnamigen Dorstener Stiftung. Sie hielt die Laudatio für die Preisträgerin Birgit Brenner, freundete sich mit ihr an und schrieb 2008 das literarisch wunderbar angelegte Vorwort in deren bei Prestel erschienenem Buch „Kunstwerkstatt Birgit Brenner“ und betätigte sich als profunde Kennerin der Landschaftsaktionskunst in der Region, vornehmlich im abgewrackten und dennoch immer noch kunsthistorisch und kunstgegenwärtig wichtigen Ruhrgebiet. Das machen ihre Essays und Zustandsbeschreibungen in entsprechenden Büchern deutlich.

Über Christo und Jeanne-Claude geschrieben

Mitherausgeberin

Zu ihren Autoren-Arbeiten gehört zum Beispiel ihr Beitrag über die Künstler Christo und Jeanne-Claude in einer Dokumentation über deren internationale Kunstaktionen (Gasometer Oberhausen, Schirme in Japan, Verhüllung des Reichstags Berlin, Ölfässer-Sperre Paris/Philadelphia). Marion Taube schrieb über die Oberhausener Gasometer-Aktion „The Wall“ mit der Überschrift „Projekt für einen erweiterten Blick“. Das Buch erschien 1999 im international renommierten Verlag Taschen (Köln, London, New York, Paris, Tokyo). Ebenfalls 1999 erschien ein prachtvoller Katalog über die Ausstellung „Kunst setzt Zeichen. Landmarken-Kunst“ in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen. Der Katalog setzt sich mit der Entdeckung der Industrielandschaft und dem ökologischen Wandel auseinander, dem die Kunst erst ein Gesicht gab. Marion Taube schreibt darin über die „Wahrnehmung von Schönheit und die Entstehung vom Kunst im Emschertal“. Auch der 2010 bei Birkhäuser in Basel erschienene und vom Regionalverband Ruhr herausgegebene Text-Bildband „Unter freiem Himmel“ befasst sich mit dem Emscher Landschaftspark. Marion Taube schrieb ein brillantes Essay „Alles auf Anfang“ über die einzigartige und unverwechselbare Landschaft als Domäne für Künstler. Nicht nur als Autorin, sondern auch als Mitherausgeberin widmete sie sich in der 217 Seiten starken Denkschrift „Der Produktive Park“ dem Emscher Landschaftspark. Das Buch erschien 2010 im Auftrag des Regionalverbandes Ruhr.

Ihre wissenschaftlichen Arbeiten und das, was sie in Dorsten mit viel Empathie und Energie „auf die Füße stellte“ wie die bereits erwähnten „Stadtentdeckungen“ 2013, das „Fundbüro für Stadtideen“ 2014, und den „Lippe-Polder-Park“ 2015 lenken den Blick zurück auf die Stationen des Berufswegs der 52-Jährigen, deren Lebens-Zug derzeit unter Dampf im „Schöning“ steht – wie lange? Darauf gibt es derzeit keine Antwort.

Deutener Herz-Jesu-Kirche gehört zu ihren Lieblingsorten

Deutener Kirche, einer ihrer LIeblingsorte

Die ersten vier Jahre ihres Lebens, die bekanntlich sehr einprägend sind, verbrachte sie in Deuten. Die gedrungen wirkende Dominikus Böhm-Kirche ist „einer ihrer absoluten Lieblingsorte“. Solche prägenden Orte sollten eine wichtige Rolle im Leben von Marion Zeressen/Taube einnehmen. Dazu gehören auch bestimmte Personen, die sie „Lebenslotsen“ nennt, wie ihr Großvater Hans Zerressen. Über ihn sagte sie: „Mein ganzes Leben, von klein auf, hat er mir Freiheit als oberstes Lebensprinzip gepredigt. Das hat mich extrem geprägt.“ Zu ihren Lebenslotsen gehört auch der „Lehrer Hans“ von der alten Pestalozzi-Schule. Er prägte ihre Liebe zur Geschichte der Stadt, als er von der Zeche Baldur erzählte, von Kohlenmeilern, von der Lippe als früheren Versorgungsfluss und vom Kanal mit seinen Kohleschiffen später. Sie verstand die Einheit von Wasser, Menschen, Landschaft und Stadt und entwickelte eine „unstillbare Sehnsucht“ nach Wasser und Grün.

TV-Nachrichten-Chef Hanns-Joachim Friedrichs: „Lebe deinen eigenen Stil“

"Lebenslotse" Hanns-Joachim Friedrichs

Im Hamburg studierte Marion Zerressen Kunstgeschichte als Hauptfach, Politikwissenschaft und Sinologie als Nebenfächer. Da zeigte sich ihre Eigenwilligkeit, ihr Schwimmen gegen den Strom, wie man das gerne nennt, denn chinesische Philosophie stand damals bei Studenten nicht oben an. Die Wandlung kam mit der Politik erst später. An der Schnittstelle ihrer Berufsausrichtung zwischen Kunst und Journalismus suchte sie die Praxis. Die fand sie als Assistentin bei dem legendären Nachrichtenmacher Hanns-Joachim Friedrichs in der Hamburger NDR-Nachrichten-Redaktion Abteilung Tagesschau/Tagesthemen. „Leb deinen eigenen Stil“, sagte er zu ihr. Sie lernte viel in diesem Metier und von Friedrichs, den Marion Taube heute zu ihren „Lebenslotsen“ zählt. Sie blieb bei ihrem Stil. Und beim Thema, als sie für eine kurze Zeit nach Dorten zurückkam, um als freie Mitarbeiterin in der Redaktion der „Dorstener Zeitung“ den Lokaljournalismus kennenzulernen. Auf dem Boden des Journalismus fühlte sie sich noch unsicher. Das sollte sich aber geben. Heute ist Marion Taube darin „weltgeübt“ und nennt das mit ihren Worten „Die Kugel läuft!“

Zehn Jahre Bereichsleiterin und Pressereferentin bei der IBA

Marion Taube (Mitte) mit ministerialem Besuch aus den Niederlanden (IBA-Zeit)

Und die Kugel lief. Für zehn Jahre stoppte die Kugel bei der IBA, der Internationalen Bauausstellung Emscher Park unter Leitung von Karl Ganser (Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr). Die IBA war ein auf zehn Jahre angelegtes Zukunftsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen zur Bewältigung der Strukturkrise im nördlichen Ruhrgebiet. Sie begann im April 1989; ihre Tätigkeit endete 1999. Die IBA trug entscheidend zu einem neuen Selbstbewusstsein der Region bei. 17 Bergbau-Kommunen waren der IBA beigetreten, aber nicht Dorsten. Marion Taube verantwortete im Team der Internationalen Bauausstellung Emscher Park als Referentin die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und als Bereichsleiterin das gesamte Thema der Landmarkenkunst und künstlerischen Interventionen im Raum.

Marion Taube erinnert sich an ihre Bewerbung bei der IBA. Da war sie noch in der DZ-Redaktion. In der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ sah sie sie Stellen-Ausschreibung. Sie bewarb sich mit dem Gedanken, dass sie die Stelle als Youngster ohne Berufserfahrung nur schwerlich bekommen wird. Tausende werden sich wohl beworben haben. Doch Marion Taube bekam sie. Die Arbeit gefiel ihr. Die Arbeitsweise und die Forderung ihres Chefs Karl Ganser, den sie auch zu ihren „Lebenslotsen“ zählt, prägte sie. „Von ihm habe ich gelernt, Nein zu sagen und unbedingt auf Qualität bei den Arbeiten zu achten, die man zu verantworten hat!“ Karl Ganser ist in Dorsten kein Unbekannter. In Wulfen-Barkenberg hat er als Abgesandter des Städtebau-Ministers Zöpel kräftig mitgewirkt.

Als nach zehn Jahren die IBA ihre Ziele erreicht hatte und sie sich auflöste, „rollte die Kugel“ weiter. Inzwischen hatte Marion Zerressen 1996 geheiratet und wurde zur Taube, die Kinder Laszlo und Ole kamen dazu. Die Taube als Freitaube ist heute ihr Markenzeichen.  Seit 2013 firmiert sie mit dem jungen, noch studierenden Grafik-Talent Jonas Wansing als FREITAUBE, das Label für kreative Stadtentdeckung.

Museum Insel Hambroich: Zusammenspiel von Kunst und Natur

Im Gespräch mit dem Unternehmer und Kunstsammler Karl-Heinrich Müller in Hombroich

Zurück zum Jahrtausendwechsel: Nach Beendigung der IBA blieb sie nach 1999 erst einmal zuhause. Ein Monat währte der Zustand. Während sie in Herne den Haushalt versorgte, ihre Zeit den Kindern zuwendete, erreichte sie ein Telefonanruf. „Frau Taube, ich wollte sie mal kennenlernen!“ sagte der Anrufer. Dieser war keine anderer als Karl-Heinrich Müller, internationaler Unternehmer und Kunstsammler aus Neuss-Hambroich. Dieses Telefongespräch war der Beginn einer inspirierenden Arbeit als Gründungsdirektorin des Kunst-Museums „Insel Hambroich“ und dessen Förderstiftung (Langen-Foundation). Das Museum ist ein besonderer Ort, jenseits des hektischen Alltags und modischer Trends. Es lädt dazu ein, sich auf die unmittelbare Begegnung mit Kunst und Natur einzulassen und die eigenen Sinne zu schärfen. Als Ort des Zusammenspiels von Bildender Kunst, Architektur und Natur liegt das Museum „Insel Hombroich“ eingebettet in eine 24 Hektar große Park- und Auenlandschaft. Zehn begehbare skulpturale Architekturen, entworfen von dem Bildhauer Erwin Heerich, präsentieren die Sammlung der Stiftung Insel Hombroich. Sie setzt Schätze des Altertums aus verschiedenen Kulturen mit Werken der klassischen Moderne bis hin zur zeitgenössischen Kunst in einen spannenden Dialog. „Unten auf der Insel war sie die Geschäftsführerin der Stiftung und Förderstiftung Insel Hombroich, „oben“ auf der inselzugehörigen Raketenstation die Gründungsdirektorin des Museumsbaus von Tadao Ando. Marion Taube blieb dort bis 2005. Schon zuvor hatte die Familie die Koffer gepackt, zog los und kam in Lembeck an. So hat sich der Kreis zum Hier und Heute geschlossen.

Marion Taube (r.) in Aktion für die Langen-Foundation

Aus ihren Kenntnissen des Studiums und der Praxis, ihren Prägungen der Lebens- und Berufserfahrungen, ihrem Reflektieren über Altes und ihre Aufgeschlossenheit für Neues und Anderes und aus ihrer Neigung zur Sinologie entwickelte Marion Taube ihre Philosophie. Die Kunst zu lieben, aber auch die Strategie, die Dinge in Bewegung zu bringen und zu halten. Sie sagt: „Die Wahrnehmung der Bewegung von einem Zustand zu einem anderen ist mein Prinzip.“

Sehsuchtsorte sind zweitrangig – sie ergeben sich

Das Wort „Sehnsuchtsort“ wird im Überschwang oft gebraucht. Das war auch in Bezug auf Marion Taubes „Lippe-Polder-Park“ zu lesen und zu hören. Sehnsuchtsorte gibt es so viele wie Verlagsregister der Reiseliteratur hergeben. Denn Sehnsucht hat meist etwas mit der Ferne zu tun. Mit etwas Entrücktem, einem Ort, den man meist nicht erreicht. Was ist ein Sehnsuchtort für Marion Taube? Sie erklärt ihn. „Home is where my heart is; ich sehne mich nur nach dem, was ich liebe, nach Mann und Söhnen. Orte sind zweitrangig, sie ergeben sich. Ich finde sie dort, wo mein Herz grad schlägt.“ Das ist derzeit Lembeck. Das ferne Reich der Mitte könnte für sie ein Sehnsuchtsort sein. Aber erst dann, wenn das Herz nicht mehr schlägt. Denn sie sagt: „China fühle ich mich innerlich verwandt, da könnte man mich beerdigen…“ Bevor das so sein sollte, wird sich ihr Leben noch weiter füllen mit Ideen, Strategien, Lieben und Sehnsüchten, von der die Dorstener und ihre Freunde noch hören und die Stadt, wenn sie imstande ist, es richtig schätzen zu wissen, auch profitieren könnte.

Lesen, lesen, lesen und lesen

Zwischendurch entspannt Marion Taube, indem sie sich durch „die Erde ihres Garten grubbert“. Sie liest viel. Sie beschreibt diesen Zustand mit: „Lesen, lesen, lesen, lesen, am liebsten im Bett, stundenlang!“ Doch sie braucht auch den Blick weg von der Bettdecke und den Buchseiten in die Weite. Den hat sie beim Segeln. Ihr Mann sei wassersüchtig, sagt sie, und machte ihm zuliebe den Segelschein, damit die Yacht auch mit ihr zum Segeln kommt. Und dennoch. Sie kann’s nicht lassen. Das Buch ist immer dabei. Lichtenberg meint in seinen Aphorismen, dass es sehr viele Mensche gebe, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen. Zu denen gehört Marion Taube nicht.

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