12. März 2015 – 70. Jahrestag der Zugbombardierung mit über 70 toten Soldaten in Holsterhausen. Stilles Gedenken auf dem Soldatenfriedhof

Regina Leue am 12. März 2015 am Grab ihres Onkels Günter Leue; Foto: Helmut Frenzel

Von Wolf Stegemann

Der 12. März 1945 war ein Montag und trotz der tief hängenden Wolkendecke ein schöner Frühlingstag. Ein Zug, voll besetzt mit meist jungen Soldaten, stand auf dem Gleis an der Holtstegge und durfte wegen eines Fliegeralarms nicht weiterfahren. Aus der tiefen Wolkendecke stießen fünf englische Python-Jagdbomber hervor, die den Zug bombardieren. Zehn Einschläge in Reihe. „Es ging alles so schnell! Ich sah nur noch schwarzen Qualm, Dreck und weißen Dampf, hörte das Geschrei der Soldaten!“ sagt ein Augenzeuge. Der Krieg war endgültig in Holsterhausen angekommen. In dem entstehenden Chaos rannten Soldaten und Sanitäter hin und her, Verwundete wurden in das Ida-Stift, zum Verbandsplatz Bonifatiusschule oder in das Reservelazarett Maria Lindenhof gebracht und 75 Leichen wie „Holz am Bahngleis aufgestapelt“. Manche der toten Soldaten waren erst 18 Jahre alt.

Enthüllung der Erinnerungstafel 2009; BM L. Lutkenhorst (vorne) und W. Stegemann (daneben)

2009 brachte der Ökumenische Geschichtskreis am Gleis eine Erinnerungstafel an, zu deren Enthüllung etliche Angehörige der toten Soldaten kamen. Letzten Donnerstag hat sich die Bombardierung des Zuges zum 70. Mal gejährt. Aus den Niederlanden kam die Nichte des Soldaten Günter Leue, der vor 70 Jahren an der Bahntrasse starb und auf dem Soldatenfriedhof im Waldfriedhof Holsterhausen bestattet ist. Es war ein stilles Gedenken. Nach 2007 und 2009 ist dies der dritte Besuch Regina Leues in Dorsten. Denn es sind zweieinhalb Stunden Bahnfahrt, um von Kerkrade nach Dorsten zu gelangen. Begleitet wurde Regina Leue bei ihrem Dorstener Aufenthalt von den Dorstenern Helmut Frenzel und Wolf Stegemann.

Nach zwei bis drei Generationen sind die Seelen erst geheilt

Oberleutnant Günter Leue

Sie hat ihren Onkel nicht persönlich gekannt, da sie erst drei Jahre nach dessen Tod geboren wurde. „Er gehört zu meiner Familiengeschichte“, sagt sie. Daher hat sie sich bemüht, mehr über ihren Onkel zu erfahren. Im Bundesarchiv fand sie Briefe ihres Onkels und im Hamburger Verwandtenkreis ebenfalls, die sie dann dem Bundesarchiv zur Verfügung stellte. Ihr Onkel, 1916 geboren, war Oberleutnant, machte den Krieg von Anfang an mit, war 1939 in Polen, 1940 in den Niederlanden, 1941/42 in Mittel- und Nordrussland, 1944 in der Nordukraine und Galizien und zuletzt  am Niederrhein, wo er dem Grenadier- Regiment 1224 angehörte, das im bombardierten Zug transportiert wurde. „Wir müssen das Andenken bewahren“, meint Regina Leue. Sie tut es im Bewusstsein, dass es zwei bis drei Generationen dauert, bis nach einem solchen Krieg die Seelen geheilt sind.

Befreite oder Besiegte?

In sinnlosen und nutzlosen wie blutigen Abwehrkämpfen versuchten die deutschen Militärs im Frühjahr 1945 das bereits verwirkte Leben ihres obersten Führers Adolf Hitler Tag für Tag weiter zu erhalten. Dafür opferten sie täglich Tausende von Soldaten an den immer näher rückenden Fronten. Der einst in den von Deutschland überfallenen Ländern stattgefundene Krieg fand schon längst auf deutschem Boden statt. Die Bevölkerung zwischen Rhein und Lippe, für die der Krieg noch nicht zu Ende war, hatte in jenen Tagen des März andere Sorgen, als sich um das Weiterleben ihres Führers zu kümmern.

Zugflak in Holsterhausen 1941, Tafeltext 2009

Tieffliegerangriffe und Bombardierungen von Städten und Dörfern bei Tag und bei Nacht, pure Existenznöte und immer noch die Bedrohungen durch nibelungentreue Parteiführer, brutale SS, ideologische Strafgerichte zum einen und Trauer in den Familien zum andern, Verwandtschaft und Nachbarschaft um Gefallene und Bombenopfer, Verschleppungen und Erschießungen bestimmten immer noch jene Tage, in denen 1,3 Millionen alliierte Soldaten am Rhein standen. Ihr Kommen zum letzten Schlag gegen die erbärmlichen Reste der geschlagenen deutschen Wehrmacht war unweigerlich und mit Hoffen und Bangen gleichermaßen verbunden. Die Diskussion in der Bevölkerung, ob sich die feindlichen Soldaten als Sieger oder Befreier gebärden würden, ob sie sich selbst als Befreite oder Besiegte fühlen sollten, lebte erst viel später auf. 1945 kamen die Alliierten als Sieger und die Deutschen waren die Besiegten und nicht die Befreiten.

Anne Frank starb an diesem Tag in Bergen-Belsen

Doch nicht nur der Soldatenzug in Holsterhausen wurde am 12. März 1945 bombardiert, sondern auch Swinemünde, wo es 20.000 Tote gab. Auf Frankfurt, Wien, Friedberg und Usedom, Dortmund, Hagen und Fröndenberg fallen Bomben und bringen Tausenden von Menschen den Tod. Im KZ Bergen-Belsen stirbt am 12. März 1945 das junge jüdische Mädchen Anne Frank, später bekannt geworden durch ihre Tagebuch. Hans Filbinger verurteilte an jenem Tag den Matrosen Gröger wegen Desertion zum Tode. Später musste er deswegen als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurücktreten. Um 11 Uhr, eine halbe Stunde bevor der Transportzug in Holsterhausen in die Luft flog, trafen Bomben den Güterbahnhof Dorsten. Es gab mehrere Tote. Historiker sagen, dass in den neun Kriegsmonaten nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 nochmals so viele deutsche Soldaten gefallen seien wie in den vorangegangenen Kriegsjahren seit September 1939. Statistisch würde das bedeuten, dass an jedem dieser Tage im Frühjahr 1945 rund 9.000 Soldaten ihr meist junges Leben ließen, um Hitlers kümmerliches Dasein unter Tage in seinem Berliner Bunker zu verlängern. Die vielen getöteten deutschen Zivilisten sind in dieser Statistik nicht mitgerechnet. Von ihnen starben im letzten Kriegsjahr statistisch gesehen täglich 7.670 in Bombenhagel der Städte und auf der Flucht.

Werner Polak beobachtete die Bombardierung

Der 13-jährige Werner Polak arbeitete auf dem kleinen nassen Feld zwischen Knappenweg und Borkener Straße, wo sich heute der Sportplatz befindet. Er wollte Mittag machen, als Voralarm ertönte. Er rannte über das Feld in ein vorbereitetes Einmann-Schutzloch und hörte das Kreischen von Zugbremsen auf der nahen Eisenbahntrasse an der Holtstegge. Er hörte Flugzeuge, blickte sich suchend um und sah fünf, die den stehenden Zug bombardierten. Im Transportzug befanden sich meist junge Angehörige der 190. Infanterie-Division. Es war ein zusammen gewürfelter Haufen Kanonenfutter, der von den Kämpfen in Arnheim zurückgenommen, in Utrecht neu aufgestellt und nun an die einbrechende Rheinfront nach Wesel geschickt wurde, um den Übergang der Alliierten am Rhein zu verhindern. Wegen des ungleichen Kräfteverhältnisses zu Lande und in der Luft war dies von vorne herein ein sinnloses Unterfangen. Noch am 10. März war ein Brief aus den Niederlanden datiert, den der Unteroffizier Adolf Maier seiner Frau Emma nach Klingenberg am Main geschrieben hatte. Zwei Tage später gehörte er in Holsterhausen zu den Toten des Transportzugs. Davon erfuhr sie erst Ende 1946.

Zug musste bei Alarm am Haltesignal stehen bleiben

Viele Tote des Zuges gehörten der 14. Kompanie im II. Bataillon des Grenadier-Regiments 1225, dem 6. Grenadier-Regiment 1222, der 6. Batterie des Artillerie-Regiments 1080, der 13. Kompanie des Grenadier-Regiments 1224, eines Fallschirm-Lehr-Regiment, und anderen Einheiten der 190. Infanterie-Division an. Sie kamen aufgefrischt, wie dies im Militärjargon heißt, von Holland, um an der Weseler Rheinfront zu kämpfen. Warum der Zug an diesem Tag wieder umkehrte, ist nicht bekannt.

Das Zuggleis in Holsterhausen; im Hintergrund die Baldurstraße damals

Die damals bestehende Eisenbahnstrecke von Wesel nach Haltern war zweispurig ausgelegt. Der bombardierte Zug führte auf Tiefladern unter Planen Kriegsmaterial mit. In Güterwagen und Personenwagen waren Soldaten untergebracht und eine Vierlingsflak sollte den Zug vor Fliegerangriffen schützen. Wegen des Flieger-Voralarms rollte der Zug langsam auf dem Gleis Richtung Haltern und kam am Haupthaltesignal an der Holtstegge zum Stehen. Es waren mindestens zehn Einschläge in Reihe, die den Zug trafen  Es gab noch einen 75. Toten, den Zugkommandanten. Der gerade sieben Jahre alte Ernst Ottens, der sich mit seinem Vater an der Böschung aufhielt, sah den Kommandanten, wie er mit vorgehaltener Pistole die bereits ausgestiegenen und Schutz suchenden Soldaten zwang, wieder in den Zug zu steigen, als die Flugzeuge kamen. Auch Hans-Georg Kramm hört, wie der Offizier die Soldaten am Aussteigen hinderte. Dies hat tragische Folgen auch für den Offizier. Als er nach der Bombardierung zum Kommissariat an der Pliesterbecker Straße ging, in dem Polizei- und Verwaltungsstellen unterbracht waren, suchten ihn seine Soldaten. Werner Tottmann erzählt von ihren erbosten Rufen: „Wo ist der Sauhund!“ Als sie ihn fanden, erschossen sie ihn in einem der lang gezogenen Schützengräben neben dem Kommissariat. Wenige Tage später war für die Holsterhausener der Krieg zu Ende. Amerikaner kamen vom Rhein her und marschierten durch Holsterhausen nach Dorsten ins Münsterland und ins Ruhrgebiet.

Die Toten der Zugbombardierung liegen auf dem Kriegsgräberfriedhof im Waldfriedhof Holsterhausen begraben. Nur wenige der Toten wurden in den Nachkriegsjahren in ihre Heimatorte überführt. Vieler der Soldaten waren erst 18 oder 19 Jahre alt.

Auszug aus dem Protokollbuch des Idastifts vom 12. März 1945

Günter Leue: Wir sind froh, wenn wir auf das linksrheinische Ufer kommen!“

Zu den wenigen Offizieren, die in dem Zug saßen und umkamen, gehörte Günter Leue, 29 Jahre alt, Oberleutnant. Drei Tage vor seinem Tod an der Bahntrasse in Holsterhausen schrieb er seinen letzten Brief, der erst nach dem Krieg die Empfängerin erreichte, seine Schwester Tine in Hamburg. Aus diesem Brief vom 9. März 1945 geht hervor, dass der Soldatenzug von Wesel kam und die von den Alliierten über den Rhein zurückgetriebenen und abgekämpften Soldaten in den Ruheraum weit hinter der Front gefahren werden sollten. Dies verhinderten die Bomben auf dem Zug.

                                                                                                                        9. III. 1945

Meine Liebe Tine!
Nun haben wir lange, schwere Tage hinter uns und halten noch etwas Boden auf der linken Seite des Rheins. Das ist die vorletzte Etappe und wir sind froh, wenn wir endgültig auf das rechtsrheinische Ufer kommen, denn der Rhein ist breit und kalt. Die letzten Tage waren natürlich sehr anstrengend und es ging auch alles sehr schnell, daß man  keine vernünftigen Gedanken mehr fassen konnte. Hoffentlich beenden wir das nun bald glücklich, denn ich persönlich hätte keine Lust, bei den jetzigen allgemeinen Verhältnissen in ein Lazarett zu [unleserlich]. Ich bin natürlich nach wie vor zuversichtlich, mache mir nun um Euch etliche Sorgen, da ich nicht weiß, wie es bei Euch aussieht.
Post von Euch steht schon lange aus. Also, für heute herzliche Grüße auch an die Eltern von Deinem Günter

Günter Leues Tod wurde erst 1952 beurkundet; er liegt im Grab Nr. 203 auf dem Kommunalen Waldfriedhof in Holsterhausen. Seine Nichte Regina Leue aus dem niederländischen Kerkrade besucht sein Grab hin und wieder, so auch am 12. März 2015

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Quelle: Der Autor recherchierte in den Jahren 2007 bis 2009 das Geschehen der Bombardierung 1945 an der Bahntrasse in Holsterhausen. Bis dahin war lediglich bekannt, dass dort ein Zug bombardiert wurde – mit vielen Toten. Wolf Stegemann veröffentlichte seine Recherchen 2009 in seinem Buch „Holsterhausen unterm Hakenkreuz“, Band 2, das vom Ökumenischen Geschichtskreis Holsterhausen herausgegebenen wurde. Die einzelnen Artikel in dem Buch:
– „Holsterhausen, Montag, 12. März 1945, 11,30 Uhr: Ein Tag am Ende des Krieges. Über 70 Tote bei Zugbombardierung“
– „Werner Polak beobachtete den Angriff – Fünf Thyphoon-Jabos warfen die Bomben“
– „Hans-Georg Kramm kauerte am Bahndamm: Einem Soldaten hing der abgerissene Arm in der Uniform“
– „Als Kind wollte Hermann Rosenboom Eisenbahner werden: Er starb mit 18 Jahren im Zug an der Holtstegge“
– „Heldentod als Opfer für das Weiterbestehen Deutschlands…“
– „Oberleutnant Günter Leue starb an der Bahntrasse; Wir sind froh, wenn wir endgültig auf das linksrheinische Ufer kommen!“
– „190. Infanterie-Division: In Hamburg aufgestellt, in Arnheim eingesetzt, im Ruhrkessel vernichtet“
– „Die Toten des Zuges“
– „Datenschutz erschwerte Recherche: Letztlich bleiben Widersprüche”
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Ein Kommentar zu 12. März 2015 – 70. Jahrestag der Zugbombardierung mit über 70 toten Soldaten in Holsterhausen. Stilles Gedenken auf dem Soldatenfriedhof

  1. Wilhelm Schürholz sagt:

    Eher zufällig hatten wir diese Gedenkstätte entdeckt. Auf eine entspannte, fröhliche, Sonntags-Fahrradtour-Stimmung legte sich ergriffenes Schweigen. Um uns dieses schreckliche Kriegsereignis zu verdeutlichen, ging ich 75 Schritte. Jeder Schritt ein Toter. Jeder Schritt ein zerstörtes Leben. Jeder Schritt eine trauernde Familie. Jeder Schritt eine vergebliche Hoffnung auf eine glückliche Rückkehr aus diesem sinnlosen Krieg. Sie glauben gar nicht, wie lang und schwer mir diese 75 Schritte waren!

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