1,7 Millionen Euro für 250 Meter Kanalpromenade im Schatten – Aufwertung der Kanaluferzone oder Geldverschwendung?

von Helmut Frenzel

24. Oktober 2014. – In der nächsten Woche tagt der Umwelt- und Planungsausschuss und wird sich unter anderem mit der Umgestaltung der Kanaluferzone nördlich des Mercaden zur „Kanalpromenade“ befassen. Die Kosten sind mit 1,7 Millionen Euro veranschlagt; 80 Prozent sollen aus Mitteln des NRW-Stadterneuerungsprogramms finanziert werden. Ziel ist die städtebauliche, funktionale und gestalterische Einbindung des Raums als Teil des Stadtumbaus Lippetor. Die Kanalpromenade soll zeitgleich mit dem neuen Einkaufscenter fertig gestellt werden.

Davids, Terfrüchte + Partner, Kanalpromenade Lippetor

Die Stadt muss einen Eigenanteil von 20 Prozent aufbringen. Das sind immerhin 340.000 Euro. Dorsten steckt in der Haushaltssanierung und die Stadtoberen weisen unaufhörlich daraufhin, dass die Stadt kaum noch handlungsfähig ist. Überall fehlt das Geld. Da erstaunt es schon, dass der Eigenanteil offenbar problemlos aufgebracht werden kann, wobei auch Folgekosten zu berücksichtigen sind. In der Vorlage zur Sitzung heißt es lapidar: die Maßnahme dürfe zu keiner Erhöhung des Budgets des Fachamtes führen und der damit gegebenenfalls verbundene Mehraufwand müsse ohne Erhöhung des Zuschussbedarfs gedeckt werden. Was das genau heißt, bleibt im Dunkeln. Entweder ist so viel „Luft“ im städtischen Haushalt oder die Gelder müssen durch Umschichtungen frei gemacht werden. Bei der Höhe des Betrages dürfte das nicht ganz so leicht sein und so stellt sich die Frage, welche anderen geplanten Maßnahmen für die Kanalpromenade geopfert werden. Die Bürger haben ein Recht darauf, das zu erfahren.

Auch ein anderer Aspekt ist von Interesse. Die Stadt hat Millionenbeträge an Förderung für den Stadtumbau im Zusammenhang mit dem neuen Einkaufscenter erhalten. Sie betreffen den Rückbau der Tunnel und die Gestaltung des neuen Lippetorplatzes und nun soll die Kanalpromenade folgen. Man erinnert sich, dass viele Bürger sich am Lippetor eine ganz andere Lösung wünschten. Sie wurden immer damit abgefertigt, dass die Stadt kein Geld habe und man deswegen einen Investor benötige – sprich: ohne neues Einkaufscenter geht nichts. Es muss die Frage erlaubt sein, ob nicht auch für ein anderes städtebauliches Konzept Fördermittel zur Verfügung gestanden hätten. Wie ehrlich waren Bürgermeister und Rat? Wenn klar gewesen wäre, dass Fördermittel auch für ein anderes Konzept zur Verfügung gestanden hätten, wäre es zu einer ergebnisoffenen Diskussion darüber gekommen, was mit dem Areal geschehen soll.

Umgestaltung der Umgebung des neuen Einkaufszentrums im Mittelpunkt

Nachdem die Entscheidung zugunsten des Einkaufscenters gefallen ist, konzentrieren sich nun alle Umbaumaßnahmen auf den Standort am Lippetor. Die geplanten Maßnahmen dienen überwiegend der Aufwertung der Umgebung des neuen Centers. Zwar schreibt die Verwaltung in ihrer Vorlage, mit der Umgestaltung des geplanten Lippetorplatzes solle die Verbindung der Kanalpromenade zur Innenstadt gestärkt werden. Aber wird diese Wirkung eintreten? Man tut sich schwer damit, das zu glauben. Denn das hat viel damit zu tun, wie die Dorstener die neu gestaltete Kanaluferzone annehmen werden. Außerdem spielt es eine Rolle, ob die Menschen aus der Innenstadt an das Kanalufer geführt werden sollen oder umgekehrt die Besucher des Kanalufers in die Innenstadt, zum Beispiel die Kunden des Mercaden. Nur im letzteren Fall wäre eine Stärkung der Innenstadt die Folge.

Für die Aufwertung der Fußgängerzone in der Altstadt wurde bisher wenig getan. Die aber hätte das dringend nötig. Seit vielen Jahren ist nichts geschehen und das schwächt den innerstädtischen Einzelhandel im Wettbewerb mit dem Mercaden zusätzlich. Die Stadt Böblingen ist einen anderen Weg gegangen. In seiner Botschaft an die Bürger zur Eröffnung der Mercaden hob der Bürgermeister hervor, dass die Stadt mit ihrer neuen Flaniermeile punkten werde. Gemeint war die Bahnhofstraße, die Verbindung zwischen dem neuen Einkaufscenter und der Innenstadt. Sie wurde zur Flaniermeile umgestaltet. Dazu der Bürgermeister: „Die Böblinger Innenstadt hat sich bereits in weiten Teilen verwandelt und verändert sich auch noch weiter. So wird zum Beispiel die neu gestaltete Flaniermeile in der Bahnhofstraße bald zum Bummeln und Verweilen einladen. Ein weiteres Beispiel einer gelungenen Neugestaltung ist der Bahnhofsvorplatz.“ (Internetseite der Stadt Böblingen, 2. Oktober 2014).

Davids, Terfrüchte + Partner, Kanalpromenade östlicher Teil mit Freifläche und Freitreppe

 

Unverhältnismäßig hohe Ausgaben für die Neugestaltung des Kanalufers

Warum die Stadt Dorsten in Anbetracht ihrer finanziellen Zwangslage einen so hohen Betrag zur Neugestaltung der Kanaluferzone ausgeben will, muss auch unter dem Aspekt der Verhältnismäßigkeit hinterfragt werden. Bei dem jetzt zur Debatte stehenden Projekt handelt es sich um ein etwa 250 Meter langes Teilstück am Kanal – es erstreckt sich ausschließlich hinter dem neuen Einkaufscenters, wo auch die Zugänge zur Hochstadenbrücke liegen. Hinzu kommen die Zuwege östlich und westlich um das Center herum und als flankierende Maßnahme eine Umgestaltung des Grünstreifens am Westwall. Dieses Teilstück soll nun zur künftigen „Kanalpromenade“ umgestaltet werden. Es liegt tagsüber während der meisten Zeit im Schatten, was sich schon beim alten Lippetorcenter als problematisch erwies. Die Bezeichnung „Promenade“ weckt Vorstellungen, die kaum erfüllbar sind. Es muss gute Gründe geben, hier einen Millionenbetrag zu investieren.

Große städtebaulichen Defizite rund um das alte Lippetorcenter 

Bei der Kanaluferzone handelt es sich um einen Raum, dessen Nutzung im Vorfeld der Entscheidung zum Bau eines neuen Einkaufscenters umstritten war. Der Plan, die Stadt zum Kanal hin zu öffnen und ihr so eine neue Dimension zu geben, ist seit drei Jahrzehnten im Gespräch. Zahllose Papiere und Gutachten haben dieses Thema zum Gegenstand. In allen spielt die Gestaltung der Kanaluferzone eine wichtige Rolle. Das Gutachten von Heinz, Jahnen und Pflüger „Städtebauliches Entwicklungskonzept Lippetor“ von 2011 enthält eine umfassende Bestandsaufnahme des unbefriedigenden Zustands. Aus der Rahmenplanung Altstadt von Ende der 1980er Jahre wird die darin enthaltene kritische Beurteilung wie folgt zitiert (Auszüge):

 „Das vorhandene Kaufhaus blockiert mit seinem massierten Baukörper den Zugang von der Altstadt (Fußgängerzone) zum Kanal. .. Vielfältige Anbindungen des Stadtkerns mit der Uferzone fehlen oder sie sind nicht attraktiv ausgebaut. .. Die Freiflächen entlang des Kanals sind unattraktiv. Sie haben keinen überzeugenden Bezug zur Altstadt, aber auch nicht zum Wasser und zur gegenüberliegenden Halbinsel. Die derzeitige Randbebauung ist keine angemessene Antwort auf die interessante ‚Wasserseite‘ des Lippe-Kanals.“

Die Gutachter legen noch nach und stufen das alte Lippetor-Center als städtebaulich unzureichend integriert ein. Der Baukörper störe die Wegebeziehungen von und nach Norden, die Wegeverbindungen für Fußgänger und Radfahrer rund um das Lippetorcenter seien unbefriedigend. Die angrenzenden Hauptverkehrsstraßen (Ost- und Westwall) stellten städteräumliche Barrieren dar. Die davon ausgehenden Immissionen hätten negative Auswirkungen auf die umliegenden Nutzungen. Die im westlichen Teil der Uferrandzone vorherrschende Grünraumstruktur sei durch das Gebäude des Lippetorcenters und die Rampenkonstruktion der Hochstadenbrücke stark beeinträchtigt.

Neues Einkaufscenter blockiert grundsätzlich andere Lösung

Als die Gutachter ihr Papier verfassten, war die Entscheidung für den Bau eines neuen Einkaufszentrums gefallen. Eine direkte städtebauliche Verzahnung von Kanal, Fußgängerbrücke und Altstadt schied nun aus. Der massive Baukörper des alten Lippetorcenters, der den unmittelbaren Zugang von der Altstadt zum Kanal verstellte, wird durch den noch massiveren neuen Baukörper des Mercaden ersetzt. Da das eigentliche Problem der fehlenden Verbindung zwischen Altstadt und Kanal bestehen bleibt, beschränkt sich das städtebauliche Strukturkonzept von Heinz, Jahnen und Pflüger im Wesentlichen auf die Wegebeziehungen um das neue Center herum und auf die Verbesserung der Aufenthaltsqualität im Bereich des Kanalufers und des nördlichen Rands der Altstadt. Die Kernpunkte dazu sind der Lippetorplatz vor dem Restaurant Goldener Anker, die Umgestaltung des Grünbereichs am Westwall und eben die Aufwertung der Kanaluferzone zur „Kanalpromenade“.

Davids, Terfrüchte + Partner, Querschnitt östlich der Hochstadenbrücke. Rechts ist die Höhe des Baukörpers des neuen Centers angedeutet.

Diese beiden Teilprojekte sind damit zu Ersatzhandlungen für die unmöglich gewordene Lösung des eigentlichen Problems geworden. Um die Idee der „Stadt am Wasser“ nicht ganz zu begraben, scheinen Verwaltung und Rat nun zeigen zu wollen, wie sehr ihnen die Sache am Herzen liegt. Damit ist man wieder bei der Umgestaltung der Kanaluferzone zur „Kanalpromenade“ und bei der Frage der Verhältnismäßigkeit. Das Teilstück, um das es geht, liegt abseits der Altstadt hinter dem Mercaden und, wie schon erwähnt, überwiegend im Schatten des hohen Gebäudes. Die Fußgänger, die dort spazieren sollen, schauen auf der einen Seite auf die rückwärtige Wand des Einkaufscenters und auf der anderen Seite auf die Spundwände des Kanals. Auf dem halben Weg trennt die betonlastige Hochstadenbrücke mit ihren Rampen den Bereich in zwei Abschnitte. Außengastronomie, die in älteren Vorschlägen eine Rolle spielte, wird es nach den jüngsten Informationen nicht geben. An beiden Enden der „Promenade“ gibt es keine besonderen Attraktionen, die zum Einstieg in die Promenade einladen. Ob die geplante Freitreppe am östlichen Zugang zur Kanaluferzone dazu einmal werden könnte, wie es die Planer prophezeien („ein neuer Szene-Ort in Dorsten“) ist ungewiss. Das ist die Konzeption, die von den hochfliegenden Ideen von „Dorsten – Stadt am Wasser “ übrig geblieben ist.

Ist die Millioneninvestition zur rechtfertigen?

Kann die geplante „Kanalpromenade“ zur erwünschten lebendigen Verbindung zwischen Kanal und Altstadt werden und die Altstadt näher an das Wasser bringen? Alles ist möglich. Der Erfolg hängt von vielen Einflussfaktoren ab. Dass aber Zweifel berechtigt sind, wird deutlich, wenn man die oben genannten kritischen Beurteilungen durchgeht und prüft, in wieweit die geplanten Maßnahmen Abhilfe schaffen. Man wird dann zu dem Ergebnis kommen, dass es genauso wahrscheinlich ist, dass die Kanalpromenade als gewöhnlicher Verbindungsweg zwischen Altstadt und Maria Lindenhof endet, vor allem genutzt von den Schülern des Petrinum, den Besuchern der Volkshochschule und der Stadtbibliothek und von anderen, die auf auf Maria Lindenhof zu tun haben und nicht mit dem Auto dorthin fahren. Schon Ansätze mangelnder Sauberhaltung und Pflege genügen und das Kanalufer wird in den alten Zustand zurückfallen. Diese Aspekte der Entscheidung müssen politisch beraten und daraufhin abgewogen werden, ob eine Millioneninvestition zu rechtfertigen ist. Es ist die Pflicht des Umwelt- und Planungsausschusses, dies zu leisten.

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Industrie und Handel, Mercaden, Einkaufscenter, Rat und Verwaltung, Städtischer Haushalt abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu 1,7 Millionen Euro für 250 Meter Kanalpromenade im Schatten – Aufwertung der Kanaluferzone oder Geldverschwendung?

  1. crisator sagt:

    Nicht immer gleich empören! Mal die Zahlen hinterfragen!
    Wenn man die zu gestaltende Fläche wie folgt aufdröselt: Eine Flächenbreite von z. B. 20 m (Fassade KH bis Kanalufer) x 250 m Länge x 300 €/m2 = 1,5 Mio. €. Für eine durchschnittlich gestaltete Platzfläche (Mischkalkulation aus Pflaster, Pflanzbeete etc.) kann man immer min. 100 € /m² rechnen. Das passt fast immer. Dann hat man aber Standardgehwegpflaster 20/10/8 in rot und nichts weiteres. Hier sind mehrere Meter Höhenunterschied (barrierefrei) zu überwinden. Dazu sind nun mal Rampen, Treppen und Stützmauern (Gabionen, L-Steine) erforderlich. Man will Aufenthaltsqualitäten schaffen. Die potenziellen Besucher wollen doch auf auf schönen Bänken (min. 800-1.500 € Stk.) sitzen. Den Müll werfen sie dann am besten in Mülleimer (min. 400-800 € Stk.). Das Fahrrad ist am Fahrrradbügel (min. 200-350 € Stk.) sicher angeschlossen. Die Enkel können auf dem Wipptierchen (min. 500-800 €) schaukeln. Damit man im Dunkeln nicht hinfällt, sind sicherlich auch noch Standleuchten bzw. Pollerleuchten (min. 800-2.500 Stk.) zu setzen. Die Bepflanzung, sicherlich Modell „Pflegeleicht“ mit Standardbodendeckern/Kleinsträuchern (40-60 €/m²) und ein paar Hochstamm-Bäume (500 € Stk.) sorgen dann für ein wenig grüne Kulisse.
    Kinners, was wollt ihr? Die hängenden Gärten von Semiramis für 200.000 € ?
    Alles, wo Höhenunterschiede im Spiel sind und etwas Qualität Ästethik generiert werden soll, kostet auch etwas mehr. Das Planungsbüro DTP hat einen sehr smarten Stil, das es auch mit einfachen Gestaltungsmitteln schafft, kreative Konzepte zu erarbeiten. (Bin unabhängig, aber ebenfalls Planer). Wie würde der Bereich wohl später aussehen, wenn keine Zuschüsse zur Verfügung stehen würden?

  2. Thomas D. sagt:

    Hm, find ich jetzt nicht zu teuer. Und wenn man 80 % geschenkt bekommt, find‘ ich das Investment OK; macht für jeden Dorstener nicht einmal 5 Euro, wenn es dann die ganze Sache etwas abrundet – warum nicht. Ich denke, es gibt schlimmere Sünden.