Die Schultüte im Wandel der Zeiten und Inhalte. Sie hilft immer noch, den ersten Schultag zu versüßen. Ein deutscher Brauch, der sich landesweit durchgesetzt hat

Von Wolf Stegemann

22. August 2014. – Rund 600 i-Dötze wurden in dieser Woche auf 26 Dorstener Schulen verteilt, in denen für sie der „Ernst des Lebens“ begann. Um diesen Lebenseinschnitt zu versüßen, hatten die meisten in der Hand eine Schultüte, gefüllt mit tollen Sachen. Was hat es mit diesen Tüten, von denen manche halb so groß sind wie die Kinder selbst, auf sich? Eine eindeutiges Datum und einen genauen Ort für die Entstehung der Schultüte gibt es nicht. Bekannt ist aber, dass der Brauch, dem Kind mit einer „Zuckertüte“ den Schulanfang zu versüßen, vornehmlich in evangelischen Gebieten praktiziert wurde. Katholiken kannten diesen Brauch anfangs nicht. Um 1810 wurde in Sachsen verkündet, dass „kleinen Menschen der erste Abschied vom Elternhaus mit einer ,Zuggodühde’ versüßt wurde“. Sieben Jahre später steht in einem „Intelligenzblatt“, dass „1817 ein Schüler in Jena eine mächtige Tüte Konfekt zur Einschulung“ erhalten habe.

Postkarte um 1910

Erstes Zuckertüten-Buch 1852 erschienen

1852 – also 35 Jahre später – erschien in Dresden das Bilderbuch „Zuckertütenbuch für alle Kinder, die zum ersten Mal in die Schule gehen“. Empfohlen wurde dieses Buch sogar von der „Allgemeinen deutschen Lehrerzeitung“. Ähnlich, aber noch einmal 70 Jahre später (1920), wurde „Der Zuckertütenbaum“ von A. Sixtus veröffentlicht. Einige Brauchtumsforscher führen die süßen Geschenke zum Schulanfang auf den Brauch der jüdischen Gemeinden zurück, Kindern zur Beginn ihres an der Tora ausgerichteten Schullebens süßes Buchstabengebäck zu schenken als Erinnerung an den Psalm-Vers „Dein Wort ist in meinem Munde süßer als Honig“ (Psalm 119). Dass damit aber die Erfindung der Schultüte auf einen jüdischen Brauch zurückgehe, dürfte eine „gewagte Hypothese“ sein, wie Rabbiner meinen.

Agnes Hürland hatte keine Schultüte – aber es gab sie in Holsterhausen

„Schultüte? Nein, wir hatten keine! Auf dem katholischen Land waren Zuckertüten nicht üblich!“, meinte Maria N. aus Rhade, auf die Frage, was sie denn in ihrer Schultüte 1962 hatte. Auch ihre Kinder, die Anfang der 1980er-Jahre in die Schule kamen, hatten keine Tüten. Die 2009 verstorbene ehemalige Staatssekretärin Agnes Hürland-Büning, die 1932 eingeschult wurde, schreibt in ihren bislang unveröffentlichten Memoiren:

„Mutter begleitete mich am ersten Schultag zu Schule. Unsere Klassenlehrerein war Änne Schmeken, genannt Fräulein Schmeken. Am ersten Schultag hatten einige Kinder eine Zuckertüte. Ich nicht. Dafür hatten wir kein Geld. Es waren nicht viele Kinder, die eine Zuckertüte hatten…“

Schultüte bei Sombergs nun in dritter Generation

Petra Somberg-Romanski, Ratsfrau im Dorstener Stadtrat, erinnert sich an ihren ersten Schultag 1959 in Gelsenkirchen:

„Meine Mutter brachte mich zur Paul-Gerhardt-Schule, wo wir in die Klassen verteilt wurden und eine halbe Stunde lang das „i“ lernten. Danach durften wir nach draußen gehen, wo uns unsere Mütter erwarteten und uns unsere Schultüten gaben. In meiner waren Schokolade und andere Süßigkeiten sowie Obst, aber keine Spielsachen. Mit der Schultüte wurden wir dann auf dem Schulhof fotografiert.“

Petra Somberg-Romanski (eingeschult 1959) und deren Sohn Uwe Somberg (1977)

Der Brauch der Schultüte wurde in der Familie Somberg fortgesetzt. Sohn Uwe, der 1977 in Datteln eingeschult wurde, hatte neben Süßigkeiten schon Spielsachen in der bunten Tüte. Die Eltern saßen in der ersten Stunde der Einschulung mit im Klassenzimmer. Die Kinder hatten ihre Schultüten am Platz. Und während der Lehrer sprach und die Kinder aufmerksam zuhörten, machte sich der kleine Uwe bereits schmatzend über den Inhalt seiner Schultüte her. Anschließen wurde zum Fotografen gefahren. Als Uwe Somberg groß war und er, seine Frau und die Dorstener Oma Petra Somberg 2010 den Nachwuchs Frederick in Nürnberg zur Einschulung begleiteten, waren in der Schultüte keine Süßigkeiten mehr, sondern Computer-Spiele wie „Star War’s“. Und im Schulhof gab es einen Imbiss, einen richtigen kleinen Event für abc-Dötze und ihren Eltern. So ändern sich die Zeiten und der Inhalt der Schultüten. – Issam, Sohn der Dorstenerin Fatma Attris, wurde in diesen Tagen in der Lehmbruck-Schule in Oestrich eingeschult. Natürlich mit Schultüte.

Issam Attris mit der Schultüte 2014; Foto: Petra Somberg

Erich Kästner erinnerte sich an seine Schultüte im Jahr 1905

Zurück zur Geschichte der Schultüte: Nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht 1871 stieg der Bedarf an Zuckertüten stark an und sie gewannen ab dem 20. Jahrhundert immer mehr an Bedeutung. Erich Kästner schreibt über seine Einschulung 1905:

„Herr Bremser setzte uns, der Größe nach, in die Bankreihen und notierte sich die Namen. Die Eltern standen dichtgedrängt, an den Wänden und in den Gängen, nickten ihren Söhnen ermutigend zu und bewachten die Zuckertüten. Das war ihre Hauptaufgabe. Sie hielten kleine, mittelgroße und riesige Zuckertüten in den Händen, verglichen die Tütengrößen und waren, je nachdem, neidisch oder stolz. Meine Zuckertüte hättet ihr sehen müssen! Sie war bunt wie hundert Ansichtskarten, schwer wie ein Kohleneimer und reichte mir bis zur Nasenspitze! Ich saß vergnügt auf meinem Platz, zwinkerte meiner Mutter zu und kam mir vor wie ein Zuckertütenfürst. Ein paar Jungen weinten herzzerbrechend und rannten zu ihren aufgeregten Mamas. Doch das ging bald vorüber. Herr Bremser verabschiedete uns; und die Eltern, die Kinder und die Zuckertüten stiefelten gesprächig nach Hause. Ich trug meine Tüte wie eine Fahnenstange vor mir her. Manchmal setzte ich sie ächzend aufs Pflaster. Manchmal griff meine Mutter zu. Wir schwitzten wie die Möbelträger. Auch eine süße Last bleibt eine Last.“

Industrielle Fertigung der Schultüten ab 1910

Um 1910 begann schließlich die industrielle Fertigung der Schultüte. Erster Fabrikant war vermutlich Carl August Nestler im erzgebirgischen Ort Wiesa. Dieses Unternehmen ist heute in Deutschlands der größte Hersteller von Schultüten in allen Farben, Materialien und Größen. Langsam bewegte sich die Schultüte vom evangelischen Norden Deutschlands in den katholischen Süden.

Schultüte mit dem Hakenkreuz 1933; Foto: Landesbildstelle Berlin

Einheitstüte konnte sich in der NS-Zeit nicht durchsetzen  

Der Autor Bausinger, der sich ausführlich mit der Thematik der Schultüte auseinandersetzte, belegt, dass „1932 Schultüten in den protestantischen Landschaften Thüringens, Sachsens und Schlesiens verbreitet [waren], im Süden des deutschsprachigen Raums aber noch unbekannt“ (Das neue Brauchbuch). Wichtig ist auch, dass sich der Brauch der Schultüte zuerst in den Städten durchsetzte. Hier zeigte die Schultüte das „Interesse des bildungsbeflissenen Bürgertums am Schulbesuch seiner Kinder“ (Saure Wochen, Frohe Feste). Auf dem Land wurde dieser Tag zu Beginn nicht besonders hervorgehoben, wurde der Schulbesuch meist als überflüssig angesehen. Hier gab es allenfalls eine große „Kuchenbrezel“ für die ganze Klasse oder aber kleine Schultüten vom Lehrer, um die Neulinge zu motivieren.
Während des Nationalsozialismus verschwand dieser Brauch nicht. Die Anhänger des NS- Regimes versuchten vielmehr die individuellen Schultüten durch eine „Einheitstüte“ zu ersetzen. Auf solchen war mitunter auch das Hakenkreuz zu sehen. Dieser Versuch war jedoch relativ erfolglos. Übrigens waren im vorangegangenen Kaiserreich das Bildnis des Kaisers auf Schultüten gedruckt und in der dem NS-Regime nachfolgenden DDR Symbole zu Ehren des Sozialismus.

Heidrun Bücker, Dorstener Architektin und Autorin 1959 in Holsterhausen

Im Nationalsozialismus verbreitete sich der Brauch der Zuckertüte von Norden in den Süden. Es gab zwei Schübe. Der erste lag vermutlich direkt nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, da auch in Österreich nach 1938 immer mehr Schultüten Einzug fanden. Anscheinend ist die Schultüte tatsächlich nur ein deutscher Brauch, der hin und wieder auch im deutschsprachigen Ausland Schweiz und Österreich anzutreffen ist. Ein zweiter Schub fand vermutlich in den 1950er-Jahren gleichzeitig mit der Wohlstandswelle statt. Hier hat sich vermutlich auch die „Zuckertüte“ in die „Schultüte“ verwandelt – aufgrund von gesundheitspolitischen Diskussionen.

Brauch auch auf den Seychellen beibehalten

In der DDR bekamen die Schulanfänger oftmals sogar zwei Tüten: Die Holsterhausenerin Edith Chumalke erinnert sich an ihre Einschulung 1973 in Karl Marx Stadt (heute wieder Chemnitz), dass sie bei einem „Zuckertütenfest“ im Kindergarten nach der Aufführung der Geschichte des Zuckertütenbaums eine erste kleine Schultüte erhalten hatte und am ersten Schultag noch einmal eine große, von den Eltern gefüllte Zuckertüte. Sie erinnert sich ebenfalls an ein großes Fest am ersten Schultag. Margit Camille-Reichardt aus Moritzburg (bei Dresden), die Layouterin der „Holsterhausener Geschichten“, erinnert sich nur noch schwach an ihre „sozialistische“ Schultüte (1970), bunt und mit Süßigkeiten sowie Bleistiften und Radiergummi gefüllt. „Manche hatten eine sechseckige Tüte, die war viel schicker als die runden.“ Diese eckigen Tüten gab es damals nur in der DDR. Als sie dann in der Wendezeit auf die Seychellen zog, bekam auch ihre dort geborene Tochter Mona nach deutschem Brauch eine Schultüte, die sie sich von ihrer Familie aus Deutschland schicken ließ. Allerdings erst ein Jahr nach der Einschulung, aber mit Foto unter Palmen.

Renate und Gerhard Bunte 1934j

Zur Bedeutung der Schultüte

Wie bereits erwähnt, war die Schultüte früher ein Zeichen dafür, dass das Bürgertum an der Bildung seiner Kinder interessiert war. Nicht nur die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, sondern auch der Beginn der maschinellen Fertigung der Schultüten führte dazu, dass sich dieser „Status“ der Schultüte verlor und die Schultüte einfach ein Geschenk zum Schulbeginn wurde. Zum einen soll die Schultüte die Kinder für die Schule motivieren. Zum anderen auch Trost spenden wie beispielsweise die so genannten „Storchentüten“, die Kinder bei der Geburt eines Geschwisterchens angeblich vom Storch zum Trost geschenkt bekamen. Schließlich beginnt mit dem ersten Schultag der „Ernst des Lebens“, Kinder verlassen die vertraute Umgebung und müssen oft in einem neuen sozialen Umfeld orientieren. Die Schultüte soll den Kindern dies erleichtern. Zu guter letzt kann die Schultüte als ein Symbol für den Unterschied zwischen Kindergartenkind und Schulkind, aber auch zwischen Schulanfänger und älteren Schülern gesehen werden. Die wichtigste Bedeutung hat die Schultüte jedoch für das Kind selbst: endlich ist es groß – ein Schulkind!

Karl Fröhlich mit Riesentüte 1930

Die Füllung der Schultüte dem Zeit-Trend unterworfen

Gefüllt waren die Schultüten zu allen Zeiten stets einem Trend unterworfen. Im Dritten Reich waren sie mit Holzwolle oder Kartoffeln ausgefüllt. Nur oben auf lagen Kekse und Gebäck  und häufig auch Spielzeugsoldaten. Im Laufe der Jahre hat sich die Füllung der Zuckertüte grundlegend verändert. Noch zu Zeiten der „Zuckertüte“ waren es, wie der Name schon sagt, hauptsächlich Naschereien und Süßkram. Nüsse, Obst und eben ein paar Kekse waren üblicherweise mit dabei. Zahlreiche Ratgeber in den Medien informieren heute  darüber, was man in die Schultüte geben sollte, wie zum Beispiel Nützliches für die Schule und Sachen, die Kinderherzen erfreuen: eben die obligatorischen Süßigkeiten, aber auch gesundes Obst.

Wolf Stegemann 1950 in Rothenburg o. d. Tbr.

Carepakete waren interessanter als die Schultüte

Was in der Schultüte war, die 1950 der Verfasser dieses Artikels, Wolf Stegemann, am Tag seiner Einschulung im fränkischen Rothenburg ob der Tauber in den Händen hielt, weiß er nicht mehr. Doch dass es etwas Besonders war, schon. Ich war stolz wie Oskar auf meine  Tüte, die fast halb so groß war wie ich selbst. Erinnern kann ich mich noch an eine Fotografin, eine „uralte“ Frau, die Fotos von uns Schulkindern vor der Schultüre machte. Ihre Kamera war ein riesiger Holzkasten, hinter dem sie unter einem schwarzen Tuch verschwand, nachdem sie das Vögelchen angekündigt hatte. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Da war das Verteilen von amerikanischen Carepaketen mit Spielsachen und Leckereien in der Schule der ersten Klasse viel spannender!

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Quellen/Literatur: Agnes Hürland-Büning: unveröffentlichte Memoiren im Besitz des Verfassers. – Erich Kästner: „Als ich ein kleiner Junge war“, Dressler Verlag Hamburg 2011. – Albert Sixtus: „Der Zuckertütenbaum“, Verlag von Hegel und Schade, Leipzig 1928. – Hans-Günter Löwe: „Schulanfang. Ein Beitrag zur Geschichte der Schultüte“, Edition Freiberg, Dresden 2014. – Ingeborg Weber-Kellermann: „Saure Wochen, Frohe Feste“, C. J. Bucher Verlag München und Luzern 1985. – Helga Maria Wolf: „Das neue Brauchbuch“, Österreichischer Kunst- und Kulturverlag Wien 2000. – Volker Wieprecht / Robert Skruppin: „Das Lexikon der Rituale“, Rowolth-Berlin 2010.

 

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Ein Kommentar zu Die Schultüte im Wandel der Zeiten und Inhalte. Sie hilft immer noch, den ersten Schultag zu versüßen. Ein deutscher Brauch, der sich landesweit durchgesetzt hat

  1. Alfred Vadder sagt:

    Die Schultüte, ich habe keine bekommen, da gab es Zucker auf Bezugsmarken. Ich finde es aber gut, wenn Menschen sich erinnern. Nach meiner Lebenseinstellung sage ich immer: wer sich erinnert, lebt zweimal, denn das Leben ist schön!

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