1. September 1939: Beginn des Zweiten Weltkriegs. Am Ende lag Dorsten in Trümmern. Im Wehrmachtbericht stand: „Bei Vorstoß … ging Dorsten verloren!“

Vorbereitung zum Krieg: Wehrmacht im Standort Dorstenen 1939

Von Wolf Stegemann

29. August 2014. – In diesen Tagen jährt sich mit dem Überfall auf Polen der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Während beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren in den Gaststätten und auf dem Marktplatz gejubelt wurde, nahmen die Dorstener den Beginn des Zweiten Weltkriegs in gedrückter Stimmung hin. Pfarrer Ludwig Heming schrieb in die Chronik St. Agatha:

„Die letzten Augusttage waren voll unerhörter politischer Spannung, immer dichteres Gewölk zog sich am politischen Horizont zusammen, bis am 1. Sept. früh morgens der Krieg mit Polen begann. Bald folgte die Kriegserklärung Englands und Frankreichs – der 2. Krieg hatte seinen Anfang genommen. Während 1914 bei Kriegsausbruch die Kirchen gefüllt und Beichtstühle und Kommunionbänke umlagert waren, war jetzt derartiges nicht zu bemerken. Wohl fanden sich manche, die zu den Waffen gerufen wurden, ein, um ihre Rechnung mit dem Herrgott in Ordnung zu machen, im Ganzen aber hatte das große politische Geschehen ein schwaches religiöses Echo.“

Gürtelschnalle der Soldaten

Schon im März 1939 war Dorsten Militärstandort geworden 1940 quartierte sich der Stab des Flakregiments 46 im Franziskanerkloster ein (Scheinwerferbatterie 450 in der Holsterhausener Baldurschule). Noch vor Kriegsausbruch führten die Behörden das Bezugsscheinsystem und die Rationierung von Lebensmitteln ein. Bei Ausbruch des Krieges ordneten sie die Verdunkelung der Wohnungen und Straßen an und verpflichteten die Bevölkerung bei Alarm Luftschutzbunker aufzusuchen und verboten das Hören ausländischer Sender. Dorstener Handwerks- und Industriebetriebe stellten ihre Produktionen auf Kriegswirtschaft um, in Gaststätten, auf Kegelbahnen, in Baracken und in eigens eingerichteten Lagern wurden bis zu 58.000 Kriegsgefangene und rund 8.000 Fremdarbeiter untergebracht, die in den kriegswichtigen Betrieben und vornehmlich in der Landwirtschaft arbeiteten. In der Heeresmunitionsanstalt Wulfen (Muna) wurden Granaten produziert.

Flugabwehrkanone (Flak) am Dorstener Marktplatz mit weißen Abschussringen

Schwere Flakbatterien rund um Dorsten

In den ehemaligen Krankenanstalten Maria Lindenhof richtete die Wehrmacht 1940 ein Reservelazarett ein, später auch im Kloster der Ursulinen und an anderen Plätzen. Waren anfangs noch in der „Dorstener Volkszeitung“ die Todesanzeigen gefallener Dorstener veröffentlicht, wurde dies später aus Gründen der Stützung der Kriegsmoral verboten. Um Luftangriffe auf die Hydrieranlage in Scholven, das Kruppwerk in Essen sowie das Munitionsdepot in Wulfen und auf die Zeche in Hervest-Dorsten abzuwehren, wurde neben kleineren Flakstellungen ein Ring schwerer Flakbatterien rund um Dorsten in Stellung gebracht: in Ekel ebenso wie im Gleisdreieck Deuten-Wulfen südlich des Munitionsdepots mit insgesamt 24 Großgeschützen. Eine andere Batterie stand in der Gälkenheide in Wulfen und in Ulfkotte eine Batterie mit vier schweren Geschützen und zwei Tieffliegerkanonen. Auf dem Dach des Franziskanerklosters war ein leichter Flakturm aufgebaut und auf dem Dach des Kolpinghauses am Südwall ein Beobachtungsposten mit Leitfunk, ebenso auf der Lippebrücke.

Kriegergedenkstätte am Westwall: 1945 zerstört

Mehrere Bombenangriffe

Größere Bombenangriffe erfolgten am 9. und 12. März 1945. Am 22. März zerstörte ein großer Angriff die gesamte Innenstadt. Allein auf dem kleinen Grundstück des Franziskanerklosters gingen 146 Bomben nieder, in der gesamten Innenstadt 3.300, in den Feldmarken 600, in Hervest auf dem Zechengelände und am Bahnhof 1.200 und in Holsterhausen 800. Die Bomben verursachten über 319 Tote und 110.000 cbm Schutt.

Drei Tage nach der Totalbombardierung der Stadt wurden am 25. März 1945 zwei im früheren RAD-Lager in Wulfen festgehaltene und bereits Wochen vorher abgeschossene kanadische und ein britischer Flieger gelyncht. Es handelte sich bei den Piloten um J. M. Jones, R. A. Paul und L. W. Brennan. Der dieser Mordtaten verdächtige SA-Lagerkommandant Ferdinand Assmann entkam zuerst nach Bückeburg und wurde nach Beendigung des Krieges von den Engländern gesucht und festgenommen. Assmann erhängte sich im Gefängnis.

Krieg in Dorsten Ostern 1945 beendet

Für Dorstener war der Krieg mit dem Einmarsch von Verbänden der 9. US-Panzerdivision, die in Dorsten auf Gegenwehr von Resten der 116. Panzerdivision, der 180. und 190. Infanteriedivision stießen, am Gründonnerstag, den 29. März 1945 beendet, was im offiziellen Wehrmachtbericht in Berlin mit dem lapidaren Satz erwähnt wurde: „Bei Vorstoß nach Osten ging Dorsten verloren.“ Über den Einmarsch der Amerikaner ins Dorf Hervest gibt die Chronik der Paulus-Schule authentisch Auskunft:

„Am Mittag des 28. März (1945) rückten amerikanische Panzertruppen von Norden her in unser Dorf ein. Am nördlichen Dorfeingang kam es zu einem kurzen Gefecht mit deutschen Grenadieren. Letztere mussten aber dem [mit] Material vielfach überlegenen Gegner das Feld räumen. Vor der Schule schoss ein deutscher Grenadier mit einer Panzerfaust einen feindlichen Panzer an, aber der feindliche Angriff war nicht aufzuhalten. Die Amerikaner verloren hier drei Tote und mehrere Verwundete. Die Schule erhielt bei dem kurzen Feuergefecht einige Treffer durch feindliche Maschinengewehrkugeln. Nur einige Dachziegel wurden zerschlagen, sonst entstand kein Schaden. Die Amerikaner erkannten die Schule als Krankenhaus an, sie änderten an der ganzen Einrichtung nichts. Amerikanische Ärzte kamen fast täglich und sahen nach den Kranken und Verletzten. Bis auch deutsche Ärzte von Hervest-Dorsten und Dorsten die Straße wieder ungehindert passieren konnten.“

Einmrasch der Amerikaner am Gemeindedreieck

Der Krieg kostete vielen Dorstenern das Leben

Der Zweite Weltkrieg kostete über 2.000 Dorstener Soldaten (heutiges Stadtgebiet einschließlich Erle und Altschermbeck) das Leben bzw. sie waren vermisst. Während des Krieges wurden die Dorstener Juden in die Todeslager deportiert. Aus der Altstadt (ohne Holsterhausen und Hervest) fielen 355 Dorstener als Soldaten, 194 galten als vermisst und 319 Dorstener fielen den Bomben zum Opfer. Im Amtsbezirk Hervest-Dorsten waren bei Kriegsende 840 Wehrmachtsangehörige vermisst gemeldet, davon 590 aus Dorsten (einschließlich Herrlichkeitsdörfer), 67 in Wulfen, 58 in Lembeck, 53 in Rhade, 37 in Altschermbeck und 35 in Erle.

Immer wieder wird die Bevölkerung dann an den Weltkrieg erinnert, wenn eine in der Erde gefundene Bombe entschärft werden muss und die Menschen ihre Wohnungen rund um den Fundort stundenlang verlassen müssen 1989 wurde an der L 608 in Hervest ein ganzes Flugzeug (ME 109) mit den sterblichen Überresten des Piloten aus dem Boden geholt, das in den letzten Tagen des Krieges abgeschossen wurde.

GI Ed Brodowski

Der US-Soldat Ed Brodowski war als Panzerkommandeur in Dorsten dabei

Der folgende Text ist ein frei übersetzter Auszug aus den in den USA veröffentlichten Kriegserlebnissen des US-Soldaten Edward Brodowski, der dabei war, als Dorsten eingenommen wurde. Die Besetzung der Städte vom Niederrhein ins Westfälische, dazwischen Dorsten, bezeichnete er als „Tornado’s Wake“. Sein Sohn Bruce Brodowski aus Utika im Oneida County (N.Y.) arbeitete die Eintragungen seines Vaters auf und schickte sie Wolf Stegemann, Herausgeber der Online-Dokumentation „Dorsten unterm Hakenkreuz“. Sein Vater Edward Brodowski wurde 1919 in Frankfort (N.Y.) geboren, war zuletzt Leutnant und Panzerkommandant in der 8. US-Panzerdivision. Er starb bei einem Panzerduell mit einem deutschen „Tiger“ am 31. März 1945 hinter einem Haus in Buer-Hassel. Sein Grab ist auf dem US-Soldatenfriedhof in Margraten (Niederlande). Der Sohn wurde drei Monate nach dem Tod des Vaters geboren. In Dorsten bislang unbekannt und interessant ist, dass die Amerikaner zuerst das von deutschen Soldaten der 116. Panzer-Division besetzte Dorsten einfach umgehen wollten, um die Stadt dann vom Osten her anzugreifen. Der kommandierende General entschied sich in letzter Minute, Dorsten doch einzunehmen und zu besetzen.

Ed Brodowskis Bericht: Starkes Abwehrfeuer aus Dorsten

Amerikanischer Tank

Um 7.30 Uhr bewegten sich die Task Force Pioniers in Richtung Dorsten. Die Situation wurde beim Vorrücken auf Dorsten immer schwieriger. Feindliche Zwillingsgeschütze mit großer Reichweite waren eingegraben. Jedes einzelne feindliche Geschütz musste von unserer Infanterie eingenommen und zerstört werden. Dies und eine gesprengte Brücke behinderten und verlangsamten unseren Vormarsch. Südwestlich von Dorsten begann ein Kampf von Haus zu Haus. Den ganzen Tag beschossen uns feindliche Batterien intensiv. Als es dunkel wurde und die Nacht kam, verstärkte sich das Abwehrfeuer der Deutschen in Dorsten. Feindliches Batterie-Feuer schoss einen unserer Mark 7-Panzer in Brand. Im Feuerschein gaben die anderen Fahrzeuge ein prächtiges Bild gegen den Himmel ab und waren so gute Ziele für feindliche Schützen. Unter Beschuss löschten Sergeant Carl F. Lawrence, T/5 Eduard Lawrence, Privat Salvatore P. Peone und Privat Nathaniel C. Wood das Feuer.

US-General John M. Devine eroberte Dorsten

Der Dorsten-Plan von General Devine wurde von General Anderson geändert

General Devine hatte ursprünglich geplant, Dorsten auf der äußersten nördlichen Flanke zu umgehen, auch den Süden der Stadt wollte er umgehen und ihn isolieren, um danach vom Osten her die Stadt von feindlichen Soldaten zu reinigen. Am Nachmittag des 28. März, als General Anderson, CG, XVI Corps, mit General Devine die Lage besprach, wie Dorsten eingenommen werden sollte, legte General Devine seinen ausgearbeiteten Plan vor. Obwohl General Anderson den Vorschlag vorläufig akzeptierte, informierte er General Devine noch am selben Tag, dass dieser mit der 9th Armee Dorsten so schnell wie möglich einzunehmen hätte. Dieser Befehl wurde im XVI. Corps-Schreiben unter der Anleitung No 44 vom 28. März gegeben und erreichte die Truppe vor Ort um 20 Uhr. Am 29. März um 6 Uhr morgens sollte Dorsten erobert werden. Um Hilfe zu leisten, wurde die 30th US-Infantry-Division unter Generalmajor Hobbs, CG, 30, zur Eroberung der Stadt Dorsten zur Verstärkung eingeteilt.

Angriff auf die Stadt vom Osten und Südwesten

Während diese geänderte Befehlsentscheidungen formuliert wurden, kämpften Task Force
Poiniers südwestlich von Dorsten in Übereinstimmung mit General Devines ursprünglichen Plan, am 28. März um 7 Uhr mit verschiedenen Kräften, die dort unter der Company C, 80th Tank-Battalion zusammengezogen worden waren, Dorsten zu umgehen und vom Osten her zu besetzen: 1st Platoon, Company C, 53th Armourd Engineer Battalion, 1st Platoon, Troop C, 88th Cavalry Reconnaissance Squadron, 1st Battalion, 290th Infantry-Regiment und Company C, 809th Tank Destroyer Battalion.

Diese Task Force wurde geplant, um sich südwestlich von Dorsten in die Position zu begeben, die Task Force Pionier zu unterstützen, die den Plan von General Devine ausführen sollte. Allerdings erlosch dieser Plan mit den neuen Anweisungen von General Anderson. Zwei Generäle mussten ihre Kampfpositionen ändern. Dorsten wurde nun vom Osten und von Südwesten angegriffen Das bedeutete, dass in der Mitte der Nacht zwei ganze Kampfstellungen verschoben werden mussten. General Devine befahl General Colson die Stadt von Südwesten anzugreifen. Vom Osten kam die CCR Task Force unter General Crittendorn (Task Force Crittendorn) wie geplant und wurde von der Task Force Harris unterstützt.

US-Soldaten im Häuserkampf am Essener Tor

Gelände um Dorsten war unbekannt

Die Nacht vom 28. auf den 29. März war dunkel und regnerisch. Die „turning”-Operation begann mit der Verstärkung der Truppen. Die Richtung des Angriffs zu bestimmen war auch während des Tages eine schwierige Aufgabe, da das Gelände um Dorsten unbekannt war. In völliger Dunkelheit war dies schier unmöglich. Die Infanteristen des 7th Airborn konnten einer Eisenbahnlinie folgen, die in die Stadt Dorsten führte. Alle anderen CCA-Einheiten gingen in ihre Positionen für den Angriff in der Morgendämmerung. Um 6 Uhr begann ein 15-minütiges Artilleriefeuer. Unsere 15 Bataillone schossen fast 100 Schuss pro Minute in die Stadt Dorsten. Wir starteten zum Angriff um 6.15 Uhr, der von Task Force Pioniers mit schwerem Räumgerät geführt wurde. Aus dem Norden und Nordosten unterstützte uns schweres und schnelles Artilleriefeuer. Mark-IV- und Mark-V-Panzer rollten in die Stadtmitte und in den Norden der Stadt. Zwischen 7.30 und 9 Uhr war jeder wirksame Widerstand der Deutschen in Dorsten beendet. Soweit der Brodowski-Bericht.

US-Verbandsplatz am Essener Tor

Westfalen im Zweiten Weltkrieg

300.000 Gefallene, 200.000 kehrten als Krüppel heim, 10.285 verloren ein Bein, 5.130 verloren einen Arm, 901 verloren Arm und Bein, 417 verloren ihr Augen­licht. 36.676 Männer, Frauen und Kin­der wurden im Bombenhagel getötet, 217.437 Kinder wurden zwangsver­schickt. Tausende kehrten nicht heim. 454.000 Wohnungen wurden völlig zerstört oder schwer beschädigt, 346 Kir­chen Westfalens vernichtet. 20.502 Ju­den aus Westfalen wurden vertrieben und ermordet, 103 Synagogen geschän­det. 12.177 Westfalen wurden Insassen von Konzentrationslagern und endeten durch Genickschuss und Folterqualen, 272 Geistliche wurden zu Märtyrern, 341 Familien erhielten die Totenasche ihrer Lieben aus den KZ-Lagern zugesandt.

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Quellen/Literatur: Willi Mues „Der große Kessel. Eine Dokumentation über das Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen Lippe und Ruhr, Sieg und Lenne“, Lippstadt 1984. – Wolf Stegemann (Hg.) „Dorsten unterm Hakenkreuz“, Bd. 3, Dorsten 1985. – Ludger Tewes „Jugend im Krieg. Von Luftwaffenhelfern und Soldaten 1939-1945“, Essen 1989. – Wolf Stegemann „Holsterhausen unterm Hakenkreuz“, Band 1 (2007) und Band 2 (2009). – Weitergehende Themen in www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de: Bombardierung 1945; Bombardierung eines Soldatenzuges 1945; Flakstellungen; Fremdarbeiter; Kriegsgefangene; Reservelazarett Dorsten; Standort Dorsten u. a.
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Ein Kommentar zu 1. September 1939: Beginn des Zweiten Weltkriegs. Am Ende lag Dorsten in Trümmern. Im Wehrmachtbericht stand: „Bei Vorstoß … ging Dorsten verloren!“

  1. Bodo Heil sagt:

    Unter: 416th Bombardment Group (L) Combat Missions findet man, dass das Wulfener „Ammunition Dump“ am 9. 3. 1945 und am 11. 3. 1945 bombardiert wurde.

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