Weihnukka-Markt im Jüdischen Museum: Ein erfundenes Wort für die Lichterfeste Weihnachten und Chanukka in christlich-jüdischen Familien

Von Wolf Stegemann

Seit Jahren veranstaltet das „Jüdische Museum Westfalen“ in Dorsten einen so genannten „Weihnukka“-Verkaufsmarkt – in diesem Jahr mit einer Buchvorstellung und einem Konzert im Museum. Der Markt beginnt am Freitag (29. November) um 16 Uhr und ist geöffnet am Samstag und Sonntag (30.11./1.12.) jeweils von 11 bis 17 Uhr. In dieser Zeit gibt es in der Caféteria Kaffee, Tee und Kuchen. Im so genannten Kunstsalon des Museums verkaufen Kreative ihre Werke: Ingrid Kreytenberg, Jürgen Kaub, Anne Schulte-Huxel, Lore Vieth, Iris Noelle-Hornkamp und Bernd Niehl, Manfred Kaufhold und Norbert Ten. Auch werden Drucke von der verstorbenen Tisa von der Schulenburg angeboten. Weiter werden Stick- und Textilarbeiten, Lichtobjekte, Schmuck, Holzarbeiten und Postkarten verkauft. – Am Samstag (30.11) wird um 15 Uhr das Buch „Mein liebes Ilsekind“ (jüd. Familie Reifeisen) vorgestellt und am Sonntag (1.12) geben um 11 Uhr Eugen Kayser (Klavier) und Magdalena Liebetruth (Cello) ein Mendelsohn-Bartholdy-Konzert; um 15 Uhr lädt das Museum zu einer kostenlosen Führung ein.

Titelseite des "New Yorker" von Art Spiegelmann

Lichtsymbolik steht bei beiden Festen im Mittelpunkt

Das Wort „Weihnukka“ ist eine Zusammenziehung (Synkretismus) der Worte des christlichen Weihnachtsfestes und des jüdischen Chanukka-Festes und ist die namentliche Benennung eines Festes, das es weder im Christentum noch im Judentum gibt. Sie hat keinesfalls eine 200 Jahre alte Tradition, wie dies eine Dorstener Lokalzeitung einmal berichtete. Vielmehr ist es da oder dort im 19. Jahrhundert entstanden, als Juden verstärkt zum Christentum konvertierten. Juden und Christen haben sich vermählt. Somit sind christlich-jüdische Familien entstanden, die sowohl christliche wie auch jüdische Feste feierten, sei es aus religiösen oder traditionellen Gründen, so sie weiterhin ihren getrennten Religionen angehörten. Heute lehnen nach wie vor die meisten Juden sowie der Zentralrat der Juden diese private Erfindung eines interreligiösen Weihnukka-Festes ab, auch wenn bei beiden Festen die Lichtsymbolik gleichermaßen ihm Mittelpunkt steht und sie zeitnah beieinander liegen. Das sind Gemeinsamkeiten ohne gemeinsam zu sein. Chanukka ist also ein reines Familienfest in den eigenen vier Wänden. Daher entstand eine Verbindung der beiden Feste. Es wurden die Adventskerzen angezündet und die Kerzen am Chanukka-Leuchter. „Ich kenne das aus meiner Familie“, erzählt Brigitte von Ungarn-Sternberg dem Verfasser, „das gemeinsame Lichteranzünden fand aber nur in der Familie statt, war in diesen Familien aber kein Brauch!“

Dorstener Museums-Flyer 2013

Kinder werden beschenkt und essen Pfannkuchen und Krapfen

Chanukka („Weihung“) gehört zu den untergeordneten Festen des Judentums. Das Fest dauert acht Tage und erinnert an die Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels im Jahr 165 vor unserer Zeitrechnung. Entweiht wurde der Tempel während der Zeit der Judenverfolgung unter Antiochus IV Epiphanes und zurückerobert durch Judas Makkabäus. Nach jüdischer Legende war in dem Tempel nur ein kleiner Krug mit wenig Öl erhalten geblieben. Dennoch reichte dieses wenige Öl auf wundersame Weise für acht Tage. Deswegen heißt die Begebenheit auch das „Lichtwunder“. Während der acht Chanukka-Tage werden jeweils nach Sonnenuntergang Kerzen eines neunarmigen Leuchters von links nach rechts nacheinander entzündet. Die erste Kerze, die entzündet wird, ist die in der Mitte. Sie wird als das „dienende Licht“ (Schamasch) bezeichnet und ist das Symbol für den Menschen. Mit dieser Kerze werden die anderen Kerzen entzündet. Wenn die letzte Kerze brennt, werden spezielle Chanukka-Lieder gesungen, Kinder beschenkt und Krapfen und Pfannkuchen gegessen.

Zentralrat der Juden gegen ein gemeinsames Fest

Öffentlich bekannt wurde das Wort „Weihnukka“, als vor Jahren das Berliner Jüdische Museum eine Ausstellung zum Weihnachts- und Chanukka-Fest präsentierte, die allerdings beim Zentralrat der Juden auf Kritik stieß. „Weihnukka“ spiegele eine gefährliche Tendenz der Historisierung und Vereinnahmung des Judentums durch das Christentum in Deutschland wider, sagte Generalsekretär Stephan Kramer der Berliner „tageszeitung“. Die Ausstellung sei kein Ausdruck lebendiger jüdischer Kultur, sondern komme „der nichtjüdischen Sehnsucht entgegen, alle Widersprüche und Differenzen zwischen Judentum und Christentum aufzulösen“, kritisierte Kramer weiter. Das Museum wollte mit der Ausstellung über die Ursprünge des christlichen Weihnachtsfestes und des zeitnah stattfindenden Chanukka-Festes lediglich informieren und keine Nachahmer oder Vereinnahmer finden. Dazu meinte ein Rabbiner im Gespräch mit dem Verfasser augenzwinkernd: dass die Christen ja schon den Jesus vereinnahmt hätten, der als Jude geboren wurde, als Jude gelebt hatte und als Jude gestorben ist. Als er das sagte, grinste er.

Weihnachtskippas für Juden (Jüd. Museum Berlin) Foto: Jens Ziehe

Auf christlicher Seite ist man gegen „Weihnukka“ offensichtlich nicht so strikt, da man sich mit diesem Fest auf die jüdischen Wurzeln der christlichen Religion besinnt und „vermengen“ will. Allerdings lassen sich zwei verschiedene Religionen nicht vermengen, wie ein Jude im Internet schrieb: „Beruhigend finde ich aber, dass die Christen kein Weihnukka kennen und daher auch nicht feiern. Denn die haben sowieso den Christbaum und alles was diesbezüglich vorhanden ist.“

Christbaumkugeln und Plastiktannen in Tel Aviv

Im Kommerziellen findet immer mehr eine Vermengung der Religionen Christentum und Judentum statt. Das liegt in heutiger Zeit an der zunehmenden Säkularisierung. Das ist auch in Israel sichtbar. Ein weihnachtlicher Blick nach Tel Aviv: Ein Sex-Kino auf der Allenby Street wirbt mit drei halbnackten Schaufensterpuppen in Weihnachtsmann-Kostümen auf Watteschnee. Wenige dutzend Meter weiter bieten ein Spielwarenladen und Geschäfte russischer Einwanderer Christbaumkugeln, Sterne und Plastiktannen an, fertig geschmückt für umgerechnet 120 Euro. Auch im jüdischen Staat Israel sind die Vorzeichen auf das große Christen-Fest unübersehbar. Zwar neidet kein gläubiger Jude den Christen den Geburtstag ihres Propheten Jesus, aber auf Liberale färbt das stimmungsvolle Fest doch ab. Und jüdisch-christliche Paare wissen längst: die Mischung macht’s – und feiern „Weihnukka“ oder das, was sie dafür halten.

Schalom Ben-Chorin in Jerusalem; v. re.: Amos Löwenthal, W. Stegemann, Ben-Corin

Mit Shalom Ben-Chorin in Jerusalem; v. re.: Amos Löwenthal (Hod Hasharon), W. Stegemann, (Dorsten)

Weihnachten – ein deutsches Volksfest

Der verstorbene Religionsphilosoph Schalom Ben-Chorin schrieb einmal über die Familie des Dichters Walter Benjamin: „Dort stand ein großer Weihnachtsbaum, wie das in vielen liberalen jüdischen Familien üblich war. Ich kannte das aus meiner Kindheit und beschwerte mich bei Benjamin über das, was ich als offenkundige Geschmacklosigkeit des Milieus, aus dem wir stammten, empfand. Ich hörte von ihm dieselbe Erklärung, mit der auch mein Vater, als ich ihn darob attackierte, mich abgespeist hatte. Benjamin erzählte, dass schon seine Großeltern Weihnachten als ‚deutsches Volksfest’ gefeiert hätten.“

 

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3 Kommentare zu Weihnukka-Markt im Jüdischen Museum: Ein erfundenes Wort für die Lichterfeste Weihnachten und Chanukka in christlich-jüdischen Familien

  1. Norbert Reichling sagt:

    Kann es denn wirklich sein, dass so ein Hauch Ironie schon eine Überforderung darstellt? Für Stephan Kramer offenbar ja, und das große Jüdische Museum in Berlin hat sich daraufhin für einen anderen Titel entschieden. Eine „Vermengung“ beider Feste findet allenfalls in den Köpfen mancher Besucher statt – nicht in den Präsentationen des Jüdischen Museums Westfalen.
    Wer sich dennoch für das Thema (nicht das fiktive Fest!!) interessiert (und auch noch ein wenig Humor hat), kann viele interessante Geschichten dazu finden in dem Büchlein „Soll’s der Chanukkabaum heißen“ finden, herausgegeben vom Leiter des Jüdischen Museums Hohenems Hanno Loewy:
    http://www.perlentaucher.de/buch/hanno-loewy/soll-39-s-der-chanukkabaum-heissen.html
    (Und wer in der deutschen Provinz koschere Küche erwartet, dem ist doch vielleicht eine kleine Nachfrage zuzumuten.)

  2. Simcha sagt:

    Das war ein Flop 2013 und kein Weihnukka-Markt. Es wurde im Jüdischen Museum ein Kuchen mit Schweine-Schinken angeboten. Angeblich, weil keine Juden dahin kommen. Rücksichtslos! Im Jüdischen Museum Dorsten am Weihnukka-Markt während des Hanukka-Fests und am Schabbat kommen keine Jüden und wird „liebevoll“ Schwein serviert! Das können sie und dürfen sie nicht machen! Traurig … Für wenn hat man das Museum gebaut!

  3. Petra Somberg-Romanski sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel, besser kann man dieses Thema nicht beschreiben. Ich hoffe, dass er auch von den Journalisten/innen der großen Dorstener Tageszeitung und von den Veranstalter/innen des so gennanten „Weihnukka-Marktes“ im Jüdischen Museum gelesen wird. Sie könnten etwas lernen!

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