Inklusion IV: Sonderschulen werden mittlerweile diskriminiert und Gegner der Inklusion mit Totschlagargumenten angefeindet

Symbolbild aus "ErziehungKunst-Waldorf-Pädagogik"

Von Wolf Stegemann

Das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten, ansonsten der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte und Religion in Westfalen und der Erinnerung an den Holocaust zugetan, hat der Elterninitiative „Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen“ im Juli 2010 ein Forum geboten, vor dem ein Erziehungswissenschaftler für die Inklusion (Lernbehinderten- und Integrationspädagogik) warb. Es sprach der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Hans Wocken aus Hamburg. „Wir möchten mit dieser Veranstaltung zeigen, dass eine inklusive Pädagogik der Vielfalt allen Kindern zugute kommt und nicht nur Kindern mit Behinderung dient“, sagte Michael Baumeister von der Dorstener Elterninitiative in einer Presseinformation. Hans Wocken stellte in seinem Vortrag fest, dass Untersuchungen gezeigt hätten, dass die Förderung von Sonderschulen „wenig effektiv“ sei. Seine Forschungsergebnisse hätten belegt, dass, je länger ein Kind an der Förderschule zubringe, es umso schlechter in seinen Leistungen werde. Aber, so Wocken: „Wenn es konkret um den Aufbau inklusiver Bildungsangebote geht, klaffen das bekundete Bekenntnis zur Inklusion und die Bereitschaft zu realen schulpraktischen Konsequenzen immer wieder erheblich auseinander.“

Da mag der Wissenschaftler Recht haben, denn in der Praxis, so sagen andere Wissenschaftler, gebe es Schwierigkeiten mit der gesetzlich vorgeschriebenen Umsetzung der schulischen Integrationspädagogik und mit den Vorgaben in Deutschland. Dazu nahm in unserem letzten Artikel zum Thema „Inklusion III“ Prof. Dr. Bernd Ahrbeck Stellung.

Erstmals Kosten der Inklusion ermittelt

Im März diesen Jahres, also drei Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenkonvention, wurden erstmals die Kosten der Inklusion für Deutschland ermittelt. Ein inklusives System, so schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ am 23. März 2012, koste 660 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr – in voller Summe von 2022 an; „bis dahin steigen die Ausgaben in dem Maß an, wie die Reform vorankommt“. Das analysierte Klaus Klemm in einer jetzt vorgelegten Studie. Er ist Bildungsforscher in Essen, einst Mitglied im Beirat der Pisa-Studie.

In den kommenden zehn Jahren, so berichtet die SZ weiter, müssten fast 10.000 neue Pädagogen eingestellt werden. Kostenersparnisse durch Schließung der Sonderschulen und durch weniger Schüler durch die demografische Entwicklung würden mindestens aufgehoben werden durch deutlich mehr Personal und Baukosten für Barrierefreiheit und Therapieräume.

Derzeit hat eine halbe Million Schüler diagnostisch festgestellten Förderbedarf. „Sie zeigen massive Lern- und Verhaltensauffälligkeiten, Defizite in der sozialen oder sprachlichen Entwicklung oder haben Körperbehinderungen.“ Mehr als 80 Prozent von ihnen besuchen derzeit Sonderschulen.

Regierungspräsident auf Inklusionsreise in Dorsten

Der Regierungspräsident von Münster, Prof. Dr. Reinhard Klenke, besucht derzeit Schulen in seinem Regierungsbezirk, um sich ein aktuellen Bild über die Inklusionsdiskussionen zu verschaffen. Bei seinem Besuch in Dorsten am 20. März 2012, sagte er: „Meiner Meinung nach sollte soviel Inklusion wie möglich umgesetzt werden. Aber ohne Förderschulen zusätzlich geht es nicht.“ Er gab seinem Eindruck Ausdruck, dass „man die größten Skeptiker von Inklusion unter den Eltern der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf findet“.

In der Alltagswelt sich richtig verhalten

In einem WAZ-Interview vom 2. August 2010 antwortete der Leiter der Dorstener Haldenwangschule, Ulrich Domhöver, auf die Frage, wie Eltern die Inklusion sähen: „Es gibt da zwei Richtungen. Manche Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder in die Regelschule kommen. Es gibt aber auch Eltern, die Angst haben, dass ihr Kind dabei überfordert wird […]. Ich habe das Gefühl, dass Eltern manchmal nicht richtig beraten werden. Wir sehen den Begriff der Bildung zum Teil etwas anders; zum Beispiel essen können, in Situationen angemessen reagieren zu können, sich in der Alltagswelt richtig verhalten zu können, ist für viele Schüler ganz wichtig.“ Das Interview führte Ute Hildebrand-Schute.

Die Stadt Ascheberg eröffnete eine neue Gemeinschaftsschule, in der nicht vorgesehen ist, behinderte Kinder mit anderen Kindern zusammen zu unterrichten. Denn die Stadt betreibt dafür eine gut ausgestattete Sonderschule, an der Behinderte behindertengerecht unterrichtet werden. Ascheberger Eltern behinderter Kinder wurden daraufhin von Behindertenvereinen außerhalb Aschebergs ultimativ aufgerufen, dagegen zu protestieren und auf „Inklusion“ zu drängen.

Beispiel aus der Praxis: Druck der Politik auf die Schulleitung

Die Schulleiterin einer Hauptschule (nicht Dorsten), hatte vor zwei Jahren die Aufnahme eine Schülerin mit Downsyndrom abgelehnt. Das Kind litt darunter, nicht artikuliert sprechen zu können, stieß Schreie aus und warf mit Gegenständen. Gegenüber „DORSTEN-transparent“ schilderte sie die Folgen: Auch wenn die Eltern des Kindes verständnisvoll reagierten und nur mit der Inkludierung ihres Kindes einverstanden gewesen wären, wenn die Schule dies befürwortet hätte, schlug die Ablehnung bei Befürwortern der strikten Inklusion hohe Wellen. Landtagsabgeordnete der FDP und SPD riefen bei der Schulleiterin an und wollten „eine Rechtfertigung hören“. Die Schulleiterin stand zu ihrer Ablehnung aus Unzumutbarkeit. Sie merkte noch an, dass sie in eine Ecke der Intoleranz gestellt wurde. „Ich bin nicht intolerant. Als Schulleiterin habe ich Verantwortung allen Kindern gegenüber.“ Seit Jahren nehmen an dieser Schule behinderte Kinder am Regelunterricht sowieso teil, wenn sie dies aufgrund ihrer Behinderung auch können (der Name der Schulleiterin ist der Redaktion bekannt).

Erbitterter Streit über Abschaffung oder Beibehaltung von Sonderschulen

Prof. Dr. Rainer Winkel

In einem Beitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) vom 8. Dezember 2011 sprach sich der Er ziehungswissenschaftler der Berliner Universität der Künste, Prof. Rainer Winkel, unter dem Titel „Das neue Wunschbild: alles inklusiv – Rettet die Sonderschulen“ gegen die Inklusion aus. Das besagt, dass „hinter dem verschleiernden Vorhang einer Inklusionspädagogik ein erbitterter Streit um die Beibehaltung oder Abschaffung der Sonderschulen“ stattfindet.

Winkel schildert eine Beobachtung bei der Hospitation in einer 6. Klasse einer Inklusionsschule. Der Schulrat besuchte den Englischunterricht: Die Schüler sollen 30 verschiedene Wörter in eine Liste eintragen, über der geschrieben steht: „adjektives, adverbs, nouns and verbs“. Im angrenzenden Gruppenraum sitzen ein an Muskeldystrophie erkranktes Mädchen im Rollstuhl und zwei Jungen, die von ihren Mitschülern liebevoll „Mongis“ genannt werden. Sie malen Mandalas aus. Am Ende der Hospitation sagte die Lehrerin: „Wir sind eine Inklusionsschule, in der alle Schüler optimal gefördert werden.“ – „Na, dann fördert mal schön“, meinte der hospitierende Schulrat. – Ist da vielleicht ein schnippischer Unterton heraus zu hören?

Der Mitarbeiter einer Behindertenwerkstatt sagt dem Autor zum Thema Integrationspädagogik:

Seit die totale Integration praktiziert wird, haben wir jetzt die ersten Opfer dieser fanatischen Pädagogik, Opfer, die noch nicht einmal in einer entsprechenden Sonderschule lernen können, wie man sich die Schuhe zubindet oder seine Jacke aufknöpft!“.

Das deutsche „Entweder-Oder-Prinzip“

Foto: Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter

Schon 1973 hatte der „Ausschuss Sonderpädagogik“ des Deutschen Bildungsrates gefordert, die Integration von behinderten Kindern in das „allgemeine Schulwesen so weit und so oft wie möglich zu verwirklichen, ihnen aber auch so viel separate Hilfen wie notwendig zu geben.“ Das Grundgesetz wurde 1994 mit dem Passus „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden …“ erweitert. 2006 forderte die „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“, die Bezeichnung „integration“ zu vermeiden und stattdessen den Begriff „inclusion“ zu benutzen. Rainer Winkel stellt fest, dass in vielen Staaten der Paradigmenwechsel bereits stattgefunden hätte, ohne dass „die Ausbalancierung“ zwischen so viel Integration wie möglich und so viel Separation wie notwendig aufgegeben wurde.“

Dies sei aber nicht in Deutschland der Fall. Hier bevorzuge man die Totalität, die reine Lehre, das Entweder-Oder, und nicht die „Antinomien und deren mühsame Bewältigung“. Und weil man in Deutschland dem „Entweder-Oder“ den Vorrang gebe, würden in Deutschland die sieben Behinderungsarten (Lernschwierigkeiten, geistige Beeinträchtigungen, sozial-emotionale Entwicklungsstörungen, Sprachschwächen, körperliche Erkrankungen und Sinnesbeeinträchtigungen des Hörens und Sehens) keine Behinderungen, sondern „Besonderheiten, Merkmale von Heterogenität“ sein. Winkel vergleicht dies mit den „Unterschieden in den Sprachen, Kulturen, Religionen, Familien und sexuellen Präferenzen“.

Sonderschulen würden in Deutschland mittlerweile diskriminiert werden, wozu auch die Wissenschaft beitrage. Winkel argumentiert mit dem Zitat des in Halle lehrenden Prof. Andreas Hinz, der der traditionellen pädagogischen Fachterminologie rigoros eine „diskriminierende, sexistische und rassistische Sprache“ attestiert. Professor Rainer Winkel: „Solche Totschlag-Argumente ermunterten natürlich viele Eltern, ihre Kinder von den schlimmen Sonderschulen fernzuhalten.“

Politiker: Inklusion bringt enorme Einspareffekte

Winkel befasst sich auch mit der bildungspolitischen Seite der „Inklusion“. Politiker witterten in der Abschaffung von mehr als 2.000 Sonder- und Förderschulen sowie in der Inkludierung aller von Behinderungen betroffenen Schüler und Schülerinnen in die 30.000 Regelschulen enorme Einspareffekte. Die nicht mehr benötigten Sonderschullehrer werden dann als „Autofahrer exzellente Parkplatzsucher“, denn sie sollen in jeweils zwei bis vier Wochenstunden in verschiedenen Schulen die Regelschullehrer beraten, damit sie die behinderten Schüler nachhaltig inkludieren können.

„All included“ bedeutet keine Traumschule

„All included“ trat als Schlagwort seinen Siegeszug im Touristikgewerbe für einen „Traumurlaub“ an, jetzt gilt es als Etikett für die „Traumschule“, sagt Rainer Winkel. „Da die Einheitsschule genauso wenig mehrheitsfähig war wie die Gesamtschule, versucht man es jetzt mit dem Logo „Inklusionsschule“. Rainer Winkel: „Weil aus der einstigen Hilfsschule die Sonderschule wurde und aus dieser eine Förderschule werden sollte, werden jetzt Schilder für Inklusionsschulen angebracht. Eine Gruppe von sonderpädagogischen Wissenschaftlern liefert die neuen Begrifflichkeiten, die Eltern bekommen ihre Wunschbilder ausgehändigt und die Politiker können umschichten.“

Der Autor schließt seinen Aufsatz mit den Worten, mit denen er Erich Fromm zitiert: „Jeder Fanatismus legt den Verdacht nahe, dass er dazu dient, andere, gewöhnlich die entgegengesetzten, Impulse zu verdecken.“ Ob darüber nachzudenken wäre? fragte der Autor.

  •  DORSTEN-transparent schließt sich dieser Frage gerne an und gibt sie an die Leser weiter! Die Artikelreihe zur Inklusion wird fortgesetzt.
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9 Kommentare zu Inklusion IV: Sonderschulen werden mittlerweile diskriminiert und Gegner der Inklusion mit Totschlagargumenten angefeindet

  1. melanie Getto sagt:

    Inklusion ist eine Illusion – Ein offener Brief zum Nachdenken an alle!
    Ich mag das Wort Inklusion nicht mehr hören, weil es missbraucht wird und die wenigsten Menschen wissen, was Inklusion wirklich bedeutet. Ich bin Mutter einer 11-jährigen Tochter, die von Geburt an unter verschiedenen Behinderungen leidet. Meine Tochter wird nicht angenommen wie sie ist, sondern muss sich so verhalten, dass sie einer Norm entspricht, die es der Gesellschaft möglich macht, sie teilhaben zu lassen und nicht auszuschließen.
    Ich bin die Mutter, deren Tochter ab dem neuen Schuljahr 2014 ohne geeigneten Schulplatz dastehen wird.
    So wie weitere 19 behinderte Kinder mit ihren Familien, deren heilpädagogische Waldorfschule am 31. Juli 2014 schließen wird. Wir sind gewiss kein elitärer Verein, sondern wir sind aus einer Not zusammengewachsen. Meine Tochter Mira-Luna und die meisten Kinder unserer Schule sind jetzt schon die ersten Opfer der sogenannten „Inklusion“.
    Wir alle haben unsere „eigene Geschichte“ und leider die Erfahrung gemacht, dass die Inklusion eine Illusion ist. Zumindest heute im Jahr 2014.
    Vielleicht wird sie bei der Beschulung unserer Enkelkinder endlich der Normalfall sein, weil bis dahin die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden konnten und die Inklusion in den Köpfen aller Menschen angekommen ist. Ich schreibe bewusst „vielleicht“, weil mein Glaube daran im Augenblick auf Grund eigener, erlebter Erfahrungen verloren gegangen ist.
    Die Fakten sprechen gegen eine schulische Inklusion.
    Es fehlen Fachkräfte und eine entsprechende Anpassung der Lehrerausbildung und
    Lehrerfortbildung. Die wenigsten Schulen sind zum heutigen Zeitpunkt barrierefrei, so dass die Regelbeschulung eines behinderten Kindes oft schon daran scheitert, selbst wenn der Wille zur Aufnahme in der Regelschule vorhanden ist. Wer bereitet die „normalen Kinder“ der Regelschulen auf die Ankunft der „besonderen Kinder“ vor? – Mobbing und Ausgrenzung sind so vorprogrammiert!

    Nun schließt dieser „besondere Lern-und Lebensraum“ unserer Kinder. Ein Ort, an dem sie mit Hilfe ausgezeichneter Pädagogen endlich Selbstbewusstsein bekommen haben und wirklich für ihr zukünftiges Leben gelernt haben, das sich aufgrund ihrer Einschränkungen schon schwierig genug gestalten wird. Ich bin schwer enttäuscht von dieser jetzigen Regierung, die unsere Kinder zu „Versuchskaninchen der Inklusion“ degradieren und es zulassen, erneut an dem Regelschulsystem zu scheitern mit der Konsequenz, dass sie am Ende wieder exkludiert und einer Förderschule zugewiesen werden. Mit welchen Auswirkungen für ein Kind wie meine Tochter?

    Auch wenn unsere Schule wahrscheinlich nicht mehr zu retten ist, bleibt mir und meiner Tochter dennoch, dass sie dort zwei wundervolle Jahre erlebt hat, die ihr keiner mehr nehmen kann. Unsere Kinder haben dort Anerkennung erfahren und große Sozialkompetenz vermittelt bekommen und außerdem sehr viel gelernt.
    Ich kann den dafür Verantwortlichen nur meinen allergrößten Respekt und meine Dankbarkeit aussprechen. Wir sind froh, dass wir auch diese positiven Erfahrungen machen durften.
    Die Zukunft erscheint leider ungewiss…

    Melanie Getto mit Tochter Mira-Luna

  2. Bärbel sagt:

    Auch meine Tochter lebt mit Atypischem Autismus und musste zwei Jahre lang eine Regelschule besuchen. Während dieser Zeit ging sie buchstäblich durch die Hölle und ich musste sie zwei- bis dreimal wöchentlich aus der Schule abholen. Häufig hörte ich ihre Schreie schon von der Straße aus und konnte sie erst zu Hause wieder beruhigen. Gelernt hat sie während dieser Zeit so gut wie gar nichts, nur das was wir ihr zuhause beibringen konnten. Seit gut einem Jahr besucht sie nun eine Förderschule mit sozial-emotionalem Schwerpunkt und das war das Beste was ihr passieren konnte. Die Sonderpädagogen dort sind unglaublich kompetent und engagiert.. innerhalb weniger Wochen blühte meine Tochter regelrecht auf. Spielt nun sogar nachmittags manchmal mit den Nachbarskindern, die früher nur vor ihr wegliefen. Sie geht wirklich gern zu dieser Schule und liebt ihre Lehrerin sehr. Ich habe sehr sehr große Angst davor, das meine Tochter nun im Zuge dieser Inklusion wieder zurück in diese Regelschule muss. Das wäre eine Katastrophe für das Kind (Gemeinsamen Unterricht hatten sie dort übrigens, allerdings war die Sonderpädagogin nur drei Stunden die Woche da).
    Ich wünsche Ihrem Kind alles Gute liebe Mona und hoffe, daß sie eine geeignete Schule finden mit der das Kind glücklich wird und auch lernen kann/darf.
    Liebe Grüße
    Bärbel

  3. Susanne sagt:

    Hallo!
    Ich bin sehr erschrocken darüber, wie schlecht sie Erzieher und Heilpädagogen als qualifiziertes Betreuungspersonal wahrnehmen. Ich bin selbst Erzieherin an einer Förderschule und betreue Kinder mit den unterschiedlichsten Schwierigkeiten. Auch ich habe ein eigenes körperbehindertes Kind, das jedoch eine Regelschule besucht. Ein Heilpädagoge hat, wenn er diesen Berufsstatus erlangt hat, 6-7 Jahre Ausbildung hinter sich und dürfte sicherlich sehr viel Wissen besitzen, wie man mit „behinderten“ Menschen umgehen soll und wie man sie gezielt fördern kann. Erzieher haben eine 4-5 Jährige Ausbildung absolviert und die meisten davon werden durch verpflichtenden Weiterbildungen und Fortbildungen ebenfalls auf den Stand gebracht, die Kinder mit all ihren Schwächen zu fördern, aber auch zu fordern. Erzieher sind auch keine Kindergärtner. Diesen Beruf gibt es schon lange nicht mehr. Während der Ausbildung und darüber hinaus arbeiten Erzieher mit Kindern im Alter von 4 Monaten bis 18 Jahren, also durchaus auch in der Jugendhilfe. Es tut mir sehr leid zu hören, dass sie anscheinend an schlechte Pädagogen geraten sind. Leider gibt es in allen Berufen immer wieder Menschen, die den Beruf gelernt haben, aber nicht wirklich gut darin sind. Im pädagogischen Bereich betrifft dies allerdings weniger die Erzieher und Heilpädagogen, sondern die Fachhochschulabsolventen und Hochschulabsolventen. Sie können sich viel theoretisches Wissen aneignen, aber lernen nicht die Methodenvielfalt kennen, wie man kindgerecht pädagogisch handelt. Erst nach dem Studium erkennen viele, dass die Arbeit am und mit dem Kind viel schwieriger ist, wie in der Theorie angenommen. Dies erlebe ich leider häufiger bei Lehrern und Sozialarbeitern, hat aber nichts mit der Schulform zu tun.Außerdem darf man nicht unterschätzen, dass die Arbeit mit Kindern sehr viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hat. Der eine Pädagoge kann irre witzig sein und wird von den Kindern sehr gerne als Vertrauensperson wahrgenommen, während der andere Pädagoge eher still ist und weniger aus sich heraus geht. Beide jedoch haben das Wohl des Kindes im Auge und fördern es angemessen auf unterschiedliche Art und Weise. Allen Eltern von „behinderten“ Kindern muss jedoch klar sein, dass auch die beste Pädagogik irgendwo an ihre Grenzen stößt. Nämlich dann, wenn das Kind sehr große geistige oder körperliche Schwierigkeiten hat und keine Eins-zu-Eins-Betreuung gewährleistet ist. Außerdem unterliegt die Gestaltung des Betreuungsangebotes im Nachmittagsbereich dem Schulträger und nicht einem privaten Träger. Die AWo, Caritas, Betreute Grundschulen e.V. etc. sind lediglich Kooperationspartner der Schule, die Schule hat das Hausrecht und steht über dem privaten Träger. Auch wie die Hausaufgabenbetreuung durchgeführt wird, entscheidet immer die Schule und die dortigen Lehrer, nicht aber das Personal des privaten Trägers, sie setzen es lediglich in Zusammenarbeit mit der Schule im Sinne des Schulgesetzes um. Wenn der Klassenlehrer den Kindern also Aufgaben aufgibt, die ihrer Meinung nach Kindergartenniveau haben, so kann die Betreuung der Hausaufgaben lediglich darauf hinweisen, dass dieses und jenes Kind damit unterfordert zu sein scheint. Mehr aber auch nicht. Die Entscheidung liegt ganz allein beim Lehrer. Das Nachmittagsangebot ist in allen Schulen ähnlich gestrickt. Die Kinder können an unterschiedliche AGs teilnehmen. Kreatives, Sport, Tanz, Musik etc.. Ich bin mir nicht sicher, ob sie als Eltern ihren Kindern annähernd so viel anbieten können. Wenn sie so unzufrieden mit all den Dingen sind, dann können sie ja ihr Kind daheim betreuen und fördern. Denn einen Betreuer, der nur für ihr Kind zuständig ist, ist finanziell einfach nicht tragbar für unser Bildungssystem.

  4. Mike 41 sagt:

    Liebe Tanja 22,
    es ist nicht richtig, dass Beamte nicht demonstrieren dürfen. Selbstverständlich dürfen Beamte demonstrieren. Sie dürfen lediglich nicht streiken. Das Demonstrationsrecht ergibt sich dabei aus Artikel 5 und 8 des Grundgesetzes.

  5. Thomas sagt:

    Liebe Tanja,
    herzlichen Dank für deinen engagierte, kompetenten und sachlichen Beitrag, dem ich voll und ganz zustimme, als Grundschullehrer mit behinderter Tochter auf einer „Sonderschule“ für geistige Entwicklung PS: Die Kompetenz vieler Politiker und leider teilweise auch Eltern darf bezweifelt werden, wenn es um das WOHL des KINDES geht. Dazu sind viel Zeit, Liebe und Aufmerksamkeit nötig – das ist nicht mit Worten und tollen Plänen getan. Allein die Diskussion mit Eltern zur Wahl der weiterführenden Schule am Ende der 4. Klasse der (Regel)Grundschule sind erschreckend: Alle wollen doch nur das „Beste für ihr Kind“ – möglichst ohne eigenes Dazutun und ohne wirklich IHR KIND im Blick zu haben oder es gar in die Entscheidung kompetent mit einzubeziehen! Manches lässt sich nicht einfach kaufen oder erzwingen …

  6. Tanja 22 sagt:

    Erstmal tut es mir sehr leid, dass Sie so unzufrieden sind. Jedoch muss ich einiges, was Sie geschrieben haben, berichtigen. 1. Beamte dürfen nicht demonstrieren. Wenn Sie dies tun dürften, dann würden Sie sich sicherlich oft gegen die Missstände wehren, die zurzeit bestehen. Sie als Eltern sollten sich für eine gute Pädagogik für Ihr Kind mit bestmöglicher Beschulung stark machen! Wie soll ein Sonderpädagoge der 2 Stunden in der Woche in eine Regelschule kommt ein Kind gut fördern? DAS GEHT NICHT!
    Außerdem sind Förderschulen in Deutschland wirklich gut qualifiziert! Leider gibt es oft Eltern, die Ihr Kind gerne in einer Regelschule sehen würden, ohne zu verstehen, was für das Kind das BESTE wäre. Viele Kinder leben erst auf, wenn Sie nicht mehr mit 30 anderen Kindern beschult werden, wenn sie so sein dürfen wie sie sind. Anders und liebenswert! Ich selber bin eine Pädagogin mit Herz und kann Eltern nur ermutigen, für die Rechte Ihrer Kinder zu kämpfen. Wenn Inklusion, dann nur unter besten Bedingungen. Diese sind in den nächsten Jahren nicht machbar! Ich sehe täglich die armen Kinder, die in ihrer Schule einfach mit dem System nicht leben können, Eltern die ihre Kinder nicht erziehen und sich wundern, warum die Kinder nicht hören. Diese Kinder leiden massiv, sie sollten sich mal ansehen, wie wichtig ein bisschen heile Welt für diese Kinder ist und nicht 2 Stunden Förderung in der Woche. Ihre Haltung macht mich sprachlos, weil Sie nicht über den Tellerrand blicken! Wenn Ihr Kind an diesem Ort nicht gut gefördert wird, dann wenden Sie sich an eine Authismus-Beratungsstelle und finden Sie dort die bestmögliche Förderung. Aber PAUSCHALISIEREN Sie nicht! Ich wünsche Ihnen und Ihrem Kind eine gute Schulzeit ohne Druck und Kämpfe!

  7. Anton und Antonia sagt:

    Sie haben ja so recht, was das Niveau der Betreuung angeht. Das ist in den so genannten „normalen“ Schulen nicht anders. Unsere Kinder besuchten, der Not gehorchend, die Grundschule mit Übermittag- inkl. Hausaufgabenbetreuung. Träger dieser Einrichtung ist die AWO. Die Erzieherinnen waren nicht einmal in der Lage, den Stoff zu begreifen oder gar zu vermitteln. Ach, es gäbe so vieles, was verzweifeln lässt. Die Stadt Dorsten hat die Einrichtung noch nicht einmal besucht oder geprüft – es läuft ja alles so vorbildlich. Sie sehen, es geht sehr vieles schief in unserer ach so heilen wunderbaren kindgerechten Schulwelt. Wie schlimm ist es dann, wenn das Kind, wie Ihres, ganz dringend auf pädagogische Kenntnisse und liebevolle Zuwendung angewiesen ist. Es ist diese Ohnmacht und Verlogenheit seitens der Träger und der Stadt, die einen so wütend macht. Und dann wird überall lauthals für den Ganztagskindergarten bzw. die Ganztagsschule plädiert. Für wie doof halten uns die Herrschaften eigentlich?

  8. Mona sagt:

    Unsere Tochter leidet an Autismus und besucht seit 3 Jahren eine Sonderschule oder besser gesagt eine Aufbewahrungsanstalt. Wir haben wie viele Eltern noch nie einen Förderplan von der Schule erhalten. Viele Sonderschulen sind inzwischen über die Nacht SELBSTÄNDIG geworden, damit die Schulbehörde keinen Einblick mehr in die pädagogische Arbeit der Sonderschulen haben kann. Die Sonderschulen bewaffnen sich mit zig Rechtsanwälten und kämpfen gegen die Abschaffung der Sonderschulen. So viel zu INKLUSION.
    Wir versuchen seit 2 Jahren unsere Tochter auf eine Regelschule zu beschulen,leider ist es unserer Tochter nicht vergönnt. Die Schulbehörde stellt sich taub. Es wird nach der HINHALTE-METHODE gearbeitet. Die Regelschulen hätten angeblich keine passende Pädagogen.
    Man könnte dieses Problem regeln wenn man die Sonderschulen abschaffen würde, dann wären die Pädagogen gezwungen auf Regelschulen zu arbeiten. ODER?
    Wo sind die tollen Pädagogen ,die für die Rechte der behinderten Menschen kämpfen sollen. Warum demonstrieren sie nicht auf den Straßen in Deutschland.
    Warum?
    Weil 80% der Betreuer auf Sonderschulen Erzieher und freiwillige Helfer sind, die die Kinder betreuen. Behinderte Kinder haben aber einen viel besseren Förderbedarf als Kinder auf Regelschulen.ODER?
    Erzieher(Heilpädagogen)würden auf Regelschulen untergehen, weil sie sehr schlecht qualifiziert sind, und das wissen sie. Deswegen wollen sie die Abschaffung der Sonderschulen nicht. Wir haben es als Eltern sehr oft erleben müssen, dass Heilpädagogen aus Unwissenheit mit unserem Kind unmenschlich umgegangen sind. :(
    WER würde sich gerne von einer Krankenschwester operieren lassen? Behinderte Kinder sind und bleiben leider Deutschlands unerwünschte Kinder. Deutschland hat leider all die Jahre behinderte Kinder auf Sonderschulen abgeschoben und kein Geld in der Bildung behinderter Kinder investiert.
    Viele Kinder haben auf Regelschulen das Recht auf Bildung. Unsere Tochter hat nie von der Schule ein Buch erhalten. In der Sonderschule unserer Tochter wird nur auf Kindergarten-Niveau gearbeitet, weil die meisten Betreuer der Kinder Erzieher (Heilpädagogen)sind.
    In Sonderschulen werden 4 Jahrgänge in einem Klassenraum unterrichtet und der Grad der Behinderung der Kinder ist sehr sehr unterschiedlich. Wir fragen uns manchmal als Eltern ob die Politiker und Pädagogen in Deutschland auch an Autismus leiden? Deutschland hasst anscheinend – wie viele Menschen mit Autismus – Veränderungen und hält immer noch fest an Ihre Rituale von vor 50 Jahren. Bloß keine Veränderung :(
    Diese Haltung in Deutschland macht uns Eltern wütend!

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