Fabio Chigi – Der Nuntius und spätere Papst Alexander VII. befreite in Dorsten einen Offizier vom Bauchweh

Unterzeichnung des "Westfälischen Friedens" in Münster 1648, rechts Fabio Chigi (roter Umhang); zeitgenössisches Gemälde von Gerhard ter Broich; Repro: Bildarchiv preuß. Kulturbesitz

Von Wolf Stegemann

Einer der prominentesten Besucher Dorstens war der päpstliche Nuntius Chigi, der spätere Papst Alexander VII., der als Moderator von 1644 bis 1648 für den Frieden von Münster und Osnabrück tätig war. In Münster wohnte Chigi im Minoritenkloster an der Aa. Er konnte sich an das Leben und das nasskalte Wetter in nördlicheren Breiten nicht gewöhnen, was sich auf sein Nierenleiden verschlimmernd auswirkte. Er nahm an den meisten in Münster geführten Verhandlungen als Vermittler teil. Allerdings war Chigi, der die Beendigung der jahrelangen Gewalt begrüßte, mit dem Ergebnis der Friedenskonferenz höchst unzufrieden und verweigerte dem Friedensvertrag als Einziger die Unterschrift, weil die katholische Seite den Protestanten etliche Zugeständnisse machen musste. Unzufrieden war er vor allem auch deshalb, weil der Papst Einfluss und Macht in Zentraleuropa verlor. Chigis Protest blieb aber ohne Wirkung. Der Nuntius wirkte noch zwei Jahre an den Vorbereitungen für den französisch-spanischen Frieden mit, bevor er 1651 nach Rom zurückkehrte.

Nuntius Fabio Chigi

Nach Münster mit dem Schiff und in der Sänfte

Bevor Fabio Chigi zu den Friedensverhandlungen aufbrach, wohnte er als päpstlicher Nuntius seit 1639 in Köln. Am 14. März 1644 machte er sich auf den Weg nach Münster, reiste mit seinem Gefolge auf einem Schiff stromabwärts über Neuss und Düsseldorf nach Wesel. Chigi führte Tagebuch in lateinischer Sprache. In Wesel hatte die Delegation, wie er schrieb, „schnarchend die Nacht verbracht“. Der Weg führte am folgenden Morgen, den 15. März, nach Dorsten:

„Wir sind in Dorsten. Die Stadt liegt an beiden Ufern der Lippe; Böllerschüsse empfangen uns dort und leuchtende Fackeln! Doch die Festungsgeschütze, die uns donnernd begrüßen, tun meinen Ohren weh, die der Musen Gesänge gewöhnt sind. Auch beim Abschied beweist der Befehlshaber uns diese Ehren, die mir nicht angenehm sind; doch hat nach erquickendem Schlafe neues Leben den Körper erfrischt, und unsere nassen Stiefel und Schuhe hat in der Nacht das Feuer getrocknet. Garstiges Wetter und dann wieder zeitweise strahlende Sonne haben Regen gebracht und wieder getrocknet die Erde …“

Auch auf der Rückreise war Chigi in Dorsten

Nach dem erfolgreichen Friedensschluss kam Nuntius Chigi auf seiner Reise von Münster nach Aachen 1648 erneut durch Dorsten, wo der Wagenzug nachts um drei Uhr ankam. Er schreibt:

„Missmutig öffnet uns das Stadttor ein Offizier lutherischen Glaubens, dennoch als kaiserlicher in kurfürstlich-kölnischen Diensten. Grund für sein Zögern seien die quälenden Schmerzen im Leibe, so erklärte er. War’s boshafter Wille? War’s wirklich Krankheit? Immerhin bittet er mich höflich, die Wachposten nunmehr mir zur Verfügung stellen zu dürfen, nach meinen Befehlen. Doch ich lehne die Ehrung ab, die er höflich mir anträgt, und dann gebe ich ihm ein Heilmittel für seine Krankheit. Tags darauf ist er gesund und geleitet mich bis vor das Stadttor. Wiederum geht’s durch morastiges Hügelland oder durch Wälder, dann durch die Heide, und nun liegt ein Frauenkloster auf dem Weg; aber die Tore bleiben verschlossen, die Nonnen verweigern jegliches Gastrecht, da helfen kein Bitten und keine Bezahlung: An dieses unmenschliche Volk wird der scheußliche Name des Ortes Sterkenroden erinnern in allen Ländern der Erde!“ – Es handelte sich dabei um das 1803 aufgehobene Zisterzienserinnenkloster, das 1254 von Kirchhellen nach Sterkrade verlegt wurde.

Chigi wurde 1655 zum Papst gewählt

Nach dem Tod von Papst Innozenz X. wurde Chigi 1655 zum Papst gewählt und nannte sich Alexander VII. Er entstammte einer alten Bankiers- und Adelsfamilie aus Siena, studierte Philosophie, Theologie und Rechtswissenschaft in Siena und trat 1626 in die Dienste der päpstlichen Kurie. Papst Urban VIII. ernannte ihn 1629 zum Vizelegaten von Ferrara und 1635 zum Bischof von Nardo. Ab 1635 war er auch Inquisitor auf Malta. Er war ein Liebhaber der lateinischen Dichtkunst und hat seine Werke unter dem Decknamen „Philomathi Musea juvenilis“ 1645 in Köln, 1654 in Antwerpen, 1660 in Amsterdam und 1665 in Paris veröffentlicht, darunter seine Reise von Köln über Dorsten nach Münster.

Auf katholische Vorteile stets bedacht

Doch so friedfertig, wie er sich selbst darstellte und er in der Literatur dargestellt wird, war Chigi nicht. Seine Aufgabe als Moderator in Münster war durch die Instruktionen des Papstes eingeschränkt. Nach Abschluss des Friedensvertrages legte er namens des Papstes Verwahrung gegen Bestimmungen ein, die den bisherigen Rechten der katholischen Kirche zuwiderliefen (Säkularisierung von zwei Erzstiften und sechs Fürstentümern). Ebenso protestierte Chigi gegen den Friedensschluss zwischen Spanien und den Niederlanden, weil katholische Landesteile in Nordbrabant und Limburg an die Generalstaaten abgegeben wurden. Aus diplomatischen Rücksichten hielt die Kurie diesen Protest jedoch bis ins 20. Jahrhundert geheim.

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Quellen/Literatur: Stadtmuseum Münster (Hg) „Münster und Westfalen zur Zeit des Westfälischen Friedens – geschildert durch den päpstlichen Gesandten Fabio Chigi“, Münster 1997. – Friedemann Bedürftig „Taschenlexikon Dreißigjähriger Krieg“, München 1999.
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