Die als titelsüchtig bekannten Österreicher werden uns beneiden: Lambert Lütkenhorst wird der neu geschaffene Ehrentitel „Altbürgermeister“ verliehen. Ist er das nicht schon?

Eine augenzwinkernde Randbemerkung von Wolf Stegemann

Als hätte Goethe gewusst, der vor 222 Jahren am Dorstener Marktplatz saß und auf seine Kutsche wartete, was in der nächsten Woche im Rat der Stadt beschlossen werden soll. Denn er schrieb:

„Waget laut und klar zu nennen
Sein Bemühen, seine Tugend;
Denn ein herzlich Anerkennen
Ist des Alters zweite Jugend!“

Gemünzt war der Spruch Goethes 1828 auf seinen Freund Zelter zu dessen 70. Geburtstag und vorausschauend nicht auf Dorstens Ex-Bürgermeister Lambert Lütkenhorst (66), dem in der nächsten Woche eine Altersehrung widerfährt. Er bekommt amtlich und in Lob verpackt und vermutlich eingerahmt, dass er jetzt ein Alt-Bürgermeister ist. Richtiger Bürgermeister war er von 1999 bis 2014.

Alt-Bürgermeister ist er sowieso – auch ohne Urkunde. Denn so wurden seine Vorgänger stets in den Zeitungen genannt, in amtlichen Schreiben und manchmal sogar in der Anrede oder bei offiziellen Begrüßungen. Jetzt will der neue Bürgermeister Tobias Stockhoff seinen Amtsvorgänger und Parteifreund Lambert Lütkenhorst amtlich zum alten Bürgermeister stempeln und ihm diese Ehrung überreichen. Die Voraussetzungen dazu wurden unlängst mit einer eigens für Lütkenhorst verabschiedeten Satzung geschaffen, in der steht, wie die Stadt Bürger ehrt, die sich um Dorsten verdient machten. Diese vorgesehenen Bürgerehrungen wurden um den Ehrentitel „Altbürgermeister“ bereichert.

Alt-Bürgermeister oder Altbürgermeister?

Nicht jeder wird einen Sinn darin erkennen. Vielleicht den, dem Ex- und Alt-Bürgermeister nun offiziell und symbolisch eine Urkunde an die Wand zu nageln. Bislang gibt es neben Lambert Lütkenhorst noch einen zweiten Alt-Bürgermeister, nämlich Friedhelm Fragemann, der nur wenige Monate lang Bürgermeister war. Wie unterscheidet man nun die beiden? Der eine hat eine Urkunde, der andere keine, obwohl er doch auch ein Alt-Bürgermeister ist. Da man Unterscheidungen in der Zeitung nicht immer ausformulieren kann, könnte man dies durch die Schreibweise einer Zusammen- bzw. Getrenntschreibung erkenntlich machen: Altbürgermeister der mit Urkunde Geehrte und Alt-Bürgermeister der ohne Urkunde und daher nicht Geehrte. Bei allen anderen Alt-Bürgermeistern, die bereits verstorben sind, müsste man dann natürlich auch die Schreibweise berücksichtigen. Bislang geht die Schreibweise ziemlich durcheinander, wenn von den verstorbenen Alt-Bürgermeistern wie Hans Lampen, Heinz Ritter und Dr. Karl-Christian Zahn die Rede ist. In der beschlossenen Dorstener Satzung zur Schaffung des Ehrentitels Altbürgermeister steht:

„Mit dieser Ehrenbezeichnung können meist Personen ausgezeichnet werden, die eine außergewöhnlich lange Zeit das Amt des Bürgermeisters innehatten oder sich in ihrem Amt in besonderer Weise um die Stadt bzw. Gemeinde verdient gemacht haben.“

Besondere Weise? Diese müsste eigentlich erläutert sein! Stattdessen steht in der Verwaltungsvorlage für den 11. Februar lediglich:

„Herr Lütkenhorst war fast 15 Jahre hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Dorsten. Mit der Anerkennung soll seine Arbeit zum Wohle der Stadt gewürdigt werden.“

 Allerdings ist die Ehrung auch mit repräsentativen Aufgaben für den Geehrten verbunden, was zukünftigen Alt-Bürgermeistern zupass kommen könnte, die sich von Amt und Würden nicht wirklich trennen möchten oder können, doch müssen. So steht in der Vorlage für den Rat:

„Herr Lütkenhorst hat angeboten, künftig weiterhin für repräsentative Anlässe innerhalb und außerhalb der Stadt sowie im Bereich der Städtepartnerschaften als städtischer Vertreter auf ehrenamtlicher Ebene zur Verfügung zu stehen. Mit der Vergabe des Ehrentitels erhält Herr Lütkenhorst eine entsprechende Funktion. Die Wahrnehmung entsprechender Aufgaben soll hierbei im Einzelfall in Abstimmung mit Rat bzw. Verwaltung erfolgen.“

Das ist ein sehr löbliches Anerbieten des Ex-Bürgermeisters. Aber muss dies unbedingt mit einer Ehrung vorab verbunden sein?

Und wie sieht es woanders aus?

Wie bereits erwähnt, gibt es die Bezeichnung oder Anrede „Altbürgermeister“ schon immer. Die Gemeinde Nussdorf am Inn listet offiziell seit 1887 zehn „Altbürgermeister“ auf, die Stadt Rheinböllen in der Zeit von 1851 bis 2014 sogar 21. Allerdings ist in den letzten zwei Jahren ein Ehrungsboom entstanden, dem Altenteil durch eine Urkunde höhere Weihen zu verleihen. Diese inflationär wirkende Ehrenbezeichnung haben im bundesrepublikanischen Durchschnitt Altbürgermeister erhalten, die meist 20 Jahre und länger ehrenamtlich Bürgermeister waren und nicht hauptamtlich. Die meisten Ehrungen als Alt-Bürgermeister fanden bislang in Bayern statt. Der kühlere Norden zieht allerdings nach. Christian Steensen war 19 Jahre lang Gemeindebürgermeister in Stedesand/Nordfriesland, in Ammerndorf/Nordbayern war einer 24 Jahre lang im Dienst, auch der Bürgermeister von Seeon-Seebruck ebenso lange. In Salgen bei Mindelheim war einer 40 Jahre lang Gemeindebürgermeister, jetzt hat er eine Ehrenurkunde für den Titel Altbürgermeister bekommen. Der jüngste Altbürgermeister dürfte mit einem Alter von 27 Jahren in Bodenmais/Bayerischer Wald leben. Dort war er schon mit 23 Jahren Bürgermeister, bis 2011 sogar Landrat von Regen und 2012 wurde er mit der „Altbürgermeister“-Ehrenurkunde gefeiert. Berlins kürzlich zurückgetretener Regierender Bürgermeister Wowereit wird auch ohne Urkunde quer durch die Presse Altbürgermeister genannt, ebenso die drei Hamburger Altbürgermeister Henning Voscherau, Ortwin Runde und Ole von Beust, die zusammen 22 Jahre lang Bürgermeister waren. In der kleinen Gemeinde Ortzberg bei Darmstadt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen einen „Altbürgermeister“, weil er der kleinen Gemeinde auf irgendeine Art Schulden in Höhe einer „sechsstelligen Zahl“ hinterlassen haben soll.

Ohne Zweifel wird nächste Woche Lambert Lütkenhorst mit mindestens der notwendigen Zweidrittelmehrheit als Altbürgermeister geehrt. Das könnte die meisten Dorstener genauso interessieren, wie der legendäre Sack Reis, der in China umfällt. Dabei dürften auch die Sachverhalte keine Rolle spielen, die an Lambert Lütkenhorsts wohlfeiler Dienstausübung Kerben schlugen, wie der Umgang mit der Verschuldung, die rechtwidrigen Abschiebungen von Ausländern, eine mitunter laxe Handhabung von Aktenbearbeitung sowie eine bemerkenswerte Verflachung der städtischen Kultur, wofür er die Verantwortung hatte und hat. Der Antrag, über den die Stadträte in der nächsten Woche entscheiden, beginnt mit dem Satz: „In Anerkennung seiner um die Stadt Dorsten erworbenen Verdienste…“ Ach ja, Verdienste! Das hat sicherlich etymologisch auch was mit Verdienst zu tun. Lambert Lütkenhorsts Job als Bürgermeister war eine Erwerbstätigkeit mit der vertraglichen Verpflichtung, diese zum Wohle der Stadt einzusetzen. Dafür wurde er bezahlt und wird, weil er das getan hat, jetzt mit einem Titel ausgestattet. Österreich ist doch so fern und ach so nah!

 

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2 Kommentare zu Die als titelsüchtig bekannten Österreicher werden uns beneiden: Lambert Lütkenhorst wird der neu geschaffene Ehrentitel „Altbürgermeister“ verliehen. Ist er das nicht schon?

  1. Credo sagt:

    Sollte es sich hier nicht um eine Ente handeln, dann bliebe nur noch eins:
    sich fremdschämen.

  2. Tegtmeier sagt:

    Na endlich! Nach dem großen Zapfenstreich im Juni 2014, wird unserem ehemaligen Stadtoberhaupt also endlich der Titel „Altbürgermeister“ offiziell und ehrenvoll verliehen! Welch herausragende Leistungen würden dies auch nicht rechtfertigen? Hat sich Herr Lütkenhorst doch mehr noch als alle seine Vorgänger um unsere Stadt „in besonderer Weise verdient gemacht“.
    Wenn ich diese Phrase lese, komme ich nicht drum herum, die ganze Sache als vorzeitigen Aprilscherz aufzufassen. Über welch ironische Ader unser Stadtrat doch verfügt! Sicher hat Herr Lütkenhorst aber schon lange darauf gewartet!
    Aber im Ernst: Ein ehemaliges Stadtoberhaupt mit Ehren zu überhäufen, die sonst nur ranghohen Politikern zuteilwerden, ist doch ein wenig unverhältnismäßig. Mir stellt sich darüber hinaus die Frage, was Herr Lütkenhorst denn so besonders gemacht hat, was nicht auch seine Vorgänger schon gemacht haben? 15 Jahre auf dem Bürgermeiserstuhl sind das ausschlaggebende Argument? War ja nicht sein Verdienst, sondern das der Wähler. Wenn dies das auschlaggebende Argument ist, dann ist dies doch wohl eher ein fadenscheiniges. Was ist denn dann mit Leuten die über 40 Jahre in einem Betrieb oder einer anderen Einrichtung treu ihre Arbeit verrichtet haben? Aber so, wie wir Herrn Lütkenhorst kennen, wird er diese Ehre nicht ablehnen. Es ist ja auch eine besondere Form der Selbstvergewisserung und eine Chance für ihn, wieder jeden Tag dreimal in der Zeitung zu stehen! Sozusagen ein Repräsentant auf Abruf, wenn der derzeitige Amtsinhaber mit wichtigeren Dingen beschäftigt ist.
    Schade, andere genießen den Ruhestand im Kreise ihrer Lieben und gehen ihrem Hobby nach, wohingegen Lütkenhorst nicht vom Amt loslassen kann. Ich warte schon jetzt auf die Nachricht „Unsere Exzellenz, der ehrwürdige Altbürgermeister Lütkenhorst präsentiert Neubürgern Stadt und Geschichte“. – Dann kann er ja direkt alle Orte ansteuern, die während seiner Amtszeit der Misswirtschaft zum Opfer gefallen sind.

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