Das Mercaden in den ersten Tagen nach der Eröffnung – Die Momentaufnahme eines Spaziergängers, der versucht, hinter die Kulissen zu schauen – im wörtlichen wie übertragenen Sinn

Das Mercaden am Lippetor wenige Tage nach der Eröffnung; Foto: Wolf Stegemann

Von Wolf Stegemann

Mit einem Gefühl, gemischt aus Neugierde, Anspannung, vielleicht auch mit der Erregung, etwas Neues und Wichtiges zu sehen, betritt unser Spaziergänger wenige Tage nach der Eröffnung das Mercaden am Lippetor. Von all den Gefühlen ist die Neugierde am größten, was aus dem jahrelang mit Auseinandersetzungen, Lobeshymnen der Medien und Kritiken der Bürger bedachten Projekt geworden ist. Schließlich ist ein 60-Millionen-Euro-Unternehmen in Dorsten kein kleines Projekt. Als der Spaziergänger an der Fußgängerampel steht, um den Westwall zu überqueren, hat er die Situation im vergangenen Oktober vor seinem Auge, als er fast am selben Ort stand: Ein Gebäude-Monster, eingerüstet und eingegittert, im Haus und außen herum noch Bau- und Erdarbeiten, dazu Kolonnen von Handwerkern und dazwischen wichtig aussehende Männer mit irgendwelchen wichtigen Bauplänen. Eine 60-Millionen-Euro Großbaustelle eben. Damals sagten die Verkehrsplaner, dass es bei dem zu erwartenden hohen Besucherandrang aus den Städten der Umgebung zu Verkehrsstaus über die Kanalbrücke und am Westwall kommen werde. Und jetzt? Nichts ist davon zu bemerken. Der erwartete Besucherstrom aus den Nachbarstädten, ja selbst aus Dorsten, bleibt vorerst aus. Normaler Autoverkehr. Man könnte sogar bei Rot über die Straße gehen. Die Ampel schaltet auf Grün.

Außengestaltung zum Kanal hin noch eine Erdbauwüste

Die Rolltreppe nach oben, direkt hinter den gläsernen Eingangstüren, hält der Spaziergänger nicht für gelungen. Sie verstellt den Blick auf den Eingangsbereich. Also geht er daran vorbei und das Einkaufszentrum öffnet sich hell und mit einem Blick durch die gegenüber liegende Verglasung auf den Bereich Maria Lindenhof. Schön gemacht! Aber dann wird klar, dass dieser offene Blick ins Grüne und auf den Kanal wieder eingeschränkt wird. Handwerker sind dabei, dort, hinter dem aufgebauten Obst- und Säfteladen eine Bierkneipe einzurichten. Handwerker bohren, schleifen und machen Lärm. Und der Saftladen hat eine Saftpresse, die an Lautstärke nicht zu überhören ist. Er blickt durch die Glaswand Richtung Maria Lindenhof, sieht den Kanal und dazwischen Lehmboden und eine Erdbauwüste, aus der nicht recht zu erkennen ist, was daraus werden soll. Keine Spur von einladender Ufer-Promenade zur  Eröffnung. Die Hochstaden-Brücke ist immer noch geschlossen. Der Zugang zum Mercaden über Treppe und Aufzug auch noch nicht frei gegeben.

Nicht belegte Flächen in beiden Stockwerken sind zugeklebt

Wieder dem Inneren des Hauses zugewandt, fallen ihm die großen Schilder ins Auge, mit denen die Geschäfte ihre Nachlässe anpreisen. Bis zu 40 Prozent Eröffnungsrabatt in einem Schuhgeschäft. Er lässt den Besucher die Beeinträchtigungen durch die allgegenwärtigen Bauarbeiten vergessen. Nun hat der Spaziergänger die lange Mall im Erdgeschoss vor sich, die vom Eingangsbereich abzweigt. Links und rechts die Geschäfte, in der Mitte Fast Food-Anbieter. Das gibt es Pizza und Burger, Kaffee, Eis und Kuchen in allen Variationen. Nichts Besonderes. Wenn nur der Lärm nicht wäre.

Handwerker kolonnenweise noch im Einsatz

„Oh, „Entschuldigung!“ hört  der Spaziergänger jemand von der Seite sagen, nachdem ihn dieser Jemand leicht angerempelt hat. Es war ein Handwerker im Blaumann mit einer dicken Kabelrolle über der Schulter und zwei Werkzeugkoffer in den Händen. Er gehört zu einer der vielen Handwerkerkolonnen, die durchs Haus ziehen, und ihre Baustellen suchen. Der Spaziergänger sieht, wie er in einer tapezierten Wand verschwindet, gleich auf der rechten Seite zwischen zwei Geschäften. Er hinterher. Im Halbdunkel des großen Raumes sieht er eine chaotisch anmutende Baustelle, ein Durcheinander von Kabeln, Steinen, Brettern, Metallgestellen und dergleichen  und hört Bohrgeräusche und Stimmen.
Die Front der Shops der Mall ist unterbrochen von blau beklebten Wänden. Dahinter verbergen sich Leerstände. Einmal  aufmerksam geworden, sieht der Spaziergänger im Erdgeschoss und im ersten Stock mehrere solcher blau oder braun tapezierten Wände, manche viele Meter lang. Stand nicht vor Tagen in der Zeitung, der Center Manager hätte gesagt, alles sei vermietet? Im WDR-Fernsehen hörte man das zwar anders. 85 Prozent sollen vermietet sein. Den Blick für nicht besetzte und kaschierte Freiflächen geschärft, den offiziellen Marcaden-Prospekt in Händen haltend, kann unser Spaziergänger auch nicht an die 85 Prozent glauben. Denn im Obergeschoss sind große Flächen noch im Bau.

1500 Quadratmeter unbelegte Verkaufsfläche hinter Wand verschwunden

Als unser Spaziergänger mit der Rolltreppe am Eingang nach oben fährt, sucht er vergeblich die riesige Fläche, die im Erdgeschoss darunter von mehreren Geschäften belegt ist. Im Obergeschoss ist sie so abgetrennt, dass der Besucher den Leerstand auf Anhieb nicht bemerkt. Vor der Trennwand zeigen ein Handy-Hüllenladen und ein Schlüsseldienst auf schmaler Fläche ihre Produkte. Nur Platzhalter für die Eröffnungstage? Hinter der Trennwand befindet sich ein etwa 1.500 Quadratmeter großer Raum. Durch ein kleines Türchen hineingesehen: Leere, Handwerker sind hier aber nicht zu sehen. Licht kommt schwach von draußen herein, denn die Glasscheiben zu Kanalbrücke hin sind abgedunkelt, zum Westwall/Ecke Willi Brandt-Ring durch die überdimensionalen Eröffnungstafeln abgedeckt. Der Betreiber wird sich ohne Zweifel bemühen, dafür Mieter zu finden. Ein Textil- und ein Schuhgeschäft sind im Gespräch. Was das Schuhgeschäft angeht, ist die Marke bereits in der Innenstadt vertreten. Und wie gesagt, ein weiteres Schuhgeschäft befindet sich bereits im Mercaden.

Zwölf Gastro-Betriebe: Fastfood, Schnell-Pizzeria, Bürger, Café und Kuchen

Auch im Obergeschoss wird die Mall von einem asiatischen und einen türkischen Schnellrestaurant beherrscht, daneben auf der Fläche in der Mitte ein Eiscafé. Insgesamt sind der Gastronomie in den beiden Geschossen zwölf Gastro-Betriebe zugeordnet: Fastfood, Bäckerei mit Ausschank, Schnell-Pizzeria, Burger-Anbieter, Döner-Laden, Eiscafé, Pom & Curry u. a.
Wenige Kunden sind in den Verkaufsläden zu sehen. Die Verkäuferinnen stehen gelangweilt in ihren Geschäften. Mehr Betrieb ist weiter hinten, wo Kaufland erst 14 Tage später eröffnete. Jener wichtigste Mieter des Komplexes, der – und die Drogerie Müller im Erdgeschoss – die Kunden in das Mercaden locken soll. Ob sie nach dem Kauf von Lebensmitteln dann auch gleich zum Friseur gehen, wozu sich gleich zwei Salons anbieten, oder ihre Fingernägel maniküren lassen, auch hier haben sie die Auswahl, sei dahingestellt. Und da, wo unten die Drogeriekette Müller mit Preisnachlässen einlädt und oben, wo sich Kaufland auf 3.500 Quadratmetern inzwischen eingerichtet hat, sind auch Rolltreppen, die hinauf- und – ist man oben – wieder hinunterführen. Anders als bei der Eingangstreppe, die nur hinaufführt. Rolltreppen sind nicht für Kinderwagen da. Halbhohe Pfähle lassen das nicht zu. Die Pfähle waren noch am Eröffnungstag falsch gesetzt. Eine Frau, die mit dem Kinderwagen die Rolltreppe unbehindert betrat, konnte sie am anderen Ende wegen des Pfahls nicht verlassen. „Da wurde doch einfach nur geschlampt“, sagt eine Verkäuferin, die das von ihrem Geschäft aus angesehen hatte.

Frau suchte vergebens den Wickelraum

Dass es irgendwo hakt, diesen Eindruck hat auch eine junge Frau, ebenfalls mit Kind im Kinderwagen, die im Toilettenbereich im zweiten Stock fragt, wo denn der unten angekündigte Wickelraum sei. „Nicht fertig!“ lautet die kurze Antwort der Toilettenfrau. Auch hier im zweiten Obergeschoss nur Halbfertiges, dafür viele Handwerker, die von hier aus wohl ins Haus ausschwärmen. Sie benutzen die Treppen, wie unser Spaziergänger beobachtet, denn dass die Aufzüge auch fahren, ist nicht immer sicher. Er sieht, dass alle Aufzüge bis auf einen nicht fahren. Auf die Frage, warum, kam die Antwort: Alle Bedienungsschalter seien plötzlich aus der Halterung herausgefallen.

Viel Lärm um … die Vollendung 

Wieder dieser unmögliche Baulärm. Unser Spaziergänger erkundigt sich, woher der denn kommt. Einmal aus dem noch geschlossenen Bereich, in dem inzwischen Kaufland eröffnete, und zum andern überall her, wo noch Rollläden an den Shops angebracht werden müssen. Die kleineren Geschäfte – das sind wohl die meisten – können noch nicht abgeschlossen werden. Sie sind nach Geschäftsschluss frei zugänglich. Nachts  passen Security-Leute auf, dass sich niemand in den unverschlossenen Läden ohne Verkäufer bedient. Der Lärm lässt darauf schließen, dass auch diese Shops ohne Türen bald ihre Rollläden zum Verschließen bekommen.

Geschäftsinhaber bemängeln die zu frühe Eröffnung

Fragt der Spaziergänger Geschäftsinhaber, wie denn die Eröffnungstage waren, bekommt er von Einigen Achselzucken als Antwort. Von den kleinen Geschäften waren die Inhaber eher mürrisch. Einer schimpfte, dass alles nicht fertig sei, dass viel zu früh eröffnet wurde. Ein anderer wartet seit zehn Tagen auf den Hauselektriker, damit er seine Elektrogeräte, die er für den Verkauf braucht, anschließen kann. Ein Dritter sagt Ähnliches und ein Vierter fragte seinen Nachbarn, ob sich abends bei ihm auch keine Kunden mehr sehen ließen.
Der Spaziergänger setzt sich auf eine Bank, wieder mit Blick auf den Bereich Maria Lindenhof, diesmal aber vom ersten Obergeschoss aus. Wahl- und lieblos stehen irgendwelche Kinderspielgeräte herum, die wackeln, ruckeln oder sich im Kreis drehen. Und Kinder für 1 Euro zum Lachen bringen. Anderntags waren Geräte mit dem Schild „Defekt“ versehen.

Ein notwendiger Ort – wie es das alte Lippetor-Center auch gewesen ist

Dann macht er sich Gedanken und versucht, sich einen Reim darauf zu  machen, warum der Betreiber des Einkaufszentrums ohne den Hauptmieter und mit so vielen leeren, halbfertigen und offensichtlich unvermieteten Flächen eröffnet hat, ohne Außengestaltung, mit Baulärm und Handwerkerkolonnen im Haus. Warum? Vielleicht war er vertraglich dazu verpflichtet? Vielleicht machten ihm der Investor oder auch die bereits vertraglich gebundenen Mieter Probleme? Wie auch immer. Der Grund musste wichtig gewesen sein, um ein 60-Millionen-Euro-Projekt in einem halbfertigen Zustand festlich und mit lokaler Prominenz zu eröffnen. Für Dorsten ist das Projekt Mercaden trotz aller kritischen Einwände ein guter Ort zum Einkaufen, für Geselligkeit und Kommunikation bei einer Tasse Kaffee oder zwei. Daher ist das Mercaden auch ein notwendiger Ort, ein Schritt nach vorne. Das war das Lippetor-Einkaufszentrum in den 1980er-Jahren ja auch. Ach ja – die beiden Parkebenen im Untergeschoss sind vorbildlich, sogar Spitze.

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2 Kommentare zu Das Mercaden in den ersten Tagen nach der Eröffnung – Die Momentaufnahme eines Spaziergängers, der versucht, hinter die Kulissen zu schauen – im wörtlichen wie übertragenen Sinn

  1. Thomas D. sagt:

    Allen Unkenrufen zum Trotz gefällt es mir da sehr gut, auch als Ergänzung zur Innenstadt, auch wenn ich mir für die Seite zum Kanal etwas anderes gewünscht hätte, ich war jetzt mehrmals da und es war eigentlich jedes Mal gut besucht

  2. K.Sch sagt:

    Sehr zutreffende Beschreibung eines Zustandes, den ich ebenso bei meinem ersten Besuch der Mercaden empfunden habe.
    Ich frage mich die ganze Zeit, was das mit Ergänzung zur Innenstadt zu tun hat. Die meisten Geschäfte haben wir doch dort schon angesiedelt. Friseure und Bäckereien (vor Allem Imping!) haben wir doch mehr als genug. Und wenn jetzt noch Händler ihre Geschäfte aus der Fussgängerzone in die Mercaden verlagern, passiert genau das, wovor viele gewarnt haben. Die Mercaden produzieren Leerstände in der Innenstadt.
    Warum gibt es denn keinen wirklich ergänzenden Handel in diesem Center? Warum kein Fischgeschäft (Kaufland hat auch keine Frischfoschtheke!). Warum kein Feinkostgeschäft, keinen Bioladen, kein Sportartikelgeschäft, keine Baby/Kinderbekleidung. Alls das hätte den Mercaden gut zu Gesicht gestanden. Aber die lange Zeit der Bauphase wurde nicht genutzt, sonst hätten wir auch nicht die Leerstände zu verzeichnen. Stattdessen wurde eine Eröffnung übers Knie gebrochen, die Seinesgleichen im Negativen Sinne sucht.

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